Einführung in das Gebiet.

(A. Reinhardt: Geschichte des kirchlichen Lebens im oberen Erzgebirge.)

Vom silbernen Erzgebirge – Kreis Annaberg. Band II. S. 5 – 7.

Der gegenwärtige Kirchenbezirk Annaberg deckt sich im allgemeinen mit dem Landkreis Annaberg. Er untersteht schon seit Jahrhunderten der sächsischen Landeskirche und hat an ihrem Leben und damit auch an der kirchlichen Umgestaltung der letzten Jahrzehnte teilgenommen. Nach der letzten Kirchenstatistik von 1930 umfaßte er im ganzen 51 Orte und Ortsteile, darunter 10 Städte. Er zählte 32 Kirchspiele mit 46 gottesdienstlichen Stätten, nämlich 32 Hauptkirchen, 4 Nebenkirchen, 2 Kapellen, 6 Begräbniskapellen und 2 Betsälen. Noch kommen einige Überschneidungen zwischen kirchlichem und politischem Bezirke vor. Das von dem Oberwiesenthaler Fundgrübner Abraham Teller gegründete Tellerhäuser hat kirchlich an Oberwiesenthal teil, politisch gehört es jedoch zum Landkreis Schwarzenberg. Streckewalde ist noch wie in alter Zeit nach Mildenau eingepfarrt, obwohl es in dem Landkreis Marienberg liegt. So haben sich in der Kirche alte Beziehungen dem übrigen Wandel zum Trotz erhalten.

Der Kirchenbezirk ist Annaberg ist eine der ältesten Ephorien unseres Landes, nur die ehemaligen ernestinischen, z. B. Plauen, Zwickau und Leisnig, sind noch zehn Jahre älter. Er wurde sofort mit der Einführung der Reformation 1539 gegründet. Früher war er bedeutend größer als jetzt und umfaßte noch große Teile des ehemaligen Amtes Wolkenstein und des Klosters Grünhain. Verschiedene hiesige Kirchspiele erfuhren nach der Reformation mehrfach veränderte Unterordnung und gehörten zeitweilig auch zu der Ephorie Glauchau (Scheibenberg, Oberwiesenthal, Crottendorf mit Neudorf, Elterlein), zur Ephorie Zwickau (Buchholz, Hermannsdorf, Schlettau), zur Ephorie Grünstädtel (Elterlein, Schwarzbach) und zur Ephorie Stollberg (Gelenau) … (nach Lic. Dr. Bönhoff). Die Hauptumwandlung und zugleich Verkleinerung erfolgte im vorigen Jahrhundert. Da wurde 1850 der Kirchenbezirk Schneeberg aus dem kleinen älteren Bezirk Lößnitz, dem z. B. einst der Chronist Oesfeld als geistlicher Inspektor vorgestanden hatte, ferner aus Orten des Annaberger, Stollberger und Zwickauer Bezirks errichtet. Auch auf der andern Seite mußte die Ephorie Annaberg Orte abgeben, als 1842 der Kirchenbezirk Marienberg aus Gemeinden der Bezirke Annaberg, Freiberg und Chemnitz gebildet wurde. Die andere benachbarte Ephorie Stollberg wurde 1838 gegründet. Unsere Arbeit befaßt sich im wesentlichen mit dem Gebiet des gegenwärtigen Kirchenbezirks Annaberg, doch ist klar, daß die geschichtliche Entwicklung öfters ein Überschreiten dieser Grenzen verlangt.

Gehen wir weiter zurück, so verschwindet nach und nach bis zum Ausgange des Mittelalters die Hälfte der Kirchspiele. Die Wege der Kirchgänger oder die Wege der Geistlichen sind viel größer. Welch ein Opfer bedeutete damals schon ein Gang zum Gottesdienste! Viele stattliche Gotteshäuser vermissen wir dann im Zeitbilde, vor allem auch die St. Annenkirche. Die kleine, wahrscheinlich schon im 13. Jahrhundert errichtete Kirche von Kleinrückerswalde sammelte als der kirchliche Mittelpunkt der Herrschaft Belberg die Menschen um den Pöhlberg aus Rückerswalde, Geyersdorf, Frohnau, noch früher auch aus Dörfel und Tannenberg-Südseite, und in ganz früher Zeit vielleicht auch aus Hermannsdorf unter Gottes Wort. Beim Rückschritt ins Mittelalter stoßen wir überall auf den Katholizismus. Wir finden die Verehrung von Heiligen, von Reliquien und Wallfahrten zu solchen Stätten. Den Gottesdienst beherrscht nicht die Predigt, sondern die Messe. Die Geistlichen tragen reiche Meßgewänder. Für die Reliquien gibt es kostbare Gefäße aus Silber oder gar Gold, Reliquiare. Neben den Ortsgeistlichen sind Mönche in der Seelsorge tätig und durchziehen die Gegend. Andere Orte und andere Kirchenregierungen als jetzt führen das kirchliche Leben.

