Stein

Es ist eine der schönsten Burgen im Sachsenlande, auf die wir am Muldenstrande südwestlich von Hartenstein stoßen, nicht so sehr wegen ihrer Größe, ihres Umfanges, sondern wegen ihrer ganzen Anlage, auf die wir etwas ausführlicher eingehen müssen, weil sie uns einen bedeutsamen Einblick in die Baugeschichte der alten Feste gewährt, soweit dies noch möglich ist. Denn die Wiederherstellung des Schlosses, dessen malerischer Bau im 18. Jahrhundert durch Brand arg verwüstet ward und lange verwahrlost blieb, und die damit verbundenen Veränderungen, welche auf die Zweckmäßigkeit für den heutigen Gebrauch Bedacht nahmen, haben die Klarheit der ursprünglichen Anlage verwischt. Ohne Rücksicht auf die Erhaltung einzelner Teile ist manches abgetragen und niedergelegt worden, das stehen bleiben sollte, um die Anlage verständlich zu machen; andererseits ist manches gebaut worden, was mit dem alten Plane nicht zusammenhing. Noch im Jahre 1840, als die Burg dem Verfalle nahe stand, war der ganze Entwurf ihrer Befestigungen durchsichtiger, weil die Zwischen- und Verbindungsbauten, wenn auch in Trümmern, noch vorhanden waren. Die etwas kahle und nüchterne Restauration raubte der Burg Stein etwas von ihren intimen Reizen. Wir haben an ihr zwei Bauteile zu unterscheiden: die kleinere und ältere (nördliche) Oberburg und die größere und jüngere (südliche) Niederburg.

Die erstere, schmal auf einer freien Felsenklippe10) – daher der Name Stein – sich erhebend, diente zunächst der mehr landeinwärts gelegenen Burg Hartenstein als Vorburg: sie deckte und beherrschte den Muldenübergang sowie eine Straße, die vom Südwesten her kam und an ihr vorüber weiter nach Nordosten führte. Sie bestand zunächst für sich allein und war durch einen Wassergraben und doppelte Mauern geschützt, deren innere einen zum Teil auf Bögen ruhenden Wehrgang trug. Das vorzüglichste Gebäude der Hochburg ist der Hauptturm: seine Grundform ist ein Quadrat; nach Norden zu setzt sich ein Halbkreis an, der gegen die von Hartenstein herabführende Straße gerichtet ist. An den Turm schlossen sich zu beiden Seiten kleinere Flügelbauten an. Nach Westen zu erhebt sich der kleine, vortrefflich mit Obergeschoß und Giebel erhaltene Anbau, in dem auch der Eingang zu der ältesten Burg lag, und um das sich ein starkes halbkreisförmiges Bollwerk legte. In den kleinen Vorhof, den dieses Halbrondel bildete, führte ein Weg, der längs der Felskante emporstieg, und den eine Außenmauer deckte. Nach Osten zu reihten sich an den Hauptturm verschiedene Baulichkeiten, die ihren Abschluß in einem Luginsland, einem Rundturme, fanden, der das Ostende der ganzen Klippe, die ein in Felsen gesprengter Graben hier vom Umlande trennt, in stattlicher Höhe bekrönt. Allem Anscheine stammt er aus dem Ende des 12. oder dem Anfange des 13. Jahrhunderts; seine jetzige Gestalt erhielt er Ende des 16. oder Anfang des 17. Jahrhunderts: damals wurden die Giebeldächer erbaut, und den kleinen inneren Hochturm bedeckte man mit einer Haube. Ihm östlich gegenüber erhob sich früher eine Baulichkeit auf freien Felsen, wie ein im Besitze der Königlichen Bibliothek zu Dresden befindliches Aquarell vom Jahre 1798 ausweist; allein sie gehörte wohl kaum zur ältesten Anlage. Die zwischen dem Hauptturme und dem Luginslande stehenden Bauten enthielten Wohn- und Wirtschaftsräume, die in den Felsen gehauen waren, und auf deren Plattform eine Kapelle nebst einem Gärtchen stand. Dieses Gotteshaus besaß eine rechteckige Grundform und ein hohes Giebelfenster, brannte aber 1844 ab. Reste des Pfortengewändes und des Fenstermaßwerkes lassen bei diesen Zwischenbauten auf die Zeit um 1400 als Zeit der Entstehung schließen. Als Verbindung der einzelnen Stockwerke in dem völlig schmucklosen Wehrbau diente eine Wendeltreppe aus eichenen Blockstufen. Eine eichene Tür bei derselben weist mit ihren Kerbschnittmustern auf das 14. – 15. Jahrhundert. Daß aber der bisher geschilderte Nordbau der Hochburg eine in sich abgeschlossene Anlage darstellte, ergibt sich auch daraus, daß die im Süden des Hauses befindlichen Schießscharten zum Teil durch den Westflügel der Niederburg, den man später anbaute, verdeckt worden sind.

