Herrengeschlechter im Erzgebirge

H. Zimmermann, Scheibenberg.

Noch in der Mitte des 12. Jahrhunderts bedeckten dunkle Wälder die Höhen unseres Erzgebirges zwischen dem Zwickauer Gau im Westen einerseits und Frauenstein, Tharandt und Freiberg im Osten andererseits. Dieses große Waldland zwischen Böhmen und dem Daleminzerlande bezeichnete Kaiser Friedrich I. als die Südgrenze des ursprünglichen Klostergebietes von Altzella. In dieses Grenzwaldgebiet stießen jüngere Söhne alter Adelsgeschlechter aus dem Reiche vor und hofften, sich hier in dem Niemandsland Macht und Ansehen zu erwerben.

Wer wurden die Gebietsherren? Ein Teil der alten Mark Meißen unterstand den großen Vasallen des Reiches und der böhmischen Krone. Ein Teil unterstand dem Landesherrn, dem Markgrafen von Meißen aus dem Hause Wettin, unmittelbar in „Vogteien“ und Ämtern. Auch die bedeutenden Zisterzienserabteien Altzella und Grünhain hatten großen Anteil an dem fraglichen Gebiet.

Unser westliches Obererzgebirge erschlossen vor allem die Burggrafen von Meißen mit ihrer Grafschaft Hartenstein und die Reichsministerialen von Waldenburg mit ihren Vasallen zur Zeit der grundherrlich-bäuerlichen Siedlung im 12. und 13. Jahrhundert. Die Herrschaft Hartenstein bildete ursprünglich einen Teil des alten Gaues Zwickau und erstreckte sich am Laufe des Schwarzwassers und der Mulde entlang bis hinauf zum Kamme des Gebirges. Die Herrschaft wuchs bald über die nächste Umgebung der Burg und des Städtchens Lößnitz, das den Kern bildete, hinaus. Immer weiter erstreckte sich das Gebiet der Hartensteiner ins obere Erzgebirge, Schließlich stellte die Grafschaft Hartenstein eine große Besitzeinheit dar. Sie umfaßte außer den jetzigen Herrschaften Hartenstein und Stein auch noch die Herrschaft von Wildenfels mit allen Zugehörigkeiten, die Stadt Lößnitz, das Gebiet des ehemaligen Klosters Grünhain, die Städte Elterlein, Scheibenberg, Wiesenthal, die Orte Thierfeld, Beutha, Nieder- und Oberaffalter, Alberoda, Mittweida, Scheibe, Pöhla, Crottendorf und noch andere Orte. Die Grenze der Grafschaft lief am rechten Ufer der Mulde, des Schwarzwassers und der Rittersgrüner Pöhla hinauf zum Fichtelberg. Diesen umschloß sie vollkommen. Dann folgte der Rain der Wiesenthaler Pöhla, lief an Neudorf, Crottendorf, Scheibenberg vorüber und wandte sich längs der Grenzen der Herrschaften Schlettau und Belberg nordwärts bis an die Flur von Geyer. Dort bog die Grenze scharf nach Westen um nach Zwönitz. Schließlich verlief sie im weiten Bogen um Lößnitz, Hartenstein und Wildenfels herum zur Mulde. Jenseits des Flusses umfaßte sie noch die Dörfer Langenbach und Wildbach.

Am Ausgange des 13. Jahrhunderts erwarb Meinher III. Burggraf zu Meißen und Graf von Hartenstein, auch noch die an seine Grafschaft Hartenstein grenzende Herrschaft Belberg. Sie umfaßte die Dörfer Kleinrückerswalde, Geyersdorf, Frohnau, Dörfel, das halbe Tannenberg rechts der Zschopau und das um 1400 bereits eingegangene Dorf Burgdorf. Auch der Sauwald gehörte zu dieser Herrschaft. Sehr wahrscheinlich lag um 1300 herum auch das Dorf Hermannsdorf innerhalb des Bereiches der Herrschaft Belberg. Dieses Dorf dürfte etwa um 1308 dem Kloster Grünhain geschenkt worden sein. Vor den Meinheringern waren im 13. Jahrhundert wahrscheinlich die Burggrafen von Altenburg die Besitzer der Herrschaft. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ursprünglich das Gebiet um den Pöhlberg zum Besitze der Waldenburger auf Wolkenstein zählte. Vielleicht bekam eins eine Waldenburgerin die Herrschaft Belberg als Heiratsgut mit und gelangte auf diese Weise an die Altenburger und später an die Meißener Burggrafen. Durch diese Gebietserwerbung besaßen die Burggrafen zu Meißen aus dem Geschlechte der Meinheringer fast das gesamte Obererzgebirge als Reichslehn. Sie waren in ihren Besitzungen von den Markgrafen von Meißen vollkommen unabhängig. Sie unterstanden allein dem Kaiser und dem Reiche. Nur die Herrschaft Schlettau mit Schloß und Stadt Schlettau, den Dörfern Walthersdorf, Cranzahl, Sehma, Cunersdorf und Königswalde links der Pöhla, die sogenannte Amtsseite gehörte nicht zum Besitz der Hartensteiner. Über die Entstehungszeit des Schlettauer Schlosses im Mündungsdreieck der Zschopau und der Roten Pfütze inmitten einer sumpfigen Gegend herrscht noch vollständiges Dunkel. Vielleicht entstand es bereits kurz nach der Jahrtausendwende als Straßenburg an der alten Salzstraße, die von Halle kommend über den Preßnitzer Paß nach Prag führte. Urkundlich wird Schlettau zum ersten Male im Jahre 1351 erwähnt. Am 24. März dieses Jahres stellte der deutsche Kaiser Karl IV. in seiner Eigenschaft als König von Böhmen zu Prag einen Lehnbrief aus. In diesem Schriftstück belehnte er die beiden Brüder Friedrich und Bernhard von Schönburg mit den Herrschaften Hartenstein, Preßnitz und Schlettau als erbliches Mannlehn. Die Schönburger waren damals ein reich begütertes Adelsgeschlecht. Die beiden Brüder Bernhard und Friedrich gehörten einer Seitenlinie des Schönburger Hauses an, nämlich der Linie Crimmitschau-Hassenstein. Im Bekenntnisbrief vom 25. Mai 1351 bezeichneten sie den Hassenstein als ihr Stammschloß. Um diese Zeit gehörte also die gesamte Herrschaft Schlettau zur böhmischen Krone. Friedrich von Schönburg starb ums Jahr 1360. Die Herrschaft Schlettau ging nun in den Alleinbesitz Bernhards von Schönburg über.

