Die Geschichte der Besiedlung

Von Konrad Rösel, Annaberg-Riesa.

Siedlung ist der sichtbarste Ausdruck der Seßhaftigkeit, sie ist Ausdruck ewiger, unauflöslicher Verbundenheit des seßhaften Menschen mit dem Lebensraum, in den das Schicksal ihn und sein Geschlecht stellte. Erst die Siedlung bringt das Gefühl, an den Boden gebunden, ihm verhaftet zu sein, das Heimatgefühl. So darf ein Heimatbuch an den menschlichen Siedlungen nicht vorübergehen.

Dabei dürfen folgende Gesichtspunkte nicht übersehen werden:

  1. Nicht nach ihrem heutigen Erscheinungsbild darf man eine Siedlung betrachten, sondern in erster Linie geschichtlich, als ein Ganzes, das sich im Laufe der Zeit geformt hat.
  2. Man muß sie als Gemeinschaftsleistung zu verstehen suchen. Daraus ergibt sich als wichtigste Forderung, daß man erst einmal die Eigenart der einzelnen Siedlung in ihrer gewordenen Einmaligkeit erforschen und schildern muß.
  3. Davon ausgehend muß die Siedlungskunde versuchen, aus den vielen Einzelsiedlungen das Gemeinsame und das Besondere in Art von Siedlungsgruppen zusammenzustellen.
  4. Zum Begriff der Siedlung gehört untrennbar die Flur, deren Kern und Mittelpunkt die eigentlichen Niederlassungen bilden. Betrachten wir unter diesen Gesichtspunkten die Siedlungen des Annaberger Kreises: Eine Luftaufnahme vom oberen Erzgebirge bietet uns ein herrliches Bild: Auf dem dunklen Untergrund großer und weiter Wälder tauchen weite grüne und bunte Flächen auf, die Fluren der Dörfer und Städte. Wer etwas geübt ist im Betrachten, dem fällt auf die große Zahl von langen, stattlichen Dörfern, von denen rechts und links in schönem Gleichmaße Felder, von Wegen und Steinrändern wie Bändern eingesäumt, auf die Höhen herabsteigen und sich im Walde verlieren. Dann wieder sind es Fluren, die etwas regellos um kleine Städte liegen, dazwischen unzählige Halden im Gelände, weiter viele inselartige Einzelsiedlungen mitten in Wald und Flur. Dieser Ausschnitt ist ein Teil des am dichtesten besiedelten Gebirges der Erde. Wenn dann einer fragt, was die Menschen hierherauf getrieben habe, wann sie hierher gekommen seien, dann wird vielleicht die erste Frage, selten aber die zweite richtig beantwortet. Man ergeht sich in Vermutungen, weil das Dunkel der geschichtlichen Vergangenheit lange über der Landschaft liegt und erst spät geschichtliches Leben urkundlich nachweisbar ist. Aber deutlicher als geschriebene, schier unvergängliche Urkunden haben unsere Vorfahren hinterlassen, indem sie der Landschaft mit Axt und Pflug die Spuren ihres Wirkens, ihres Daseins ins Antlitz schrieben. Und das ist so deutsch, daß keine einzige obererzgebirgische Siedlung es nötig hat, sich bis heute noch durch ein sorbisch-slawisches Altertumsmäntelchen besonders alt und wichtig zu machen. Fest und unerschütterlich steht die Tatsache: Das Grenzland Obererzgebirge ist von Anbeginn nie anders als deutsch gewesen.

Die wissenschaftliche Forschung hat einwandfrei nachgewiesen, daß in dieser Landschaft, überhaupt südlich einer Linie von Zwickau – Waldheim – Roßwein – Tharandt – Gottleuba keinerlei Spuren einer vorgeschichtlichen dauernden Besiedlung nachzuweisen sind. Das trifft unseren Kreis mit. Der frühgeschichtliche Mensch suchte seine Wohnplätze in waldfreien „Offenlandschaften“; über eine durchschnittliche Höhenlage von 250 – 350 m ging er nicht hinaus.

