Alte Führer durch das Erzgebirge.

Von Emil Müller.

Es ist erfreulich, beobachten zu können, daß die Schönheiten unseres Erzgebirges in immer weiteren Kreisen gerechte Würdigung und liebreiche Beurteilung finden und des Aufsuchens und Anschauens und Genießens mehr und mehr wert erachtet werden. Wie ein finsterer, böser Nebel hat auf unserem Erzgebirge Jahrhunderte lang das Vorurteil, als sei das Gebirge eine rauhe Wildnis, eine grauenvolle Wüstenei, gelegen. Freilich sind auch ehedem andere Gebirge, wohl Gebirge überhaupt, von „Vergnügungsreisenden” gemieden worden. Bis der Zeitgeschmack, der vor einem Jahrhundert noch nur Anmut und Zierlichkeit, die sanfte und weiche, ja die geputzte und gestutzte Form auch in der Landschaft als „schön” gelten ließ, sich wandelte und nun Bewunderung lehrte gerade für die ursprüngliche, die jungfräuliche Natur, die Natur in machtvoller Großartigkeit und Wildheit, haben auch selbst die Alpen z. B. sich gefallen lassen müssen, daß ihre Herrlichkeiten mit Gleichmut übergangen, wohl gar geschmäht worden sind. Als unverständliches Unterfangen und Wahnwitz wäre vor Zeiten angesehen worden: die steilen Bergriesen zu erklimmen, um dem Herzen und Gemüt damit ein köstlich Labsal zu geben, um es an einen Born zu führen, der ihm der Erquickung beste beut. Und selbst dem besuchtesten aller deutschen Mittelgebirge, der sächsischen Schweiz, war nicht von jeher die zärtliche Bevorzugung beschieden, die es jetzt genießt; denn aus der Schilderung seiner Reise, die der bekannte K. A. Engelhardt 1792 dahin unternahm, erkennen wir, „daß der Sinn für die Schönheiten der Felsenwildnis bei E. noch nicht in dem Maße wie heute entwickelt ist, daß er vielmehr, dem Geschmacke der damaligen Zeit entsprechend, an den sanften, durch die Kultur beeinflußten Reizen der Elbgelände von Pillnitz und Meißen augenscheinlich mehr Gefallen findet.” Doch auch dann noch, als die Wunder der Alpen und der sächsischen Schweiz | und anderer Gebirge entdeckt waren und gepriesen wurden, zog der Strom der Touristen vorüber an dem Erzgebirge. Es ist dies daraus zu erklären, daß neben der Rauheit und Wildheit der Bodenform ( — „schroffe, kahle Felswände, öde Hochflächen, umhergerollte, ja getürmte Steinblöcke, unheimlich düstere Schluchten, morastige Thäler” — ) ganz besonders auch die klimatische Rauheit von den mit den verschiedensten Erzeugnissen herumziehenden Händlern und von den fahrenden Spielleuten betont worden ist. War es diesen dem Erzgebirge besonders eigentümlicher Hausierern doch von geschäftlichem Nutzen, wenn sie als Bewohner eines kläglichen und armseligen Berglandes Mitleid erregen und sich verzeihlicherweise eines gewissen Märtyrerheldentums rühmen konnten. So ist es also gekommen, daß man unserer verlästerten prächtigen Höhen nur mit Frösteln und gelindem Schauer gedacht und zu einer etwa nötigen Reise dahin unter wahrem „Grauen” sich gerüstet haben mag. Das Grauen davor, in unserem Gebirge sein oder gar bleiben zu müssen, besteht noch vor einigen Dezennien, wie uns das z. B. die Entstehungsgeschichte der Lehrerbildungsanstalt zu Annaberg (gegründet 1842) kund thut. Im Obererzgebirge fehlte es im Anfange des Jahrhunderts an Lehrkräften, und Mag. Schumann, Superintendent in Annaberg wendet sich in einem Gesuche (vom 15. Oktober 1835) um Errichtung eines Seminars zu Annaberg an die zuständige Behörde. Darin sagt er: „… es ist nun ja nicht möglich, die Männer alle, die wir brauchen, aus dem Niederlande zu beziehen, es erscheint dies auch nicht ratsam. Mehrere derselben verstarben infolge des anderen Klimas und der veränderten Lebensweise, viele gewöhnten sich zum mindesten schwer an einen Landstrich, vor dem sie seit ihrer Jugend mit Grauen erfüllt waren …”. Diesen Grund anzuführen, fand niemand für sonderbar, vielmehr für recht wertvoll, wie denn bei den Verhandlungen im Landtage, als diese Angelegenheit zur Sprache kam, jene Beobachtungen vielfach ernstlich bestätigt worden und bei dem schließlichen Zustandekommen des Planes gewiß von Einfluß gewesen sind. So spricht am 13. April 1840 Abgeordneter Wieland: „… es will den jungen Leuten aus den niederen Landesteilen aber durchaus nicht gefallen; sie können sich nicht einrichten und sehnen sich in ihr Niederland zurück; für unser rauhes Gebirge sind diejenigen am brauchbarsten, die da geboren und erzogen sind”. Am 8. Mai 1843 sagt Kultusminister von Wietersheim: „… man hat die Erfahrung gemacht, daß die Schullehrer aus anderen Landesteilen Bedenken tragen, selbst höher dotierte Stellen im oberen Gebirge anzunehmen …”. Am 13. Juli 1843 hören wir in der 1. Kammer Crusius über diese Angelegenheit referieren und ihn in ähnlicher Weise sich aussprechen. Und endlich sagen im Jahre 1845 die begleitenden Ausführungen des Ministeriums (zu dem Postulat: 3500 Thaler für ein zu errichtendes größeres Seminar zu A.): „… man kann sogar hinzusetzen, daß in einzelnen Fällen selbst der frühe Tod von Schullehrern im kräftigsten Alter als Folge des rauhen Klimas und des gebirgischen Terrains zu betrachten gewesen ist …”.

