Schwarzenberg

Die alte Burg hat in dem Zeitraume von 1212 – 1806, also nahezu 6 Jahrhunderte, unter der Hoheit der Krone Böhmen gestanden: in jenem Jahre beschenkte nämlich Kaiser Friedrich II. seinen eifrigen und tätigen Parteigänger, den Böhmenkönig Ottokar I., mit dem Schlosse, dessen Lehnsleuten und Untertanen jedweden Standes sowie dem vollen uneingeschränkten Rechte an den Besitzungen desselben jeder Art (donamus et ei confirmamus castrum, quod dicitur Svarcenberc, cum ministerialibus, servis, cuiuscunque sint conditionis, omnique iuris integritate quarumlibet possessionum); am Ende des oben angegebenen Zeitraumes erklärte Kaiser Napoleon I. als Protektor des Rheinbundes, dem Sachsen beitrat, jede fremde Lehnshoheit in unserm Lande durch diese Mitgliedschaft als erloschen und tilgte so mit einem Federstriche eine wenn auch seit 1459 pflichtenlose, aber immerhin bei jedem Thronwechsel kostspielige und unter besonderen politischen Verhältnissen gefährliche Formalität. Das mußten die Wettiner im Schmalkaldischen Kriege an sich verspüren. Wie Schwarzenberg, so waren auch Colditz und Leisnig, damals alle drei ernestinisch, wie es im Vertrage von Eger bestimmt worden war, böhmische Erblehen des Hauses Wettin. Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige hatte nun die beiden Schlösser Colditz und Leisnig mit ihren Ämtern seiner Gemahlin als Leibgedinge verschrieben. König Ferdinand von Böhmen, Kaiser Karls V. Bruder, zog wegen Felonie Colditz, Leisnig und Schwarzenberg ein. Der neue Kurfürst aber, der Albertiner Moritz, trat, um mit den eingezogenen Lehen wieder beliehen zu werden, von denen ja die ersteren beiden böhmische Enclaven in seinen Landen gebildet haben würden, u. a. den südlichen Teil – etwa ein Dritten – der Grenzherrschaft Schwarzenberg mit den neugegründeten Städten Platten und Gottesgab13) ab. Moritz behielt jedoch die Jagd und die Bergnutzungen in dem ganzen Gebiete des Bezirkes. Beide Hoheitsrechte erwarb erst Kaiser Joseph II. gegen eine Entschädigung von 20000 Talern.

Schloss
Schloß Schwarzenberg und Kirche daselbst nach dem großen Stadtbrande am 2. Mai 1824.
Als die ursprünglichen Grenzen der Herrschaft Schwarzenberg, die seit dem Jahre 1533 ein kurfürstliches Amt war, gegen Osten, Norden und Westen können wir das Pöhlwasser von der Quelle bis zur Mündung, das Schwarzwasser von Schwarzenberg bis Aue, die Mulde von da ab stromauf bis zur Mündung der Großen Riedert und endlich diese bis zu ihrer Quelle ansehen, während sich die alte Südgrenze von dieser Quelle bis zu der des Pöhlwassers in einem Bogen am Gebirgskamme hinzog. So liegen denn innerhalb dieses Gebietes außer der Stadt, die sich westlich an das Schloß anlehnte, die Orte Eibenstock (anfangs Dorf, dann Markt), Sosa, Jugel, Breitenbrunn, Rittersgrün, Crandorf, Bermsgrün, Kleinpöhla und Grünstädtel. Die Hammerwerke Pfeilhammer, Ober- und Unterblauenthal, Wildenthal, Wittigsthal, Kugel- oder Erlahammer und Breitenhof verdanken erst dem 16. und 17. Jahrhunderts ihre Entstehung; ebenso sind die Städte Platten und Gottesgab Gründungen Kurfürst Johann Friedrichs des Großmütigen. Man darf aber noch fragen, ob nicht Aue, Bockau und Lauter vor der Stiftung des Klösterleins Zelle, die durch Kaiser Friedrich I., den damaligen Besitzer des Schlosses Schwarzenberg, 1173 erfolgte, zu letzterem gehört haben und durch Schenkung an jenes Stift gelangt sind. Jedenfalls stieß die Herrschaft an die Südgrenze des sorbischen Gaues Zwickau, die hier durch den Jeremiasberg bei Lauter (mons Luderin) und das Schwarzwasser bis Aue (descensus Scurnice in Muldam) im Jahre 1118 gekennzeichnet ward. Ohne Zweifel aber dürfen wir die Schwarzenberger Gegend als Kolonisationsland ansehen, das etwa zu Beginn des 12. Jahrhunderts deutscher Bauern Fleiß dem Anbau eröffnete.