In dieser Zeit und noch lange darnach war das Erzgebirge, das erst spät diesen Namen erhielt, ein herrenloser Flächengrenzwald, dem Namen nach Besitz des Königs. Es gab am Anfang keine festen Grenzen, obwohl die verschiedensten Herrschaften hier zusammenstießen. Das zeigte sich u. a. auch in den kirchlichen Grenzen um die Jahrtausendwende, als die Bistümer Meißen und Naumburg und das Erzbistum Prag sich hier im Urwalde wenigstens organisatorisch berührten. Flüsse und Wälder, auch Berge werden gern zur Grenzbestimmung verwendet. Kein Geringerer als Friedrich Rotbart, der Stauferkönig, hat 1162 in einer Urkunde den ganzen Grenzwald südlich vom späteren Freiberg in Besitz genommen. Prag griff kirchlich von Süden her über den Kamm in einem Zipfel in diesen Wald hinein bis zum heutigen Schlettau, das daher oft als Prager Zipfel oder Schlettauer Winkel bezeichnet wird.

Lange vor dieser Zeit – unter Heinrich I., dem Erbauer des Reiches – hatten die Deutschen das einstmals verlassene germanische Land zwischen Saale und Elbe wiedergewonnen und stießen nun auch in den herrenlosen Grenzwald vor. Im Schutze des Schwertes wurde der Wald geschlagen, der Pflug wandelte die Lichtungen in grüne Weiden und goldene Felder um. Zwei bis drei Jahrhunderte hindurch hatten die Deutschen in dieser Weise Neuland gewonnen, sie hatten gelernt, neue Dörfer aufzurichten, Fluren aufzuteilen. Im Erzgebirge, das also im Verhältnis zu den schon gewonnenen Gebieten in der Ostmark, östlich der Elbe, erst spät besiedelt wurde, zeigten und bewährten sich die reichen Erfahrungen der Kolonisatoren. Zur selben Zeit, da deutsche Könige, einem anderen – uns rätselhaften – Gesetze folgend, auf den Schlachtfeldern Italiens heroisch und kühn um den bereits verblassenden Schimmer der Krone des Ersten Reiches kämpften, kamen harte Bauerngeschlechter in unsere Landschaft.

Die Urlandschaft, die sie vorfanden, sah etwa folgendermaßen aus: Einzelne Flußläufe kamen von einem mächtigen, verkehrsfeindlichen Gebirgsstock, dem Fichtelberg-Keilberggebiet, das sich weit über den Bärenstein hinüber und zur Mulde herüber erstreckte als ein undurchdringlicher bewaldeter Schutzwall des Muldengebietes (Grafschaft Hartenstein), dessen südlichste Grenze und Bollwerk das beherrschende Bergpaar selbst bildet. Scheibenberg und Pöhlberg engten das völlig bewaldete Vorland noch beträchtlich ein. Der größte der Flüsse legte sich mit seinem ersten rechten Nebenfluß wie ein doppelter Graben um West- und Nordseite vor den Bergstock des Pöhlberges, der selbst dem Verkehr in der Richtung Ost – West feindlich war. Östlich vom Pöhlberge lag das Land bis hinauf zum Kamm in mehr oder weniger weiten, bewaldeten Seitentälern von Norden her ziemlich offen da, während im Süden der Kamm abschloß. Zwischen Fichtelberg-, Bärenstein- und Pöhlberggebiet gab es als Leitlinie der Besiedlung nur eine günstige Verkehrslinie, die quer durch den heutigen Kreis Annaberg führte. In ihr darf man den ältesten und wichtigsten Straßenzug unserer engeren Landschaft sehen. Diese Straße ist uralt. Sie kommt von Halle – Zwickau und kreuzte die sogenannte Frankenstraße, auf der die Siedler aus dem Süden und Südwesten des Reiches kamen. Über die Zwönitz stieg sie zur Wasserscheide zwischen der Chemnitz und Zschopau herauf, wo sie unseren heutigen Kreis erreichte.

Einzelne Flurnamen mit slawischen Anklang sind eine Folge des alten Paßstraßenverkehrs, nicht slawische Seßhaftigkeit.

Die Straße, der Wald, die Flüsse und Berge teilten den obererzgebirgischen Raum und ließen kleine Herrschaften und Siedelgebiete entstehen zu einer Zeit, da der Mensch stärker von solchen Gegebenheiten abhing. Gewisse Mittelpunkte entstanden: einmal der südlich der Straße und der Roten Pfütze mit dem wichtigen Grenzstreifen gelegene Raum um Schlettau, dann der nördlich davon gelegene Raum, der vom Geyerschen Wald bis zum Thumer Forst reicht und sich an das linke Ufer der hier auf kurze Strecke ostwärts fließenden Zschopau anlehnte, endlich das ganze Gebiet östlich vom Pöhlberg bis an die Preßnitz hinüber und vom Weipert-Preßnitzer Paß bis nach Wolkenstein, das Kraftpunkt dieses Raumes wurde. Das gesamte Gebiet unterlag verschiedenen politischen Gewalten, den Hartensteinern, deren Oberhaupt (Meinherr I.) der Kaiser ein bis auf die Höhe des Fichtelberges reichendes Gebiet verliehen hatte, den Meißner Markgrafen, zum Teil den deutschen Besitzern der böhmischen Herrschaft Hartenstein, wie ja noch im 15./16. Jahrhundert die östliche Hälfte dem ernestinischen Sachsen, ein kleiner westlicher Teil den Albertinern zustand, mitten hindurch aber sich der Schönburgische Besitz erstreckte.

