Alte Mühlen und Hammerwerke

Von Rudolf Mareck, Bärenstein.

I.

An solchen Plätzen im erzgebirgischen Wald, an denen Siedler sich niedergelassen hatten, lichtete sich mit der Zeit in den lauschigen Tälern der Wald mehr und mehr. Wo zum fischreichen Wasser das jagdbare Wild zur Tränke ging, da ließ es sich annehmlich haushalten. So gesellten sich zum Wegwart und Vorspänner der Jäger und der Hirt. Bald kamen auch noch der Bauer, der Wagner und der Schmied hinzu. Und der fruchtbare Talgrund ermährte alle. (E. Finck.) Waren in einem Tale viele Siedler beisammen und trugen die Felder genug Korn, so entstand bald eine Mühle, denn Holz zum Bauen war zur Genüge und kostenlos vorhanden. Die Siedler halfen dem Müller beim Bau, und dieser wieder konnte ihnen ihre erbauten Körner auf billige Weise mahlen. So entstanden überall in unseren Gebirgstälern viele Mühlen, und zwar waren es zunächst Mahlmühlen. Später, als Bedarf vorhanden war, kam gewöhnlich zur Mahlmühle die Brettmühle, ein Sägewerk. Die Wasserkraft war einmal da, und sie konnte leicht für beide Zwecke ausgenützt werden. Der Mahlmüller war zugleich Brettmüller, in Fällen von Mehrarbeit hielt sich der Müller einen Müllerburschen, der sich aber auch leicht und schnell auf beide Betriebe einrichtete. Manche der Mühlen waren im Besitze der Gemeinde, die meisten im Privatbesitz. Da der Müller immer nur zeitweise beschäftigt war und über Mehl zu jeder Zeit verfügte, nahm er den Siedlern das Zuhausebacken ab und richtete in der Mühle auch eine Bäckerei ein. So haben wir viele Mühlen im Gebirge, in denen 3 Berufe von ein und derselben Person ausgeübt wurden: Müller, Brettmüller und Bäcker. Wenn es die Arbeit erforderte, hielt sich der Müller, wie schon erwähnt, Gehilfen, bez. er verpachtete einen von den 3 Betrieben. Gewöhnlich gehörten zu einer Mühle auch noch Felder und Wiesen, also Landwirtschaft. Wir brauchen uns daher nicht zu wundern, daß es in einer Mühle viel Arbeit und infolgedessen viele Arbeitskräfte gab. Um sie alle unterzubringen, waren viele Räume nötig, und die Mühlen waren wohl sämtlich recht ansehnliche Gebäude. Manche der Mühlen führten den den Namen Grundmühle, und da in einem Grunde mehrere solcher Mühlen standen, wurden sie nach dem Besitzer benannt, und auf Karten waren sie als Grundmühle Nr. 1, Nr. 2 und so fort eingetragen. Manche Mühlen empfingen ihr Betriebswasser aus Teichen, das dort während der Nacht, bez. in Regenzeit aufgespeichert wurde; sie hießen dann Teichmühle; andere Mühlen standen mitten im Walde auf einem Wiesenraum; sie hießen dann Raummühlen, Mühlen, die Ölfrüchte, wie Lein, Rübsen mahlten, wurden Ölmühlen genannt. Leider sind die Mühlen in unseren Gebirgstälern recht selten geworden. Manche brannten ab und wurden als solche nicht mehr aufgebaut. Andere wieder wurden umgestellt in Betriebe. es sind jetzt Seidwickeleien darin oder die Räume enthalten Maschinen für Herstellung von Posamenten, Schnuren und Eisenbearbeitung. Viele von den Brettmühlen sind zu großen Sägewerken umgestellt worden. Die vorhandene Wasserkraft genügte nicht mehr; es wurde noch die Dampfkraft erforderlich. So sind nach und nach die lauschigen Plätze in der Nähe von Mühlen verschwunden. An den Stätten, an denen ehedem das Wasserrad das Räderwerk der Mühlen in Bewegung setzte und die Körnerfrüchte, der Segen der Ernte, gemahlen wurden, wo der Müller und der Müllerbursche ihrer Arbeit bei Tag und Nacht nachgingen, wo der Wanderer gern rastete und dem Räderwerk zuschaute und die vielen sinnreichen Lieder von der Mühle im Tale sang, da stehen heute meist große Fabriken mit neuzeitlichen Maschinen und Einrichtungen. Dampfkraft und Elektrizität sind an die Stelle des altehrwürdigen Mühlrades getreten. „Verklungen ist an vielen Stellen das Rauschen des Wassers, das in stets gleicher Melodie sich silberglänzend über das Wasserrad ergoß und den Gang des Räderwerkes bestimmte, oder über das Fluter als breites Silberband in die Tiefe rauschte, wenn das Mühlenrad stille stand.“ – Einige der Mühlen sind auch als Jugendherbergen ausgebaut und erweitert worden.