Gottlob nun! es ist anders worden. Tausende freuen sich jetzt alljährlich, wenn sie in den weiten, weiten prächtigen Waldungen unseres Gebirges wieder einmal streifen können und ansteigen die Höhen, um Ausblick zu halten auf ein von Gott nicht gezeichnetes, nein ausgezeichnetes Bergland.

Freilich haben viele Männer ihre Stimme erst erheben müssen, das Erzgebirge in seiner wahren, unentstellten Gestalt zu kennzeichnen, ehe jenes festgewurzelte Vorurteil geworfen wurde. Alle diese Bestrebungen auf dieses Ziel zu verdienen darum unsere ganze dankbare Achtung. Wir wissen, welchen Wert wir den Werken vor allem unseres trefflichen M. Chr. Lehmann, ferner des Petrus Albinus, des M. G. F. Oesfeld, des D. J. Merkel, des Pastors C. W. Hering u.a. beizumessen haben, wollen hier jedoch einmal hinweisen auf jene älteren Schriften, die als eigentliche Pfadzeiger und Führer gelten wollen oder können und mehr oder weniger die ausgesprochene Tendenz haben, die falschen Vorstellungen über unser Erzgebirge zu widerlegen und dem Aufsuchen desselben, ja dem längeren Verweilen in ihm das Wort zu reden.

Nur zum Teil gilt dies zunächst von dem zu Anfang unseres Jahrhunderts (1805) in der Schäferschen Buchhandlung zu Leipzig erschienenen Büchlein, in dem ein Leipziger, Karl Ruhheim, seine Reise durch das Erzgebirge schildert, eine Reise, wie sie in dieser zeitlichen Ausdehnung, schon infolge der anderen Verkehrsmöglichkeiten, kaum mehr zu verzeichnen sein wird; denn den ersten Brief schreibt er den 6. Mai 1799 in Waldenburg, während der letzte den 19. Juni in Chemnitz zum Absenden gelangt. Über das kleine, aber ziemlich interessante Büchlein ist in diesem Blatte (Jahrgang 1883 und 84) | schon Besprechung gegeben worden, darum sei auf jene Artikel verwiesen.

Ruhheim beobachtet fleißig und holt sich Kenntnis nicht allein über das Land, sondern studiert auch die Leute und ihre hervorragenden Eigenheiten. Ganz natürlich bringt der Bürger der Buchhandelstadt ein lebhaftes Interesse den Buchdruckereien und Buchhandlungen in den Gebirgsstädten entgegen. Immer fragt er auch nach dem Vorhandensein einer Bibliothek und läßt sich bei der Auskunft nicht genügen, sondern informiert sich weiter auch über den Bestand der Bibliothek. So sagt er z. B. von der Bibliothek zu Waldenburg: „Die Bücher des gemeinen Haufens, das heißt handfeste Ritterromane, fade Geistermärchen und erbärmliche Operntexte waren hier in großer Anzahl. Daß da Cramer, Spieß, Große, Schikaneder und schreibselige Konsorten den ersten Platz einnehmen, läßt sich leicht vermuten. Desto mehr aber vermißte man hier gute, nützliche und klassische Werke. Reisebeschreibungen oder andere statistische Sachen waren selten. Fast ganz unbekannt waren hier die besten Dichter, Prosaiker und Theaterschriftsteller der Deutschen; Wieland, Goethe, Schiller, Bürger, Matthisson, Salis, Lafontaine, Jean Paul, Stark, Iffland, Tiedge und andere waren nicht hier aufgenommen”. Gern sucht er berühmte Leute auf, mag das nun der Arzt oder der Pfarrer des Ortes sein, weiter ein durch Ruf ausgezeichneter Musiker, ein geschickter Uhrmacher oder sonst eine Person von Ansehen im Orte. Regelmäßig pflegt er Verkehr mit dem Rektor der Schule, dem Konrektor, dem Kantor und den anderen Lehrern, wenn die städtischen Schulen deren weitere haben. In Lößnitz besucht er den geistlichen Inspektor Oesfeld, von dem er sagt, daß er sich „durch allerhand kleine Schriften und Abhandlungen in verschiedenen Blättern bekannt” gemacht habe. Freilich war ihm hier Hauptinteresse, die Gattin Oesfeld’s zu sehen und zu hören, da dieselbe eine Schwester des Dichters Bürger war. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgt er den Betrieb des Gewerbes; auch bewegt er sich gern in größeren Gesellschaften und sucht daher in den meisten Städten die Hauptvergnügungsplätze auf, um mitten im heiteren Treiben die Volksseele am besten belauschen zu können. Über die landschaftlichen Schönheiten ist er des Lobes voll, und sein lebhaftes Naturell gerät im Anschauen derselben nach Weise der süßlichen Sentimentalität jener Zeit in schwärmerisches Entzücken. Freilich berührt es uns dagenen seltsam, wenn er sein Urteil abgiebt in Sachen des Künstlerischen, da die heutigen Ansichten darin dem damaligen Zeitgeschmacke schroff entgegenstehen. In einer Zeit, in der die meisten unserer Gotteshäuser ihres plastischen, wie auch farbigen Schmuckes beraubt wurden, indem man ersteren ausbrach und kostbare Wandgemälde einfach übertünchte, verstehen sich die Aussprüche, die er über verschiedene gebirgische Kirchen abgiebt, welche entgegen dem Zeitgeschmack in diesem Punkte konservativ geblieben waren. Was sagt ein Annaberger von heute dazu, wenn sein Stolz, das prächtige Gotteshaus mit dem herrlichen Mittelaltare, von Ruhheim „nur eine ungeheure Steinmasse” genannt und eben dieser Altar als „nicht geschmackvoll gearbeitet” bezeichnet wird? In der Schwarzenberger Kirche kommen ihm „besonders geschmacklos vor die vielen Schnörkel und Bilder an der Decke”. Die Chemnitzer Kirche ist ein „altes, dunkles und winkeliges Gebäude”. Mit großem Unwillen aber redet er von der Kapelle in Weipert, die man ihm in Annaberg als sehr sehenswert gerühmt hat. Er läßt sich vom Pater, der „außerordentlich artig war und selbst mitging”, die Kirche zeigen und nennt sie dann — „ein ganz gemeines Gebäude mit vielen Schnörkeln, die aber nicht weniger als hübsch waren”. Umgekehrt rühmt er einige neue oder umgebaute Kirchen, z. B. die Kirche zu Hohenstein. „Ich sahe sie und wünschte, daß man mehrere solche Kirchen haben möchte. Eine edle Simplizität, nicht die geringste Pracht, herrschte in derselben. Ganz weiß und schmucklos war ihr Anstrich, keine Schnörkeleien verunstalteten sie.” Auch der Gottestempel zu Lichtenstein findet seinen Beifall, da er sich „durch eine edle und gefällige Simplizität sehr zu seinem Vorteile auszeichnet”. Ebenso finden wir jetzt seine Abneigung gegen das Gregorius-Fest der Schüler unbillig: „Mich wundert es, daß, da schon so viel über diese erniedrigende und oft kindische Gewohnheit gesagt worden, man es hier nicht längst abgeschafft hätte”. Was würde er wohl gesagt haben, wenn er um die Christzeit einmal der Engelschar hätte begegnen dürfen?