In 5 aufeinanderfolgenden Abschnitten, unter denen der 1. und 3. am bedeutsamsten und wirksamsten sind, vollzog sich nun die Besiedlung dieses Raumes. Die erste beginnt ungefähr 200 Jahre nach der Gründung der Burg Meißen, als das Altland schon wieder deutscher Volksboden war. Das niedere Westerzgebirge wurde im 12. bis 13. Jahrhundert besiedelt, die Klöster zu Chemnitz, Zelle bei Aue und Grünhain sind Zeugen dafür. So ist es möglich, wenn auch noch nicht erwiesen, daß im 12. Jahrhundert, vielleicht schon etwas früher, die alte Salzstraße besondere Bedeutung erhielt, daß neben den kleinen Straßenposten Wachttürme entstanden, bei denen einzelne Ankömmlinge sich ansiedelten, wie an der Roten Pfütze bei Schlettau. Später ist dieser Stützpunkt Siedelmittelpunkt für starke Bauerntrupps geworden und zwar in südlicher Richtung der Straße für Walthersdorf, Cunersdorf, Cranzahl u. a., deren kirchlicher Mittelpunkt es noch lange war. Bauern waren zweifellos die ersten Siedler in den Dörfern selbst, auch im Schutze des Wachtturmes an der Roten Pfütze, und anderswo blieben sie ebenfalls nicht lange aus. Reine Handwerkersiedlungen konnten schon deshalb nicht entstehen, weil die alten Burgen nicht klein genug gedacht werden können – es waren nur Türme, für wenige Kräfte –, dann auch, weil oben im Gebirge erst der Bauer dem Handwerker Nahrung und Arbeit gab. Um 1200 entstand im Zuge der Siedlung nach dem Kamme zu Wolkenstein als eine Art Großburg. Seit 1312 war es auch kirchlicher Mittelpunkt für den ganzen Siedelraum, der sich über die rechten Seitentäler der Zschopau aufwärts erstreckte: Streckewalde, Mildenau-Reichenau als Doppelsiedlung, Grumbach, sicher auch Arnsfeld u. a. Zwischen 1241 und 1270 werden diese Dörfer, dazu auch das spätere Königswalde, als Besitz des Klosters Buch bei Leisnig bezeichnet. Von Wolkenstein aus greifen die Waldenburger auch hinüber nach dem Greifensteingebiet und begründeten dort als ursprünglich dörfliche Siedlungen Thum, Ehrenfriedersdorf, Geyer und die umliegenden Dörfer. Mit ziemlicher Sicherheit ist das Greifensteingebiet Mittelpunkt einer kleinen Herrschaft gewesen. Dazu scheint sich auch um den Pöhlberg herum eine Herrschaft entwickelt zu haben, die längs der Prager politischen und kirchlichen Grenze arbeitete: Hermannsdorf, Dörfel, Frohnau, Geyersdorf, dazu Kleinrückerswalde, das einen gewissen kirchlichen Mittelpunkt darstellte, stellten ihren Siedelraum dar. Die Rodung auf wilder Wurzel ist nur wenig über die 700 m-Höhe hinausgegangen; die Grenzen des Getreidebaues waren bald richtig erkannt. Spätestens um 1300 ist das obererzgebirgische Siedlungsgebiet in seinen Grundzügen festgelegt.