Kurfürst Johann Friedrich und sein Vetter Moritz ließen Schwarzenberg als Amt, wie gesagt, verwalten; der letztere überließ es seinem Bruder August, der aber nach kurzer Zeit damit Wolkenstein vertauschte. Als Kurfürst erhob derselbe dann Schwarzenberg zum Sitze eines Ober- oder Kreisamtes; ein solches blieb es bis zum Jahre 1854, nachdem es zu verschiedenen Zeiten mancherlei Erweiterung erfahren hatte. Ehe Schwarzenberg ein kurfürstliches Amt ward, was durch den Ankauf Kurfürsts Johann Friedrich im Jahre 1533 für den Preis von 127000 Gulden geschah, befand es sich in den Händen der Familie v. Tettau, die es seit 1488 ihr eigen nannte. Sie hatte ihrerseits Schloß und Stadt mit ihrem ganzen reichen Zubehör von den Burggrafen von Leisnig aus der jüngsten Linie ihres Hauses, der Penig-Rochsburger, mit der 1538 das ganze Dynastengeschlecht erlosch, erworben. Der Stifter jener Linie, Burggraf Otto I. von Leisnig, ein reicher Herr, der die Schlösser Penig, Rochsburg, Gnandsein, Waldheim und Lauterstein samt ihren Bezirken besaß, tritt seit 1357 als Herr der einen Hälfte von Schwarzenberg auf, im Jahre 1372 dagegen war Burg und Herrschaft vollständig an ihn oder seinen Sohn gelangt. Damals schloß Kaiser Karl IV. mit den Markgrafen von Meißen eine Erbvereinigung, laut deren letztere den böhmischen Lehnszug des Schlosses Schwarzenberg für die Burggrafen von Leisnig garantieren. Nichtsdestoweniger erhielt 1410 Landgraf Friedrich der Friedfertige von Thüringen bei der Teilung der Hinterlassenschaft seines Oheims, des Markgrafen Wilhelm I., jene Burggrafen mit Penig, Lauterstein und Schwarzenberg überwiesen. Darnach gewinnt es den Anschein, als hätten sich die Wettiner zwischen sie und die Krone Böhmen als Lehnsmittelinstanz eingeschoben, sodaß nunmehr sie von jener Schwarzenberg zu Lehn trugen, die Leisniger aber als ihre Vasallen auch mit diesem Schlosse abhingen. Die Letzten des leisnigschen Stammes, die drei Gebrüder Hugo, Eustachius und Alexander, sahen sich genötigt, Schwarzenberg mißlicher Vermögensverhältnisse halber in dem oben angegebenen Jahre an die v. Tettau zu veräußern, nachdem ihr Haus es länger als ein Jahrhundert inne gehabt hatte.