Die Bauart der Städte ist ihm sehr befremdlich. Allerdings mochten die schindelbedachten und wohl auch oft windschiefen Häuschen mit den stattlichen Zeilen der stolzen Pleißenstadt kontrastieren, entschieden aber wird diese bunte ergötzliche Unregelmäßigkeit bedeutend mehr malerisches Ansehen gehabt haben. Stollberg ist „sehr schlecht gebaut”, Ehrenfriedersdorfs Hütten haben den Ruhm | „klein und schlecht”, die von Geyer „nicht sonderlich gebaut” zu sein; die Bauart von Buchholz erhält das Prädikat „schlecht”, Neustädtel ist „schlecht und unbeträchtlich”. Lößnitz hat „rostige, alte Häuser”, „überhaupt ist die Bauart dort ganz elend und ungereimt”. Hartenstein ist „genau so elend”. Zwickau hat „Gebäude, ganz im alten Geschmacke gebaut, grau und rostig”. Auch Johanngeorgenstadt ist „nicht sonderlich gebaut, die Straßen sind krumm und höckrig”. Und da er an das dasige Rathaus gedenkt, entschlüpft ihm der Ausruf: „Welch elendes Quartier!”, wie er auch schon den Gasthof zu Schlettau „unter aller Kritik schlecht” gefunden hat. Nur in wenigen Städten giebt er seiner Befriedigung Ausdruck. So nennt er Annaberg einen der bestgebauten Mittelorte, da „die Gebäude meistens von gleicher Größe und reinlich abgeputzt sind, welches für das Auge einen weit besseren Anblick gewährt, als wenn große und kleine Gebäude, alte und neue so unordentlich wie die Reichsarmee unter einander stehen”. Schlettau gefällt ihm als „ziemlich gut und reinlich gebaut”, gleichwie auch Scheibenberg. Chemnitz hat „sehr gut gebaute Häuser”, ebenso wird Schwarzenberg mit der ersten Prämie bedacht, Schneeberg ist zwar „weit schlechter gebaut als Annaberg, jedoch findet man größere und schönere einzelne Häuser und unter diesen verschiedene, die Dresden und Leipzig Ehre machen würden”.

Diese durch den Zeitgeschmack geborenen und geformten Urteile ersticken jedoch den Gedanken nicht, der beim Lesen des Büchleins sich bildet, daß Ruhheim ein Lobredner unseres Gebirges ist, wenigstens gilt dies insoweit uneingeschränkt, als an die landschaftlichen Reize gedacht wird. Darum sei er mit genannt unter denen, die das Erzgebirge herausgehoben haben aus seiner Verkennung und Verachtung bei den Bewohnern des niederen Landes.

