Der Frohnauer Hammer, ein Kulturdenkmal aus alter Zeit

Von Karl Bursian, Annaberg.

„Der Stolz von unnern Arzgebirg, a wahrer Edelstaa,
dos ist dos alte Hammerwark do unten in Frohnaa.
Verschwunden un vergange is de gute, alte Zeit,
doch stieht der alte Hammer noch wie gämol aa noch heit.”

So besingt Alfred Kaden dieses Denkmal der Vergangenheit. breit und wuchtig, in seiner erzgebirgischen Bauweise der heimatlichen Landschaft angepaßt, grüßen uns die Gebäude im Sehmatale auf Frohnauer Flur und sind uns Künder der Arbeit einer vergangenen Zeit.

Von den im Erzgebirge vorhanden gewesenen etwa 100 Hammerwerken, die teilweise ganze Siedlungen umfaßten, Bergwerke und Kohlenmeiler besaßen, ist der Frohnauer Hammer nur ein kleiner Betrieb; aber sein Wert ruht darin, daß er uns in seiner ursprünglichen Erhaltung von der Arbeit vergangener Geschlechter kündet, so daß selbst das Deutsche Museum in München die Einrichtung des Hammerwerkes erwerben wollte.

Die alte Linde vor dem Hause könnte uns viel aus der Vergangenheit berichten, erzählen – wie im Laufe der Jahrhunderte die Besitzer gewechselt haben – wie Wirtschaftskämpfe und Kriegszeiten die Räume veröden ließen – wie auch die Gebäude verschiedenen Zwecken dienen mußten. Immer aber ist es ein Bild der Arbeit, das sich aus der Geschichte des Hammerwerkes widerspiegelt.

Das Gründungsjahr der ehemaligen „Obermühle“ ist noch in tiefes Dunkel gehüllt, doch ist anzunehmen, daß sie wenige Jahrzehnte nach der Anlage des Dorfes Frohnau gebaut wurde. (Die erste urkundliche Erwähnung des Dorfes Frohnau geschieht in einem Lehnbrief vom 11. November 1397.) Als der Silberbergbau um 1492 am Schreckenberg aufkommt und Streitigkeiten unter den Gewerken entstehen, tagt das Berggericht bis 1503 „zu Frohnau in des Müllers Garten”. Der Chronist Richter teilt mit, daß „1495 zu Frohnau, bey der alten Mühle im Grunde“ die erste Beratung über die Anlage der künftigen Stadt Annaberg stattgefunden habe, der eine nochmalige Tagung am 21. September 1496 im gleichen Grundstücke nachfolgte. Bis dahin war das jetzige Hammergebäude eine Mühle.

Von 1498 ab wurde – allerdings nur wenige Jahre – die Mühle als Münze benutzt, worauf schon die Bezeichnung „Mühlsteine“ für die Engelsgroschen oder Schreckenberger hinweist. Der Chronist Jenisius berichtet von einem Anbau der Mühle („taberna temporaria“),  in dem die Münzen geprägt wurden. Sicher ist bereits damals die Mühle wohl das einzige größere Gebäude gewesen, das diesen wichtigen Zwecken anfangs dienen konnte. Nach Erbauung eines besonderen Hauses wird die Münze später nach Annaberg verlegt.

Am 24. April 1553 kommt die Obermühle an den Rat der Stadt Annaberg. (Kurfürst Moritz hatte das Mühlenamt für 15000 Gulden verpfändet.) Es laufen nun 1559 Beschwerden der drei Mühlen (Buchholzer, Ober- und Unter- oder Herrenmühle) beim Kurfürsten ein, die auf die 15 neuerrichteten Mühlen in der näheren Umgebung hinweisen. Es erfolgt ein Verbot, daß zwei Meilen im Umkreis keine neue Mühle errichtet werden darf. 1572 hören wir von der Übergabe der drei Mühlen an den Schösser zu Grünhain, Wolf Ragewitz, und den Annaberger Mühlenvogt Franz Fischer. Es werden vier Mahlgänge in der Obermühle eingerichtet. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts berichtet eine Eingabe des Mühlenvogtes über den schlechten baulichen Zustand. 20 Jahre stehen nun die Räder still. Das kurfürstliche Rentamt versucht immer wieder, die Mühle zu verkaufen. So will Georg Kohlreuther aus Annaberg sie wieder als Mühle einrichten (8. November 1610); doch wird ihm der Kauf versagt.

