Zwickau

Dort, wo sich heute in Zwickau die Gebäude des Landesgefängnisses erheben, d. h. im Nordosten der ehemaligen Altstadt, wie sie die Ringmauer bis zum Ende des 18. Jahrhunderts umschloß, stand vordem ein landesherrliches Schloß. Es sind nun 133 Jahre ins Land gegangen, seitdem (1775) dieses Schloß in ein Zuchthaus und eine Arbeitsanstalt verwandelt wurde — so ändern sich die Zeiten! Die Räume, die einst die Beamten der Regierung, ja sogar zu Zeiten die Fürsten des Landes selber auf kürzere oder längere Weile beherbergten, mußten nunmehr zur Aufnahme von Sträflingen und Korrektionären dienen. Etwa zwei Jahrhunderte, ehe dieser Wechsel in der Verwendung des Schlosses stattfand, hatte es der baulustige Kurfürst August I. durch Hans Irmisch in den Jahren 1565 und 1585 untersuchen und erneuern lassen. Die baulichen Umgestaltungen waren derart, daß der Grundriß der alten Stadtburg (Zitadelle) völlig verwischt ward. Aber der Zweck der ersten Anlage ist klar: Stützpunkt der weltlichen Grundherrschaft und Sicherung der westlich und südlich der Burg sich ausdehnenden Stadt. Mit ihr hat bis 1533 nachweislich diese Burg den Namen geteilt: sie hieß Schloß Zwickau, und war als solche der Sitz des kurfürstlichen Amtmannes und früher des markgräflichen Vogtes (1219: Heroldus advocatus de Zwiccowe). Die anderen Namen, die das Schloß trug, lauten Weißenstein und Osterstein. Jener taucht in Urkunden Kurfürst Augusts auf, dieser etwa seit Mitte des 16. Jahrhunderts; beide also sind jedenfalls jüngeren Ursprungs.

Schloss
Schloß Osterstein.
Wenn wir nun nach der Entstehungszeit der Burg selber fragen, die zu Beginn des 15. Jahrhunderts (wohl unter Markgraf Wilhelm I.) einzelne Veränderungen baulicher Art erhielt, so müssen wir zugleich erörtern, wie sie denn samt der gleichnamigen Stadt in den Besitz der Wettiner gelangte. Im Juni vollenden sich sechs Jahrhunderte, seitdem (1308) Markgraf Friedrich der Freidige Burg und Stadt Zwickau für sein Haus wiedergewann. Es war in der Tat ein wertvoller Besitz, den seine Nachkommen nicht aus ihrer Hand gaben, indem sie ihn an einen oder mehrere Vasallen zu Lehn austaten, sondern unter ihrer direkten Verwaltung behielten. Sie taten recht daran: im Norden grenzten ja die böhmischen Reichsafterlehnschaften Meerane und Glauchau, im Osten Lichtenstein, ebenfalls böhmisch, weiter die reichslehnbare Grafschaft Hartenstein, im Süden die Herrschaft Wiesenburg, im Westen die Herrschaften Schönfels, Werdau und Crimmitschau. Wenn nun auch die letzten vier Gebiete unter meißnischer Lehnshoheit standen, immerhin trachteten ihre Besitzer, die Reußen von Plauen, darnach, in den Besitz der Burg Zwickau zu gelangen. So hören wir z. B. den Sohn Friedrichs, den Markgrafen Friedrich (II.) den Ernsten1), bei seinem Schwiegervater, Kaiser Ludwig dem Baier, über seinen ehemaligen Vormund, den Vogt Heinrich Reuß II. von Plauen, im Jahre 1331 u. a. folgende Beschwerde führen: Ouch haben wir schult zu ym, daz sins mannes sun, hern Johannes von Uthenhoven, der ouch von syner schyckunge (d. i. auf Veranlassung des Reußen) unse voyt lange was zu Zwyckowe, von des selben Johannes, sines vaters, weyne und gerethe (Vorschlag und Rat) daruf ging, wie her uns hus (Schloß) und stat da selbis zu Zwyckowe geanigte (abnähme), als uns vor war enpoten wart (für wahr berichtet wurde) von unsen getruwen alda selbis. Johann v. Uttenhofen — das Geschlecht saß zu Silberstraße (vordem „Arme Ruh“) — war nämlich in die Dienste des Markgrafen als Marschall getreten; dessen Vormund, der Reuße, sein Gönner und der Lehnsherr seines Vaters, hatte ihn für die Stelle eines markgräflichen Vogtes zu Zwickau vorgeschlagen und seine Bestellung dazu durchgesetzt. Als solcher versuchte er auf Anstiften seines gleichnamigen Vaters dem Reußen die ihm anvertraute Burg nebst der Stadt in die Hände zu spielen.

