Wildenfels

Noch heute ist das stattliche Schloß die Residenz des gräflichen Hauses Solms-Wildenfels. Außer dem Hause Schönburg ist es das einzige, durch welches der deutsche Hochadel in unserem engeren Vaterlande noch vertreten ist. Ist es nicht merkwürdig, daß die beiden Geschlechter in unserm Erzgebirge sich erhalten haben? Freilich während das Haus Schönburg auf eine mehr als 800jährige Bodenständigkeit in unserer engsten Heimat zurückblicken darf, haben die Grafen von Solms-Wildenfels vor einigen Jahren erst das dritte Jahrhundert ihrer Seßhaftigkeit in unseren Bergen überschritten. Fragen wir, wie das erlauchte Geschlecht, dessen Wiege im Hessenlande stand, zur Übersiedelung auf das alte Bergschloß unfern vom Muldenstrande gelangte, so handelt es sich hier um das Inkrafttreten eines Erbfolgevertrages. Denselben schlossen einst die Grafen Johann Georg († 1600) und Otto († 1612) von Solms, Herren zu Münzenberg und Sonnenwalde, mit Anarg Friedrich, Herrn zu Wildenfels, dem Letzten seines Stammes († 26. Februar 1602), nachdem schon ihre Väter, Graf Friedrich Magnus († 1561) und Herr Heinrich († 1558), eine eben dahin gehende Vereinbarung getroffen hatten. Kurfürst August von Sachsen bestätigte diesen Vertrag am 18. Januar 1585; hiernach sollte, falls jener Anarg Friedrich, der übrigens 1580 die Konkordienformel als baro Wildenfelsensis unterschrieb, ohne rechte ehelich geborene Leibes-Lehnserben mit dem Tode abginge, die Herrschaft an die beiden Grafen von Solms als rechtes Mannlehn fallen. Sie bestand aus folgenden Stücken: dem Städtlein gleichen Namens, das hart vor dem Tore des Schlosses lag, den Orten Weißbach, Hermersdorf (beide jetzt vereinigt), Wittendorf (Wüstung bei Thierfeld) und Neudörfel in ihrer ganzen Ausdehnung sowie größeren Anteilen an den Dörfern Schönau, Vielau, Reinsdorf, Härtensdorf, Ortmannsdorf, Zschocken, Oelsnitz i. E. und Pöhlau. Von dem ersten der beiden Grafen, Johann Georg († 1600), der nicht wie sein Bruder Otto in den Genuß des Vertrages eintreten konnte, stammen durch seinen jüngsten gleichnamigen Sohn, Johann Georg den Jüngeren († 1632), und den einzigen Enkel von diesem, Johann Friedrich († 1696), die jeweiligen Inhaber des Schlosses und der (inzwischen mediatisierten) Herrschaft, die ja ein kursächsisches Reichsafterlehn war, ab.

Schloss
Schloß Wildenfels um 1600.

Der Bruder des Stammvaters der Wildenfelser Linie des gräflichen Solmschen Hauses, Graf Otto, war also der Besitznachfolger jenes Edlen 1602 geworden, mit dem das Geschlecht erlosch, das sich nach der alten Feste einst genannt hatte, das sie samt ihrem Zubehör, der außer Grünau die oben angegebenen Dörfer, wenn auch nicht immer in gleicher Ausdehnung, umfaßte, von Anfang bis zum Ende mit Ausnahme einer 128jährigen Unterbrechung (1408 – 1536) festgehalten hatte. Während jener Pause war ihre Stammburg durch mehrere Hände gewandert: aus ihrem Besitze war sie übergegangen an Konrad v. Tettau, von diesem an Nikolaus Pflugk und seine Enkel. Der letztere veräußerte das Schloß um die Mitte des 15. Jahrhunderts an Heinrich III. von Plauen, Titularburggrafen von Meißen, der es 1454 bereits an Heinrich XX., Herrn von Weida, überließ. Er seinerseits vererbte es dann auf seine drei Söhne, deren Jüngster, Heinrich XXIV., es an seinen Schwiegersohn, Graf Hans Heinrich von Schwarzburg, 1533 durch Vertrag mit seinen Seitenverwandten zu bringen wußte. Von dem neuen Besitzer löste bereits 1536 Anarg, Herr von Wildenfels, das Haus seiner Väter wieder ein; ihm folgten Sohn und Enkel, bis mit diesem das alte Geschlecht einging. Fragen wir nun, seit wann es sich in unserm Gebirge niedergelassen, und woher es stammen mag, so lassen uns darüber leider die Nachrichten ziemlich im Dunkeln. Der erste Wildenfelser, der urkundlich genannt wird, heißt Heinrich und tritt 1222 unter den Zeugen der Gründung des Chorherrenstiftes Crimmitschau auf. Für gewöhnlich nimmt man an, daß der osterländische Edle Dudo von Meineweh (Mynime), der 1174 bei der Stiftung des Klösterleins Zelle bei Aue neben Markgraf Otto dem Reichen und Graf Meinher von Werben beteiligt war, der Stammvater der Herren von Wildenfels gewesen sei. Das kann sehr leicht möglich sein, aber beweisen läßt es sich bis jetzt nicht. Jedenfalls war es ein edelfreies Geschlecht, welches als Wappen eine schwarze wilde Rose im goldenen Felde führte, und empfing seinen Namen von der Burg, die es im Südosten des Gaues Zwiccowe etwa um die Mitte des 12. Jahrhunderts errichtete.