Hut ab! jetzt vor dem entschiedensten und begeistertsten Fürsprecher des Erzgebirges seiner Zeit, vor dem Pfarrer C. G. Wild. Im Jahre 1809 ließ Wild in Freiberg bei Craz und Gerlach ein Buch erscheinen, welches den Titel trägt: Interessante Wanderungen durch das Sächsische Obererzgebirge. Wild bekennt sich selbst als Erzgebirger und zeigt sich von seltener Heimatliebe durchglüht, die uns sofort für ihn gefangen nimmt. In einer herrlichen Rede zum Preise und zur Ehrenrettung unseres Gebirges unternimmt er es, ein farbenprächtiges Gemälde zu entwerfen, das einen wundersamen Zauber auszuüben imstande ist. Klar spricht er aus, was er will. Er meint, es existiere so manche Skizze von besonderen Gegenständen in unserm Gebirge, „doch diese Skizzen, ohne sie etwa zu tadeln, dürfen nicht unter diejenigen Schriften gezählt werden, welche mannigfachen Genuß gewähren, Interesse dafür und Verlangen nach den beschriebenen Gegenständen erwecken, noch weniger als Wegweiser angesehen werden können”. „Darum habe ich beschlossen, dich (Erzgebirge) und deine Schönheiten gefühlvollen Naturfreunden zu schildern … . Vielleicht gelingt es mir, manche lächerliche Meinungen und Sagen von dem obern Erzgebirge zu widerlegen und zu tilgen, die Unwissenheit in Rücksicht einiger Gegenstände desselben in genauere Kenntnis zu verwandeln und so Interesse und Beifall für dasselbe zu erwecken”. Mit Weh erfüllt es ihn, daß so viele nur Spott und Geringschätzung für unser Gebirge haben, „elendes Geschwätz ohne Scham und Scheu” führen und dabei „keinen Stein des oberen Erzgebirges gesehen” haben. Mit Entrüstung spricht er von denen, die solche „Wanderungen” zu Hause am Schreibpult gemacht haben, und meint damit wohl auch K. A. Engelhardt, der die D. J. Merkelsche Erdbeschreibung von Kursachsen neu bearbeitet 1804 herausgab und dabei selbst erzählt, daß er Fragebogen ausgesendet habe und aus dieser Korrespondenz heraus sein Werk habe entstehen lassen. Wild legt Verwahrung ein gegen diese Art von Naturschilderung und hebt, wie einst M. Chr. Lehmann, hervor, daß er das Gebirge durchwandert und das Erzählte selbst gesehen habe. Mit eindringlichen Worten ladet er ein, selbst zu kommen, zu schauen und dann mit eigenen und nicht geborgten Urteilen über das Gebirge zu reden. „Kommt ihr, die ihr unser Gebirge verachtet … ihr werdet euch beschämt sehen”. „Wer so die Gegend … durchwandert, wer alles dieses so erblickt, ich frage ihn, ob diese Gegend kann rauh genannt werden, ob sie uninteressant sei? Ich frage ihn, ob diese so verschrieene Gegend nicht die größte Aufmerksamkeit eines jeden Freundes und Forschers der Natur verdiene?” Und anderswo sagt er: „Nicht wahr, ihr Erzgebirger, ihr lebt in keinem Sibirien, wie Weichlinge euer Gebirge nennen?” Freilich „hege man nur jenen wissenschaftlichen Handwerkssinn nicht (welcher aus manchen Reisebeschreibungen hervorblickt), wenn man die Schönheiten der Natur betrachten will, die dann nur schön sind, wenn man mit reinen Gefühlen und nach keinem idealischen Maßstab sie betrachtet; wenn man die Natur kindlich ehrt”. Und freilich sei man nicht einer jener unechten Naturfreunde, die „nur immer auf | duftigem Blumenlager, umschattet von den goldbefruchteten Bäumen Italiens, von Nachtigallen zauberisch umflötet, am weichen Ufer des Silberkieselbaches zu ruhen wünschen”.

In der eingehendsten Weise wird nun unter Wilds Führung das Gebirge durchforscht, zunächst auf kleinen Wanderungen von Johanngeorgenstadt aus in dessen allernächste Nähe, wie auch in die weitere Umgebung. Verlockend ist z. B. die Schilderung des Ausfluges nach dem Schneiderfels, oder die nach dem Teufelssteine (Glückauf 1894 S. 102). Wildenthal, Eibenstock, der Auersberg, die Gegend um Bockau werden besucht, und überall müssen wir unserm kundigen Wild das Lob zollen, daß er uns gut und „amüsant” geführt hat, denn er lernt uns das Auge schärfen für so manches unbeachtet am Wege liegende Schöne. Schneeberg ist der Ausgangspunkt zu weiteren Partien, die nach dem Gleesberge, dem Hammergute, der Eisenburg bei Wildbach (Isenburg), nach der Prinzenhöhle und Stein, nach Aue, nach dem Filzteiche, nach Weißbach hin unternommen werden. Was uns auch wohlthut, ist, daß er neben einer großen Liebe für die Reize der Natur ein Herz und trauliche Zuneigung für die „zufriedenen” Bewohner hat, die er oft seine braven Landsleute nennt. Als Anhang giebt er noch eine recht anschauliche Schilderung von verschiedenen Festen und Gebräuchen im Erzgebirge. Er schildert ein Bergfest, kommt auf die sinnige Feier des Weihnachtsfestes und bespricht auch weiter das Hutzengehen, die Gebräuche am Aschermittwoch, am Walpurgisabende und anderes. Bemerkenswert sind die Ausführungen über das Vogelstellen, das er ausführlich beschreibt und wobei er gesteht, daß er oft selbst mit auf dem Vogelheerde gewesen und manches Vergnügen mit den „schreienden und flatternden Gefangenen” gehabt habe. Am Ende bringt Wild, der ein klares und inniges Verständnis für unsere heimatliche Muttersprache zeigt — hat er uns doch selbst mit so manchen reizenden Dialektdichtungen beschenkt, von denen sein liebliches Wiegenlied am bekanntesten ist —, auch eine Probe der gebirgischen Sprechweise, indem er ein Gespräch zweier Bergleute wiedergiebt.

Recht interessant ist die Mitteilung, die er uns über die damals eben verbotenen Weihnachtsspiele (Glückauf 1895 S. 2) macht, so interessant, daß wir es uns hier noch einmal von ihm erzählen lassen, was er davon weiß.