Dieser bemühte sich eifrig, die Vorteile seiner Besitzung zu vertreten. Auf das beständige Bitten des Bernhard von Schönburg befreite Karl IV. am 2. Juni 1367 Schlettau und die dazu gehörenden Dörfer von den böhmischen Einfuhrzöllen. Diese zu Stollberg gegebene Urkunde gestattete den Bewohnern der Herrschaft Schlettau, ohne Steuer und ohne Zoll aus allen Teilen Böhmens Pferde, Rinder, Schweine und andere Tiere, ebenso Getreide und andere beliebige Waren nach Bedarf für ihren Gebrauch einzuführen. Daraus ersehen wir, daß damals bereits reger Grenzverkehr bestand und die Schlettauer Herrschaft auf eine nicht unbedeutende Einfuhr aus dem Nachbarlande Böhmen angewiesen war.

Bernhard von Schönburg starb im Jahre 1393. Nach seinem Tode fiel die Herrschaft Schlettau an seinen Sohn Fritz, von dessen Geschwistern 2 Brüder in den Deutschritterorden eintraten. Die Schönburger übten in Schlettau auch das Patronatsrecht aus. Sie besaßen also für die Schlettauer Kirche das Besetzungsrecht für die Pfarrerstelle.

Die Geldverhältnisse der Adelsfamilie scheinen nicht besonders gut gewesen zu sein. Dies ergibt sich aus einem am 10. August 1405 in Hassenstein gegebenen Schriftstück. In diesem Schreiben befreiten Fritz von Schönburg und seine Frau Elisabeth die Stadt Schlettau von der Bethe. Die Bethe war eine Steuer, die in Ochsen, in Haferfuhren, in Pferden und in Briefsendungen bestand. Dafür verlangte der Adelsherr von nun an für sich und seine Nachkommen eine bestimmte Geldsumme, jährlich 50 Schock Prager Münze. Davon sollten 20 zu Walpurgis, am 25. Februar, und 30 zu Michaelis, am 29. September, bezahlt werden. Diese Steuerforderung war für die damaligen Verhältnisse kaum erschwinglich.

Die geldlichen Verhältnisse des Fritz von Schönburg auf Hassenstein besserten sich nicht, obgleich er von den Schlettauern jährlich so eine hohe Geldsumme vereinnahmte. Die Not zwang ihn, am 20. Januar 1413 die gesamte Herrschaft Schlettau mit allen Rechten, Renten, Zinsen und Nutzungen für 840 Schock böhmische Groschen an das Kloster Grünhain abzutreten. Außerdem erhielt der Schönburger drei Dörfer bei Komotau. Damit endete für Schlettau die Zeit der Schönburgischen Herrschaft.

Nun begann für die Herrschaft Schlettau eine neue bedeutsame Zeit. Die Grünhainer Äbte übten fortan als Besitzer der Herrschaft auch die Amtsgewalt in dem umfangreichen Herrschaftsbereich aus. So wurden im Schlettauer Schloß die großen Gerichtstage abgehalten. In jenen Tagen fand hier auch die Gerichtsverhandlung gegen den Raubritter Nickel Mönch statt. Am 3. August 1435 mußte er hier im Rittersaal Urfehde schwören.

Man könnte nun meinen, daß das Kloster vom Jahre 1413 an bis zu seiner Aufhebung 1536 im Besitze der Schlettauer Pflege geblieben sei. Dem ist jedoch nicht so. In die Zeit der Klosterherrschaft fällt der furchtbare Hussitenkrieg. Er brachte über die Herrschaft schweres Unglück. 1429 drangen die Hussiten über das Gebirge und verwüsteten Städte und Dörfer, raubten und plünderten allerorten. Auch in das Städtchen Schlettau drangen die Feinde ein und zerstörten es vollkommen. Selbst das Kloster Grünhain fiel in Schutt und Asche.

Nach dem Abzug der Hussiten suchte der Abt Eberhard von Grünhain das zerstörte Kloster wieder aufzubauen. Woher sollte er aber das Geld nehmen? Da kam er auf den Gedanken, das Amt Schlettau für 800 Schock Groschen an den Kurfürsten Friedrich den Sanftmütigen von Meißen zu verpfänden. Der Kurfürst aber versetzte es weiter, als er sich im Bruderkriege verschiedene Edelleute zum Waffendienste verpflichtete. Auch mit Nikolaus von Lobkowitz, dem neuen Besitzer der Feste Hassenstein, schloß er einen Vertrag ab. Dieser sollte für seine Dienste jährlich 200 Schock vom Kurfürsten erhalten. Der Hassensteiner erhielt das Recht, die Herrschaft Schlettau zu besetzen, wenn der Kurfürst seine Verpflichtungen nicht erfüllte.

