Unser Erzgebirge in schwerer Not.

Ein Städtebild aus dem dreißigjährigen Kriege.

Von A. Holzhaus, Marienberg.

Es soll und kann nicht die Aufgabe dieser Zeilen sein, jenen die Lebenskraft ganzer Jahrhunderte schwächenden, die deutsche, kaum erwachte Kultur und Gesittung zerstörenden, nur anfangs scheinbar im Interesse des Glaubens geführten Krieg mit all‘ seinen Schrecken näher zu zeichnen und zu schildern, wie er mit dem Herzblute von Hunderttausenden die deutsche Erde getränkt, 30 qualvolle Jahre hindurch die hoffnungsvollen Saaten der deutschen Erde zertreten, die blühenden Kräfte deutscher Staaten völlig erschöpft und ihrer Mannheit beraubt, allen Handel und Gewerbfleiß zerrüttet, den Wohlstand vernichtet, Fürstenthrone in ihren Grundpfeilern zum Wanken gebracht und Länder und Städte mit so ungeheueren Schuldenlasten überbürdet hat, daß sie noch bis in unsere Zeit an den schweren Folgen zu tragen gehabt haben.

Nur einzelne schwere Heimsuchungen, wie sie in jenen Schreckenszeiten unser sächsisches Erzgebirge und insbesondere die Stadt Marienberg trafen, sollen nach den Nachrichten einiger Chronisten hier erzählt werden, und dürfte dies insofern als keine undankbare Aufgabe erscheinen, als hierüber verhältnismäßig nur wenig in die Öffentlichkeit gelangt ist, die betreffenden Mitteilungen vielmehr meist in den städtischen Archiven begraben und verborgen geblieben sind. —

Vor den eigentlichen Schrecken des dreißigjährigen Krieges sollte unser Sachsen, mithin auch unser Gebirge, im ersten Jahrzehnt desselben verschont bleiben, nicht aber vor der großen Geldnot, welche durch eine Art Falschmünzer, die sogenannten Kipper und Wipper, — Erstere kippten oder beschnitten den Rand der guten Münzen, Letztere wippten oder wogen die Münzen und schmolzen die guten ein – zu Anfange des Krieges auch über unser Land und Gebirge hereinbrach.

Nachdem nämlich wegen sehr großen Geldmangels Münzen in leichterem Gewicht geprägt worden waren, wurde das Übel noch viel schlimmer, als der Kaiser die Münzprägung einer Gesellschaft übertrug, welche die Münzen in unglaublicher Weise verschlechterte. Obwohl man nun diese maßlos verschlechterten Münzen später, nachdem der Unfug 2 bis 3 Jahre gewährt, wieder einzog, so konnte man doch auf mehrere Jahrzehnte hinaus nicht wieder zu geordneten Geldverhältnissen zurückkehren, sodaß namentlich Bauern und Städte allmählich verbluten und zu Grunde gerichtet werden mußten.

Vorzugsweise waren die Juden beflissen, das gute Geld gegen minderwertige Münzsorten auszuwechseln, und war es endlich dahin gekommen, daß ein Reichsthaler guten Gepräges 14 Gulden kostete, wogegen nun aber auch der Scheffel Korn mit 31 Gulden schlechten Geldes bezahlt werden mußte.

Ein Chronist berichtet über diese Vorgänge aus den Jahren 1621 bis 1622, indem er sagt: „Es wurden fast alle Ofentöpfe und Kessel zu wenig und sind die Kippergesellen zur Zeit sehr fleißig und unverdrossen, in fremdem Lande nach alten Geld und Silber zu reisen, daß es auch letzlich so weit gekommen, daß ein Reichsthaler 14 Gulten gegolten, und die Kippergesellen waren sehr reich, hielten sich auch prächtig und stattlich, aber sie sind doch nicht alle reich gestorben.”

