Stadt und Warmbad Wolkenstein.

Glückauf! Organ des Erzgebirgsvereins. 11. Jahrgang. No. 8 v. August 1891, S. 70 – 71.

In und um Wolkenstein, insbesondere nach dem oberen Zschopau- und Preßnitzthale hin herrscht jetzt reges geschäftiges Leben. War seither die Stadt und das Warmbad Wolkenstein von Berlin, Dresden, Leipzig und Chemnitz aus über Flöha, ebenso aus dem Vogtlande über Zwickau, Schwarzenberg und Annaberg bequem zu erreichen, so wird der Verkehr nach dort durch die jetzt im Bau begriffene Eisenbahn Wolkenstein – Jöhstadt noch mehr erschlossen und erleichtert. Der Bahnhof Wolkenstein wird dabei wesentlich erweitert. Die deshalb nötigen Um- und Erweiterungsbauten werden energisch betrieben und gehen ihrer Vollendung entgegen. Während nun die Verkehrswege im Zschopauthale, das sich ganz besonders in und um Wolkenstein am anmutigsten entfaltet, mehr und mehr ausgebaut und nach fast allen Richtungen hin neue dergleichen angelegt werden, hat sich auch in der Stadt und dem Warmbade selbst eine überaus rege Thätigkeit entwickelt. Nicht allein daß die Wohnungen für die Kurgäste und Sommerfrischler durchgängig vorgerichtet und erneuert worden sind, auch die Anlagen und Wege nach den in unmittelbarer Nähe der Stadt gelegenen reizenden Aussichtspunkten und duftenden Waldungen sind neu hergestellt worden. Vor allen Dingen sind dies die zwischen dem Bahnhof und der Stadt gelegenen Schloßbergpromenaden, welche der Erzgebirgszweigverein zu Wolkenstein mit Aufwendung ganz bedeutender Kosten für die Dauer erschlossen und gebaut hat. Zur Deckung des dem genannten Erzgebirgszweigverein hierfür entstandenen sehr hohen Aufwandes veranstaltete derselbe am 8. Juli dieses Jahres im Warmbade ein Sommerfest, verbunden mit Instrumental- und Vokalkonzert, wobei zugleich auch sehr hübsche humoristische Aufführungen geboten wurden. Das Fest verlief trotz der an jenem Tage herrschenden kühlen Witterung auf das glänzendste. Die Teilnahme war ganz besonders aus der Stadt eine allgemeine, wie auch aus der Umgebung eine sehr rege. Freunde und Förderer der Sache des Erzgebirgszweigvereins hatten sich aus Stadt und Land, von nah und fern zu diesem Feste zahlreich eingefunden. Und in der That war das Zusammenwirken von allen Beteiligten ein recht harmonisches; jeder Einzelne, Mitwirkende wie Gäste trugen zur Hebung der Stimmung und zur Förderung der Sache redlich das ihre bei. Die ausgestellten Erzeugnisse erzgebirgischer Industrie fanden infolge der gewandten Thätigkeit der sich in den Dienst des Vereins gestellten jungen Damen rasche und gute Abnahme. Die Ausführung des Konzerts, und zwar sowohl die instrumentalen wie auch die gesanglichen Einzelaufführungen waren geradezu vorzügliche. Die Stadtmusikkapelle des Herrn Direktor Trinks leistete hierbei wiederum treffliches. Großer Beifall folgte den Leistungen des gut geschulten Männergesangvereins der Stadt Wolkenstein, dem sich die dasigen und die Herren Lehrer aus den Nachbargemeinden Schönbrunn und Falkenbach bereitwilligst angeschlossen hatten. Ein schönes imposantes Bild bot am Abend der Lampionzug durch die Parkanlagen des Warmbades, wie auch die darauf folgenden humoristischen Vorträge, welche die Festteilnehmer noch bis in die späteren Abendstunden in der heitersten Stimmung beisammenhielten. Der Ertrag dieses Festes soll für die erwähnten Zwecke ein günstiger gewesen sein, doch müssen die Mittel des nur wenige Mitglieder zählenden Erzgebirgszweigvereins zu Wolkenstein für die gedachten Herstellungen noch auf Jahre hinaus zusammengehalten werden. Obgleich es nicht nötig war, Naturschönheiten in künstlicher und gezwungener Weise herbeizuschaffen, so galt es doch, dieses herrliche Stückchen Erde so zu bebauen, daß die Aussichtspunkte mit Sicherheit besucht und somit das, was hier die Natur in so überreicher Fülle entfaltet hat, allgemein genossen werden konnte. Dies aber ist dem genannten Erzgebirgszweigverein im weitesten Sinne des Wortes gelungen. Geradezu Großartiges hat derselbe durch Erschließung und Herstellung dieser wunderbar schönen Anlagen geschaffen. Die Aufstiege sind von regelrecht bearbeiteten Granitstufen hergestellt und zu begehen selbst für ältere Leute ganz bequem. Die Aussichtspunkte und die Felsenrücken, von denen hier nur die Wilhelmshöhe, der Wettinfelsen, der Albertplatz und der Bismarkplatz genannt sein mögen, sind durch feste, starke, eiserne Barrieren gesichert und mit schönen neuen Ruhebänken ausgestattet. Die Promenaden selbst sind mit Würfelkies mosaikartig belegt, sodaß dieselben selbst bei nasser Witterung ohne alle Beschwernisse besucht und begangen werden können. Ein idyllisch bezauberndes Bild gewähren diese Anlagen in jeder Beziehung. Wundersam schön heben sich diese weißen Promenaden von dem sie überschattenden dunklen Grün ab. In so solider, dauerhaft hergestellter Weise und dabei so reizend gelegen, dürften weit und breit ähnliche Anlagen nicht aufzufinden sein. Selbst der Einheimische, der den Anblick blauer Bergeshöhen und saftig grüner Thäler, dunkler Wälder mit steilen Felsenabhängen, klarer Flüsse und Bäche mit rauschenden Wasserfällen von Jugend an gewöhnt ist, ist überrascht von der Entfaltung dieser Naturschönheiten. Wie ein Panorama, von dem man den Blick nicht wieder wenden, aus dem man nicht wieder herausgehen möchte, erscheinen die blauen Berge und die saftig grünen Thäler mit ihren reichen Abwechselungen, zwischen denen sich der Zschopaufluß wie ein hellblinkendes Silberband in vielfachen Windungen hindurch zieht. Mit Recht kann behauptet werden, daß gerade Wolkenstein einer der schönsten Plätze unsers Erzgebirges ist. Wer die Wunder der Alpenwelt im kleineren Maßstabe in der Nähe anstaunen, sich in Gottes freier Natur ergehen und sich von angestrengter Amts- und Geschäftsthätigkeit in milder reiner Gebirgsluft erholen und stärken will, dem ist der Besuch Wolkensteins als Kur- und Erfrischungsort, sowohl für längeren, als auch für kürzeren und vorübergehenden Aufenthalt in jeder Beziehung bestens zu empfehlen.