Freilich ist die Lehnsqualität des Schlosses und der Herrschaft Wildenfels eine recht verwickelte. Die letztere, wie wir sie oben beschrieben, lag in der reichslehnbaren Grafschaft Hartenstein, deren Herzstück sie darstellt, und mit ihr gingen die Wildenfelser bei den Meinheringern, den Burggrafen von Meißen, die zugleich Grafen von Hartenstein waren, zu Lehen. Der letzte Meinheringer, Burggraf Heinrich II., dessen Vater, Heinrich I. bei der Verpfändung jener Grafschaft an das Haus Schönburg (1406) sich ausdrücklich die Lehnshoheit über die Herrschaft Wildenfels vorbehalten hatte, versetzte auch diese am 28. Mai 1425 an Kurfürst Friedrich den Streitbaren auf Widerruf. Nach seinem erblosen Tode in der Schlacht bei Außig vermochten seine Rechtsnachfolger, Heinrich I. und II. von Plauen, die Wiedereinlösung nicht zu vollziehen, und so kam Herrschaft Wildenfels als Reichsafterlehn an Sachsen. Diese ihre Eigenschaft hat in der Folge mancherlei Unannehmlichkeiten und Reibereien für die Grafen von Solms verursacht. Anders steht es um das Schloß selber: im Jahre 1356 trugen fünf Brüder von Wildenfels (Dietrich, Friedrich, Heinrich, Albrecht und Otto) es Kaiser Karl IV. als einem Könige von Böhmen zu Lehn auf. Hieraus geht hervor, daß es ursprünglich eine Allodialbesitzung oder ein Reichslehn war. Späterhin kamen „die lehin des Sloszes wildenfels“ – vermutlich auf dem Wege des Tausches – ebenfalls an die Burggrafen von Meißen. Offenbar ist der ursprüngliche Hausbesitz der Edlen von Wildenfels nicht groß gewesen: er war ringsum von dem Gebiete der Grafschaft Hartenstein umgeben; wollten sie also ihren Besitz erweitern, so mußten sie in ein Vasallitätsverhältnis zu den Burggrafen von Meißen treten. Jedenfalls bestand das anfängliche Domanium nur aus dem Wildenfels, d. h. der steilen und schmalen Klippe des „wilden (d. i. bewaldeten) Felsen“, der wie eine Halbinsel ins Land vorspringt, und seiner allernächsten Umgebung. Fast will es uns bedünken, als habe hier ein wackerer Kriegsmann zur Belohnung für seine Dienste diesen Strich zu Erb und Eigen erhalten.

Schloss
Schloß Wildenfels mit Schloßteich.

Die früheste Ansiedelung bestand jedenfalls in dem hinteren Schlosse, der alten Burg (urbs); hier werden 1233 als Burglehner (urbani de Wildenfels) drei Männer namens Gunzelin, Ludolf und Siegfried urkundlich aufgeführt. Erst später erhob sich vor der Burg auf herrschaftlichem Grund und Boden ein kleines Städtlein7) , dessen Flur über 16 Hufen an Flächeninhalt aufwies, während die Herrschaft ihren Wirtschaftsbetrieb u. a. im heutigen Friedrichsthal hatte. Das vordere neue Schloß entstand erst im 17. Jahrhundert und ist ein Bau von drei, auf der Südseite von vier Stockwerken; eine lange Auffahrt, die auf drei Bogen ruht, führt zu ihm von der Stadt herauf. Hingegen verrät das hintere Schloß ein weit höheres Alter, wobei zu berücksichtigen ist, daß mehrere Brände, z. B. in den Jahren 1521 und 1598, die frühere Anlage zerstört haben. Von ihr zeugen nur noch der hintere Hof mit dem jetzt gegen 30 m hohen Wartturm, der östliche Querflügel und Ueberreste von Wehrgängen und Mauerwerk; letzteres rührt anscheinend von der Erbauung der Burg her. Ihr Name, der oben bereits erklärt wurde, ist deutsch, und ein deutscher Edler hat sie in trefflicher Lage auf dem isolierten Felsen erbaut. Sie ist ihrer anfänglichen Bestimmung treu geblieben: noch heute ist sie der nicht nur vorübergehende, sondern ständige Wohnsitz eines erlauchten Geschlechtes; möge es in ihren Mauern fortblühen bis in die fernsten Zeiten!

7) Kirchlich war es bis 1866 ein Bestandteil der Pfarrei Härtensdorf, auch ein Zeichen seines späteren Ursprungs.

Nachtrag Im dreißigjährigen Kriege belagerten Kursachsen und Kaiserliche das Schloß Altwildenfels (so im Gegensatz zum Städtlein genannt) vom 10. Juli 1640 ab und eroberten es am 1. August. (Lehmann, Erzgebirgische Kriegschronik, S. 139).

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 28. Jahrgang. Nr. 6 v. Juni 1908. S. 82 - 84.