Ihr Vorfahr, jener Burggraf Otto I., übernahm die Herrschaft Schwarzenberg von dem Edlen Hermann von Elsterberg aus dem Hause Lobdaburg 1357 mittelst Kaufes zur Hälfte und erhielt die andere, die jener noch besaß, für den Fall des Todes von ihm zugesichert. Nur eine Zeitlang befanden sich die Elsterberger Dynasten im Besitze von Schwarzenberg: so erscheint z. B. 1346 Busso von Elsterberg als Herr daselbst, und neben ihm treten als Zeugen Dietrich und Heinrich v. Schwarzenberg auf, also Angehörige eines Geschlechtes des niederen Adels, das nach unserm Schlosse sich benannte und dort auf Burglehn hauste. Trägern dieses Namens begegnen wir übrigens schon früher im Gefolge der Vögte von Gera. Die letzteren, mit den Elsterbergern verschwägert, haben gemeinsam mit ihren Vettern, den Vögten von Plauen, Schwarzenberg besessen und später veräußert. Denn am 21. Dezember 1282 bestätigte Vogt Heinrich II. von Gera in civitate (Stadt) Swartzenbergk im Beisein der beiden jüngeren Vögte von Plauen, Heinrich II. des Böhmen und Heinrichs I. Reuß, dem Kloster Grünhain etliche Besitzungen, und am 24. August 1302 nennt sich der Sohn des zuletzt Genannten, Vogt Heinrich II. Reuß von Plauen Heinricus de Schwartzborg. Bis zum Jahre 1212 bleiben wir im Ungewissen über die Besitzer von Schwarzenberg; wir wissen nur, daß es am 26. September dieses Jahres König Ottokar I. von Böhmen als kaiserliches Geschenk empfing. Wie lange es Krondomäne blieb, ist freilich unbekannt. Kaiser Friedrich II., der Schenkgeber, hatte das Schloß von seinem Großvater, Friedrich Barbarossa, geerbt, und dieser hat es seinem Oheim, dem Herzog Heinrich von Melk14) abgekauft, (ut avus noster emit a duce Henrico de Medelic); der Erwerb dürfte etwa in die Zeit zwischen 1160 und 1170 fallen. Unter dem Herzog haben wir Heinrich Jasomirgott aus dem Babenberger Hause zu verstehen, benannt nach einer Beteuerung, die er häufig im Munde führte, also den Stiefvater Heinrichs des Löwen. Ist er vielleicht als der Erbauer der Burg Schwarzenberg anzusehen?

Schloss
Schloß Schwarzenberg.

Jedenfalls reicht dieselbe nicht höher als bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts hinauf. War doch noch 1118 der Gau Zwiccowe noch nicht dem Anbau erschlossen, um wie viel weniger die südlich davon gelegene, mit dichtem Walde überzogene und zum Kamme des Erzgebirges aufsteigende Gegend. Die Lage des Schlosses ist trefflich gewählt: es erhebt sich auf einem schroff nach Osten gerichteten Felsenvorsprunge, der das ganze Tal überragt und beherrscht. Daß man um 1150 auf einem solchen Platze die Feste baute, ist bei den primitiven Hilfsmitteln jener Zeit wirklich bewundernswert. Der Plan zeugt jedenfalls für die Kühnheit seines Erbauers. Es ist ein richtiges Felsennest, zumal nach allen Seiten hin das Gestein teilweise überhängt. Von großer Festigkeit sind die Unterführungen, die sozusagen mit der Felsenmasse des Baugrundes in eins sich verschmolzen haben. Sie sind neben dem Turme wohl das Einzige, was den Stürmen der Zeit Trotz geboten hat. Denn sonst ist nicht viel Altes übrig geblieben, zumal 1429 die Hussiten das Schloß mit stürmender Hand nahmen und einäscherten. Im Jahre 1555 erfolgte ein größerer Neubau, wobei das obere Stockwerk in Stein aufgeführt ward. Ein Brand verwüstete 1709 das alte Schloß, das man wiederherstellte, wobei freilich der aus dem 12. Jahrhundert stammende Turm, der damals als Amtsfronveste diente, verkürzt ward; die Brücke, welche das Schloß mit der alten, vordem ummauerten Stadt verband, erhielt eine Ausführung in Stein. Jedenfalls ist die ursprüngliche Anlage der Burg nicht mehr erkennbar, und auch ihre Zwecke haben gewechselt: zuerst eine wichtige Straßendeckung, dann eine böhmische Grenzfeste, weiter Sitz eine ansehnliche Herrschaft, diente sie nahezu 350 Jahre der Verwaltung und Rechtsprechung und ist seit mehr als einem Menschenalter nun ausschließlich für letztere bestimmt. Die Angabe freilich, welche eine im Jahre 1811 im Turmknopfe des Schwarzenberger Rathauses aufgefundene Urkunde vom 17. November 1718 macht, nämlich daß die Burg bereits 768 Jahre bestanden habe, mithin ums Jahr 950 – wohl von Kaiser Otto I. – errichtet worden sei, ist eine durch nichts bewiesene Vermutung eines damaligen Chronisten. Nicht minder töricht ist die Faselei, daß in einer Urkunde des 10. Jahrhunderts (?) ein Herr von Reuß (!) Burgvogt (!!) von Schwarzenberg gewesen sei.15)

