Organ des Erzgebirgsvereins

Aus dem Auerthale

Unter den zahlreichen schönen Partien unseres Erzgebirges nimmt gewiß der Schneeberger Floßgraben eine der ersten Stelle ein. Er zieht sich bei seinem beinahe vierstündigen Laufe bis kurz vor seiner Ausmündung am Fuße des Schneebergs in Oberschlema fast ausschließlich am Waldabhange des linken Muldenufers hin und kann von Anfang bis Ende auf bequemem Dammfußwege begangen werden. Ganz besonders ist es der obere Teil des Kanals, von Auerhammer aufwärts, der als Gebirgspartie ohne Widerrede vielen hochgepriesenen anderen Partien unserer deutschen Gebirge nach touristischem Urteile an die Seite gesetzt werden kann. Gewährt dem naturfreundlichen Wanderer schon der oft durch Felsen gebahnte Graben mit seinem leisen Plätschern in raschem Laufe großen Genuß, so sind es noch mehr die Felsenpartien, welche ihn hier fesseln. Da ist zunächst unmittelbar über Auerhammer der mächtige Granitstock „der gemauerte Stein“, von welchem herab bis zur Muldensohle gewaltige Granitblöcke in wildem Durcheinander den ganzen Hang bedecken. Nachdem wir eine geraume Strecke durch diese Granitregion gewandert, hört wie abgeschnitten die Granitbildung auf, und wir befinden uns im Flötzgebirge, welches nicht minder interessante Partien bildet. Die Großartigkeit der Gegend wird noch erhöht durch den prachtvollen Wald, der die mächtigen Felsgebilde beschattet. Nirgends kann man schönere und gewaltigere himmelanstrebende Waldesriesen sehen, als hier, und wer nicht ganz herz- und gefühllos durch diese heiligen Hallen wandert, der muß durch deren Anblick in eine feierliche Stimmung versetzt werden. Dazu kommt die im grünen Thale, das dem Blicke nirgends ganz entzogen wird, raschen Laufs dahinfließende Mulde, an welcher sich die Aue-Adorfer Eisenbahn hinzieht, und der jenseits des Thales herrlich aufsteigende Wald. — So wandert man bequem und ohne Bergsteigen bis zum Anfange des Floßgrabens unterhalb des Schindler'schen Blaufarbenwerks und des Bockauer Bahnhofs, von Auerhammer ab bei bequemer Gangart etwa 2 Stunden Wegs. Will man die Wanderung im Muldenthale hinauf nicht weiter fortsetzen, so legt man den Rückweg nach Aue in einer Viertelstunde per Bahn zurück. — Sehr interessant ist auch der Floßgrabenabschnitt von dem Uebergange der Aue-Schneeberger Straße bis Auerhammer; denn er gewährt fast durchgängig eine prächtige Aussicht nicht nur ins schöne Auerthal und auf die Wälder, die es umsäumen, sondern auch nach den diese Wälder überragenden näheren und ferneren Höhen, von welchen hier nur die Bernsbacher mit dem König Albertturm auf dem Spiegelwalde genannt werden möge.

Zur Geschichte des Floßgrabenbaues, dieses in damaliger Zeit nicht nur für's Gebirge, sondern auch für das ganze Land großartigen Unternehmens sei hier noch — nach Lehmanns Chronik der freien Bergstadt Schneeberg — Folgendes bemerkt. Nachdem im Jahre 1539 der Plan der Schneeberger Behörden, einen Graben von der oberen Mulde über das Gebirge herein nach Schneeberg zu führen, gescheitert war, nahm man die Angelegenheit später wieder auf. Unter den Männern, welche die Sache in die Hand nahmen, und den Graben weiter unten, als früher geplant war, fassen wollten, wird besonders ein Hans Freitag genannt, welcher, ehe noch viel von dem Unternehmen ruchbar wurde, bereits „mit Rat Thomas Popels, des ehemaligen Schneeberger Rektors, und mit Hilfe des Müllers Wolf Pommer den Graben abgegangen und befunden, daß er in die Schleem herein zu leiten sei.“ Auch hatte der Markscheider Christoph Kunzmann den Graben sorgfältig abgewogen, so daß er gehöriges Gefälle zur Holzflöße bot. Auf an den Kurfürsten August desfalls erstatteten Bericht verordnete dieser unterm 18. Mai 1556, „daß ihm solches Fürhaben gnädigst gefalle und daß es förderlichst ins Werk gerichtet werden solle.“ — Nun hätte der Bau sofort beginnen können; allein nach dem Glauben jener Zeit mußte zum Beginn desselben die Constellation der Sterne eine günstige sein. Die beiden vornehmsten Astrologen Schneebergs, Johann Hauptmann und Wolf Geuß wurden deshalb zu Rate gezogen, und auf deren Ausspruch nahm das Werk den 18. Juli 1556 Abends 10 Uhr seinen Anfang, „als welche Stunde zu einem fürtrefflichen Gelingen ganz besonders geeignet wäre, obgleich es viel Zank und Streit geben würde.“ Der Bau ging nun rasch vorwärts und wurde den 21. Oktober 1559 so weit fertig, daß das Wasser der Mulde durch den Graben zum ersten Male auf die kleine oder Gemein-Mühle in Schlema ging, jedoch zum Holzflößen noch nicht in gehöriger Stärke. Bis dahin betrugen die Baukosten des ganzen Grabens nach Angabe des Rechnungsführers Lange 3587 Mfl. 2 Gr. 2 Pf. — Im folgenden Jahre 1560 wurde nun der Floßgraben vollends seiner eigentlichen Bestimmung näher geführt, und am 4. August hatte er von der Mulde aus die zur Holzflöße nötige Wasserstärke vollkommen erreicht, so daß 40 Klaftern buchenes Holz an diesem Tage von der Mulde nach Schlema herein geflößt werden konnten. — Die erste Klafter aber, welche aus dem Wasser kam, wurde auf einen Wagen geladen, mit Fähnlein lustig geschmückt und unter Trompeten und Paukenschall und dem Jubelrufen einer großen Menschenmenge dem Bernhard Wiedemann in Schneeberg vor die Hausthür gefahren. Wiedemann hatte nämlich an der Ausführbarkeit des Floßgrabens gänzlich gezweifelt und geäußert, wenn Holz von der Mulde auf dem Graben herein geflößt wurde, so wolle er für die erste Klafter 10 Guldengroschen (Meißnische Gulden) geben. Jetzt war erfüllt, was ihm unmöglich geschienen hatte, und das Holz lag vor seiner Hausthür. Allein Wiedemann war weit entfernt, darüber Verdruß zu empfinden; vielmehr lud er die Herren, welche an der Spitze des Unternehmens gestanden hatten, zu Tische, und es gab ein gar lustiges Mahl.

G.

Quelle: Glückauf! Organ des Erzgebirgsvereins. 1. Jg. Nr. 7 v. 15. Juli 1881, S. 61 - 63

Eine aktenmäßige Darstellung von der Geschichte des Floßgrabenbaues bleibt einer späteren Nummer des „Glückauf“ vorbehalten.

Die Redaktion