„Sonst war auch das sogenannte heilige Christspiel gebräuchlich, wo Bergleute und andere gemeine Leute in schön gereimten, burlesken Versen die Geburt Jesu als ein | Lustspiel aufführten und so von Haus zu Haus zogen. Dabei war immer eine lustige Person, welche allerhand Possen trieb, z. B. dem König Herodes, welcher frisiert, mit goldenem Zepter und Reichsapfel auf einem hölzernen Stuhle saß, Schnupftabak unter die Nase rieb, daß er niesen mußte. Joseph wurde als hektisch vorgestellt und hatte eine Säge in der Hand; Maria sprach oft im schönsten Kontrabaß, denn Frauenzimmer waren bei dieser Truppe nicht; die Engel gingen in langen Hemden, mit vielen Bändern geschmückt und gepudert, und hielten mit einem seidenen Tuche große Husarensäbel in der Hand; die Hirten hatten hohe, spitzige Hüte von Zuckerpapier auf und knallten entsetzlich mit den Peitschen, auch bliesen sie auf Nachtwächterhörnern; der Stern war von Pappe und ölgetränktem Papier an einer Stange aufgesteckt und konnte gedreht werden; manchmal brannte er, denn inwendig stak einbrennendes Licht, auch an; das Christkind endlich war nicht himmlischer Abkunft, es sah erbärmlich aus und ward oft sehr übel behandelt. Übrigens war immer ein Knecht Ruprecht dabei, welchen man im Gebirge Rupperich nennt; wie gewöhnlich war er in einem Schafpelz vermummt, mit einer Klingel und einer Ofengabel versehen und mußte die nachlaufenden Jungen zurückschrecken. — Am sogenannten heiligen Dreikönigsfeste erschienen dabei gar diese drei Majestäten, wobei eine schwarze war. Doch seit mehreren Jahren hat dieser Unfug aufgehört, welcher eigentlich noch ein Überbleibsel des in Sachsen ehedem herrschenden Aberglaubens war. So wurde vor wenig Jahren in einer dort benachbarten böhmischen Stadt das Leiden und der Tod Jesu auf diese Weise aufgeführt, wo den Heiland ein starker Fleischer repräsentierte, welcher einmal, als er am Kreuze hing und von dem Lanzenknecht in die Seite gestochen wurde, mit starker Stimme vom Kreuze hernieder rief: „Hannes, stiech net su darb, sust stiechst de mr halter ja de Laber guttengar durch!”

Es ist bedauerlich, daß uns Wild weitere „Wanderungen”, die er uns versprochen, nicht hat geben können; zu unseren Schätzen zählten sie wahrlich.

Wilds Versuch, die weitverbreiteten Vorurteile zu verscheuchen, war kräftig, leider jedoch noch ziemlich wirkungslos, da er vorläufig fast der einzige blieb. Erst nach mehreren Jahrzehnten, vor ungefähr 50 Jahren, sind wieder mehrere Vorstöße dieser Art wahrzunehmen. Es erschienen in dieser Zeit drei in ihrer Art recht interessante Reiseschilderungen, die auch alle drei den vollständig richtigen und daher nicht genug zu empfehlenden | Gedanken zur Durchführung brachten, daß das Bild, weil es eindringlicher predige als das Wort, ein ganz notwendiger Faktor sei zur Erzielung lebhaften Interesses.

Im Jahre 1840 erschienen in Grimma (Verlags-Comptoir) „Wanderungen durch das sächsische Erzgebirge. Ein Wegweiser etc.” Der Verfasser nennt sich nicht, doch wird von M. von Süßmilch-Hörnig Dr. Ferd. Philippi als solcher vermutet. Es wollen diese „Wanderungen” nicht eine umfassende und bis ins Kleinste hinein vollständige Beschreibung des Gebirges sein, sie sind nur ein Schriftchen ganz bescheidener Art, schlicht und ohne Prunk schon im Äußeren. Anspruchslos und einfach ist des Wanderers ganz Gepräge, fast schüchtern sind seine Worte, mit denen er sich einführt. Als sei er des Fehlschlagens eines solch kühnen Wagnisses, eine Schilderung einer Erzgebirgsreise um ihrer selbst willen zum Kaufe auszubieten, gewiß, bittet der Verfasser, das Büchlein inanbetracht seines humanen Zweckes freundlich aufzunehmen, nämlich um „die edlen Frauenvereine des Erzgebirges und Vogtlandes” zu unterstützen. Er sagt u. a.: „Möge darum dies kleine, an sich wertlose Büchlein auch nur von diesem Standpunkte aus beurteilt werden … und nur um eben dieses Zweckes willen wünschen wir den Blättern recht viele mildgesinnte Käufer”. Wandern wir nun mit unserem Führer die Höhen hinan und hinab in die Thäler, so gefällt uns gerade seine schlichte Weise. Er ist nicht der schnell und oberflächlich und darum oft verkehrt und hart urteilende Großsprecher, sondern liebevoll geht er ein in alle Eigenheiten des Bodens sowohl, wie auch der Bewohner, und allem läßt er sein Recht widerfahren. Er freut sich innig und kindlich fast an dem unverdorbenen Wesen der goldherzigen, zutraulichen Erzgebirger. Wir finden ihn dahinziehend seine Straße im trauten Geplauder mit den Bauern, bald wieder gesellt er sich einem Bergmann zu, er setzt sich nieder bei den Klöpplerinnen des Raschauer Grundes, läßt sich von der Großmutter auf der Ofenbank alte Dinge vorsagen, dann wieder stellt ihm ein biederer Bergmann seine gefiederte Sängerschar vor, und von gefälligen Kalkbrennern wird ihm der Pfad gewiesen. Der Anspruchslose fühlt sich daheim bei den Anspruchslosen. Wenig sucht er und ist überrascht, sich so reich belohnt zu finden.

