Lichtenstein

Auch dieses Schloß ist eine Besitzung des Hauses Schönburg von alters her, wie mich bedünken will, überhaupt seine älteste im Erzgebirge. Die Stammburg des Geschlechtes erblicke ich in dem sogenannten „Roten Hause“, einer Feste, deren Trümmer noch heute im Fürstenwalde bei Geringswalde liegen. Dort stiftete einst Hermann I. zur Zeit des Papstes Lucius III. († 1185) ein Benediktinerinnenkloster und stattete es, wie aus der Bestätigungsurkunde seines Enkels Hermann III hervorgeht, u. a. mit dem Baugrunde des zerstörten Schlosses und der wüste gelegenen Stadt aus. Es steht zu vermuten, daß jenes Schloß den Namen der Familie trug. Wenn sie nun auch bis 1590 in der Geringswalder Pflege begütert blieb, so ruhte doch der Schwerpunkt ihres Besitzes im Erzgebirge. Nun aber erscheint unter den Vasallen des deutschen Kaisers Otto IV. im Jahre 1212 neben den Edlen von Colditz, von Drachenfels (bei Penig) und von Crimmitschau Hermann II. von Schönburg. Es sind also lauter Herren aus dem Muldentale und seiner Umgebung. Da nun 1212 noch nicht an eine Existenz der Burg Glauchau zu denken ist, so bildete eben Lichtenstein den ersten Stützpunkt für eine Niederlassung der Schönburger im Erzgebirge; hier fanden sie eine neue Heimat, wenngleich eine urkundliche Angabe für Beziehungen zwischen Lichtenstein und dem Hause Schönburg erst im Jahre 1261 sich vorfindet. Freilich neue Erwerbungen wie Glauchau, Crimmitschau und Hassenstein ließen Lichtenstein zu einem Tauschobjekt zwischen den einzelnen Linien werden, das bei den Erbteilungen bald dieser, bald jener zufiel. So besaßen es Hermann IV. und sein Bruder Friedrich III., Hermanns II. Enkel von seinem Sohne Friedrich I. gemeinsam, dann ging es ganz auf die Pürsteiner Linie über, die ihren Anteil an Glauchau veräußert und dafür Pürstein an der Eger (Birsenstein) erworben hatte. Von ihr ist Lichtenstein dann unaufgeklärt wie an die mittlere Glauchische Linie gekommen, deren Ausläufer Ernst II. es samt Waldenburg an seinen dritten Sohn vererbte, Hugo I. († 1566), den Stammvater der „oberen“ Linie. Der dritte Sohn desselben, Veit III. († 1622), gründete die Lichtensteiner Linie, die 1650 mit seinem Enkel Johann Ernst erlosch. Letzteren beerbte sein Vetter, der zum Grafen erhobene Otto Ludwig († 1701), und hinterließ dann seinem zweiten Sohne Otto Wilhelm die Herrschaft Lichtenstein. Von dessen Sohne ging sie endlich an den 1790 in den Reichsfürstenstand erhobenen Otto Karl Friedrich über († 1800), durch dessen ältesten Sohn Otto Viktor Lichtenstein der Primogenitur des Hauses Schönburg-Waldenburg zugefallen ist und noch heute zusteht.

Schloss
Schloß Lichtenstein.