So war die große Bresche in den Grenzwald geschlagen, der Wald war nach Süden gewichen. Deutsche Bauern, auch manche ritterliche Herren als Grundherren der Zeit, deren Namen selbst zum größten Teil vergessen sind, haben das große Verdienst, daß in unserem Kreis die Grenzpfähle fest auf dem Kamme oben stehen. Die Herren riefen die Bauern ins Land, aus Franken, Hessen, Thüringen vornehmlich, kaum aber aus Niederdeutschland, stellten ihnen Land zur Verfügung und ließen durch Landmesser die Fluren aufteilen. Sie besaßen wohl auch selbst ein Gut, wie auffälligerweise solche Güter hier und da in Gruppen auftreten (Wiesa, Schönfeld, Tannenberg), anderwärts jedoch fehlen. Gelegentlich sind die Herrengüter, wie auch die Geschlechter selbst, untergegangen, wie in Cranzahl das derer von Minkwitz. Nur Flurnamen wie „Hoffeld“, „Hofwiese“ u. a. erinnern noch daran. Meist beauftragte der Grundherr einen „Lokator“ mit der Ansiedlung des Siedlertrupps, wobei er ihm selbst die bevorrechtigte Stellung des Schulzen in der neuen Siedlung einräumte. Gelegentlich hat sich im Laufe der Zeit erst das Schulzengut zum ritterlichen Gut emporgearbeitet. Manche Dörfer haben das „Erbgericht“ erst im 16. Jahrhundert erhalten, wie Cunersdorf. Jeder Bauer bekam ein Ackerlos, eine Hufe, 5 – 7 Kühe darauf waren schon Beweis eines stattlichen Gütleins. Die charakteristische Siedlungsform der ersten Siedlungszeit ist das Waldhufendorf. Die Waldhufenflur ist durchaus deutsch. Das Wort enthält Hinweise auf die Form des Dorfes und der dazugehörigen Flur. Jeder Bauer hat seinen Anteil an der Dorfbachaue, wo er seinen Hof erbaut. Vom Hofe an, also „hofanliegend“ zieht sich der Besitz an Land zur Höhe hinan, bis in den Wald hinein. Nur selten besitzt der Bauer außer seinem „hofanliegenden“ Ackerlos noch ein zweites ober- oder unterhalb des Dorfes als ein Stück, das seinem Hofe „folgt“. Diese Folgestücke werden im Volksmunde häufig als „Wüste Güter“ oder „Wüste Erbe“ bezeichnet, weil man in ihnen Reste untergegangener Güter vermutete, so in Mildenau, Walthersdorf, Grumbach, Elterlein, Crottendorf u. a. Wer heute vom Pöhlberg süd- und ostwärts schaut, sieht in prächtiger Klarheit die Hufenstreifen von weiter Talmulde bergwärts ziehen, wo sie sich meist im Walde verlieren. Weit reichen die Streifen von Mildenau herüber und enden in einem schmalen Waldsaum nahe bei Königswalde. Deutlich heben sich davon ab die steiler den Berghang nach Grumbach zu verlaufenden Hufen von Königswalde und die nach Annaberg und Kleinrückerswalde reichenden. Unmittelbar am Pöhlberghang ziehen sich fast rechtwinkelig zu den anderen die Hufenstreifen von Geyersdorf hin. Sie sind Zeichen deutscher Besiedlung, denn nur in deutscher Landschaft kommen sie noch vor (siehe Karte). Ganz selten berührten sich in der älteren Zeit die Fluren unmittelbar, noch lagen sie „ganz im Gehölz“, wie die alten Bücher sagen. Die Siedler bevorzugten offene Täler, wie in Sehma, Crottendorf, Walthersdorf u.a. Im engen Tale von Annaberg-Buchholz konnten keine Hufen nach den Höhen gezogen werden. Hier unterblieb die Ansiedlung in der ersten Zeit. Aber in den geräumigen kleinen Seitentälern, in mehr oder weniger steilwandigen Quellmulden entwickelten sich Siedlungen mit Fluren, deren Hufen fächerartig nach den Höhen streben, so in Dörfel (siehe Karte: Flurplan Hermannsdorf und Dörfel), Geyersdorf, Kleinrückerswalde, Cunersdorf und Neundorf, teilweise mit inselartig verstreuten Flurgütern (Sauwaldgüter b. Frohnau, am Bärenstein). Die Frohnauer Flur stieß im Sehmatal an das steilwandige Pöhlbergmassiv an und fand nur guten Boden im Seitental. Ganz mühsam ist die Wiesaer Flur angelegt, z. T. unter dem Einfluß der Gutssiedlung und des unebenen Geländes, nicht ganz klar ist auch die Flur von Schönfeld. Etwas unregelmäßige Fluraufteilungen zeugen meist, wo nicht besondere Ursachen im Gelände begründet liegen, für höheres Alter der Siedlung, z. B. bei den Fluren von Schlettau, Elterlein und Geyer u. a. Die Flurgröße mancher Orte ist beträchtlich und spricht neben mancherlei anderen Umständen auch für das Alter. Neben der riesigen Flur von Schlettau, über 2700 Acker, davon 655 Acker Wald, hatten Wiesa, Hermannsdorf 2400 Acker, desgleichen Königswalde, Schönfeld 1299, Neundorf 1241, Sehma 1431 usw. Die kleineren, aber vorbildlich aufgeteilten Fluren in den Seitentälern haben gleichfalls 600 – 700 Acker. Große Talmulden wurden vermutlich Doppelsiedlungen, wie Mildenau-Reichenau, Königswalde-Lichtenhain, zumal politische Grenzen durch den Ort gingen. Bewußte Stadtgründungen kann man in dieser Zeit in unserem Gebiet noch nicht nachweisen. Die Einzelhufe des Siedlers betrug 42 – 43 Acker oder bestimmte Teile davon, die Großgüter bekamen ein Mehrfaches der sogenannten fränkischen Hufe, die als Normalhufe galt. Eine kleine Flur bot 10 – 12, eine größere 20 – 30 Siedlern Raum; ein Teil des Landes blieb Allgemeinbesitz als Wald und Weise. Erst im Laufe der Zeit kamen Gutsteilungen vor.