Als einzelne bemerkenswerte Einzelheiten seien folgende angeführt. Der Verfasser hat die Verwüstungen der ungemein schädlichen Grasraupe (Glückauf 1893, S. 91, Dr. Köhler) bei Neudorf gesehen. Er schreibt: Ein Bergmann erzählte mir als ein vorbedeutungsvolles Wunder, daß unweit Neudorf, welches wir jetzt vor uns liegen sahen, eine ganze Wiese von Raupen abgefressen worden, und nur hie und da ein Halm stehen geblieben sei. Der gute Mann, der nach Art vieler Erzgebirger jedes ungewöhnliche Ereignis auf Völkerzukunft und Länderschicksal bezog, schien mir die Sache zu übertreiben. Aber bald überzeugte ich mich durch eigenen Anblick, daß er die Wahrheit sprach. Die Grasraupe (phalaena graminis) hatte wirklich die ganze Wiese abgezehrt und bloß einzelne Halme des auf ihr vorkommenden Wiesenfuchsschwanzes verschont.

Interessant ist weiter eine Richterwahl, der er beizuwohnen Gelegenheit fand. Hören wir ihn selbst: Als ich nach Langenbernsdorf (bei Werdau), einem langgestreckten Dorfe, kam, fand eben Richterwahl statt. Das „Amt” hatte bei einem vorhergehaltenen Rügengerichte aus sechs vorgeschlagenen Individuen drei Grundeigentumsbesitzer den Dorfbewohnern zur Wahl vorgestellt. Die Gemeindeglieder, 213 Wirte an der Zahl, traten nun auf einem weiten, umbuschten Raume zusammen (wie einst die Eidgenossen der Schweiz auf dem Plane des Rütli). Die drei Wahlfähigen stellten sich von ihnen in einiger Entfernung an einen besonderen Ort. Derjenige wurde nun Richter, zu dem aus freiem Entschlusse die meisten Gemeindeglieder traten. Nach Abhaltung dieser sächsischen Volkskomitien war in dem belebten Dorfe Biergelag und Freudenfest.

Und zum Schluß sei noch ein allerliebstes Liedchen, das sich der Wanderer in der Frauensteiner Gegend hat vorsingen lassen, „zu Ehren” gebracht.

  1. E Liedel in Ihren (Ehren),
    War wi’s verwihren?
    Singt dr Vugel nich of sen’n Boom?
    Dr Engel nich in Hemmel droom?
    E freier, fruher Mutt,
    E g’sung un frehlich Blutt
    Giht über Gald un Gutt.
  2. E Trunk in Ihren,
    War wi’s verwihren?
    De Aarde trenkt ihr Wosser jo,
    Dr Amtmah trenkt sei Gläsel oh,
    Arbst in dr Wuch racht fihr,
    Do kimmt’n a Kännel Bier
    An Sunnt’ch racht schien vier.
  3. E Guschel in Ihren,
    War wi’s verwihren?
    ’s Bliemel guschelt ’s Bliemel buch,
    ’s Starnel guschelt Nobber ooch,
    Duch sa'(i)ch: in Ehberkeet
    Un in dr Uschul Gleet
    Un aller Sittsenkeet. |
  4. E fred’ges Stindel
    Is’s nich e Findel?
    Jetzunger hamersch, sein mer do,
    De biese Zeit, die kimmt schund oh,
    ’s wihrt alles korze Zeit, —
    Dr Kirchhuf is nich weit,
    War weeß, war bol dart leit!
  5. Wenn d‘ Glucken schallen,
    War hilft uns allen?
    Gutt gäb uns do en sanften Tud;
    E guttes Gwissen gäbe Gutt,
    Wenn d‘ Sunne schiene lacht,
    Wenn alles blitzt un kracht
    Un in der letzten Nacht!

Weitaus interessanter noch als dieses erste Büchlein ist unbestritten ein anderes, das bei Rudolf und Dieterici in Annaberg erschien. Leider ist das Werk nicht vollendet, da nur drei Hefte davon herauskamen, die den westlichen Teil des Erzgebirges (von Zwickau — Chemnitz bis Karlsfeld — Oberwiesenthal) schildern, während der ganze Osten (schon Jöhstadt, Marienberg, Lengefeld fehlen) unberücksichtigt geblieben ist.

Jedenfalls sind die politischen Zeitverhältnisse Ursache gewesen, daß das Unternehmen auf halbem Wege stehen blieb. Das Werk betitelt sich „Wanderungen durch die interessantesten Gegenden des Sächsischen Obererzgebirges. Ein Beitrag zur speziellen Kenntnis desselben, seines Volkslebens etc.”. Der Verfasser ist Finanzprocurator (Joh. Trg.) Lindner in Schwarzenberg. Heft 1 datiert 1844, Heft 2 1845, Heft 3 1847.

Liest man Lindners Buch, so gefällt uns neben den entrollten Schönheiten des Gebirges — er selbst ganz besonders. Man liest selten eine Reiseschilderung, in der das subjektive Moment so stark zur Ausprägung gekommen wäre, als eben in dieser. (Ob dies von Vorteil oder Nachteil sei, bleibe hier unerörtert.) Da sagt man sich, Lindner muß ein prächtiger „Kerl” gewesen sein, ein frischer fröhlicher Wanderer voll köstlichen Humors, ja ein Schalk durch und durch, dem man auch dann lauscht, wenn er die damalige falsche Humanitätshätschelei in den Strafanstalten als „Butterbemmenprinzip” geißelt, oder wenn er sich die wunderliche Gestaltung der ehemaligen Rechtspflegeverhältnisse zur Zielscheibe seines satyrischen Witzes setzt.