Alte Ölmühle in Steinbach

II.

Als in unserer Heimat ein Bergwerk nach dem anderen entstand, bediente sich der Bergmann auch schon der nutzbringenden Kraft des Wassers. Er baute zunächst Pochwerke, in denen die aus dem Schacht geförderten Steine mittels eines gewaltigen Hammers zerschlagen wurden. Den schweren Hammer setzte die Wasserkraft in Bewegung. Ja, bereits vor dem Erzbergbau, als an verschiedenen Stellen im Erzgebirge Eisenerze aufgefunden wurden, entstanden Hammerwerke sehr oft in Verbindung mit Schmelzhütten und Pochwerken. Wie alles in der Welt, so haben auch die Hammerwerke eine reiche Entwickelungsgeschichte hinter sich. Die ersten Hammerwerke waren naturgemäß in ihren Einrichtungen recht einfacher Art, und es brauchte Jahrhunderte, ehe sich die Hammerwerke so entwickelten, wie wir es heute von Eisenwerken gewöhnt sind. Die Hammerwerke deuteten sich schon von weitem dem sich Nahenden durch ihr Getöse an und man sah vor allem nachts aus dem Schmelzofen eine hohe Feuersäule entweichen. Der Zerrenner (gewöhnlich der Hammermeister), der am Rennfeuer stand, mußte vor Mund und Nase ein Tuch gegen den Giftqualm tragen; er lenkte das Pfauchen der vom Wasserrad geschwungenen Blasebälge, mußte die Holzkohle wegräumen und wuchtete mit dem Hammerknecht die oft mehrere Zentner schweren Klumpen geschmolzenen Eisens mit Brechstab und Zange hinunter auf den Fußboden. Nun bearbeiteten mehrere Hammergesellen die „Luppe“, das ist der Eisenklumpen, sie schleppten sie auf den Amboß, wo sie der große Schmiedehammer, den nur die Wasserkraft des vorüberfließenden Gebirgsbaches heben konnte, schmiedete. Dann sprühten die Feuerfunken nach allen Seiten, und das Kling-Klang des schwarzen Schmiedehammers hörte man weithin im Talgrunde. Hütte, Ofen, Blasebalg und Hammer wurden im Laufe der Zeit wesentlich verbessert. Es muß in der Zeit der Blüte dieser Eisenhämmer ein gar reges Leben in den Gebirgstälern gewesen sein. In den niedern schwarzen Hütten rührten sich die rußigen Gestalten der Hammerschmiede emsig; sie waren um die Frischfeuer (Stabhämmer, in denen das rohe, durch den Hochofen gewonnene Eisen ausgeschmiedet wurde), die Ambosse und Gießstätten herum tätig. Sie bildeten eine echte und gerechte Zunft. Schon bevor noch Hammerwerke im Gebirge entstanden waren, mögen manche von den Hammerschmieden stellenweise ihr bißchen Eisenstein selbst gegraben haben, um es dann zu verschmelzen. Meist hatten sie jedoch nur sogenannte „Zerrennfeuer“ und Blauöfen. Erstere sind Gebläseöfen gewesen, in denen nur Eisen geschmolzen werden konnte, auch in letzteren konnte nur Harteisen geschmolzen werden, doch sind die Blauöfen gewissernmaßen als Vorstufe der Hochöfen anzusehen. Ende des 16. Jahrhunderts scheinen die ersten Hochöfen gebaut worden zu sein. Hammerschmiede hießen die Gesellen dieser Hammermeister. Mitte des 18. Jahrhunderts stellte man schon eiserne Kessel, Öfen, Ofentöpfe und dergl. Gußwerke her. Im Jahre 1683 hat man zu Carlsfeld ein Eisenschmiedewerk errichtet. Die Hauptsache war aber die Herstellung der Bleche. An die Blechhämmer schlossen sich die zahlreichen Löffelschmiedereien an. (Nach Dr. Jacobi.) Die Arbeit der Hammerschmiede ist und bleibt wohl eine der schwersten und schweißvollsten. Da sie während ihrer Arbeit einer großen Hitze ausgesetzt waren, so mußte ihre Kleidung sehr einfach sein. Sie trugen meist nur ein Hemd und eine leichte Hose, die ein langes Schurzfell festhielt. Trotz ihrer schweren Arbeit waren die Hammerschmiede ein lustiges Völklein, absonderlich in Sprache und Sitte, Zielscheiben des Witzes. „Ein kräftiger schwarzer Menschenschlag, mit weißschimmernden Zähnen, die Hände immer bedeckt mit hufartiger Rinde, die Finger krumm und ungelenk, häufig schwerhörig oder blödsichtig infolge des Hammergetöses und der Hochofenhitze, einfach und gutmütig, Arbeitstiere, die als Kinder von 10 Jahren schon in die Hütte mußten, niemals eine Schule besuchten, nur die Arbeit des Vaters nachahmten, heirateten, wiederum von wildwachsenden Kindern umgeben, alterten und dann wegkamen wie ein alter Hammerschmied, weil niemand sich der armen Alten annahm.“ (Sieber.)

