Litterarisches.

Nov 30 1895

Wohl selten hat ein Buch, welches für Jugend und Volk bestimmt ist, so freundliche Aufnahme gefunden, als die beiden Bände der Bunten Bilder aus dem Sachsenlande; erlebt doch nach Verlauf von kurzer Zeit der 1. Band bereits die 4. verbesserte und vermehrte Auflage, während der 2. Band auch schon die 3. durchgesehene Auflage aufweist. Es sind in beiden Bänden Artikel vorhanden, welche das ganze Sachsenland berühren — und doch können wir mit Genugthuung behaupten, daß unser Erzgebirge besondere Berücksichtigung gefunden hat, auch waren die Namen einiger unserer Mitarbeiter darin als Autoren vertreten. Zu wünschen bleibt fast überall etwas, so auch bei den Bunten Bildern, wir meinen die Ungleichheit der Holzschnitte. Man vergleiche das Meisterwerk der Holzschneidekunst, das Porträt Jakob Georg Bodemers, mit dem Porträt von Julius Mosen! Ferner fällt dem Erzgebirger sofort die Schlittenfahrt im Gebirge auf. Das ist eine Hörnerschlittenfahrt im Riesengebirge, aber keine bei uns. Doch sind dies winzige Kleinigkeiten im Vergleich zu der peinlichen Genauigkeit, mit der die Aufsätze geschrieben wurden und namentlich auch im Vergleich zu dem herrlichen Stil, dessen sich die Mitarbeiter befleißigten. Die Bunten Bilder aus dem Sachsenlande sind sicher ein recht passendes Geschenk auf den Weihnachtstisch unserer reiferen Jugend!

Die um die erzgebirgische Litteratur verdiente Verlagsbuchhandlung von H. Graser in Annaberg hat unter dem Titel „Pfarrer Wild’sche und einige andere Gedichte” das 13. Heft der Gedichte und Geschichten in erzgebirgischer Mundart herausgegeben und sich damit den Dank aller Freunde unseres Volkslebens erworben. Der Sammlung und Herausgabe der Gedichte unterzog sich wiederum Herr Heinrich Köselitz, der den Lesern des Glückauf! durch seine wertvollen Beiträge zur Kenntnis und Würdigung der Dialektdichtung der Erzgebirger wohlbekannt ist. Der Genannte giebt in dem Vorworte kurze Mitteilungen zur Geschichte der bezeichneten Dialektdichtung. Nach diesen ist nicht, wie meist angenommen wurde, der Annaberger Kürschnermeister Grund, sondern der Pfarrer C. G. Wild, der in Breitenbrunn wirkte, der Vater dieser Litteratur. Die früheren Hefte der Graserschen Sammlung enthalten bereits verschiedene prächtige Dialektgedichte von Wild; das neue Heft bietet von ihm Dichtungen, die zumeist handschriftlichen Sammlungen entnommen sind, die aber gar wohl verdienen, in weiteren Kreisen bekannt zu werden. Pfarrer Wild hat zwei seiner Gedichte: „Bauernlied” und „Die franschö’sche Braut” als vogtländisch bezeichnet; mit Recht hat Köselitz diese Bezeichnung weggelassen. Von besonderem Interesse sind in dem Heftchen auch 3 Dialektdichtungen des 1828 zu Eibenstock geborenen Grenzaufsehers Kleinhempel, der nach seiner Militärdienstzeit von 1858 an als Aufseher bei dem Posten Hammerunterwiesenthal (Schlössel) angestellt war. Seine Gedichte, meist hochdeutsch, erschienen 1865 bei J. H. Hollstein in Buchholz. Da das Buch wohl nur noch in wenig Exemplaren vorhanden ist, dürfte der Wiederabdruck der erwähnten Gedichte vielen willkommen sein. Schließlich sei noch erwähnt, daß das Heft auch zwei Dichtungen, Zeichen echter Begabung, unseres geehrten Mitarbeiters, Herrn Lehrer Emil Müller in Dresden, enthält.

M.