Dieser bäuerlichen Siedlung mit grundherrlichem Anteil in der Zeit von etwa 1170 – 1250 folgte auf dem Fuße, teils zeitlich und räumlich so eng mit ihr verbunden, daß man beide Zeitabschnitte an manchen Orten nicht trennen kann, der weitere Ausbau des Waldgebirges durch den älteren Bergbau. Zwar war schon zeitig Zinn gewonnen worden, außer in Eibenstock und Altenberg in Geyer und Ehrenfriedersdorf, daneben auch Eisen. Jetzt aber wurde das Silber fündig. Jeder denkt dabei an Freiberg, wo zwischen 1162 und 1170 reiche Funde zutage traten. In unserer Gegend wird das etwas später erfolgt sein. 1293 wird erstmals Bergbau bei Wolkenstein erwähnt, ferner Schürfungen bei Ehrenfriedersdorf, Thum, Geyer, Schlettau und selbst am nördlichen Pöhlberg. In dieser Zeit mag manches Bauern- und Bergbaudorf zum Markt, zum Bergstädtlein geworden sein, wie das 1370 von Graßlitz in Böhmen bezeugt ist und wie es die Anlagen unserer allerersten Städte zeigen, die aus Waldhufendörfern gewachsen sind. 1377 bezw. 1407 werden Geyer, Ehrenfriedersdorf als Marktflecken erwähnt, wenig später Schlettau als Stadt. Der Grundriß dieser Städte ähnelt durchaus den auf dörflicher Grundlage entstandenen Straßenmärkten. Auch Elterlein zeigt Anklänge daran. Im ganzen trug der ältere Bergbau zur Förderung der Siedlungen in den erschlossenen Gebieten bei. Die Bauern waren nebenbei Bergleute, wie sie schon Waldleute waren. Neue Siedlungen sind zunächst nicht nachweisbar, die alten erwerben manche Rechte. Aber das Schwergewicht wurde von den grundherrlichen oder kirchlichen Mittelpunkten schon etwas auf die emporstrebenden Bergstädte verlegt.