1611 erhält sie David Martin Fischer aus der Auen als Ölmühle und Schleiferei zugesprochen.

In der Kipperzeit – vom 25. Juli 1621 an – dient sie als Silberhammer. Damit wird die Mühle zu einem Hammerwerk, das sie bis jetzt geblieben ist. Am 30. Mai 1623 berichtet der Mühlenvogt über die Gründe, die ihn bewogen haben, die Tätigkeit des Silberhammers einzustellen: „Weil … die Münz allhier wiederumb eingestellet.“

Alle Versuche, den Hammer wieder in eine Mühle umzubauen, schlagen fehl. Sechs Jahre lang ruht der Betrieb. 1629 kauft der Exulant Scherenschmied Stephan Hager aus Steiermark das Werk für 300 fl. und richtete es als Eisenhammer ein. Auch Jakob Kemnitzer, der es am 9. Juli 1632 als Kupferhammer käuflich übernimmt, wird wie sein Vorgänger Hager durch die Kriegswirren 1641 zur Aufgabe des Hammers gezwungen. Gewiß hast das große Gebäude, das außerhalb der schützenden Stadtmauer lag, viel durch Plünderungen und Brandschatzungen der kaiserlichen Holkschen Scharen und der schwedischen Horden unter General Baner erdulden müssen. Gegen 20 Jahre lang liegt nun der Hammer öd und leer.

Da erwirbt ihn am 14. Februar 1657 der Kaufmann Gottfried Rubner aus Annaberg, der auxh die Hammerwerke zu Schmalzgrube und Sorgenthal i. B. besitzt. Er richtet ihn als „Zähn-, Zeugk- und Schauffelhammer“ ein, erwirbt auch das gegenüberliegende kleine Wohnhaus, das spätere Herrenhaus. Als Kaufmann kann er den Hammer nicht selbst betreuen; er übergibt ihn 1660 dem Tuchscheren- und Sensenschmied David Martin in Pacht. Seit dieser Zeit hat sich wohl die Betriebseinrichtung des Hammers kaum geändert. Es entsteht ein Streit zwischen dem Pächter und dem Besitzer wegen Errichtung eines neuen eisenhammers an der Sehma. David Martin sucht um Verleihung einer Schmelzhüttenstatt nach, wird aber vom Kurfürsten abgewiesen. Rubner verkauft das Werk nunmehr am 23. April 1663 an den Zainschmied Christoph Fischer aus Elterlein. Da Fischer nach wenigen Jahren stirbt, verpachten am 16. Dezember 1670 seine Witwe und sein Sohn Christoph als Erben den Hammer an Hans Gläßer. Über 5 Jahre hin (1667 bis 1672) zieht sich in dieser Zeit ein Streit der Huf-, Bergschmiede und Wagner zu Annaberg mit Barbara Fischer und Hans Gläßer. Jedes wahrt seine Rechte. Zuletzt wird die Klage der Innung abgewiesen. 1677 gelangt der Hammer in Erbe an Christoph Fischer jr.

Frohnauer Hammer: Ofen von 1720 (Erzgebirgsmuseum Annaberg)

Dieser verpachtet ihn an den Zain- und Zeugschmied Johann Clauß, der am 17. März 1684 das Werk käuflich übernimmt. Auf ihn weist auch eine Balkeninschrift im Herrenhaus hin, die sicher beim Auf- und Umbau des Hauses eingegraben wurde: DENN 16 SEPT i ♁ K ANNO 1697 E.F. (i K = Johann Klauß – auch Clauß geschrieben). 1707 pachtet ihn Johann Abraham Clauß und erwirbt 1721 den Hammergarten. Im Erzgebirgsmuseum steht der Frohnauer Hammerofen, der 1720 aufgestellt wurde. Seine weißgrün glasierten Kacheln, die schöne Krönung und die gedrehten Säulen zeugen sowohl von der Kunstfertigkeit der Annaberger Töpfer als auch von der Wohlhabenheit der Hammerwerksbesitzer. 1733 übernimmt das Werk Johann Friedrich Clauß zuerst in Erbgemeinschaft, ab 1736 käuflich für 1200 fl. Am 21. Februar 1742 erwirbt nun der jüngere Bruder Johann Abraham Clauß den Hammer. Unter ihm verzeichnet das Werk den bisher größten Grundbesitz.

