Die Hussiten im Obererzgebirge

Von Helmut Berger, Wittgensdorf bei Chemnitz.

I.

Nach dem Feuertode des Johann Huß, der dem Konzil zu Konstanz am 6. Juli 1415 zum Opfer fiel, und der Verbrennung seines Freundes Magister Hieronymus (Faulfisch) am 30. Mai 1416 entbrannte in Böhmen der Bürgerkrieg. Nationale Leidenschaft, soziale Gärung, religiöser Fanatismus vereinten sich zu einer Schlagkraft ohnegleichen. Dieser Krieg ist nicht nur als Religionskrieg zu werten; er ist mehr ein Krieg des Tschechentums gegen das Deutschtum. Die Aufständischen zerstörten im Lande unter Führung des Niklas von Hussinetz und Johann Ziska von Troznow 500 Kirchen und Klöster. Papst Martin V. erließ die Kreuzbulle gegen die Hussiten. Fünf Kreuzzüge des Kaisers und der deutschen Fürsten (Nachbarstaaten) fanden statt, die sämtlich für die Feinde der Hussiten kläglich endeten.

1. Kreuzzug: Die deutschen Fürsten werden am Berge Wittkow (dann Ziskaberg genannt) bei Prag geschlagen (14.7.1420), Kaiser Sigismund, der um die Königskrone Böhmens kämpft, verliert die Schlacht bei Pankratz (1.11.1420), die Hussiten erobern besetztes Gebiet im Westen und Norden ihres Landes zurück (Pilsen, Komotau).

2. Kreuzzug: Markgraf Friedrich der Streitbare von Meißen, der ernsthafteste Gegner der Hussiten, siegt bei Brüx (5.8.1421) und entsetzt Komotau. Dagegen löst sich das zweite Reichsheer auf und auch Sigismund wird wieder geschlagen (bei Habern und Deutschbrod am 8.1.1422). Österreich wird zerstört.

3. Kreuzzug: Das Reichsheer wird unter die Führung des Markgrafen Friedrich von Brandenburg gestellt, erringt aber trotzdem keinen Erfolg. Ziska siegt unaufhörlich. Der Krieg greift auf Mähren über, Ziska erliegt der Pest (11.10.1425). Sein Nachfolger Prokop stürmt Aussig und verbrennt die Stadt (16.6.1426).

4. Kreuzzug: Das Reichsheer verliert bei Mies 10 000 Tote. Der Einfall der hussiten nach Mähren, Österreich, Westungarn, Schlesien und in die Oberpfalz kann nicht verhindert werden, Verhandlungen in Prag bleiben erfolglos (1428).

Im Januar 1428 stirbt Friedrich der Streitbare, der sächsische Kurfürst, in Weißenfels. Seine Beisetzung in Meißen findet heimlich statt! Prokop wird von den hussitischen Parteien zum Obergeneral erwählt, der Einfall nach Sachsen am 17.9.1428 beschlossen. Dieser erste Zug führt von Teplitz und Graupen das Gottleubatal abwärts über Königstein, Pirna nach Dresden (rechte Elbseite), Meißen, Riesa, Torgau, in die Niederlausitz nach Guben und Forst und zurück nach Görlitz (belagert, aber nicht genommen), Löbau, Bautzen (hier 40 000 Mann stark).

Mit dem Aufbruch Prokops von Graupen mit 40 000 Mann beginnt am 20.12.1429 der zweite Sachsenzug, diesmal ins Meißner- und Osterland. Er richtet sich – der Mulde folgend – gegen Oschatz und Grimma (hier unterliegt ein sächsisches Heer und Führung von Polenz), Altenburg, das am 12.1.1430 eingenommen wird, Glauchau, Zwickau, das sich erfolgreich verteidigt, Plauen (25.1.) und endet mit einer Plünderung des vogtländischen und oberfränkischen Landes. Nürnberg kauft sich frei! Die Zahl der zerstörten Dörfer soll 300 betragen haben.