Dieselbe kam später auf dem Wege der Erbteilung (Oerterung) 1379 an den jüngsten Sohn Friedrichs des Ernsten, den Markgrafen Wilhelm I.; von ihm erbte sie nach dessen erblosem Tode dessen Neffe, Landgraf Friedrich der Einfältige von Thüringen. Er hinterließ sie 1440 den Söhnen seines Vetters, des Kurfürsten Friedrichs (IV.) des Streitbaren, Friedrich (V.) dem Sanftmütigen und Herzog Wilhelm. Diese teilten ihr Land 1447, und so gelangte Burg Zwickau an den ersteren der Gebrüder, der sie seinen Söhnen Ernst und Albrecht vererbte. Seit 1485 gehörte sie der ernestinischen, seit 1547 der albertinischen Linie des Hauses Wettin zu. Wir hatten oben gesehen, daß dieses Haus bereits vor 1308 jene Burg schon einmal besaß. Am 11. Mai 1212 hatte der Bischof Engelhard von Naumburg einen Streit zwischen dem Markgrafen Dietrich (dem Bedrängten) von Meißen und dem Abte Andreas von Bosau (bei Zeitz) wegen der Stadt (oppidum) Zwickau, der dortigen Marienkirche, des Dorfes Marienthal und einiger anderen Dinge geschlichtet. Der Abt verzichtete darauf sowie auf die Pfarrei von Osterweih (eines ehemaligen Dorfes im Norden der Burg Zwickau) und erhielt für sein Kloster eine Entschädigung von 250 Mark Silber. Von einer Burg ist hier noch nicht die Rede. Als aber Markgraf Dietrich im Jahre 1219 dem Nonnenkloster zu Eisenberg (S.-A.) seine Besitzungen bestätigt, nachdem es damals an jenen Ort von Zwickau aus verlegt worden war, erscheinen unter diesen Besitzungen, soweit sie sich in Zwickau befinden, u. a. auch „in der Burgfreiheit“ (in suburbio) Hofstellen und ein Weidicht, wo früher der Konvent seine Niederlassung gehabt hatte, d. i. in der Nähe der Katharinenkirche. Die Entstehungszeit der Burg ist damit gegeben: sie entstand 1212 – 19, und ihr Erbauer war Dietrich der Bedrängte. Sie schützte den von ihm um 1212 neben dem alten Wendendorfe Zwickau neu angelegten Markt gleichen Namens, der den Platz zwischen jenem und der Burg ausfüllte.

Die Besitznachfolger Dietrichs waren: Heinrich der Erlauchte, dessen Enkel, Markgraf Dietrich von Landsberg, und Friedrich Tuta, des letzteren Sohn. Als Tuta 1291 kinderlos mit dem Tode abging, hat König Adolf von Nassau Burg und Stadt als ein erledigtes Reichslehn eingezogen, und seitdem galt Zwickau als Reichsdomänenstadt; auf der Burg aber residierte ein kaiserlicher Vogt2). Dieser Zustand währte bis zum Jahre 1308. Nach dem Siege bei Lucka entschloß sich Friedrich der Freidige, Tutas Vetter, Zwickau an sich zu bringen. Am 11. Juni stand er vor den Toren der Stadt und begehrte Einlaß; sie wurden ihm geöffnet, und so zog er an jenem Tage in der Burg ein, die vor einem Jahrhundert etwa sein Urgroßvater errichtet hatte. Dietrich hatte es getan, um sich einem festen Stützpunkt in der Zwickauer Pflege zu schaffen, die er von seinem Rochlitzer Vetter, Markgraf Konrad von der Lausitz († 1210), geerbt hatte. Dessen Vater wiederum, dem Grafen Dedo dem Dicken, dem dritten Sohne Konrads des Großen, hatte die Gemahlin seines väterlichen Oheims gleichen Namens, die Gräfin Bertha von Morungen, den Gau Zwiccowe, eine Allodialbesitzung, als ihrem Pflegesohn vermacht. Die alte Streitfrage, ob sie dieselbe von ihrem Vater, Graf Wiprecht von Groitzsch, oder von ihrem Gatten, Graf Dedo (dem Aelteren) von Wettin, überkommen habe, ist wohl nach beiden Seiten hin zu verneinen; es steht zu vermuten, daß König Heinrich IV. ihr den Gau auf Bitten seiner Gemahlin Bertha als Patengeschenk übereignet hat, sodaß er 1118 „ihr Gebiet“ (territorium eius) heißen kann, worüber sie ohne Zutun ihres Vaters und Gatten frei verfügt. Wir erfahren hierbei auch die Grenzen des Gaues, aus dem der Bezirk der Burg Zwickau hervorgegangen ist.