Schloss
Schloß Stein.

Die Niederburg entstand in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts; sie ward in der Front von einem tiefen und breiten Wallgraben, in der Flanke von der Mulde geschützt. Die Flußseite der Burg und ihre Vorderseite am Graben beherrschte ein in der Südwestecke aufragender Rundturm von 32 m Höhe. Er wurde späterhin von einem hohen und spitzen Schieferdache abgeschlossen, wies aber vordem eine offene, von Zinnen umschlossene Plattform auf. Diesen Eckturm verband mit dem alten Nordbau der Oberburg anfangs ein Wehrgang, auf den ein jetzt verbindungsloses, in das Freie führende Pförtchen des oberen Stockwerks jenes Nordbaues noch hindeutet. An diesen Wehrgang schloß sich dann das Hauptgebäude des Westflügels an, dessen Fenstergewände und Giebel dem Anfange des 16. Jahrhunderts entstammen. Ebenso wie ein Flügel im Westen, entstand auch ein solcher im Osten, von dem gar nichts mehr vorhanden ist, wie auch im Süden, der nur noch zur Hälfte besteht. Längs der Mulde zog sich eine Umfassungsmauer hin, die mit Bögen versehen war, worüber sich der einstmals bedeckte Wehrgang befand. So bildete sich eine geschlossene, viereckige Hofanlage, da der Ostflügel der Niederburg bis an die Felsenwand hinanreichte, die den Luginsland der Oberburg trug. Innerhalb dieses Hofes wurden dann noch etliche Gebäude am Felsen des Nordbaues errichtet. Das Feuer und die Verwahrlosung haben den Ostflügel und den halben Südflügel der Niederburg vernichtet; an ihre Stelle sind kahle und nackte Strebemauern getreten, um den Einsturz und Nachsturz zu verhindern. Wir wollen nun, nachdem wir den wichtigen Einblick in das Werden der ganzen Burg getan haben, ihren Besitzern und Herren uns zuwenden.

Für die Herren von Schönburg gewann die seit dem Jahre 1406 unter ihrer Lehnshoheit stehende Burg Stein, die 1632 durch erblosen Tod ihres letzten Besitzers ihnen anheimgefallen war, als Hausbesitzung eine größere Bedeutung, als Otto Ludwig († 1701), seit 1700 Reichsgraf, um jedem seiner 4 Söhne eine Herrschaft hinterlassen zu können, neben Hartenstein, Lichtenstein und Waldenburg noch eine Herrschaft Stein konstituierte, die sein dritter Sohn Ludwig Friedrich († 1736) erbte. Er begründete den Steiner Zweig der oberen Linie des Hauses Schönburg, den einzigen, der diese Linie fortsetzte. Sein Enkel Otto Karl Friedrich († 1800), seit 1790 Reichsfürst, hinterließ seinem zweiten Sohne Friedrich Alfred († 1840) Hartenstein und Stein. Die letztere Herrschaft gelangte nach dessen Tode an die Primogenitur des fürstlichen Hauses Schönburg-Waldenburg, das sie noch heute besitzt. Wie ward nun Stein aus einer Vasallenbesitzung eine Schönburgsche Domäne?