Als der unselige Bruderkrieg zu Ende ging, hatte Nikolaus von Lobkowitz noch nichts für seine geleisteten Kriegsdienste vom Kurfürsten erhalten. Inzwischen war die kurfürstliche Schuld auf 600 Schock Groschen angewachsen. Die wiederholten Mahnungen blieben erfolglos. Der Kurfürst hatte eben kein Geld. Da ließ der von Lobkowitz am 10. April 1453 durch seinen Söldnerhauptmann Nickel Dachs mit 200 Böhmen Stadt und Schloß Schlettau besetzen. Der Kurfürst war über das Verhalten seines Vasallen äußerst entrüstet. Sofort schickte er ein 3000 Mann starkes Heer unter Führung des Veit von Schönburg, des Antonius von Schönberg und des Kaspar von Rechenberg. Das Schloß wurde belagert und berannt. Am 23. April 1453 mußte sich Nickel Dachs ergeben und verbrachte 4 Jahre lang als Gefangener im Schlettauer Burgverließ. Erst 1457 wurde in einem Vertrage zu Wolkenstein der Streit zwischen dem Kurfürsten und dem Nikolaus von Lobkowitz beendet. Um seinen Verpflichtungen nachkommen zu können, versetzte der Kurfürst inzwischen die Herrschaft Schlettau an den reichen Sigismund von Miltitz. 1464 endlich konnte der Grünhainer Abt die seinerzeit erhaltenen 800 Groschen dem Kurfürsten zahlen und dieser kaufte die Herrschaft für die gleiche Summe aus den Händen des Sigismund von Miltitz zurück. So kam Schlettau also nach reichlich 30 Jahren wieder zum Kloster Grünhain und verblieb bei diesem bis zur Auflösung der Abtei im Jahre 1536.

Die Schlettauer Herrschaft fiel nun an den Kurfürsten und bildete von 1536 an ein selbständiges kurfürstliches Amt. In der Landeshoheit war bereits in der Mitte des 15. Jahrhunderts ein Wechsel eingetreten. Von der böhmischen Krone ging es an Sachsen über.

Das Schloß zu Schlettau wurde von nun an Sitz der kurfürstlichen Amtei. Unter den Amtsleuten ragte besonders Wolf Tiefstetter hervor, der Heerführer und Freund des Kurfürsten. In den Jahren 1568 bis 1572 wurde das Amt Schlettau mit dem Amte Stollberg vereinigt. Dann erhielt es seine Selbständigkeit. Aber bereits 1578 oder spätestens 1590 wurde Schlettau endgültig dem Klosteramte Grünhain einverleibt.

Am 15. November 1571 kaufte der Kurfürst Vater August das Schloß für 2000 Gulden dem Staate ab. Er und viele seiner Nachfolger waren leidenschaftliche Jäger. Das inmitten einer waldreichen Gegend gelegene Schloß wurde vom Kurfürsten zu einer Forstmeisterei auserwählt. Von 1634 an war es der Sitz einer kurfürstlichen Oberforst- und Wildmeisterei. Eine glänzende Zeit brach an, denn über 150 Jahre lang bewohnten Glieder der vornehmsten sächsischen Adelsgeschlechter als kurfürstliche Forstbeamte das alte Schloßgebäude. Wiederholt kamen auch der Kurürst Johann Georg und andere hohe Herrschaften nach Schlettau und nahmen im Schlosse Wohnung. Das Gefolge des Kurfürsten stieg im nahen Reuterhaus ab. Dieses ließ der Oberforstmeister von Carlowitz nach dem großen Stadtbrande von 1700 neu aufrichten. Über der Eingangstür dieses Gebäudes am Schloßplatze prangt noch heute das Wappen der Familie von Carlowitz. Darunter lesen wir die Jahreszahl 1701.

Zur Zeit August des Starken wurde wenig zur Erhaltung der Schloßgebäude getan. Um 1750 befanden sie sich daher in einem recht schlechten baulichen Zustand. Immer wieder klagten die Forstmeister darüber und forderten vom Kurfürsten gründliche Instandsetzungsarbeiten. Graf Brühl stellte wohl 400 Taler zu Ausbesserungsarbeiten bereit, aber sie reichten bei weitem nicht. Anscheinend fehlten der kurfürstlichen Kasse die notwendigen Gelder zu einer durchgreifenden Erneuerung des alten Bauwerkes. So ließ es sich nicht verhindern, daß die Gebäude mehr und mehr dem Verfall entgegengingen. Im Jahre 1786 schilderte der neue Oberforstmeister von Lindenau noch einmal dem Kurfürsten die Baufälligkeit des Schlosses. Er schlug vor, die Oberforstmeisterei nach Schneeberg zu verlegen und das Gebäude zu versteigern. So geschah es auch im Jahre 1796. Ernst Wunnerlich erstand den gesamten Schloßbesitz für 28 Taler 12 Groschen. Damit gelangte das Schloß in den Besitz der Familie Naumann. Der letzte dieses Geschlechtes, der Hauptmann a. D. Karl Naumann, rettete es vor dem gänzlichen Verfall. Er beabsichtigte, das Schloß in seiner alten Pracht wieder herzustellen, aber der Weltkrieg zerstörte seine Pläne. Vor einigen Jahren ging das Schloß in den Besitz der Stadt Schlettau über.

Nun kehren wir zu dem Burggrafen von Meißen und Grafen von Hartenstein zurück. Woher und wann kamen sie in das Erzgebirge? Im 12. Jahrhundert gehörte die Grafschaft dem Meinher von Werben. Er kam aus dem Pleißenlande. Mit Markgraf Otto dem Reichen stiftete er 1173 das Klösterlein Zelle bei Aue und begabte das Kloster mit 60 Hufen Neubruchland, die teilweise auf Hartensteiner Gebiet lagen. Dieser Meinher von Werben war also der Stammvater der späteren Grafen von Hartenstein aus dem Geschlechte der Meinheringer. Er wurde später zum Burggrafen von Meißen ernannt.

Meinher von Werben hatte als Vasallen Dudo von Meineweh und den Ritter Heidenreich von Grünhain, später von Stein. Dudo von Meineweh saß vermutlich auf Schloß Wildenfels. Er kam mit Meinher von Werben aus dem Osterlande und nahm von diesem die Burg Wildenfels zu Lehen.

Der andere Vasall, Heidenreich von Grünhain, saß ursprünglich als burggräflicher Vasall in Grünhain, bis sein Lehen für das Kloster Grünhain bestimmt wurde. Dann tauchte er auf dem Schlosse Stein auf und führte den Namen Heidenreich von Stein. Die Burg Stein wurde 1406 als Zubehör von Hartenstein bezeichnet. Die tatsächliche Trennung Steins von Hartenstein erfolgte erst im Jahre 1702. Damals entstand eine Herrschaft Stein mit der Stadt Lößnitz als Mittelpunkt.