Im Norden waren es der Scheidebach (fossa [= Pfütze] Hirsissprunck) und die „Steinernen Füchse“ bei Mosel (collis Weidemannissciets), im Osten der Mülsenbach (rivulus Milsena) in seiner ganzen Ausdehnung, im Süden vermutlich die Lenkersdorfer Höhe (mons Luderni), die Vereinigung des Schwarzwassers (Scurnice) mit der Mulde (bei Aue), sowie der Borberg bei Kirchberg (collis Recina) und im Westen der Lichtentanner Bach, der beim Lindenborn (Albodistudniza) zu Ebersbrunn (Alvolsborn; born = studniza sorb.) entspringt. Die Dörfer aber, die wir zum Zwickauer Burgbezirk ziehen dürfen, sind: Oberhohndorf, Eckersbach, Auersbach, Crossen, Mosel, Oberrothenbach, Helmsdorf, Niederhohndorf, Weißenborn, Pölbitz, Osterweih (wüst seit 1430), Schedewitz, Bockwa, Cainsdorf, Wendisch-Rottmannsdorf, Planitz, Marienthal, Königswalde und Hartmannsdorf. Verschiedene von ihnen kamen an das Kloster Grünhain, an die Edlen von Schönburg und von Wildenfels, sodaß das Gebiet des Amtes Zwickau sich verkleinerte, bis es im 15. Jahrhunderte von anderwärts her Erweiterungen erfuhr. Da die Wettiner 1143 nach Berthas Tode sich hier festsetzten, so ist die Zwickauer Pflege die älteste Besitzung ihres Hauses im Erzgebirge, und wenn sie auch zeitweilig (1291 – 1308 und 1312 – 1315) ihnen verloren ging, sie haben sich immer aufs neue in den Besitz gesetzt und dauernd darin behauptet. Ihre Burg daselbst ist eine der wenigen, deren Entstehungszeit wir festlegen können: dieselbe fällt in den Beginn des 13. Jahrhunderts, also hinein in die Kolonisationsepoche des sorbischen Marklandes, d. h. viel später, als man die Errichtung solcher Burgen anzusetzen beliebt. Ihre Bauzeit fällt demnach mit derjenigen Lichtensteins und Glauchaus nahe zusammen: 1212 – 1219.

1) Sein älterer Stiefbruder, Friedrich der Lahme (oder der Hinkende), war am 14. Januar 1315 durch einen Pfeilschuß in den Kopf getötet worden. Dies ereignete sich bei dem siegreichen Sturme seines Heeres auf Zwickau, das er dem Gegner seines Vaters, dem Markgrafen Waldemar von Brandenburg, der es seit 1312 inne hatte, wieder entriß.

2) Wenige Tage nach Adolfs Erwählung ließ sich einer seiner Wähler, der Böhmenkönig Wenzel II., am 10. Mai 1292 u. a. Burg (castrum) und Stadt Zwickau als Pfand verschreiben für den Fall, daß er die Mitgift seiner Tochter, die mit Adolfs Sohn verlobt war, vor dem verabredeten Zeitpunkte zahlen würde.

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 28. Jahrgang. Nr. 4 v. April 1908. S. 49 – 52.