Seit 1450 hatte die Familie Trützschler die Burg inne, die hier mit Hildebrand Echelbert im Jahre 1632 ausstarb. Ein Schönburgisches Lehnbuch vom Jahre 1531 verzeichnet: „Tretzschler zum Stainn das Schloß Stein mit all seinen Zu- und Angehörungen und die 2 Dörfer Langenbach und Wildbach mit allen Zinsen, Renten, Freiheiten, Gewohnheiten, Gerichten oberst und niederst, mit allen Äckern, Wiesen, wonnen, Weiden, Wäldern, Hölzern, Fischereien, Wasserläuften, Bächen, Teichen, sofern und soweit das Schloß Stein in seinen Fluren und Rainen mit den obengenannten Dörfern begriffen hat, nichts ausgeschlossen, die Gerichte, oberst und niederst, über Hals und Hand, auf den Leuten und Gütern zu Rothenbach (bei Glauchau).“ Also nahezu zwei Jahrhunderte hat diese adlige Familie zu Stein gehaust. Sie ist es auch aller Wahrscheinlichkeit nach gewesen, welche die Niederburg ins Leben gerufen hat, und zwar muß dies kurz nach dem Antritte ihres Besitzes erfolgt sein. Bemerkenswert ist hierbei, daß der Patronat über die Kirchen zu Wildbach und Langenbach auf dem Schlosse ruht, das doch selber als auf dem rechten Muldenufer gelegen nach Thierfeld-Hartenstein pfarrte. Wir kommen darauf später zurück. Als Vorgänger der Trützschler lernen wir 1411 Hinz v. Remse den älteren und 1448 den bekannten Prinzenräuber Kunz v. Kaufungen kennen. Auch sie waren Schönburgsche Vasallen. Denn 1406 hatte Burggraf Heinrich I. von Meißen, als er das Schloß Hartenstein an Veit I. von Schönburg verpfändete, an erster Stelle unter ihrem Zubehör „die Mannschaft zum Steyn“, d. h. die Lehnsherrlichkeit über die Burg, namhaft gemacht. Außer den Edlen von Wildenfels war damals der gräflich hartensteinsche Erbarmann zum Stein der einzige Schloßgesessene unter seinen Mitvasallen. Wir können aus der Zeit der Meißner Burggrafen, der Meinheringer, folgende Inhaber des Steiner Schloßlehns ermitteln: 1402 Hans v. Tettau, 1388 Hans v. Kaufungen, von Anfang des 14. Jahrhunderts bis zur Mitte desselben die Zwickauer Patrizierfamilie der Egerer, die sich nach der Burg „zum Stein“ benannte, und nach einer hundertjährigen Pause, die Stillschweigen bedeckt, 1233 – 1254 Heidenreich von Stein. Dieser Ritter, ein Vasall Burggraf Meinhers II., des Stifters der Abtei Grünhain, führt auch den Namen Heidenreich von Grünhain und tritt abwechselnd unter beiden Namen in dem gedachten Zeitraume auf. Er saß, ehe jene Abtei begründet wurde, zu Grünhain, wo er auch die Dörfer Beierfeld und Sachsenfeld wie auch den Grund und Boden der Orte Westerfeld (jetzt Kühnhaide bei Zwönitz) und Holzenhain (jetzt Waschleithe bei Grünhain), die damals noch im Entstehen begriffen waren, von Meinher II. zu Lehn trug und zu gunsten des Klosters aufließ. Sein Lehnsherr hat ihn dann mit Gütern in der Nähe von Hartenstein ausgestattet, und in ihm mögen wir den Erbauer der Oberburg auf dem Steine, nach der er sich nun benannte, vermuten. Als den Zubehör seines Lehns nehmen wir wohl Äcker, Wiesen und Wald in der Nähe der Burg an.

Wir treffen später zwar die beiden Orte Langenbach und Wildbach als Pertinenzstücke des Steiner Schloßlehns an, auf dem ja auch ihr Kirchenpatronat haftete. Indessen das scheint keineswegs das Ursprüngliche zu sein, zumal ja Wildbach mit demjenigen Ende, wo das Kirch- und Pfarrlehn liegt, an die Flur des alten Schlosses Isenburg stößt. Zu ihm scheinen jene beiden Dörfer anfangs gehört zu haben, bis man sie nach Zerstörung jener Feste zum Steiner Schloßlehen zog, während das Örtchen Stein, das gegenüber der Burg aufkam, erst der späteren Zeit seinen Ursprung verdankt. Jedenfalls hat man Stein und Isenburg irgendwie in nähere Beziehung zu einander zu setzen. Sollte doch nach der Überlieferung von Stein aus, dem gegenüber am linken Muldenufer eine in den Felsen gesprengte Öffnung sich befindet, die als Zugang zu einem jetzt verschütteten Raume (6 Ellen breit, 20 Ellen lang) diente, von wo aus 3 Gänge nach verschiedenen Richtungen (jeder 3 Ellen breit, 20 Ellen lang, an ihren Enden verschüttet) tiefer in den Felsen führen, der nach Süden gehende von ihnen nach der Isenburg (2 km südlicher als Stein) hinleiten. Mit ihr hatte Stein auch das gemein, daß es um 1320, wie wir oben bereits feststellten, ein gefährliches Raubnest war. Vermutlich schädigten seine damaligen Insassen, die wohl mit den Rittern auf der Isenburg verwandt waren, die Schiffahrt auf der Mulde und machten vor allem den Zwickauern und Lößnitzern das Leben sauer. Freilich ganz klar werden wir hier nie sehen, da aufklärende Urkunden fehlen, und es kaum zu hoffen ist, daß neuer Aufschluß uns noch kommen wird. Jedenfalls schließen wir mit dem Resultate ab: die Gründung des Cisterzienserklosters Grünhain (um 1230) rief die Erbauung der Oberburg Stein durch den Ritter Heidenreich (de Grunenhain alias de Lapide) hervor, während um 1450 die Trützschler an ihrem Fuße die Niederburg anlegten. Jenes geschah unter Burggraf Meinher II., dieses unter Schönburgscher Pfandherrschaft.

10) Wie hoch dieselbe ist, zeigt sich daran, daß das Gestein fast in alle nördlichen Räume, zum Teil bis in das dritte Stockwerk, empordringt. So war es ganz natürlich, daß diese Anhöhe am Flusse zur Befestigung reizen mußte.

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 28. Jahrgang. Nr. 9 v. September 1908. S. 131 – 134.