Flurbild von Hermannsdorf und Dörfel

Seinen größten Aufschwung erlebte das Gebirge im dritten Siedelabschnitt, in der Zeit des jungen, kraftvollen Silberbergbaues von 1470 bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. Diese Zeit erst gab dem Gebirge den Namen „die Erzgebirge“. Der alte Abbau der Zinn- und Eisenerze geht zurück, fieberhaft ist der Drang nach Silber, nach Landbesitz, der Silber verheißt. Aus allen Teilen Deutschlands kommen die Bergleute, wie früher aus Oberfranken, dem Fichtelberggebiet und Böhmen. Unter den erzgebirgischen Familiennamen der Zeit finden sich viele oberdeutsche Herkunftsbezeichnungen, ja sogar ein Fugger erscheint (Jakob Fugger, Neudorf 1559; Andreas Fugker, Annaberg 1530). Städte schießen wie Pilze empor, auch im oberen Gebirge: Schneeberg 1470, Annaberg 1496, Buchholz 1501, Unterwiesenthal wird 1510 „Stadt“, Jöhstadt auf alter dörflicher Grundlage, ebenso Gottesgab an Stelle des alten Wintergrüns, sowie Unterwiesenthal und Jöhstadt, die jetzt noch zu Bergstädten wurden, Marienberg 1521, Scheibenberg 1522, Oberwiesenthal 1526, Gottesgab, auf böhmischer Seite Joachimsthal an Stelle des älteren Konradsgrüns, Böhmisch-Wiesenthal, Kupferberg 1520, Weipert und Neugeschrei 1550. Hinter den meisten Gründungen stehen die Landesherren; es sind die verschiedensten in diesem Gebiet, durch das so viele politische Grenzen gehen. Oft ist der Gründungsvorgang beschrieben. Regelmäßig ist die Stadtanlage; um einen gevierteckigen Marktplatz, auch wo das Gelände steil abfiel (Buchholz, Jöhstadt, Scheibenberg, Oberwiesenthal), siedeln sich die Bergleute an. Diese Stadtpläne verraten doch eine ganz andere Haltung als die früheren Stadtgrundrisse der sogen. ostdeutschen Kolonisation des 13. Jahrhunderts. Man vergleiche nur die Grundrisse der benachbarten Städte Schlettau und Scheibenberg (Karte: Stadtgrundriß Schlettau – Scheibenberg). Allerdings im Gegensatz zur geradezu mathematisch genauen Stadtanlage zeigt die der Flur nichts mehr von planvoller Gestaltung. In kleine Parzellen und Streifchen wird sie eingeteilt, denn viele wollen teilhaben am Besitz der an sich schon kleinen Restflur. Gelegentlich ist die ganze Stadtflur aus einer anderen Flur herausgeschnitten, wie die kleine Flur von Buchholz aus der großen von Schlettau, das dafür am Stockholz entschädigt wurde. Auch Kleinrückerswalde hat Teile seiner bis an die Sehma reichenden Flur an Annaberg abgegeben. Aber die reinen Bauerndörfer in der Nähe der Stadtgrenze gewinnen auch. Frohnau z.B. zählt 1556 zur Zahl seiner 15 Hüfner und 43 Gärtner noch 43 Gebirger, die nur ein Häuschen besitzen, also wohl Bergleute sind. Sicher sind auch die Fluren mancher Orte dadurch gewachsen, wie das von Crottendorf bezeugt ist; so heißt es im alten Amtsbuch von 1552, daß im besagten Dorfe „vor dreißig Jahren über dreißig besessene Mann (Besitzer) nicht gewesen, daseidt aber seindt neuwe Hofstedt zu erbauen nachgelassen worden, daß jetzo 115 besessene Mann darinnen seindt und gebrauchen die neuen Einwohner gleich den alten Erbeinwohnern drey Holz, Wasser und Weide“. Also muß das Dorf mit seiner Flur ganz beträchtlich gewachsen sein und zwar vorwiegend nach Süden zu. Auch in Königswalde sind in gleicher Zeit „10 Häuslein mehr erbauet“, hier wohl von Handwerkern und Köhlern. Selten geht die Zahl der Besitzer einmal zurück, wie in Dörfel z.B. zwischen 1559 und 1593. Sogar neue Dörfer entstehen, wie Rittersgrün 1534, freilich nicht mehr nach dem alten schönen Vorbild der Reihendörfer mit der Waldhufe, sondern regellos in „Streulage“. Und zu jeder Flur kommen „neue Räume“, Räume außerhalb der eigenen Hufe dazu, „Erbräume“, die sich zu Siedlungen auswachsen, oder „Laßräume“, die zeitweise erblich überlassen werden. So hatte der Bergbau eine ungemein starke Wirkung auf die Besiedlung des Gebirges. Der Städtereichtum des Obererzgebirges und damit die ungeheure Siedlungsdichte haben hier ihre Wurzel. Dieser Zeitabschnitt hat noch verschiedene andere Kennzeichen. Die früheren Siedlerströme waren mehr oder weniger von Leuten heraufgeführt worden, die genau wußten, wieviele Menschen der Raum aufnehmen konnte. So erklärt es sich, daß in unserer Gegend, die klimatisch nicht sonderlich begünstigt ist, wenige Siedlungen zur Wüstung wurden, weil es etwa den Siedlern an etwas gebrochen hätte, wie z.B. in Nordsachsen oder im nordöstlichen Thüringen an Wasser. Die Wüstungen sind sagenhaft. Selbst in Kriegsläuften zerstörte Dörfer sind fast an gleicher Stelle wieder aufgebaut worden, wie z.B. Neudorf an Stelle des alten Kraxdorf. Im Erzgebirge bewährte sich die alte Siedelerfahrung in bester Weise. Nun aber, im 3. Abschnitt, tritt der Landesherr an die Stelle der einstigen zahlreichen Herren. Er begabt die Stadt mit mancherlei Rechten, indes begünstigt er auch eine teilweise unnatürliche Häufung von Städten auf recht engem Raume. Dadurch hindert er die vorher begonnene Entwicklung von Lebensräumen mit einem beherrschenden Mittelpunkt in weltlicher und geistlicher Hinsicht, Handel und Verkehr. Jetzt erst verlagert sich der Schwerpunkt des Lebens von den alten Landstädten auf bedeutendere Bergstädte. Das beste Beispiel ist Wolkenstein, die alte Burg mit so weitem Siedelraum. Durch das Aufblühen der Herrschaft Greifenstein mit den Städten Thum, Ehrenfriedersdorf, Geyer wird das Wolkensteiner Bereich im Westen beschränkt, noch mehr, seit Annaberg als neuer kirchlicher und Marienberg als wirtschaftlicher Mittelpunkt immer mehr an Bedeutung zunehmen. In kleinerem Maßstabe ergeht es auch so Schlettau, das sein ursprünglich nach Süden gerichtetes Hinterland durch das Aufblühen von Buchholz und Scheibenberg verliert, nachdem es schon durch seine Eigengebundenheit ans Grünhainer Kloster mancherlei verloren hatte. So wird die Entwicklung verhindert durch aufstrebende junge Siedlungen, so werden selbst Dörfer, die schon städtische Rechte hatten, im weiteren Aufblühen gehemmt.

