Die geologische Entwicklung des Pöhlberges

Hans-Joachim Schluttig, Annaberg-Buchholz

In Kultur und Heimat wurde 1955 einiges über die Geologie des Erzgebirges geschrieben. Ich möchte nun einmal über die Entwicklung eines speziellen Teiles schreiben.

Unser Pöhlberg, seine Geschwister Bärenstein und Scheibenberg, sind im Tertiär entstanden. Die Reliefumkehr (auch Inversion genannt) besagt, daß dort, wo sich einst Hochflächen und Erhebungen befanden, heute Mulden und Täler zu finden sind, und dort, wo sich einst Mulden und Täler befanden, haben sich Hochflächen und Erhebungen herausgebildet. Die in der Kreidezeit beginnende alpidische Faltung bedingte auch im Tertiär – im Oligozän beginnend – das Aufsteigen des Erzgebirges. Dieses Aufsteigen führte dann im Pliozän zum Abbruch des Ohregrabens und stellte somit den Abschluß der Mittelgebirgsbildung dar. Von nun an bildeten sich die heutigen Oberflächenformen durch das Gewässernetz und die anderen Denudationsmöglichkeiten heraus. Im Tertiär (Oberoligozän) waren, durch die Bewegungen der Erdrinde bedingt, in unserem Raum gewaltige Basaltergüsse erfolgt. Diese Basaltergüsse füllten die vorhandenen Täler aus. Heute aber finden wir im Kreis Annaberg nur noch drei Basaltberge als Härtlinge und Zeugen des tertiären Magmatismus erhalten, die sich über die Pultschollenfläche erheben. Unser Pöhlberg hat eine Länge von ca. 1 km in Nord-Süd-Richtung, gemessen von Durchschnittshöhe der Umgebung, während er ca.  600 m breit in Ost-West-Richtung ist; dabei ist seine Grundform die einer Elipse. Die Basaltdecke des Berges mag heute noch reichlich 50 m stark sein. Einst war sie bedeutend stärker, denn auf dem Pöhlbergplateau findet man Basaltblöcke und Basaltverwitterungserde und hat somit den Beweis, daß auch auf dem Gipfel des Berges der Zahn der Zeit genagt hat. Die Basaltsäulen ruhen auf einer 2 bis 3 Meter starken grauen, tonartigen und steinharten Masse. Diese Masse bildet den Übergang zwischen Basaltdecke und der 15 bis 20 Meter mächtigen Sandschicht. Diese Sandschicht ruht auf Gneis. Der Gneis liegt dabei in einer Höhe von 750 bis 770 m über Normalnull. Die Sandschicht läßt sich nahezu um den ganzen Berg herum nachweisen, lediglich am Ostabhang liegt die Basaltdecke direkt auf dem Gneise auf. Die vielen Stollen des Bergbaues in alter und neuer Zeit haben im unmittelbaren Pöhlberggebiet nicht einen einzigen Basaltschlot angefahren. Auch läßt die Säulenbildung des Basaltes erkennen, daß er nicht dort, wo er heute liegt, aus der Erde gekommen ist. So ist also der Basalt des Pöhlberges ein Rest einer einstigen Basaltdecke, der noch heute als Tafelberg die Rumpffläche des alten Grundgebirges überragt. Dadurch, daß die Abtragung der Umgebung stärker war, ist der Pöhlberg als Härtling herausgebildet worden. Woher ist nun aber der Basalt gekommen, wie kommt unter den Basalt die beachtliche Sandschicht?

Noch im Eozän (Unterformation des Tertiärs) führte der Weg vieler Flüsse von Böhmen nach Sachsen, denn das Erzgebirge bestand noch nicht. Einer dieser Flüsse hatte sein Flußbett etwa in Richtung Oberwiesenthal – Bärenstein – Pöhlberg eingegraben. In diesem Flußbett setzten sich Sande und Kiese ab, wobei natürlich das Flußgefälle nur 1 bis 2 Meter je Kilometer und nicht wie heute 11 Meter je Kilometer betrug.

Im Oberoligozän erfolgten dann die Basaltergüsse. Wir nehmen an, daß der Vulkanschlot des Pöhlbergbasaltes (Leucitbasalt nach Erläuterungen zur geologischen Karte, Trachytbasalt – nach Pietsch) im Bereich des Wiesenthaler Eruptivgebietes lag, da dort einige größere Basaltschlote festgestellt werden konnten. Diese Basaltlava ergoß sich in das Tal der „Ur-Pöhlbach-Sehma“ und stoppte deren Lauf, ließ das Wasser verdampfen und füllte das Flußbett mit glutflüssiger Lava aus. Sie erstarrte allmählich, und es bildeten sich die bekannten prismatischen Säulen senkrecht zur Erstarrungsfläche dadurch, daß die Wärmeabgabe an die Luft stärker als an das Nachbargestein war. Bei den Basaltsäulen der Sandgrube haben wir Längen von 15 bis 20 Metern und Grundflächen von 1,5 bis 2,5 qm festgestellt, während die Säulen der sogenannten Butterfässer am Rundgang eine Höhe von 9 bis 11 Meter bei einer Grundfläche von 0,75 bis 1,0 qm haben.