5. Kreuzzug: Der letzte große Kreuzzug des Reiches gegen Böhmen (auf dem Papiere durch eine „Heereszugordnung“ gut vorbereitet) scheiterte wiederum kläglich durch die Niederlage des Reichsheeres bei Taus am 14.8.1431.

Friedrich V. von Sachsen schließt nunmehr einen Sonderfrieden auf zwei Jahre (23.8.1432) und nach langwierigen Verhandlungen auch das Reich mit den gemäßigten Hussiten (30.11.1433). Auf dem Konzil zu Basel wird 1433 die hussitische Landeskirche anerkannt, und den Hussiten werden durch Annahme der „Vier Prager Artikel“, die sie bereits 1421 dem meißnischen Markgrafen Friedrich überreicht hatten, ihre Forderungen bewilligt. Diese besagen dem Sinne nach, daß in Böhmen und Mähren

  1. das Gotteswort von der christlichen Priesterschaft frei und ungehindert verkündigt und gepredigt,
  2. das heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt jedem Christen frei gereicht werden dürfe,
  3. die weltliche Priesterherrschaft abzuschaffen und die großen geistlichen Güter zum Besten des Volkes einzuziehen seien, damit der geistliche Stand wieder einfach, bescheiden und vorbildlich werde,
  4. die gesamte Gerichtsbarkeit dem göttlichen Gebote gemäß wieder gerecht und unparteiisch ausgeübt werden müsse.

Durch die Uneinigkeit der hussitischen Parteien entstehen jedoch neue Unruhen. Die beiden Prokope fallen 1434 in der Schlacht bei Lipau. Friedrich der Sanftmütige greift ein und vernichtet bei Brüx 2 000 Hussiten. Erst am 23.8.1436 kann Kaiser Sigismund als König von Böhmen in Prag einziehen.

Ein Nachspiel zu den Hussitenkriegen ergibt der Kampf der Kirche gegen König Podiebrad von Böhmen (1468 – 71). Der Papst erläßt neue Kreuzzugsaufrufe gegen die Böhmen. Er läßt Kreuzfahrer werben, Sammlungen für den „Heiligen Krieg“ veranstalten und verbietet über die Köpfe aller betroffenen Landesfürsten hinweg jeglichen Grenzverkehr mit Böhmen (Sanktionen!). Wenn er auch keine neuen Heere in Bewegung zu setzen vermochte, so geriet doch unser Grenzland durch diese Sanktionspolitik in arge Bedrängnis, wie spätere Ausführungen zeigen werden.

II.

Das Erzgebirge war mit den anderen böhmischen Randgebirgen zusammen in diesen wilden Zeiten ein Bollwerk des Deutschtums gegen den tschechischen Süden. In Sagen und Chroniken lebt die Erinnerung an das Schicksal seiner Siedlungen und Fluren vor nunmehr 500 Jahren fort. Erst sehr spät setzte die exakte Wissenschaft mit der Erforschung der Einzelheiten ein und sieht sich nun vor der schwierigen Aufgabe, aus spärlichen Unterlagen Feststellungen zu treffen, die den volkstümlich überlieferten teilweise gänzlich widersprechen. Mündliche Überlieferungen, Jahrhunderte weitergegeben, haben Übertreibungen und Verwechslungen an sich. Wir hören von gänzlich verschwundenen Orten in übertrieben großer Zahl (einige davon werden Opfer des Bruderkrieges und des Dreißigjährigen Krieges sein!), von Kampfplätzen am Kamm des Gebirges (Jöhstadt, Rübenau) und Zahlenangaben über Heeresstärken, die unmöglich sind.

Diesen täuschenden Mitteilungen sind auch Chronisten zum Opfer gefallen. Sie versuchen interessante Mitteilungen zu geben, vermögen jedoch nicht, sie durch urkundliche Belege glaubhaft zu machen. Zumeist greifen sie für unser Gebiet auf den Ältesten zurück, der durch seine wertvollen Darstellungen über den Dreißigjährigen Krieg ihren Blick blendet: Christian Lehmann aus Scheibenberg.