Das Hartensteiner Gebiet erhob man führzeitig zur Grafschaft. Der Name der Grafschaft Hartenstein kommt zuerst 1280 in einer Urkunde Kaiser Rudolf von Habsburg vor. Aus dieser kaiserlichen Urkunde geht eindeutig hervor, daß die Grafschaft Hartenstein von Anfang an ein unmittelbares Reichslehen gewesen ist. Der Sohn Meinhers von Werben, Meinher II., gehörte zu den Stiftern des Zisterzienserklosters Grünhain, das im Jahre 1233 vom Kloster Buch bei Leisnig aus gegründet wurde. 1240 schenkte Meinher II. dem Kloster die 10 Dörfer Beierfeld, Sachsenfeld, Bernsbach, Raschau, Westerfeld, Dittersdorf, Wildenau, Schwarzbach, Markersbach und Scheibe. Sie alle lagen auf Hartensteiner Boden. Also besaßen die Meinheringer damals in unserer Gegend schon einen recht stattlichen Besitz. Die Stadt Lößnitz war zur Zeit der Meinheringer gewissermaßen die Hauptstadt der Grafschaft. Die Hartensteiner Grafen wohnten auf der trutzigen Burg Hartenstein, wenn sie in das westliche Erzgebirge kamen.

Auch im östlichen Erzgebirge erlangten die Meinheringer Besitz. Dort erwarben sie 1329 die Herrschaft Frauenstein, ein bis dahin markgräfliches Amt. Sie besaßen diese bis zum Aussterben des Geschlechtes im Jahre 1429.

Einen gewaltigen Besitz beherrschten die Meißener Burggrafen am Ausgange des 14. Jahrhunderts. Für die Dauer konnten sie ihn aber nicht behaupten. Das stolze Adelsgeschlecht der Meinheringer geriet in vollkommen zerrüttete Vermögensverhältnisse. Diese Umstände zwangen den Burggrafen Heinrich I. im Jahre 1406, die Grafschaft Hartenstein mit Ausnahme der Grafschaft Belberg für „8000 gute alte rheinische Gulden, gut am Gelde, schwer genug an Gewichte, die zu den gang und gebe sind“, an Veit von Schönburg, dem Herrn zu Glauchau, zu verpfänden. Nach 8 Jahren wollte Heinrich I. seine Grafschaft wieder zurückkaufen. Es war ihm aber nicht möglich, seinen alten Besitz wieder einzulösen. Und so belehnte Kaiser Sigismund im Jahre 1417 den Veit von Schönburg mit der Grafschaft Hartenstein.

Die Vermögensverhältnisse der Meinheringer gesundeten nicht wieder. Immer trostloser gestaltete sich die wirtschaftliche Lage des einst so reichen Geschlechtes. Diese traurigen Zustände nötigten den Burggrafen Heinrich I., am 7. März 1411 auch noch die Herrschaft Belberg für 900 gute alte rheinische Gulden an die Markgrafen Friedrich und Wilhelm II. von Meißen zu verpfänden. Der Burggraf behielt sich das Recht vor, das Gebiet jederzeit wieder einzulösen. Aber Heinrich I. starb 1423, ohne daß es ihm gelungen war, die Herrschaft Belberg wieder in den Besitz seines Geschlechtes zu bringen. Und sein Sohn, Heinrich II., kam auch nicht dazu. Er fiel am 15. Juni 1426 in der blutigen Hussitenschlacht bei Aussig. Mit ihm erlosch das alte Geschlecht der Meinheringer, das mehrere Jahrhunderte hindurch unser westliches Obererzgebirge beherrscht hatte.

Die Herrschaft Belberg fiel nunmehr an die Wettiner. Zunächst scheint die Herrschaft von Schellenberg, später von Wolkenstein aus mit verwaltet worden zu sein. Schließlich bildeten die Wettiner das Mühlenamt Annaberg aus den Dörfern Kleinrückerswalde, Frohnau und Geyersdorf. Der Verwaltungsmittelpunkt befand sich in der Frohnauer Herren- oder Amtsmühle. Von 1516 bis 1794 lag der Sitz des kurfürstlichen Mühlenamtes in Annaberg. Zwei Mal verpfändete der Kurfürst das Amt an den Rat der Stadt Annaberg und zwar in den Jahren 1553 bis 1570 und 1701 bis 1721. 1794 vereinigte man das Mühlenamt mit dem alten Amte Wolkenstein und die Verwaltung befand sich von nun an im Wolkensteiner Schlosse. Von 1819 bis 1860 gehörten die Dörfer des ehemaligen Mühlenamtes zur Amtshauptmannschaft Niederforchheim. Im Jahre 1860 wurde deren Sitz nach Annaberg verlegt.

Die Besitzungen der Meinheringer fielen also am Anfange des 15. Jahrhunderts den Wettinern und zum größten Teile denHerren von Schönburg zu. Die Schönburger mußten aber bereits 1456 als Herren der Grafschaft Hartenstein den Markgrafen von Meißen gegenüber in das Untertanenverhältnis treten. Nur 120 Jahre erfreuten sich die Grafen von Schönburg des Besitzes der ganzen Grafschaft Hartenstein. In der Mitte des 16. Jahrhunderts setzten die umfangreichen Landerwerbungen des Kurfürsten Vater August ein. Ihm gebührt für die Ausdehnung des staatlichen Einflusses besonderer Dank. Im Jahre 1559 mußten die unmündigen Brüder Georg, Hugo und Wolf von Schönburg dem Kurfürsten den oberwäldischen Teil ihrer Grafschaft für 146 000 Meißner Gulden verkaufen. Dadurch verloren die Schönburger drei Viertel der alten Grafschaft Hartenstein an Sachsen. Dazu gehörten Wiesenthal, Crottendorf, Scheibenberg, Elterlein und die Geyer’schen Räume, die jetzigen Hermannsdorfer Wiesen. Außerdem fielen an den Kurfürsten Neudorf, Rittersgrün, Großpöhla, Mittweida und Scheibe samt allen zugehörigen Hammerwerken, Kalkbrüchen, Bächen und den ausgedehnten Wäldern des Fichtelberggebietes. Dem Kurfürsten war es bei dem Ankaufe besonders um die schönen Wälder mit dem Jagdrecht, dem Wildbann, sowie um die Hammerwerke in den Flußtälern zutun gewesen.