13) Die Stadt Abertham gehörte hingegen nicht dazu, da sie innerhalb der ursprünglichen Landesgrenze von Böhmen lag.

14) Melk an der Donau zwischen Linz und Wien, das Medelik des Nibelungenliedes, war die Residenz Oesterreichs, seit Leopold I. der Erlauchte es dazu erhoben hatte. Wenn wir die Herzöge von Oesterreich in Schwarzenberg als begütert antreffen, so wollen wir nicht vergessen, daß z. B. im Vogtlande (pagus Dobna) die westfälischen Grafen von Everstein 1122 uns begegnen.

15) Im Anschluß hieran sei zur Berichtigung (vgl. Glückauf 1908, Januar, S. 4 f.) bemerkt: 1. die Grafen von Osterode haben nichts mit Schwarzenberg zu schaffen; 2. einen Grafen Ziska, dessen Bruder Walram Naumburger Bischof war – letzterer stammte aus dem Hause der Grafen von Schwarzburg –, gibt es nicht; wir sehen, man hat hier Schwarzenberg mit der thüringischen Schwarzburg vermengt; 3. die Berken von der Duba, ein edles Geschlecht, das in der sächsischen Schweiz hauste, besaßen allerdings 1372 eine Feste namens Schwarczberg als böhmisches Lehn; allein darunter ist nicht unser Schwarzenberg, sondern vielmehr die Goßdorfer Ruinie im Sebnitztale an der Mündung der Schwarzbach gemeint (Meiche, die Burgen … der Sächsischen Schweiz, S. 270 – 277a); 4. die reichbegüterten von Boskowitz können 1413 gar nicht unser Schwarzenberg erworben haben; denn am 25. November 1414 bestimmen Anarch von Waldenburg, Herr zu Wolkenstein, und Burggraf Albrecht von Leisnig, Herr zu Rochsburg, unter einander, wolle jener das diesem verpfändete Schloß Zschopau wieder einlösen, so solle er die Kaufsumme, 2000 Gulden, in der stad czu Penig, czume Lautersteine ader czu Swarczenberg, in welchen der dieser Slosse eyne sy (der Burggraf und seine Erben) dos habn vnd neme woldin, zurückzahlen; 5. der Graf von Passeyer, Wolf von Sensheim, König Podiebrad von Böhmen und Herzog Albrecht von Sachsen können nicht als Besitzer von Schwarzenberg gelten; die letzten beiden übten nur die Oberhoheit bez. die Lehnsherrlichkeit aus. – Man sieht, daß die Geschichte der Burg Schwarzenberg einer ganz entschiedenen Reinigung bedarf. Die obigen Ausstellungen beruhen zum Teil auf Verwechselungen mit anderen Schlössern des gleichen Namens.

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 28. Jahrgang. Nr. 10 v. Oktober 1908. S. 145 – 148.