In seinem „Gedächtnis und Merkmale des Hussitischen Verfahrens im Meißnischen Obererzgebirge“ (um 1680 geschrieben) berichtet er:

  1. Flurnamen, die auf den Hussitenkrieg zurückzuführen sind: Kriegwald (zwischen Ansprung und Rübenau und zwischen Jöhstadt und Schmalzgrube, wo Haufen von Totengebeinen, Hufeisen und eisernen Pfeilspitzen gefunden wurden), die Pfeilheide (ebenda) und der Kreutziger (die vom Papst geworbenen Soldaten hießen so).
  2. Völlig zerstörte Orte: „Das Dorf Kraxdorf, so auf der Höhe zwischen Scheibenberg und Neudorf gelegen, haben sie verbrannt und verwüstet, daß davor das Neudorf im Grunde angelegt worden.“„Zwischen Zwönitz und Elterlein liegt Burgstädtel, das sie so mitgenommen, daß es ganz abgegangen, bis es nach und nach in etwas wiedr angebaut worden.“ „Bei Annaberg ist ein wüst Dorf der Platz, wo die Stadt jetzt ihre Hutweide hat, unter dem Pilberg, … ist von den Hussiten auch weggebrannt.“ „In selbigem Marsche mögen sie auch dem Dörflein Giersdorf (jetzt Jöhstadt), so an einem anderen Ort gelegen, wie ihr Feld und Acker, darauf jetzt große Bäume abgehauen werden, den Garaus gemacht haben.“

Der vorsichtigen Ausdrucksweise, Giersdorf betreffend, können wir entnehmen, daß er hierüber keine sicheren Nachrichten hat, und haben seine Angaben darnach zu bewerten. Wenn Lehmann mit dem „wüsten Dorfe bei Annaberg unterm Pöhlberge“ auf das ehemals dort gelegene Witzdorf anspielt, so können wir ihm hier einen Fehler nachweisen; denn wie Bönhoff feststellt, bestand dieses schon 1411 nicht mehr. Ebenso hat sich für das vollständig zerstörte Kraxdorf (jetzt Neudorf) noch kein urkundlicher Beleg finden lassen.

Unter diesen Umständen ist es fraglich, ob wir seinen weiteren Angaben (teilweise wiederum vorsichtig formuliert) volles Vertrauen schenken dürfen.

Danach zerstörten die Hussiten auch Lößnitz, Kloster Grünhain, Klösterlein in der Zelle an der Mulde bei Aue, Schwarzenberg, Crottendorf, Zwönitz, Schlettau, Elterlein, Sehma, Cranzahl, Bärenstein („die Waldhäuser“), Preßnitz, Wolkenstein, Schmalzgrube.

Zschopau und Scharfenstein konnten nicht genommen werden. In Crottendorf wurde die Kirche so geschändet, daß sie vom Bischof von Meißen neu geweiht werden mußte, in Wolkenstein ein Priester den Felsen hinuntergestürzt (siehe Ziehnert).

Jahresangaben enthalten Lehmanns Schilderungen zwei: 1429 für die Zerstörung Grünhains, 1426 für Giersdorf.

Die Angabe für Grünhain ist – wohl als einzige! – aus Urkunden nachweisbar, die dahin lauten, daß Grünhain Ende Dezember 1429 verwüstet wurde. Der Abt Eberhard (1429 – 39) verpfändete 1433 die Herrschaft Schlettau an Siegmund von Miltitz, um von der Pfandsumme von 8 000 Schock Groschen das Kloster wieder aufzubauen.

Ein hussitischer Einfall im Jahre 1426 ist zwar wahrscheinlich, wie wir später sehen werden, kann jedoch nicht nachgewiesen werden.

In Zeitangaben über hussitische Taten sind sonstige Chronisten abweichend und ungenau.

Das für Kraxdorf bekannte Datum 1427 (Chronik von Kummer, Neudorf) ist unwahrscheinlich, jedenfalls nicht sicher belegt. Im Zusammenhange mit dem Hauptzuge der Hussiten könnte es nur 1429 – 30 untergegangen sein. Jedoch liegt für alle Orte in der Nähe des Kammes und der böhmischen Pässe noch die Möglichkeit einzelner Grenzüberfälle vor. Diese haben trotz der gut organisierten Grenzwacht sicher ab 1426 stattgefunden.