Der Landesherr verwandelte die bisherige obere Grafschaft in das Amt Crottendorf, das noch um 1670 selbständig war. Als Amtshaus diente das heutige Erbgericht. In den früheren Jahren hatte es stets Adelsfamilien als Besitzer. Auf seinen Fluren wurde im Jahre 1713 zuerst im Erzgebirge der Kartoffelanbau versucht. In der Nähe des Amtshauses ließ sich Kurfürst Johann Georg I. ein Jagdschloß errichten. Die letzten Reste dieses Baues sollen 1864 zum Häuserbau verwendet worden sein. Nach dem Jahre 1670 teilte man das Amt Crottendorf auf. Den Hauptanteil schlug man zum Amte Schwarzenberg. Einzelne Städte und Dörfer traten zum Amte Grünhain über.

Den Grafen von Schönburg auf Hartenstein verblieb nur der niedere kleine Teil der Grafschaft. Heute noch blüht das Geschlecht der Schönburger als eines der ältesten Adelsgeschlechter unseres Vaterlandes. Noch immer sind sie Besitzer der alten Feste Hartenstein und anderer sächsischen Burgen.

Eifrige Förderer deutscher Kolonisation und deutschen Anbaues im Erzgebirge waren die Herren von Waldenburg. Dieses Geschlecht gehörte zu den angesehendsten Adelsfamilien des Landes. Seine Heimat lag im Frankenlande. Der Stammvater der Waldenburger war vermutlich Hugo von Wartha. Er erbaute in der Zeit zwischen 1164 und 1171 die Burg Waldenburg an der Mulde. Später gab die Familie ihren alten Namen „von Wartha“ auf und nannte sich nach der neuen Burg „von Waldenburg“. Von der Mulde drang das Geschlecht ostwärts bis ins Erzgebirge vor und erwarb hier ausgedehnte Besitzungen. Um 1200 mögen die Herren von Waldenburg im Obererzgebirge bereits reich begütert gewesen sein. Jedenfalls besaßen sie 1241 die Herrschaft Wolkenstein vom Reiche als Lehen.

Außerdem besaßen sie noch die Herrschaft Rabenstein, die Schutzvogtei des Berglosters zu Chemnitz, die kleine Herrschaft Rauenstein, die Burg Zschopau mit einzelnen Dörfern und auch Scharfenstein stand den Herren von Waldenburg zu. Sie erbauten sicherlich die trutzig vom steilen Felsen ins Zschopautal schauende Burg Scharfenstein als Nebenburg Wolkensteins. Zum Zubehör der Herrschaft Scharfenstein zählten im Jahre 1386 Mildenau, Grumbach, Jöhstadt und andere Orte, die damals an die Witwe Anargs von Waldenburg als markgräfliches Lehen verliehen wurden. Die Dörfer der Waldenburgischen Herrschaften wurden bald zu Scharfenstein, bald zu Wolkenstein geschlagen. So gehörte Königswalde rechts der Pöhla im Jahre 1386 zu Wolkenstein, 1439 aber zu Scharfenstein. Die rechte Dorfseite von Königswalde mag kurz nach 1200 von den Edlen zu Waldenburg auf Wolkenstein gegründet worden sein. Es bildete ein selbständiges Dorf und trug den Namen Lichtenhain. Dieses Dorf gehörte im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts mit den Dörfern Streckewalde, Mildenau, Reichenau und Mauersberg zum Kloster Buch bei Leisnig. Um 1280 fielen die Altenburger Burggrafen, die damals wahrscheinlich die Besitzer der Herrschaft Belberg waren, in das Klostergebiet ein und brannten die Dörfer nieder. Darauf erwarben die Waldenburger die verwüsteten Ortschaften wieder, die früher bereits zu ihrem Besitz gehört hatten. Auch das rechts des Pöhlbaches gelegene Dorf wurde wieder aufgebaut. Es erhielt nun ebenfalls den Namen Königswalde, wie die gegenüberliegende Nachbargemeinde. Die Besitzer der rechten Dorfseite wechselten sehr oft. Im Jahre 1512 erwarb es der Annaberger Bürger Paul Thumshirn vom Grafen Heinrich von Einsiedel auf Scharfenstein. Noch im gleichen Jahre verkaufte der neue Besitzer das halbe Dorf mit allen dazugehörigen Wäldern an den Rat der Stadt Annaberg. Von nun an erhielt dieser Teil des Dorfes den Namen Ratsseite. Erst 1875 vereinigten sich die Ratsseite und die Amtsseite zu einer politischen Gemeinde Königswalde.

In Tannenberg errichteten die Edlen von Waldenburg im 13. Jahrhundert eine Paßklause. Heute noch sehen wir die Überreste eines alten Ritterturmes als letzten Zeugen der früheren Befestigungsanlage, die 1429 von den Hussiten zerstört worden sein soll. Das Rittergut Tannenberg ging 1433 in den Besitz der Gebrüder Koppen über. Wenige Jahre später besaß es Christoph von Brandenstein. 1448 erscheint Jobst Fraßen als Besitzer des Gutes. Unter den Vasallen des letzten Herrn von Waldenburg wird ein Nickel Fraß auf Tannenberg genannt. 1465 treten die Herren von Reitzenstein als Besitzer des Dorfes auf, während das Rittergut erst 1501 in den Besitz dieser Familie überging. Matthes von Reitzenstein bildete 1502 ein eigenes Kirchspiel Tannenberg. Bis dahin war die rechte Seite von Tannenberg nach dem nahen Hermannsdorf eingepfarrt gewesen. 1520 kaufte der Annaberger Ratsherr Martin Schnee den Edelhof Tannenberg und von 1532 bis 1612 befand sich Tannenberg im Besitz derer von Hartitzsch. 1616 kam das Rittergut und das ganze Dorf an die Herren von Bünau. In den folgenden Jahren wechselten noch oft die Besitzer. Heute befinden sich die ehemaligen Rittergutswaldungen in den Händen der Familie Rudolph-Buchholz, während die Rittergutsgebäude Eigentum der Gemeinde Tannenberg sind.