„Wir war’n wie’s Vieh su roh gezug’n,
wir larne Vuglstell’n und Fluch’n.“,

so läßt Pfarrer Wild sie um 1800 reden. Röder erzählt: „Da Hammerschmied warn meitog a schnokesch Volk. Kam mr zu ne in dr Hütt nei, do stand se in Hem, Schorzfall, Holzpantoffln su gruß wie da klan Schiff un lastrling grußn Hütn, vun dana da ana Kramp ibr de Nos rei guhng un da anere ibrn Buckl nei hing. Un da geliengling (glühenden) grußmigling Eisnbrockn ham se ringeworschtelt wie gar nischt. Gung odr amol ’s Feier aus, dr nachrt gange se im Summer Krienertse (Kreuzschnäbel) stelln und funga ruta und gahla (gelbe), links und rachts geschlogena. Dos wußt mr geleich, wu Krienertse an da Hittn hinga, da gabs a Hammerschmied.“ Wie stark die Hammerschmiede waren, beweisen folgende Beispiele: Gregor Harnisch aus Raschau hob 1630 eine Eisenganz (Eisenklumpen) von etwa 7 Zentnern aus der Hütte. Ein Hammerschmied schleppte einen 2 Zentner schweren Amboß von Mildenau nach Arnsfeld. Manchem Wagehals gelang es, seine Hand geschwind durchs flüssige glühende eisen, wie es aus dem Hochofen herausrinnt, durchzuziehen. Wehe dem armen Teufel, dem es mißriet! Besonders wechselvoll sind die Geschicke mancher Hammerherren gewesen. Manche von ihnen waren zu einer bestimmten Zeit sehr vermögend. Der Hussiten- und der 30jährige Krieg vernichteten alles, was sie besaßen. Allein im Hussitenkrieg sollen im oberen Erzgebirge 26 Hammerwerke zerstört worden sein. Manche Hammerschmiede arbeiteten sich vom Pächter zum Besitzer empor. Viele von ihnen waren recht fortschrittlich gesinnt. Sie verbesserten den Arbeitsgang in ihren Hammerwerken, um mit anderen Werken Schritt zu halten. In wohl allen Gebirgstälern klangen und glühten einstmals die Hämmer. Im Pöhlatale erzählt uns der Ort Hammer-Unterwiesenthal, daß dort ein großes Hammerwerk vorhanden war. Im selben Tale war der Blechhammer bei Bärenstein, der seine Eisenerze vom kreuziger und kremsiger Gebirge (Höhenrücken zwischen Bärenstein und Preßnitz) erhielt. Im Sehmatale lag der mit einer Münze verbundene Frohnauer Hammer, der heute noch, dank dem Hammerbund, mit dem Herrenhause gut erhalten bez. erneuert besteht. Auch die Hammerwerke in Schmalzgrube und Schlössel müssen hier erwähnt werden. Im Mittweidatale, „in dr Rasch“ (Raschau) standen mehrere große Hammerwerke dicht gedrängt beieinander. Auch drüben jenseits der Grenze dröhnten weit über ein Dutzend Hammerwerke. Im 16. Jahrhundert bildeten die Hammerherren einen Industrieadel, der die Hämmer als Erbschaften im engen Kreise hielt. So besaßen die Herren von Elterlein viele Hämmer im oberen Erzgebirge. Aber auch die Hammerwerke gingen den Weg alles Irdischen. Ein Hammerwerk nach dem andern ging ein, da das Holz zur Kohle teurer wurde und das Erz in den nahen Bergwerken sich erschöpfte. Heute erinnern nur noch Ortsnamen, an Stelle von Hammerwerken entstandene Gutshöfe oder Fabriken und Wirtshäuser an das ehemalige Hammerwerk.

Quelle: Vom silbernen Erzgebirge. Kreis Annaberg. Band I, Schwarzenberg 1938, S. 63 – 66.