Bei Lößnitz handelt es sich nach Dr. Löscher ebenfalls um einen Irrtum. „Gleich anderen Orten ist es erst im Bruderkriege eingenommen und verwüstet worden, aber nicht schon im Hussitenkriege, wie Lehmann behauptet. Offenbar liegt eine Verwechslung vor. Die mündliche Überlieferung war nicht fähig, eine so knappe Zeitspanne auseinanderzuhalten.“

Wüstenschletta, das Mutterdörfchen der Bergstadt Marienberg, ist ebensowenig wie Witzdorf am Pöhlberge den Hussiten zum Opfer gefallen, sondern lag schon 1323 wüste.

Im Walde an der Großen Mittweida soll Erbisdorf gestanden haben. Forstakten erzählen, daß wahrscheinlich der obere Teil der Abteilung 36 und ein Teil der Abteilung 38 im Forstrevier Neudorf zu den Feldfluren dieses Dorfes gehörten. 1591 war alles schon wieder bewaldet.

Weiter meldet die mündliche Überlieferung einen Ort Bottendorf auf dem Gelände der Spritzenfabrik Flader in Jöhstadt, dessen Name sich bis heute als Flurnamen erhalten hat.

Weitere Wüstungen aus der Hussitenzeit harren ihres sicheren Nachweises.

Auch bei Namensnennungen irren sich Chronisten. So wird bei Zerstörung der Tannenberger Burg und des Ritterturmes zwischen 1427 und 1429 Ziska als der Führer der hussitischen Scharen bezeichnet, der aber schon am 11. Oktober 1425 an der Pest gestorben war.

Um alle Quellen zu erschöpfen, muß zuletzt noch der Fundstücke gedacht werden, die hier und da als Zeugen der hussitischen Zeit angeführt oder gar noch aufbewahrt werden.

Nach Mitteilung des Pfarrer Kummer in seiner Chronik von Neudorf (1899) zeugten dort vom verschwundenen Kraxdorf „vor nicht all zu langer Zeit noch Überreste von Kellern, Mauern aus rußgeschwärzten Steinen, Schlüssel usw.“ Heute will es trotz allen Suchens nicht gelingen, auch nur eines der genannten Dinge wirklich festzustellen.

Christian Lehmann hat in seiner Jugend in Elterlein einen Kasten voll von Hussitenpfeilen gesehen. Zu dieser Zeit befanden sich solche im Kirchenkasten zu Geyer und wurden im Kriegwalde bei Jöhstadt vier Ellen lange Hülsen, Hufeisen, Widerkaken und Spitzpfeile gefunden.

In Elterlein fanden Arbeiter noch 1934 beim Straßenbau eine zwar stark verrostete, aber noch gut erhaltene Pfeilspitze, die hussitisch sein soll. Sie wird in der Schule aufbewahrt. Schlettau ist noch im Besitze mehrerer Lanzenspitzen, von denen sich einige im Kirchenturmknopf befinden. (Lehmann berichtet, daß solche hier schon 1648 bei Arbeiten am Kirchturme gefunden wurden.) Über diese Erinnerungsstücke liegt ein fachmännisches Gutachten nicht vor. Die zwei im Schloß aufbewahrten Spitzen sind auf Schlettauer Flur in Torfstichen in zwei Meter Tiefe gefunden worden.

In Tannenberg fand man unter dem Mauerschutt des Burgturmes Stücke einer zerbrochenen Glocke, deren Vernichtung man ebenfalls den Hussiten zuschreibt.

Die äußeren Zeugen sind also ebenso spärlich und unzuverlässig, wie die schriftlichen Mitteilungen, sodaß mit ihrer Hilfe kein geschichtlich einwandfreies Bild der hussitischen Taten im Obererzgebirge zu entwerfen ist. Beschränken wir uns auf das Wesentliche, so ergibt sich, kurz gefaßt, folgende Darstellung als die wahrscheinlichste.

III.