Als im Jahre 1623 durch eine kurfürstliche Verordnung diesem Unwesen, wenigstens für Sachsen, gesteuert worden, äußerst sich der Chronist hocherfreut: „Bei dieser gottwohlgefälligen Anordnung und Änderung der Münzen wurde den Blutegeln, den Kippern nämlich, das Cantate geleget, und es wäre kein Wunder gewesen, wenn ihrer theils verzweifelt wären, da ihre gottlose Nahrung so schnell ein Loch bekam; ja sie und die Ihrigen, die sich wohl vermessen und gesaget, sie könnten nicht arm werden, sind mit ihrem Kupfergelde zu Grund und Boden gegangen. Das hat Gott gethan, der da stürzet die Hoffärtigen.” —

Am 7. September 1631 war es, als in der für Schweden und Sachsen siegreichen Schlacht bei Breitenfeld unweit Leipzig das erste Blut auf vaterländischem Boden im dreißigjährigen Kriege floß, sodaß derselbe für Sachsen eigentlich nur ein siebzehnjähriger, aber dafür auch ein so unheilvoller ward, daß Ströme von Blut und Thränen flossen und das Übermaß von Elend und Jammer, das er gerade über unser blühendes Vaterland brachte, nicht mit Worten geschildert werden kann.

Schon im Jahre 1613, als die in Böhmen ausgebrochenen Religionsstreitigkeiten und Unruhen immer bedenklicher wurden, errichtete der Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen für sein ganzes Land, um dasselbe möglichst wehr- und kriegsfähig zu machen, ein sogenanntes Defensionswerk, d. h. eine Art von Land- und Bürgerwehr, wozu durch besondere Ausmusterungen die kriegstüchtigen Männer aus den Städten und Dörfern ausgehoben und in besondere Haufen gebracht wurden. So bestand das Freiberger Defensionswerk aus der Mannschaft, welche nicht allein aus der Stadt und dem Amtsbezirke, sondern auch aus dem Wolkensteiner, Grünhainer und Tharander Amte genommen war und zusammen 520 Mann ausmachte. Diese Mannschaften mußten von den betreffenden Städten mit den nötigen Waffen und den vorgeschriebenen Montierungsstücken, nämlich grauen Röcken mit roten Aufschlägen, roten Tuchstrümpfen und schwarzen Hüten versehen werden. Zum Unterhalte dieser Defensionierer wurde im ganzen Lande eine Steuer ausgeschrieben, wozu jede Stadt nach Verhältnis beizutragen hatte und berichtet die Marienberger Chronik, daß von diesem Orte allein im Jahre 1631 nicht weniger als 513 Gld. 9 gr. 2 Pf. Angeld und 43 Scheffel 9½ Metze Hafer an das Amt Augustusburg abgegeben werden mußte, „wodurch”, wie sich der Chronist ausdrückt, „die Stadt um ein Merkliches zurückgelegt ward.” Im genannten Jahre, wo die Kriegsunruhen die sächsischen Grenzen bereits aufs Schlimmste bedrohten, wurden von den erwähnten Defensionierern viele an die sächsisch-böhmische Grenze beordert, um hier in Gemeinschaft mit unseren gebirgischen Bewohnern alle Pässe zu verhauen oder wenigstens zu bewachen und das Eindringen von Streifparteien aus Böhmen zu verhindern.

Auch die Stadt Marienberg wurde bei dieser Sicherungsmaßregel nicht vergessen, sondern mußte eine beträchtliche Anzahl Defensioner stellen und „ausmondieren”, viele Bürger nach Reitzenhain schicken, um die Grenzpässe zu verhauen und zu bewachen und dafür nicht weniger als 230 Gulden 7 ggr. aufbringen.

Als am 7. September 1631 bei Breitenfeld die erste Schlacht auf sächsischem Boden geschlagen worden war und damit das Übermaß von Elend und Jammer, womit gerade unser bisher so blühendes engeres Vaterland heimgesucht wurde, begonnen hatte, trafen auch in Marienberg die ersten Vorboten der Kriegsdrangsale ein. Am 16. September desselben Jahres wurden nämlich 1500 Mann kaiserliche Infanterie, welche bei Leipzig kapituliert hatte und nun freien Abzug nach Böhmen erhielt, durch sächsische Reiterei und Infanterie bis Reitzenhain geführt, bei welcher Gelegenheit die Stadt die genannten Truppenteile zu verquartieren hatte und derselben ein Kostenaufwand von 425 Gld. 20 gr. erwuchs.