So erzählt er bei der Schilderung des Muldenthales (Oberhaßlau, Silbertraße) in unnachahmlicher Weise: „Die kleinen anmutigen Naturschönheiten, welche etwa eine Geviertmeile groß das Thal und seine Gehänge umflattern, werden mit ihren Dörfchen und ihren herum gezettelten Häusern mit einer wahren Musterkarte von Justizverwaltung in der Art umschlungen, daß, wie z. B. in Zschocken, drei verschiedene Gerichtsbarkeiten bestehen. Es giebt neben der Königl. Sächsischen auch Fürstlich Schönburgische, Standesherrschaftlich Wildenfelsische, Adelig Arnimsche, des Rats zu Zwickau Afterlehnsche und andere Herrl. Patrimonial-Justizpflege, sodaß die Gerichtsbefohlenen für ihr Geld überall mit Gerechtigkeit versorgt werden können, wenn sie es nicht vorziehen, ihr Geld in die Lade zu legen.” In fast gefährlicher (doch nicht so schlimm gemeinter) Art sagt er von Unterwiesenthal: „Sächsisch Unterwiesenthal ist älter als Oberwiesenthal und trug bis in die neue Zeit eine halb verpfuschte städtische Verfassung an sich, das heißt es hatte Kämmerer, Viertelsmeister, Brauerei und dergleichen mehr, aber nur einen Richter und Gerichtsschreiber, ohne mehr Jurisdiktion zu haben, als wie man auf Dörfern zu treffen pflegt, wo Erbgerichte sind. Diese winzige Rechtspflege in einem ungeheuer großen Gerichtshause gab der Einwohnerschaft wenig Trost, aber viel Wärme — beim Bezahlen. Jetzt hat der Ort Stadtgerechtigkeit bekommen, das ländliche Ansehen aber dennoch beibehalten müssen; welches von beiden mehr Vorteile gewährt, — ist nicht bekannt.” Aus nachfolgenden Auslassungen wird man überzeugt werden, daß er mehr aus übermütiger Laune, denn aus absichtlicher Spottsucht also schreiben konnte. Einmal berichtet er drollig: „Im Laufe dieses Sommers wurde in der Moosheide bei Grünhayn von den Torfstechern ein Bär ausgegraben, von welchem Haare und die Krallen an den Tatzen gut erhalten waren. Unter die angebundenen gehörte er offenbar nicht.” Mit viel Ernst erzählt er: „Eine oder einige Kühe sind die Ernährerinnen des kleinen Hausstandes und darum auch das Wertvollste in demselben, die Kinder folgen unmittelbar darauf.” Ist’s nicht, als sähe man den Schalk nun sein Haupt zur rechten Seite neigen und das linke Auge blinzelnd schließen? Und ist’s weiter nicht so, als hörten wir Heine, wenn er einen eben erwachenden Frühlingsmorgen dermaßen schildert: „Wir hören die Zippe — die erzgebirgische Nachtigall — auf den höchsten Gipfeln der Fichten flöten, hoch über der Thalebene die Lerche trillern und das allmählich verschwimmende Adagio des Rotkelchens im Erlengebüsch. … Mt Ackergeräte zieht der Landmann zu Felde, Berg- und Hüttenleute wechseln die Schichten, und der Holzmacher schreitet in den Wald mit Äxten und magerer Kost im Kober. Alle nebeln ihr Pfeiflein, von welchem der Schwamm am besten riecht.”! Von Breitenbrunn | sagt er, weil die Gemeinde weder Kommuneigentum, noch sonst ein anderes Einkommen habe und beziehen könne, lebe folglich auch der Gemeinderat in ewigen Ferien. Recht Sonderbares berichtet er von Johanngeorgenstadt: „Merkwürdig ist es, daß die Johanngeorgenstädter kein Kraut anpflanzen und lieber die Krauthäupter, die in mehr als hundert Wagen aus der Schwarzenberger Gegend im Herbste zu ihnen gebracht werden, ankaufen und dennoch die Strünke, die sich als so nützliches Viehfutter im Winter sehr lange aufbewahren lassen, entbehren. Man hat mir erzählt, daß zwar das Kraut sehr gut auf dem Fastenberge gedeihe, allein die Feldbesitzer könnten es vor den Dieben nicht erhalten.”