1. Die Grenzwacht.

Nachdem Aussig, der Vorposten Sachsens gegen das revolutionäre Böhmen, 1426 in hussitische Hände gefallen war, entstanden hier, insbesondere in unmittelbarer Nähe der Grenze, ernsthafte Besorgnisse um einen Einfall der feindlichen Heerhaufen nach Sachsen.

Zum Schutze des Landes legte Friedrich der Streitbare längs der Grenze vor den Pässen eine Verteidigungslinie an. Schlettau und Schwarzenberg waren Standorte der kurfürstlichen Truppen, der der Hartensteiner Söldner Lößnitz (nachweisbar ab 1428) und Crottendorf. Diese vorderste Stellung mag von Preßnitz über Schlettau und Schwarzenberg gegangen sein. Ihre Versorgung mit Waffen, Munition, Lebensmitteln usw. geschah von Stollberg und Lößnitz aus. Schon 1424 lieh die Stadt Lößnitz vier Geschütze und Pulver, der Abt zu Grünhain vier Geschütze und Armbrüste von Zwickau. Möglicherweise ist das dichte Waldgebiet um Wiesenthal ungeschützt geblieben.

Die Verteidigungslinie selbst wurde mit Wehrtürmen befestigt, von denen Feuerzeichen das Herannahen des Feindes verkünden sollten. Vielleicht hat die Höhe 850,7 zwischen Neudorf und Stahlberg hiervon den Namen „Feuerturm“. Crottendorf hatte ein „Festes Haus“, das noch im Dreißigjährigen Kriege den Bewohnern als Zuflucht diente.

Manches Dorf mag in jenen Jahren seine Kirche zur Wehrkirche ausgebaut haben, wie wir sie heute noch in Crottendorf, Geyer, Großrückerswalde und Lauterbach sehen (die beiden letzten sind älteren Ursprungs).

Man war so scheinbar gut vorbereitet, auf das Kommen der Hussiten gefaßt. Daß die Stärke dieser Grenzwacht der des zu erwartenden Gegners entsprach, erscheint uns zweifelhaft. Jedoch muß sie genügt haben, um Überfälle hussitischer Banden auf Ortschaften nördlich des Kammes verhindern zu können.

2. Bandenüberfälle.

Von solchen Einzelunternehmungen gibt es ebenfalls keine sichere Kunde. Es ist als sehr wahrscheinlich anzunehmen, daß Streifen ins Erzgebirge stattgefunden haben und dabei schon der eine und andere Ort (Kraxdorf 1427?) ihr Opfer wurde, drangen doch die Hussiten in Nordböhmen gegen Eger auf ähnliche Weise vor.

Urkunden zu Eger berichten von solchen Banden in Schlackenwerth, von wo aus ein Übergriff übers Gebirge nicht schwierig gewesen sein wird.

Christian Lehmann berichtet – unbewiesen –, daß nach der Schlacht bei Aussig nach Vernichtung des Meißnischen Heeres eine wilde Verfolgung des fliehenden Restes einsetzte, der die Hussiten „bis ins Meißnische hinein“ und auf dem Rückwege ins Böhmerland auch „am Schreckenberge vorüber“ führte.

3. Einfall 1429 – 30.

Als schließlich am 20.12.1429 mit dem Aufbruche Prokops von Graupen in Richtung Dresden der erste planmäßige Einfall ins Meißnische Land westlich der Elbe begann, war die Stellung der Grenzwacht auf einmal im Rücken bedroht. Jedoch ist keine der fünf Heeresgruppen, in die Prokop seine dreißigtausend Mann aufgeteilt hatte, ins Obererzgebirge gekommen. In Eile wurden rund dreihundert Kilometer in genau zwei Monaten bewältigt und dabei der bequemere Weg ins sächsische Tiefland mit seiner dichteren Besiedlung gewählt, das volkarme unwegsame Gebirge aber gemieden, um möglichst rasch und reich beladen heimkehren zu können.

Wie mit diesem Zuge der Fall Grünhains Ende Dezember 1429 zu verbinden ist, ist noch nicht geklärt. Das in der Nähe liegende Lößnitz blieb jedenfalls unberührt, wie seine Stadtrechnungen zeigen.