Das Unterkommen und die Verpflegung in den Hôtels und Restaurants ist gut und nicht zu teuer. Außer den vorhandenen Privatwohnungen sind zu empfehlen: Hôtel zum Sächsischen Hof, Restaurant und Stadtbadeanstalt von A. Heimburger, Hôtel zur goldenen Sonne, Stadt Straßburg, Schützenhaus, Arnolds-Restaurant, Hôtel Stadt Dresden und die Hüttenmühle, sämtlich in vorzüglich bequemer Lage und mit schöner Aussicht auf die in der Nähe befindlichen Thäler, Wälder und Höhen. Konzertmusik findet allsonntäglich auf dem Marktplatze, im Warmbade wöchentlich mehrere Mal statt. Die Stadt Wolkenstein liegt 470 m. über dem Spiegel der Ostsee in vollständig geschützter und milder Lage; das Trinkwasser ist gut und gesund und wird aus den in Felsen sicher gefaßten Quellengebieten von der 3½ Kilometer entfernten, nach Osten zu gelegenen Brüderhöhe und dem Wolfsbergfelsen mittelst eiserner Röhren zugeleitet. Der Gesundheitszustand der Bevölkerung ist ein stetig guter. Die Straßen sind schön und trocken, die Waldwege gut gepflegt. Das Warmbad liegt 1½ Kilometer nordöstlich von der Stadt. Im Jahre 1885 ist das 500 jährige Jubiläum seines Bestehens gefeiert worden. Das Warmbad Wolkenstein ist darum kein Produkt der Neuzeit, kein künstlich geschaffenes, sondern eine alte, stets gut bewährte Heilstätte. Der Besuch desselben ist ein sehr frequenter und steigt von Jahr zu Jahr. Die Direktion ist unablässig bemüht, das Warmbad in jeder Beziehung der Jetztzeit entsprechend zu gestalten und wer es seit Jahren nicht besucht und gesehen hat, erkennt es heute kaum wieder. Auch in diesem Jahre ist neben dem Landhause, — Luxemburg gegenüber —, ein prachtvolles stattliches Kurhaus errichtet und mit allem Comfort versehen worden. Prospecte sind durch die Verwaltung des Warmbades zu beziehen, im Übrigen sind auch Herr Bürgermeister Steinbach und der Vorsitzende des Erzgebirgszweigvereins, Herr Fabrikbesitzer Br. Speisebecher zu jeder Auskunftserteilung immer gern bereit.

Die demnächst auf der Bahnlinie Chemnitz – Annaberg – Weipert nach dem Erzgebirge abgehenden Extrazüge geben gleichzeitig gute Gelegenheit zum Besuche der Stadt und des Warmbades Wolkenstein mit seiner reizenden Umgebung.