Schlettau (Straßenmarkt), Scheibenberg (Stadtanlage)

Durch diese fürstlichen Neugründungen füllt sich das Gebirge mit Menschen. In diesem Abschnitt leben nach vorsichtiger Schätzung 50 Menschen auf dem qkm, wo vorher 6 – 8 gelebt hatten. 37 von 100 Menschen wohnten 1590 auf dem Lande, 63 in der Stadt. Joachimsthal soll 18.000 Menschen in seinen Mauern gehabt haben. 1591 leben in Mildenau 107 „besessene“ Mann, d.h. solche, die Grundbesitz haben, in Geyer 213, darunter 47 Witwen, in Marienberg 461. Rechnet man zu jedem besessenen Mann nur 3 – 4 Familienglieder, in der Stadt dazu noch einige Hausgenossen, d.h. Mieter, so kommt man zu erheblichen Zahlen. Diese Zeit scheidet das West- und mittlere Erzgebirge in der Entwicklung scharf vom Vogtlande und vom östlichen Erzgebirge.

Aber der Glanz der Bergbauzeit verblich sehr schnell, die zusammengeballte Menschheit mußte sich neue Erwerbe suchen. Neben die Landwirtschaft, neben den Bergbau trat außerhalb der Städte, wo kaum bodenständige Industrien Einzug hielten, die immer schon von den Bauern ausgeübte Waldwirtschaft – in freilich schon stark gelichteten Wäldern – mehr und mehr in den Vordergrund. Waldsiedlungen entstehen, zum Teil in Anlehnung an ältere Bergbetriebe, Brettmühlen, Hammerwerke, Glashütten, die auch schon dazu beigetragen haben, das geschlossene Siedlungsbild aufzulockern. Die engeren Täler der Preßnitz, der Großen Mittweida und anderer kleiner Wasser werden mehr und mehr siedlungsreif: Ober- und Niederschmiedeberg, Schmalzgrube, Christophhammer (1621), Ulmbach sind Beispiele von Neugründungen, bezw. weiterem Ausbau. 17 Hammer- und Brettmühlen gibt es 1559 nach einem alten Amtserbbuche in einem kleinen Kreis, nämlich „3 am Wiesenthaler Wasser, 7 an der Großen Mittweida, 4 am Pöhlwasser, 3 am Elterleiner Wasser.“ Waldwirtschaft und Bergbau haben gemeinsam die Besiedlung der Waldgebiete des oberen Kammgebietes durchgeführt. Die Menschen des vierten Abschnittes überschreiten den Kamm bis ins Egerland hinab, sie kommen aus den Städten, die dennoch nicht entlastet werden. Die Fluren sind klein und umfassen einen winzigen Bruchteil der einstigen Großflur.