Alle kleineren Kämpfe und Verwüstungen abseits des großen Heereszuges werden zum Teil damit erklärt, daß das Gebirge von anderen Abteilungen an verschiedenen Punkten überschritten wurde.

4. Lange nach Friedensschluß (1432 bez. 1433) gaben die Hussiten durch ihre Wiederkehr Anlaß zu einer bedeutsamen Gebietsveränderung in unserer Heimat. Am 16. April 1453 waren sie im Schlettauer Klostergebiet (jenseits des Kammes?) eingefallen und wurden am 22. April durch Friedrich den Sanftmütigen wieder „über die Grenze“ zurückgetrieben. Nach Kriegsrecht nahm danach der Kurfürst die Herrschaft Schlettau unter seine Oberhoheit.

5. Nachspiel um 1470.

Der Papst hatte den angrenzenden Ländern Böhmens ein vollständiges Handelsverbot mit diesem auferlegt. Die wettinischen Fürsten Ernst und Albrecht sahen sich gezwungen, des kirchlichen Ansehens halber, dieses Verbot zum Schaden der eigenen Untertanen landesherrlich zu unterstützen. Mit der Durchführung der Blockade betraute der Papst den Bischof Rudolf von Breslau, welcher wieder den Franziskaner Jakob von Glogau in den Meißnischen Landen umherschickte, Kreuz- und Ablaßpredigten zu halten. Dieser gewinnt „Kreuzfahrer“, die 1468 unter Führung des Friedrich von Schönburg über Schlackenwerth und Elbogen ins böhmische Gebiet einfallen. Ihre Tätigkeit ist so erfolglos wie planlos. Des weiteren beschränken sich diese Kreuzfahrer, besonders Freiberger Bürger, darauf, eine angemaßte „grenzpolizeiliche Tätigkeit“ in geistlichem Auftrage auszuüben. Diese artet in Landesfriedensverletzung, ja sogar gemeinen Straßenraub aus, wogegen die Fürsten nun schärfstens auftreten. Es zeigten sich bald verheerende Wirkungen, die sich zu einer Teuerung steigerten, im sächsischen Grenzgebiete, dessen Bewohner heftige Klagen führten.

Von Böhmen aus war zudem als Gegenmaßnahme der Erlaß eines Handelsverbotes erfolgt, der die Lage weiter verschärfte. So mußte schließlich selbst die Kirche eine Ausahmeerlaubnis für die leidende Grenzbewohnerschaft zugestehen. Sie ersteckte sich auf den Kauf von Lebensmitteln für die Städte Chemnitz und Geyer und das Grünhainer Kloster. Die Unsicherheit des Handels zwischen beiden auf einander angewiesenen Grenzgebieten hielt an bis zur Klärung der politischen Lage durch den Tod des Königs Podiebrad am 22. März 1472.

Selbst die Abtei Grünhain wurde von den Maßnahmen des Papstes betroffen. durch ihre böhmischen Besitzungen war ein Handelsverkehr mit den hussitischen Böhmen unvermeidlich. Er zog ihr jedoch 1469 Bann und Interdikt zu, die erst nach gründlicher Untersuchung durch den päpstlichen Legaten Rudolf von Breslau wieder aufgehoben wurden.

Zusammenfassend ist nach dem Stande der heutigen Forschung zu sagen, daß die Hussiten das obere Erzgebirge im allgemeinen verschont haben. Vielerlei Gründe um ihr Auftreten und ihre Taten haben sich als unhaltbar erwiesen. Immerhin bleiben (wie bei Grünhain) Unklarheiten zurück, die noch ihrer Aufklärung harren, das gezeichnete Bild aber nicht wesentlich werden verändern können. Zu seiner schärferen Zeichnung aber möchten noch mehr Funde, Belege aus alten Rechnungen, Kirchenbüchern und Akten aus ihren Verstecken hervorgeholt werden.

Quelle: Vom silbernen Erzgebirge. Kreis Annaberg. Band I, Schwarzenberg 1938, S. 70 – 76.