Zurückgekehrt von der letzten Hauptversammlung aus dem freundlichen Schönheide bleiben wohl — neben dem geselligen Verkehr und der liebenswürdigen Gastfreundschaft der Schönheider — als wirklich angenehme Erinnerung in unserem Gedächtnis zurück der Beschluß einer Beihilde von 5000 M für das Paul Fleming-Denkmal in Hartenstein und die einstimmige Ernennung meines alten Freundes, des Herrn Schuldirektor Röder-Johanngeorgenstadt, zum Ehrenmitglied unseres Vereins. Er ist unser berufenster erzgebirgischer Volksdichter, seine großen und kleinen Dichtungen und Erzählungen sind Zeugnisse einer urechten, herrlichen Begabung, sie geben getreu den Sinn und die Eigenart des Erzgebirgers wieder. Seit dem Jahre 1880, als ich die Herausgabe der inzwischen auf 13 Bändchen herangewachsenen Sammlung „Gedichte und Geschichten in erzgebirgischer Mundart” begann, bin ich Röders treuer Verleger geworden und geblieben. Meine Sammlung umfaßt jetzt alle hervorragenden Erzeugnisse der mundartlichen Litteratur des oberen Erzgebirges, von ihren Anfängen (1816) bis zur Gegenwart. Wenn man aber fragen wollte, „wer besitzt die prächtigen Röder’schen oder anderen Bändchen, wer hat sie gelesen?” da würde eine ganz stattliche Anzahl antworten „wir alle”; aber unendlich viele würde man sehen, die nicht da sind d. h. die mit nein antworten müßten. Der sogenannte glückliche Verleger steckt jedes Jahr sein bares Geld hinein in dieses „volkstümliche” Unternehmen, aber die Einnahmen erfolgen nur löffelweise und zwar nicht suppen-, sondern kaffeelöffelweise. Ja, was sagt das geehrte Publikum dazu, wenn es hört, daß an der Auflage eines Bändchens von 1000 bis 1500 Exemplaren meist 10 Jahre lang verkauft wird, also durchschnittlich 100 bis 150 Exemplare jährlich? Gerne erkenne ich an, daß es in den letzten Jahren stellenweise besser geworden ist. Doch nur ein Beispiel, wo man Trübsal blasen lernt: Die umfangreichste und drolligste Erzählung unseres Röder „’N‘ Ward sei Sängerraas‘ nooch Hamborg” erschien 1883 in 1500 Exemplaren; erst nach 11 Jahren, voriges Jahr 1894 habe ich die 2. Auflage drucken lassen können, und zwar in der Hoffnung, daß ich wenigstens mit der Zeit auf die Kosten kommen werde. Und von diesem kostbaren, lustigen Werkchen wurden im verflossenen Jahre, also von der neuen 2. Auflage, ganze 118 Exemplare verkauft! Ich glaubte an einen Erfolg bei den Vereinen des Obererzgebirgischen Gausängerbundes, dessen beliebter Bundesvorsteher seit über 25 Jahren unser Röder ist! Der erste Versuch bei den 48 Vereinen ergab eine Bestellung von 3 Vereinen auf 22 Exemplare, der zweite und letzte Versuch (Februar 1895) erzielte einen Absatz von 33 Exemplaren von 10 Vereinen (darunter 23 Exemplare von 2 Eibenstocker Vereinen), 9 Vereine schickten die Exemplare zurück, und bei 29 Vereinen steht der Posten noch offen! Dieses jammervolle Ergebnis ist doch einigermaßen betrübend für die Hinterbliebenen. Aufmunternd ist es wenigstens nicht für den Verleger, und wenn es nicht die Liebe und Anhänglichkeit zu unserm schönen Berglande wäre, so würde wohl manches aus dem und über das Erzgebirge in meinem Verlage ungedruckt geblieben sein; denn der Mut allein langt nicht aus. Eigentlich wollte ich das alles den Herren in der Hauptversammlung sagen, aber bei dem unerschöpflichen Überfluß an Rednerkräften ließ mich meine „Schüchternheit” nicht zu Worte kommen. Gelegentlich der Ernennung unseres allbeliebten Hauptdichters Röder zum Ehrenmitglied unseres Vereins hielt ich aber diese Auslassung für angezeigt, und ich bitte herzlich, meine offene Aussprache nicht ungütig aufzunehmen. Neben dem vielen Denken an Turm-, Erweiterungs- und Wegebauten, Herstellung von Karten, stilvollen Holzbauten, von Wegweisern und Ruhebänken sollte man auch an etwas Anderes sich erinnern, nämlich an das, was unser Röder mit den reichen Gaben seines Herzens und Gemüts zur Erholung und Erheiterung dem erzgebirgischen Volke aufgebaut hat. Und deshalb empfehle ich die dieser Nummer beigegebene Ankündigung freundlicher, wirklicher Beachtung! Glückauf!

Annaberg. Hermann Graser.

Quelle: Glückauf! Organ des Erzgebirgsvereins. 15. Jg. Nr. 11/12, v. November / Dezember 1895, S. 163 – 164.