Im 17. Jahrhundert, besonders im und nach dem 30jährigen Krieg, setzt ein fünfter und letzter Abschnitt ein, der dem oberen Erzgebirge im ganzen nur geringen Zuwachs brachte, jedoch nicht unwichtig war. Der Siedlerstrom kommt von Süden, aus Böhmen. Mittelpunkt der böhmischen Glaubensflüchtlinge – der Exulanten – in unserem Kreise wurde Annaberg, das den Ruf eines bedeutenden Kulturmittelpunktes genoß. An der sächsisch-böhmischen Grenze entstand eine Anzahl neuer Ortschaften, nicht mehr in regelmäßiger Anlage, sondern in Streulage, wo eben landesfürstliche Gnade einen Raum zur Niederlassung anwies. 1654 entstanden Johanngeorgenstadt, desgleichen Niederschlag, Hammerunterwiesenthal. Schon während des großen Krieges war Stahlberg entstanden, das 1678 etwa 32 Familien zählte und ganz ernsthaft und in erbittertem Kampfe nach dem Stadtrecht strebte. Alle Orte, besonders an der Grenze, erhielten Zuwachs, so auch Jöhstadt und Bärenstein, das aus der Einzelhöfe- und Grenzsiedlung durch Exulantenzuzug, vornehmlich aus Weipert, zum Marktflecken wurde. Weipert hatte am Ende der Auswanderung kaum noch 600 Bewohner. In Oberwiesenthal erinnert der Flurname „Exulantenfleckel“ an solchen Zuwachs. Wichtiger als der Menschenzuwachs dieser Zeit ist die Tatsache, daß die Entwicklung der Grenzlandfläche zur Grenzlinie – begonnen mit dem langsamen Vordringen in den Wald – ihren Abschluß findet, indem die Landesgrenze als Trennungslinie erstmals und nachdrücklich allen deutlich ins Bewußtsein tritt. Schon im 16. Jahrhundert (1546) war Platten, ebenso Gottesgab, das alte Wintersgrün, an Böhmen verloren gegangen. Die Landschaft hat damit ihren Charakter als Grenzland erhalten.

Im 17. Jahrhundert, besonders im und nach dem 30jährigen Krieg, setzt ein fünfter und letzter Abschnitt ein, der dem oberen Erzgebirge im ganzen nur geringen Zuwachs brachte, jedoch nicht unwichtig war. Der Siedlerstrom kommt von Süden, aus Böhmen. Mittelpunkt der böhmischen Glaubensflüchtlinge – der Exulanten – in unserem Kreise wurde Annaberg, das den Ruf eines bedeutenden Kulturmittelpunktes genoß. An der sächsisch-böhmischen Grenze entstand eine Anzahl neuer Ortschaften, nicht mehr in regelmäßiger Anlage, sondern in Streulage, wo eben landesfürstliche Gnade einen Raum zur Niederlassung anwies. 1654 entstanden Johanngeorgenstadt, desgleichen Niederschlag, Hammerunterwiesenthal. Schon während des großen Krieges war Stahlberg entstanden, das 1678 etwa 32 Familien zählte und ganz ernsthaft und in erbittertem Kampfe nach dem Stadtrecht strebte. Alle Orte, besonders an der Grenze, erhielten Zuwachs, so auch Jöhstadt und Bärenstein, das aus der Einzelhöfe- und Grenzsiedlung durch Exulantenzuzug, vornehmlich aus Weipert, zum Marktflecken wurde. Weipert hatte am Ende der Auswanderung kaum noch 600 Bewohner. In Oberwiesenthal erinnert der Flurname „Exulantenfleckel“ an solchen Zuwachs. Wichtiger als der Menschenzuwachs dieser Zeit ist die Tatsache, daß die Entwicklung der Grenzlandfläche zur Grenzlinie – begonnen mit dem langsamen Vordringen in den Wald – ihren Abschluß findet, indem die Landesgrenze als Trennungslinie erstmals und nachdrücklich allen deutlich ins Bewußtsein tritt. Schon im 16. Jahrhundert (1546) war Platten, ebenso Gottesgab, das alte Wintersgrün, an Böhmen verloren gegangen. Die Landschaft hat damit ihren Charakter als Grenzland erhalten.

Quelle: Vom silbernen Erzgebirge. Kreis Annaberg. Band I, Schwarzenberg 1938, S. 5 – 13.