Die Johanngeorgenstädter rühmt es jedoch sonst sehr, er preist ihre freundliche Zuvorkommenheit gegen Fremde, ihre Heiterkeit und ihren fröhlichen Sinn im geselligen Leben. Auch erwähnt er, daß diese Stadt besonders reich an hübschen Mädchen und Frauen sei. „Es muß war sein”, fügt er bei, „weil es auswärtige Frauen bezweifeln”. Als er nach Gottesgab kommt, besteigt er den „einem riesigen Heuschober gleichenden” Spitzberg und führt als spezielle Eigenheit von ihm an, daß auf ihm die „isländische Zwergbirke (betula nana)” wachse, die man aber nicht auffinden könne. In Rittersgrün kennt er die Familie des Gimpel-Poller (siehe H. Graser, Alte und neue Geschichten in erzgebirgischer Mundart, Heft 12), und als er sich des Längeren über Gimpelfang und Gimpelerziehung (namentlich in Aberthsm betrieben) ergangen, meint er, daß auch bei einigen alle Arbeit und aufgewendete Mühe verloren und „es geratener ist, ihnen die Freiheit wiederzugeben, wo sie durch ihre Dummheit in ihrem Vogelstaate vielleicht zu Ehrenstellen gelangen, wie überall, wo es Gimpel giebt”. Daß die Schlettauer besseres zu thun beflissen seien als Gimpel zu fangen, daß sie nämlich fast durchweg Landwirtschaft treiben, bestätigt er, denn man sage von ihnen: wenn die Bauern auf dem Felde seien, sei kein Bürger daheim. Auch in Elterlein sei es ähnlich, doch „hausen eine Menge Roßhändler ebenfalls in diesem Orte, und wer viel Geld hat, kann immerhin wohlfeile Tiere bekommen”. Das stattliche Geyersche Rathaus, sagt Lindner, sei deshalb in dieser Größe erbaut worden, weil man auf ein rasches Wachstum einer streitsüchtigen Einwohnerschaft auf ein ganzes Jahrhundert hinaus rechne, daß man weiter von Geyer etwas habe, was man, mit der großen Sau- oder Prinzenglocke zusammen, konterfeit in einem Guckkasten auf Jahrmärkten herumtragen und bewundern lassen könne. Gelt, der Spötter! Den Aktionären der im Aufblühen stehenden Marienhütte in Kainsdorf wünscht er, daß sie nicht Abel heißen mögen. Da er nach Wiesenburg kommt, weiß er von den Überbleibseln der ehemaligen Burg zu sagen, daß bis vor etlichen Jahren daselbst ein Justizamt untergebracht gewesen sei, „welches in einem finstern Parterrneste sich im Sehen übte wie die Eulen in der Dämmerung”. Von den Mädchen und Frauen in Großpöhla erzählt er, daß sie recht geschwätzig seien, doch läßt er volles Lob ihrer bedeutenden Schönheit angedeihen. Herr Finanzprokurator, Sie rühmen mir die schönen Mädchen zu sehr! Studentenblut? Ja, ja! Und was soll das bedeuten, von der „Bockau” kommen Sie sogleich auf das Bockbier zu sprechen? Herr Finanzprokurator, Sie sind ein Prachtkerl! Ein Vorkommnis, das an die „Blauen” und „Grünen” unter Justinian oder an die schwedischen Hüte und Mützen erinnert, überliefert er uns von Eibenstock: „… daher entwickelten sich Entzweiungen im Bürgertume, die bald zu Fraktionen wurden, welche im Gemeindewesen sich kund gaben. Die eine verwarf Gemeindebeschlüsse bloß deshalb, weil sie die andere unterstützte, und der Rat war immer zu ohnmächtig, mit Kraft dazwischen zu treten, oder schwach genug, sich selbst auf die Seite der oder jener Partei zu stellen, wodurch der Geist des Widerspruchs noch mehr gesteigert wurde. Deshalb organisierten sich die Parteien in zwei Branchen, welche Appellanten und Appellaten genannt wurden. Eine grün montierte Schützenkompagnie stellte sich später einer blauen dergleichen gegenüber, und diese untergielten einen langen ärgerlichen Hader bloß deshalb mit einander, weil diese blau und jene grün aussahen.” Noch sei eine kleine Erzählung erwähnt, die er vom Kreissekretär W…r, dem sie passieret, kennt und die er mit sichtlichem Behagen wiedergiebt: Als er sich (Kreissekretär W.) einmal mit Höhenmessungen an der böhmischen Grenze beschäftiget, für diesen Zweck sein Barometer in einer Waldschneise an einen Baum geschraubt und sich dann nach der Berghöhe begeben habe, sei ihm ein böhmisches Weib entgegen gekommen, welches vor dem Barometer niedergekniet, sich bekreuzigt habe und dann weitergegangen sei.

So hätten wir nun eine kleine Auslese gebracht und damit wohl genügend dokumentiert, daß Lindners kräftiger, frischer Humor und scharfer Witz die Reisebeschreibung zu einer wenigstens interessanten gestaltet. | Aber noch mehr hätten wir hinzuzufügen. Lindner will recht anschaulich sein und bringt eine große Menge scharf treffender Vergleiche, die uns durch ihre Eigenart fast überraschen und dem ganzen Buche einen wesentlichen Reiz verleihen. Das ehemalig so stille Städtchen Aue schildert er folgendermaßen: „Wie ein Häuflein alter lebensmüder Hospitaliten in herkömmlicher Einfachheit der Sitten und Gewohnheit sich an der Wärme der bald scheidenden Sonne erquickt: so ruht das Städtlein Aue … .” Und weiter sagt er: „Die ungeregelt hingesetzten Häuser umkauern das Rathaus mit seinem verkreuzten Giebelholzwerk und Türmlein, woran das Zifferblatt totenbleich nach dem Gottesacker schaut.” Das langgestreckte Dörflein Zelle vergleicht er mit einer Guirlande, die zwischen dem Pfannstieler Blaufarbenwerke und dem Rittergut Klösterlein schwebe. Die Klosterkirche „ruht einsam träumerisch inmitten einer Wiese wie ein verschlafener Hirt, dem die anvertraute Herde entwichen ist”. Von Neuwelt bei Schwarzenberg „gegen Westen liegt der hohe, kahle, baumlose Gebirgsberg (Sachsenstein? oder Laukners Knochen?), über dessen Rücken die neuere Zeit, mit einer gewissen Art von Verwegenheit, einige Feldflecken zum Kartoffelbau zusammengemartert hat, dessen Grün über den erdbraunen langgestreckten Körper einen sonderbaren Anblick gewährt. Es ist das trojanische Pferd mit einer phantastischen Schabrake.”

(Schluß folgt.)

Quelle: Glückauf! Organ des Erzgebirgsvereins. 15. Jg. Nr. 10 v. Oktober 1895, S. 139 – 147.