Auch eine Burg Greifenstein besaßen die Herren von Waldenburg. Das Bestehen dieser Feste kann allerdings nur noch aus Urkunden erschlossen werden. In dem Garantievertrag Kaiser Karls IV. für die Wettiner vom 25. November 1372 wird eine Burg Greifenstein genannt, obgleich sie im markgräflichen Lehnbuche von 1349 noch nicht erwähnt wurde. Sie muß also erst nach 1349 erbaut worden sein. Aber bereits 1407 hört man nichts mehr von ihr. War sie da schon wieder eingegangen oder zerstört worden? Sicherlich hatte sie die 3 Bergbausiedlungen Ehrenfriedersdorf, Geyer und Thum zu schützen gehabt. 1377 schlossen die Herren Hans der Ältere und Hans der Jüngere von Waldenburg auf Wolkenstein einen Vertrag mit dem Markgrafen über ihre Bergwerke zu Geyer, Ehrenfriedersdorf und Thum.

1381 trat ein Heydenreich von der Wiesen auf Schönfeld und 1385 ein Heinz von der Wiese als Zeuge unter den Mannen der Herren von Waldenburg auf. 1440 besaß Hans von der Wiese das Rittergut Wiesa und Geringswalde bei Wolkenstein. In den folgenden Jahrhunderten wechselten die Besitzer des Rittergutes Wiesa sehr oft. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gehört es der Familie Wecke. Der jetzige Besitzer, Dr. Richard Wecke, bewirtschaftet das Rittergut seit dem Jahre 1908.

Als Besitzer des Rittergutes Schönfeld werden um 1430 Hans von Schönberg und dann Friedrich von Schönberg genannt. 1535 besaß ein Kaspar von der Oelsnitz das Gut. Aus dem Besitze dieses Adelsgeschlechtes kam es 1553 vorübergehend in den Besitz der Stadt Annaberg, die es aber bereits 1581 an den kurfürstlichen Kreishauptmann Kohlreuther wieder veräußerte. Und nun kam es bald an adlige, bald an bürgerliche Besitzer, bis es 1868 an die Familie Wecke fiel. Diese Familie besaß beide Rittergüter Schönfeld und Wiesa bis zum Jahre 1932. In diesem Jahre wurde das Rittergut Schönfeld in 9 Bauernhöfe aufgeteilt.

Gelenau findet man schon frühzeitig als ein Lehen der Herrschaften Schellenberg und Wolkenstein. Bei Schellenberg ging oft die ganze südlich des Dorfbaches gelegene Dorfseite mit Pfarre, Kirche und dem halben Lehngericht zu Lehn, während fast die ganze nördliche Dorfseite mit Rittergut, Vorwerk und der anderen Hälfte des Lehngerichtes zu Wolkenstein gehörte. Anarg von Waldenburg verkaufte jedoch 1414 die nördliche Dorfseite an den Burggrafen von Leisnig. Aber schon nach kurzer Zeit kaufte er sich zurück. Nach einem Lehnbriefe vom 28. August 1466 verlieh er diese Dorfhälfte an die Gebrüder von der Oelsnitz. Nachdem das Geschlecht der Waldenburger 1479 ausgestorben war, ging ihre Lehngerechtigkeit auf die Herzöge von Sachsen aus dem Hause Wettin über. Später fiel sie mit dem Amte Wolkenstein an Herzog Heinrich den Frommen. Unter ihm gelangte die Wolkensteiner Seite Gelenau’s in den Besitz der Familie von Schönberg. Am 30. Mai 1533 kaufte Friedrich von Schönberg für 5200 Gulden von den Gebrüdern Kaspar und Kunz von der Oelsnitz den Rittersitz Gelenau, das Vorwerk, Schäfereien samt der nördlichen Dorfseite mit den Ober- und Niedergerichten, ebenso die Hälfte des Lehngerichtes, die Zehnten von den Feldern an der Wiltzsch und an dem Greifenbach. Die zur Herrschaft Schellenberg gehörige südliche Dorfhälfte Gelenau’s mit dem halben Lehngerichte kam 1324 unter die Oberlehnshoheit der Markgrafen von Meißen. Diese Lehngerichtshälfte besaßen die von Reinsberg. Herzog Georg erwarb von diesen die Schellenberger Lehngerichtshälfte und überließ sie Friedrich von Schönberg, sodaß dieser von 1540 an das gesamte Lehngericht besaß. 1647 erwarb Hans Georg von Schönberg auch noch die Südseite Gelenau’s für 3000 Gulden. Von nun an gehörte auch das gesamte Dorf zum Besitze der Herren von Schönberg. Beide Dorfseiten blieben aber getrennt. Jede Dorfhälfte hatte ihren eigenen Richter und Gemeindevorsteher. Über 350 Jahre lang blieben die Herren von Schönberg die Besitzer von Gelenau. Erst am 18. Dezember 1907 erwarb die Gemeinde Gelenau das Rittergut.

Nach dieser Abschweifung kehren wir zu den Herren von Waldenburg auf Schloß Wolkenstein zurück. Sie nannten im 13. und 14. Jahrhundert weit ausgedehnte Besitzungen im Obererzgebirge ihr Eigen. Sie dehnten ihr Gebiet immer mehr aus, als auch in ihnen die Lust am Bergbau erwachte. Bei Geyer, Ehrenfriedersdorf und Thum blühte bereits zu Anfang des 14. Jahrhunderts der Zinnbergbau. Jedenfalls trug er wesentlich dazu bei, die Macht dieses mächtigen Herrengeschlechtes noch zu erweitern. Das erkennen wir auch aus einem Vertrage der Waldenburger mit den Landesherren vom Jahre 1407, in dem sich die Markgrafen verpflichteten, ohne eine Einwilligung derer von Waldenburg bei einer halben Meile von Geyer, Ehrenfriedersdorf und Thum entfernt keinen Jahrmarkt zu gestatten.

