Zwei Sagen aus dem Rabenauer Grunde.

Mitgeteilt von Ludwig Lamer, Hainsberg.

1. Der Nix im Rabenauer Grunde.

Etwa halbwegs im Rabenauer Grunde, da wo die rote Weißeritz, nachdem sie schäumend zwischen großen Steinen sich durchgewunden, einen Bogen macht und sich vertieft, also daß man trotz klaren Wassers nicht  auf den Grund sehen kann, ist der Nixentump, in welchem der alte Nix haust.

Wenn die Lübauer Bauern mit ihren schwerbeladenen Wagen den steilen Feldweg am Anfange der nahegelegenen Planwiese hinauffuhren und die Gespanne trotz allen Antreibens die schweren Gefährte nicht den Berg hinauf zu bringen vermochten, dann kam wohl der alte Nix mit seinen zwei Schimmeln, legte sich vor die Wagen und nun ging´s unter fröhlichen Hoh’rufen und Peitschenknall den Berg hinauf, als wären es bloß leere Geschirre; waren die Gefährte oben angelangt, so daß nur noch ebene Straße vor ihnen lag, dann verschwand plötzlich der alte Nix mit seinen Schimmeln, ohne Lohn oder Dank abzuwarten.

Auf der Planwiese pflegten auch die zwei Töchter des alten Nix die schneeweiße Wäsche zum Bleichen auszubreiten; war aber das Wetter dazu im Grunde nicht günstig oder störte sie sonst öfteres Begängnis oder des Holzbauers Axtschlag, dann bleichten sie auf der Wiese, da wo rote und weiße Weißeritz ihre Wasser mischen.

Manchmal verlangte es die beiden Töchter des Nix auch nach menschlicher Gesellschaft; dann kamen sie wohl nach Lübau, wenn in der Schenke die Fiedeln zum fröhlichen Tanze aufspielten, und tanzten da mit den jungen Burschen, so daß sie nichts von den Bauerndirnen unterschied wie ein handbreiter nasser Streifen am Saume des Gewandes.

Sie ließen sich dann auch wohl von ihren Tänzern manchmal bis an den Nixentump geleiten, entschwanden aber dort angekommen plötzlich ihren Augen; nie hat man gehört, daß sie einem Burschen den Zugang zum Nixentump eröffneten.

2. Die Goldstampe am Borlasbache.

Wenn man vom Weißeritzwehre an der großen Rabenauer Mühle den Fluß aufwärts geht, gelangt man bald an ein munteres Bächlein, das von Borlas herabkommt und sich in die Weißeritz ergießt, und abermals wenige Schritte flußaufwärts steht ein großer Felskegel künstlich abgetrennt von seinem Mutterfelsen, um der Eisenbahn einen Durchgang zu schaffen.

An der Spitze des Kegels kannst Du bei aufmerksamem Beobachten den Rest einer Aushöhlung erkennen, die nicht das Werk der Natur, sondern fleißiger Hände ist.

Vor viel hundert Jahren kamen in Zwischenräumen, wenn die Goldkörner in der nahen Weißeritz reif geworden, Walen aus dem fernen Wälschlande, deren Zunge man nicht verstand und die sich nur notdürftig verständlich machen konnten, und schafften den Sand aus dem am Fuße des Felsens befindlichen Weißeritzheger hinauf auf auf diesen Felsen und stampften ihn in diesem Loche mit Wasser, bis die Goldkörner sich vom Sande sonderten und von ihnen ausgelesen werden konnten.

So hatten sie nach und nach ein Loch gestampft, in dem ein Mann wohl bis an den Gürtel stehen konnte, und noch jetzt zeigen die einzigen zwei Seitenwände, die von der Goldstampe übrig geblieben sind, von der rührigen Arbeit der Walen.

Und auch jetzt noch führt die Weißeritz Goldkörner an dieser Stelle, sie sehen aber dem Sande gleich, denn sie sind noch nicht reif.

Quelle: Glückauf! Organ des Erzgebirgsvereins. 2. Jahrgang. No. 11 v. 15. November 1882, S. 105 – 106.