Annaberger Tafelkrug von Christoph Riesl 1687 (Erzgdebirgsmuseum Annaberg)

Der Besitzer des Berg-, Zeug-, Schaar- und Eisenhammers zu Oberschönau Johann Christian Martin heiratet 1764 Johanne Dorothea Clauß, die Tochter des letzten Hammerbesitzers. Eine in Stein gemeißelte Inschrift über dem Eingang zum Hammerwerk lautet:

Jakob Martin
Ao. 1766
Es gön mir einer was er will –
So geb ihm Gott zweymal so viel.

Die Jahreszahl bezeugt; daß Martin um diese Zeit schon im Frohnauer Hammer arbeitete. Am 17. Februar 1786 erwirbt er ihn käuflich von seinem Schwiegervater. 1803 werden Johann Gotthold und Johann Wilhelm Martin erwähnt, bis mit Gustav Wilhelm Martin am 3. Februar 1857 der letzte Hammerschmied seinen schweren Beruf ausübt. Ein Bild des Annaberger Kunstmalers Rudolf Köselitz, das sich im Erzgebirgsmuseum befindet, zeigt den Meister Martin mit seinem Sohn und einem Gehilfen bei der arbeit an dem großen Schmiedehammer. Es gewährt zugleich einen Blick in den hohen, bis zum Dach reichenden Werkstattraum. Eine aus einem riesigen Baumstamme gefertigte und mit Zapfen versehene Welle treibt die drei je 2, 3 und 5 Zentner schweren Schwanzhämmer und diese schlagen – der kleine wohl 120 mal in der Minute – das glühende Eisen auf dem Amboß. Hier wird es zu Stabeisen ausgezaint, d. h. gestreckt. In zwei kaminähnlich gebauten Herdfeuern, die durch große, kastenförmige Blasebälge angetrieben werden, wird vorher das Roheisen gefrischt (geglüht). Blasebälge und Welle, sowie der in einem kleinen Anbau befindliche Schleifstein werden durch die Wasserkraft der Sehma angetrieben. Große Zangen und Handwerkszeug erzählen von der schweren Arbeit der Schmiede, die Waffe, Acker- und Bergwerksgeräte, Pflugscharen, Spaten, Ambosse, Hammerköpfe, Nägel usw. herstellten. Der Klopfer an der Eingangstür zur Werkstatt, die Lampe am Herrenhaus, sowie die schwere eiserne Tür zur Nebengaststube aus dem Jahre 1697 bezeugen die Kunstfertigkeit der Annaberger Hammerschmiede.

Doch der Fortschritt der Technik, die teure Holzkohlenfeuerung, einengende gewerbepolizeiliche Vorschriften und der Mangel an geeigneten Arbeitskräften führen 1895 zur Einstellung des regelmäßigen Betriebes und 1904 zur vollständigen Stillegung des Hammers. Es bestand nunmehr die Gefahr des Verkaufes und Abbruches der alten Gebäude. Die Amtshauptmannschaft Annaberg sichert sich 1907 das Vorkaufsrecht und der ins Leben gerufene „Hammerbund“ erwirbt ihn 1908.   1910, 1926 und 1933 finden Erweiterungen des nunmehr mit Schankerlaubnis versehenen Herrenhauses statt. Die oberen Räume wurden wieder so gestaltet, wie sie zu Zeiten der Familie Martin aussahen, und gewähren so einen Einblick in unverfälschte, erzgebirgische Volkskunst.

So muß dem Hammerbund für die Erhaltung des letzten Restes eines einst großen und wichtigen Gewerbebetriebes im Erzgebirge gedankt werden. Der Hammer vermittelt uns als Zeuge vergangener Tage ein getreues Bild aus dem Wirtschaftsleben unserer Vorfahren.

Zehntausende von Fremden besuchen ihn jedes Jahr und erleben dabei in diesen alten Räumen, die von der Arbeit und harter Pflichterfüllung vergangener Geschlechter berichten, das Wort des Führers:

„Ehrfurcht vor der Vergangenheit
gibt Kraft für die Zukunft!“

Quelle: Vom silbernen Erzgebirge. Kreis Annaberg. Band I, Schwarzenberg 1938, S. 66 – 69.