Auch das mächtige Geschlecht derer von Waldenburg konnte sich nicht ungetrübt seines Besitzes erfreuen. Bald stellten sich auch bei ihnen Geldsorgen ein und es klopfte die Not an. Der wirtschaftliche Zusammenbruch der Familie von Waldenburg ist zum Teil durch ihre Siedlungstätigkeit verursacht worden, denn sie erschlossen mit ihrem Gelde weite Gebiete des Erzgebirges. Für die Dauer konnten auch die reichen Besitzer Wolkensteins so hohe Belastungen nicht ertragen. Dazu verstanden die Waldenburger durchaus nicht, durch sparsames Wirtschaften ihren umfangreichen Besitz zusammenzuhalten. Nein, sie verschleuderten Stück um Stück. Zum Schaden des Geschlechtes waren die Edelleute zu freigiebig gegen die Kirche. So widmeten die Herren von Waldenburg im Jahre 1381 der Kirche zu Ehrenfriedersdorf die beiden Dörfer Berbisdorf und Eibenberg zu einer ewigen Frühmesse. Das Dorf Arnsfeld wurde 1438 oder bereits 1385 der Kirche zu Wolkenstein geschenkt. Viele der Waldenburger waren auch sehr fehdelustige Herren und wurden oft in Streitigkeiten mit Adligen verwickelt. Diese Fehdelust brachte der Adelsfamilie auch manchen Verlust. Während des Hussitenkrieges stritten die Herren von Waldenburg gar eifrig im Dienste der Markgrafen von Meißen gegen die wütenden Hussiten. Diese furchtbaren Kämpfe brachten dem Herrengeschlechte auf Wolkenstein ebenfalls schwere Verluste an Land und Geld, denn gerade in der Herrschaft Wolkenstein hausten die Feinde in schrecklicher Weise. Durch mancherlei Umstände gerieten also die einst so reich begüterten Herren von Waldenburg oft in arge Geldverlegenheit. Die Not zwang sie schließlich dazu, von ihrem umfangreichen Besitz Stück für Stück zu veräußern, um die Schulden bezahlen zu können. So verkauften sie 1439 die Burg Scharfenstein mit den dazugehörigen Dörfern, darunter Königswalde rechts der Pöhla, und mit den drei Orten Geyer, Ehrenfriedersdorf und Thum an den Kurfürsten. Den Wettinern war abermals ein weiterer Fortschritt ihrer planmäßig betriebenen Ausdehnungspolitik gelungen. Der Landesherr bildete aus dem erworbenen Gebiet ein kurfürstliches Amt Scharfenstein. Es bestand aber nur von 1445 bis 1472. Nachdem 1478 die Orte Geyer, Ehrenfriedersdorf und Thum abgetrennt worden waren, wurde das übrige Gebiet an adlige Schloßgesessene verlehnt. Scharfenstein selbst wurde Rittergut und gelangte 1492 in den Besitz der Grafen von Einsiedel, die zum erzgebirgischen Uradel zählten. Bis vor wenigen Jahren behauptete sich diese Familie auf dem Schlosse Scharfenstein.

Mühsam bewahrten die letzten Waldenburger den Rest ihres erzgebirgischen Besitzes bis zum Tode Anargs VI. von Waldenburg im Jahre 1479. Mit ihm erlosch dieses mächtige und bedeutungsvolle Adelsgeschlecht unseres Erzgebirges. Die Herrschaften Wolkenstein und Rauenstein wurden vom Kurfürsten als erledigte Lehen eingezogen und von nun an als Ämter der Wettiner verwaltet. Abermals hatten die Landesfürsten einen beachtlichen Gebietszuwachs zu verzeichnen. Folgende Orte bildeten um 1500 das Amt Wolkenstein: Wolkenstein, Hilmersdorf, Geringswalde, Großrückerswalde, Reitzenhain, Satzung, Steinbach, Grumbach, Jöhstadt, Mildenau, Streckewalde, Arnsfeld, Mauersberg, Boden, Wiesa, Neundorf, Falkenbach, Schönbrunn, Drebach, Herold, die Fluren von Marienberg, Kühnhaide, Ober- und Niederschmiedeberg und Tannenberg links der Zschopau. Dazu kamen dann noch die Bergstädte Geyer, Ehrenfriedersdorf und Thum.

Thum wurde gegen Ende des 15. Jahrhunderts Rittergut. Dieses erwarb am 5. Juni 1499 Heinrich von Schönburg vom Herzog Georg für 254 Schock Groschen samt Geld- und Getreidezinsen, Frohnen, Biergelde, oberen und niederen Gerichten, mit Ausnahme der Steuer, Jagd, allerlei Bergwerk und Folge. Jahrhunderte lang blieb das Rittergut Thum im Besitze der Familie von Schönberg. Seit 1883 gehört es der Stadt Thum, und das ehemalige Herrenhaus des Rittergutes dient seit dieser Zeit als Rathaus. Die Orte Geyer, Ehrenfriedersdorf und Thum erhielten zu Anfang des 15. Jahrhunderts das Stadtrecht verliehen, Ehrenfriedersdorf im Jahre 1407.

Heinrich von Schönberg, seit 1477 der alleinige Besitzer der Herrschaft Stollberg, erwarb nicht nur Thum. Er kaufte bereits 1497 von den Gebrüdern Georg und Ullrich Blanke das Dorf Jahnsbach mit Gerichten und Zubehör. Später erwarben die Schönberg’s auch noch Gelenau und brachten so in kurzer Zeit Thum, Gelenau, Jahnsbach und andere Orte in ihren Besitz. Die Schönberg’s beteiligten sich lebhaft am Bergbau und verdankten diesem ihren zunehmenden Wohlstand.