Aber je weiter wir uns den Anfängen der Besiedlung nähern, desto mehr verschwindet auch in der katholischen Kirche die Pracht und weicht einer großen Einfachheit. Schließlich verlaufen die Anfänge mancher ersten Kirchspiele ganz im Dunkel der Geschichte, indem weder die Zeit der Gründung noch nähere Verhältnisse der Gründer bekannt sind.

Die Besitzverhältnisse wie die der kirchlichen Leitung waren ganz andere. Wer sie verstehen will, muß die heutigen Landesverwaltungsgrenzen einmal völlig vergessen. Am oberen Erzgebirge hatten 3 Bistümer Anteil. Böhmen griff bis nördlich Schlettau über den Kamm herüber. Der Westen stand in heute nicht mehr bekanntem, engstem Zusammenhange mit Thüringen und dem Pleißner Lande und unterstand dem Bistum Naumburg. So blieb Meißen nur der nordwestliche Teil. Im sogenannten „Schlettauer Winkel”, wo die Straße Elterlein – Schlettau bei der Finkenburg die Rote Pfütze überschreitet, stießen die 3 Bistümer zusammen: Prag, dem Schlettau bis zum Jahre 1529 zugehörte, Naumburg und Meißen.

Jedes hatte seine Untergliederungen. Meißen war in 9 Kirchenprovinzen eingeteilt und erfaßte das obere Erzgebirge mit dem Archidiakonat Chemnitz, während das Bistum Naumburg mit dem Archidiakonat „trans Muldam”, welcher Ausdruck nur von dorther zu verstehen ist, nach dem oberen Erzgebirge vorstieß und bis zum Kerngebiet der Abtei Grünhain reichte. Gewöhnlich hieß es das Dekanat trans Muldam, weil der Dechant des Hochstifts Zeitz sein Inhaber war (nach Lic. Dr. Bönhoff).

Die nächsten Unterglieder waren die „sedes” oder Erzpriesterstühle, auch Landkapitel oder Kirchenkreise (eine Art Superintendenturen) genannt. Chemnitz besaß deren vier: Chemnitz, Waldenburg, Stollberg und Wolkenstein.

Das Hochstift Meißen betreute unsere Gegend mit dem Landkapitel Wolkenstein. Ihm waren die Kirchen von Ehrenfriedersdorf, Geyer, Tannenberg, Thum, Gelenau, Hermannsdorf, Kleinrückerswalde, Mildenau, Arnsfeld und die Filialen bezw. Kapellen von Wiesa, Grumbach und Jöhstadt und schließlich sogar die Kirchen von Annaberg unterstellt. Zum Muldensprengel des Bistums Naumburg gehörte der Besitz der Grafen von Hartenstein (Meinheringer, später Schönburger), also bei uns die Kirchen von Crottendorf, Elterlein, Scheibenberg und Wiesenthal. Das Naumburger Landkapitel im oberen Erzgebirge war an Lößnitz angeschlossen. In gewisser Verbindung stand auch das Kloster Grünhain mit dem Naumburger Sprengel, doch nicht in eigentlicher Abhängigkeit. Die für das Schlettauer Gebiet zuständigen Verwaltungsstellen des Erzbistums Prag waren das Archidiakonat Saaz und das Dekanat Kaaden, so 1384 (nach Lic. Dr. Bönhoff).

Wie sich diese kirchlichen Besitzverhältnisse in den Gemeinden Schlettau, Elterlein und Hermannsdorf scharf auswirkten, berichtet der vormals Hermannsdorfer Lehrer Herbert Zimmermann. Die westliche Flurgrenze von Hermannsdorf bildete damals eine vierfache kirchliche Grenze, und zwar zwischen den Bistümern Meißen und Naumburg, zwischen dem Chemnitzer und Transmuldanischen Archidiakonat, zwischen den Landkapiteln Wolkenstein und Lößnitz und den Gemeinden Hermannsdorf und Elterlein. Ein ähnliches Zusammentreffen lag noch an der Südwestecke von Hermannsdorf vor zwischen dem Bistum Meißen bezw. seinen Gliedern und dem Erzbistum Prag und seinen Untergliedern, also auch zwischen den Gemeinden Hermannsdorf und Schlettau.

Diese kirchlichen Grenzen blieben noch lange bestehen, als sich die weltlichen schon weithin geändert und die Wettiner die verschiedenen Teile unseres Gebirges vereinigt hatten. So entstanden Überschneidungen von politischen und kirchlichen Grenzen, gegen die die gegenwärtigen in unserm Kirchenbezirk nicht der Rede wert sind. In der kirchlichen Zugehörigkeit aber spiegelten sich noch sehr lange die ersten Zeiten wider.

Unter den Landkapiteln.