Sehr verhängnisvoll sollte das Jahr 1632 für Marienberg werden. Dies erfuhr die Stadt schon, als am 4. Mai die Fürsten von Anhalt und Altenburg auf dem Durchmarsche nach Böhmen hier mit 2 Regimentern einrückten und einige Wochen später der sächsische Oberst Vitzthum von Eckstädt mit einem Reiterregimente die Stadt als Musterungsplatz wählte; in beiden Fällen hatte dieselbe für Verpflegung u. s. w. 825 ß 5 gr., sowie später noch 1435 Gld. 9 gr. 8 Pf. zu zahlen.

Es würde geradezu ermüdend wirken und zu großen Raum verlangen, wenn all‘ die Geldopfer speziell Erwähnung finden sollten, welche unser Gebirge infolge von Einquartierung, Contributionen und dergl. zu bringen hatte. Der Chronist Marienbergs zählt, jedenfalls ohne auf Vollständigkeit Anspruch zu machen, etwa 40 Fälle auf, wo die Stadt größere oder kleinere Summen zahlen mußte. Eine übersichtliche Zusammenstellung der von Donat ziffermäßig gegebenen Geldleistungen ergab eine Gesamtsumme von über 18000 ß und war die Stadt zuletzt so zahlungsunfähig geworden, daß Deputationen an die Heerführer, welche die Brandschatzung auferlegt hatten, abgeschickt werden mußten, um durch inständiges Bitten eine Milderung der Zahlungsbedingungen herbeizuführen. Zu oft wiederholten Malen wurden Ratspersonen an die kaiserlichen und schwedischen Feldherrn abgeordnet, und es gelang ihnen auch nicht selten, Letztere zu Nachsicht und Milde zu stimmen. Zuweilen wurde aber auch trotz der großen Not so zähe an den Forderungen festgehalten, daß die Stadt mit Brand und Plünderung bedroht ward, sobald nicht pünktliche Zahlung erfolgte. Der Bürgermeister und Rat der Stadt mochten zu jener Zeit wahrlich keine beneidenswerte Stellung haben. Es mögen schwere Beratungen gewesen sein, welche sie mit den Bürgern im Rathause abhielten, sobald wieder neue Opfer gefordert wurden, und der Chronist bekennt wiederholt, „daß es dabei hart hergegangen sei.”

Zu den Geldern, welche den Feinden zu liefern waren, kamen oft noch ganz unerschwingliche Brandschatzungen an Brot, Bier und Getreide, und war es nicht selten, daß man von Haus zu Haus gehen mußte, um möglichst viel von dergleichen Naturalien herbeizuschaffen und den Forderungen nur einigermaßen nachkommen zu können. Dazu wurden noch verschiedene harte, im Drange der Zeit entstandene Landessteuern erhoben und war die Lage der Stadt zuweilen eine so hoch bedrängte, daß diese Steuern nur teilweise und zwar durch Exekutionen zu erlangen waren. So erzählt die Chronik zum Jahre 1644: „Der 14. August hat man nach Zwickau zur Abrechnung schicken müssen uff 67 Wochen, jede Woche 8 ß 12 gr vor die Fourage und kostet das exequiren auch ein ehrliches, indem sie wegen einer Wochen rest exequiren lassen, ob es gleich der Freund gewesen, da solches der Feind nicht gethan, ob man ihm gleich großen Rest gewesen.” Weiter heißt es: „den 21. Sept. kamen wieder Exequirer von Zwickau wegen 7 ß rest. Da kann ein jeder Verständiger abnehmen, wie es zugegangen.”

In den späteren Jahren war die Stadt so verarmt, daß die Contributionslieferungen nur in kleinen Raten ausgeführt werden konnten, und vom Jahre 1643 ab kommen Geldlieferungen gar nicht mehr vor, wohl einfach aus dem Grunde, daß schlechterdings von den gänzlich verarmten Bürgern kein Geld mehr zu erlangen war. —

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf! Organ des Erzgebirgsvereins. 11. Jahrgang. No. 8 v. August 1891, S. 67 – 70.