Die interessantesten geologischen Tatsachen finden wir in der Sandgrube. Hier sind die Verwitterungsstufen von der Basaltsäule über den Basaltblock bis schließlich zum lehmartigen Verwitterungsboden anzutreffen. Der Lehm wurde, genau so wie der Ton und Sand des Pöhlberges, wirtschaftlich verwertet. Unter den Basaltsäulen finden wir, wie schon oben erwähnt, eine 2 bis 3 Meter starke steinharte, graue, tonartige Schicht. Diese Schicht ist vulkanische Flugasche. Sie hat sich bei den vielen Vulkanausbrüchen des Oligozäns als Ascheregen über das gesamte Gebiet gelegt und setzte sich auch fluvial ab. Durch die Basaltdecke wurde sie dann überschwemmt und unter dieser vor der Verwitterung bewahrt. Die 15 bis 20 Meter mächtige Sand- und Kiesschicht zeigt die verschiedensten Korngrößen. Auch zeigt sie uns interessante Psilomelan-Konglomerate. Vermutlich sind die Sande und Kiese aus dem Bereich Mittelböhmens bis hierher verfrachtet worden. In ihr befinden sich auch Ton und Lehm, wobei der Übergang zum Gneis oft durch eine geringe Tonschicht erfolgt.

Wie mag nun die Reliefumkehr des Pöhlberges erfolgt sein? Seit dem Tertiär sind 60 Millionen Jahre vergangen. In diesen Jahren hat der Zahn der Zeit unaufhörlich am Relief genagt. Er hat unser Erzgebirge nochmals gänzlich umgestaltet. Die Verwitterung und die Flüsse begannen ihr Werk, ein schweres, aber meisterhaftes Werk. Seit 60 Millionen Jahren nagen sich Sehma und Pöhlbach in den Gneis ein. Sie begannen ihre Arbeit wohl an der Grenze zwischen Basalt und Gneis. Der junge Basalt war härter und so mußte der alte Gneis der Kraft des Wassers weichen. War er doch schon durch die Verwitterung in den 200 Millionen Jahren seit dem Karbon mürbe gemacht worden. Ist es verwunderlich, daß sich die Ur-Pöhlbach-Sehma teilte und sich zwei Flüsse beiderseits des mit Basalt angefüllten alten Tals ein neues Talbett gruben? Dabei mag der Pöhlbach eine leichtere Arbeit gehabt haben, denn sonst müßten sich auf der Ostseite des Berges stärkere Erosionen in den Basalt feststellen lassen. Die Sehma dagegen hat die ehemals etwa bis zum Galgenberg reichende Basaltdecke abgetragen und darüber hinaus noch das mächtige Tal in den Gneis eingegraben. Ich bin dabei der Überzeugung, daß die vielfältigen Erscheinungen der Verwitterung nicht unerheblich dazu beigetragen haben, daß der Gneis der Erosionstätigkeit der Flüsse einen wesentlich geringeren Widerstand entgegengesetzt hat als der junge Basalt. Wir sind uns dabei darüber im klaren, daß die gewaltigen Verwitterungsprodukte als Deckschicht liegengeblieben wären und die Oberfläche sich nicht verändert hätte, wenn nicht die Massenbewegung ihren nicht unerheblichen Anteil an der Neugestaltung der Landoberfläche genommen hätte. Besonderen Anteil daran haben die im ausklingenden Tertiär aufgetretenen Schichtfluten. Schichtfluten sind flächenhaft abfließende, durch Platzregen entstehende Wassermassen, die oft bedeutende Umlagerungen des verwitterten Gesteines hervorrufen. So hat die ewige Wiederkehr der Verwitterung, der Denudation und der ausnagenden Abtragung, der Erosion, die heutigen Oberflächenformen geschaffen. Die Seitentäler der Sehma und des Pöhlbaches haben such durch ihre Erosionstätigkeit dazu beigetragen, daß nur solche kleine Reste wie der Pöhlberg, Scheibenberg und Bärenstein von der einst so mächtigen Basaltdecke übriggeblieben sind.

Intensivere und in größerem Maßstab angelegte Untersuchungen der Erosionstätigkeit von Sehma und Pöhlbach einschließlich ihrer Seitentäler würden das grob dargestellte Bild wesentlich erweitern und noch eingehender bestätigen.

So etwa ist der Pöhlberg entstanden; so hat sich durch die Reliefumkehr unsere heutige Landschaftsform allmählich herausgebildet. Man hat deshalb nicht ohne Grund den Pöhlberg zum Landschaftsschutzgebiet erklärt. Es hätte sich durchaus noch exakter und umfangreicher über die Frage schreiben lassen, aber der bemessene Umfang unserer Hefte verbietet dies. Dem interessierten Leser sei der Hinweis auf die Arbeiten von Dr. Lohrmann (1898) und Dr. Wünschmann (1914) gegeben. Möge der Leser durch diesen Beitrag zur Betrachtung gerade unserer Basaltberge auch von geologischer Seite her angeregt werden.

Quelle: Kultur und Heimat 7. Jg., März 1960 S. 38 — 40