Dieselbe Adelsfamilie besaß in den Jahren 1698 bis 1759 auch das Rittergut Neundorf. Die Besitzer dieses Gutes wechselten allerdings sehr oft. Seit 1509 gehörte es nicht weniger als 20 verschiedenen Besitzern. bis zum Jahre 1805 befand es sich ausschließlich in den Händen von Adelsfamilien. Dann ging es in bürgerlichen Besitz über. Heute besteht das ehemalige Rittergut nur noch dem Namen nach.

In Hermannsdorf soll in ältester Zeit ebenfalls ein Rittergut gestanden haben. Nach dem Decemregister gehörten das bedeutende Mühlgut und die heutigen 3 unteren Bauerngüter links der Dorfstraße dazu. Um 1500 bestand das Rittergut allerdings nicht mehr. Die Besitzer des Gutes sind auch nicht bekannt. Das Mühlgut war vermutlich der Rest des ehemaligen Rittergutes. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts besaß dieses Mühlgut noch reichen Grundbesitz und bildete also immer noch einen stattlichen Besitz. Im Jahre 1531 belehnte Johannes, der Abt des Klosters zu Grünhain, den Bürger und Bergzehntner auf St. Annaberg, Heinrich von Elterlein, mit der Hermannsdorfer Mühle. Nach seinem 1539 erfolgten Tode belehnte der Amtmann von Grünhain, Gorge Trützschler zum Falkenstein, den damaligen Stadtrichter Hans vom Elterlein auf St. Annaberg in Vormundschaft seiner Brüder Georg und Hans-Jürgen mit dem Gute. 1566 war Jürg von Elterlein alleiniger Besitzer. Am Sonnabend nach Reminiscere des Jahres 1570 verkaufte Katharina, Georg von Elterlein’s Witwe, die Mühle an Sebald Hünerkopf zu Neukirchen. Wie lange es dieser besaß, steht nicht fest. Jedenfalls starb 1599 Jochen Friedrich von Kitzscher als Besitzer des Mühlgutes. Am Osterdienstag 1599 erwarb es Friedrich Schönlab. Er verkaufte das Gut aber bereits am 4. April 1600 an Ernst Jenitzen für 1400 Gulden. Das Mühlgut hat in der Folgezeit oft den Besitzer gewechselt und ist arg in Verfall geraten.

Auch Cranzahl besaß ehemals ein Rittergut auf dem Habichtsberge. Es gehörte um 1549 den Herren von Minkwitz. Die Besitzer wechselten, und schließlich ging der Edelhof ganz ein. Dazu gehörten eine Försterei, ein Zainhammer, die Hofmühle und das Bretthäusel.

Viele Gebietsherren und Ritter trugen zur Erschließung unserer Erzgebirgsheimat für deutsches Leben bei. Sie waren nicht alle gleichen Standes. Fürsten und Edle, z. B. unsere Wettiner, trugen ihre Besitzungen vom Reiche zu Lehen. Daneben traten die Reichsministerialen auf. Sie waren Kriegsdienstmannen des Reiches, wurden oft vom Kaiser ins Erzgebirge gerufen und mit herrschaftlichen Befugnissen ausgestattet. Im Erzgebirge herrschten sie als Gebietsherren und benannten sich nach einer Burg oder Herrschaft. Land und Leute ihres Herrschaftsbereiches nannten sie ihr Eigentum. Sehr oft besaßen sie auch mehrere Burgen und nicht selten ein Kloster. Oft übergaben sie ein Teilgebiet einem ritterlichen Vasallen zur Verwaltung oder auch als Lehen. Neben ihnen gab es noch die einfachen Ritter oder Mannen. Diese Burglehner oder Mannen bezeichneten ihre Familien gewöhnlich nach einem Dienstgute, selten nach der Burg des Fürsten, auf der sie als Burglehner saßen. Der Name Rittergut taucht in Sachsen 1442 zum ersten Male auf.

Eine Burg war in alter Zeit meist ein Herrensitz und bildete oft den Mittelpunkt einer Herrschaft. Sie wurde immer von einer Anzahl von Dörfern umgeben. Über sie gebot der Burgherr als Verwaltungsbeamter und als Richter. Meist entstanden Burg und Siedlungen um diese herum zur gleichen Zeit. Der Erbauer der Burg war in diesen Fällen zugleich der Kolonisator. Unter seinem Schutze führten dann die Bauern die Landentnahme durch. Der Burgherr schuf sich in den Dörfern die wirtschaftliche Grundlage, die es ihm erst ermöglichte, den kulturellen Aufbau im neu besiedelten Gebiet zu fördern. Auch Städte blühten unter dem Schutze der Gebietsherren auf. Unsere erzgebirgischen Burgen wurden meist alle auf schwer zugänglichen Felsen an den Flüssen erbaut. Es wurde also Wert auf eine natürliche Befestigung gelegt. Von keiner unserer Burgen läßt sich das Jahr ihrer entstehung nachweisen. Fest steht, daß die Mehrzahl davon aus der Zeit zwischen 1170 bis 1250 stammt. Sie wurden an Stellen errichtet, die entweder für den Verkehr wichtig waren und einen wichtigen Handelsweg schützten oder meist eine Grenzstraße militärisch deckten. Diese Burgen alle entrollen vor unserem geistigen Auge ein Bild von dem großen Werke der Machtergreifung im Erzgebirge durch deutsche Adelsherren und der Besiedlung des ausgedehnten Grenzwaldgebietes durch deutsche Bauern. Heute noch künden uns die erzgebirgischen Schlösser von der gewaltigen Arbeit, die damals vor Jahrhunderten Adelige und Bauern gemeinsam für ihr Volk leisteten. Nur die ältesten und bedeutendsten Herrengeschlechter jener Zeit konnten eingehender betrachtet werden. Nur wenige von ihnen sind heute noch im Erzgebirge ansässig. Viele dieser Adelsgeschlechter sind vor geraumer Zeit ausgestorben.

Aber bis in unsere Zeit leuchtet ihre Ruhmestat, die Erschließung unseres Heimatlandes. Durch diese große Kulturarbeit erwarben sie sich für alle Zeiten den Dank der Nachwelt.

Quelle: Vom silbernen Erzgebirge. Kreis Annaberg. Band I, Schwarzenberg 1938, S. 52 – 63.