Fragen wir nach der Lehnshoheit, so ergibt sich aus einer Schenkungsurkunde Kaiser Friedrich II., daß Lichtenstein bis 1212 ein Reichslehn gewesen ist. Damals schenkte er das Hoheitsrecht des deutschen Königs an dem Schlosse an seinen Parteigänger, den König Ottokar I. von Böhmen, überwies ihm also den Reichsvasallen Hermann II. von Schönburg als Lehnsmann. Diese böhmische Lehnshoheit muß jedoch nach dem Aussterben der Przemysliden in Vergessenheit geraten sein, da die Herren von Schönburg aus der Pürsteiner Linie Lichtenstein 1349 von dem Meißner Markgrafen, Friedrich dem Strengen zu Lehn empfangen hatten, lebte aber 1358 unter Karl IV. auf, nachdem die betreffende Urkunde aus dem Jahre 1212 im Archive des Herzogs von Oesterreich sich wieder vorgefunden hatte, und blieb ebenfalls bis 1806 in Kraft. Der Bezirk der alten Burg, die somit bereits im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts stand, stieß östlich an den Saum des großen Miriquidi-Waldes und lehnte sich im Westen an die Herrschaft Glauchau an, während ihn im Norden die Herrschaft Waldenburg und das Remser Klosterland, im Süden die Zwickauer Pflege und die Grafschaft Hartenstein abschlossen. Unter dem Zubehör des Schlosses sind außer vielen Wäldern, die noch Zeugnis für die ehemalige Beschaffenheit der ganzen Gegend ablegen, folgende Dörfer zu begreifen: St. Egidien (in der Lungwitz), Kuhschnappel, Rüßdorf, Hermsdorf z. T., Bernsdorf, Gersdorf, Hohndorf, Rödlitz und St. Michael (in der Mülsen). Wir bemerken wohl wie wenig sorbische Namen wir hier antreffen: Lungwitz, Rödlitz und Kuhschnappel — doch sind dies nicht Siedlungs-, sondern Orientierungsbezeichnungen (Wasserläufe). Anders verhält es sich in der Glauchischen Pflege: Glauchau, Grabowe, Wulm, Schlunzig, Jerisau (um 1160: Gerese) sind wendische Niederlassungen, allein sie liegen sämtlich an der Mulde, was sehr zu beachten ist. Die gleichnamige Stadt am Fuße des Burgberges bestand schon im Jahre 1261, wo ihr Pfarrer urkundlich auftaucht. Vermutlich entstand sie zu gleicher Zeit mit dem Schlosse oder bald nach dessen Erbauung.

Freilich erinnern weder die Anlage noch der innere Ausbau des heutigen Schlosses an die alte Burg, die im Jahre 1538 durchs Feuer vollständig vernichtet ward, und auf deren Trümmern die jetzigen Gebäude sich erheben, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts errichtet wurden und als es galt, einen Witwensitz für die Gemahlin des Fürsten Otto Karl Friedrich herzustellen, ihre gegenwärtige Einrichtung erhielten. Daß die Burg jemals den Namen Pyrsenstein geführt habe, wie ganz späte Schönburgische Urkunden besagen, beruht auf einer Vermengung mit der böhmischen Feste Pürstein; beide befanden sich, wie wir oben sahen, zeitweilig in einer und derselben Hand. Die Burg trug keinen anderen wie heute und empfing von dem „lichten Steine“, d. h. dem Felsen von heller, lichter Farbe, auf dem sie erbaut ward. Während ihre Bezeichnung deutsch ist, lehnt sich diejenige der benachbarten Burg Glauchau an eine sorbische Lokalität an. Der die letztere tragende Berg hieß bei den Sorben Gluchowe, d. h. zum tauben Ort. Man faßt dies allgemein als einen bergmännischen Fachausdruck auf: es sei taubes, d. h. nicht erzhaltiges Gestein gewesen. Wir tun wohl besser daran, auf der Oberfläche zu bleiben. Ich erinnere nur an den Deubenwald bei Jöhstadt und den Quellberg der beiden Mittweidabäche, den „Thaufichtig“. Beide nennt noch der bekannte Erzgebirgschronist des 17. Jahrhundert, Pfarrer Lehmann, den Taubenwald und den Taubfichtig. Gluchowe hieß also der Fels, weil auf ihm nichts wuchs, und wir würden den Namen mit Taubenheim verdeutschen können. Damit wird auch die Annahme hinfällig, daß die Burg (Hinter-)Glauchau je den andern Namen Schönburg geführt habe. Bemerkenswert dürfte noch sein, daß im Jahre 1306 (Mai 15) in der Nähe von Lichtenstein ein Gefecht vorfiel, worin die Anhänger König Albrechts I. von Habsburg unter Führung Friedrichs IV. von Schönburg eine empfindliche Niederlage durch die Leute Markgraf Friedrichs des Freidigen von Meißen erlitten, wobei namentlich viele Zwickauer Bürger fielen.

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 28. Jahrgang. Nr. 3 v. März 1908. S. 36 – 37.