Isenburg

Wir haben ihrer schon im Vorigen gedacht. Tief im Walde versteckt liegen ihre verfallenen Trümmer: ein Fußpfad führt von dem Wildbacher Gotteshause westlich an sie heran, und dabei stoßen wir auf ganz schwache und nur wenig kenntliche Überbleibsel von Wall und Graben, die nach dieser Richtung die alte Burg einst schützten. Dann kommen Reste einer Mauer; aus ihnen kann man schließen, daß die Hauptburg ein unregelmäßiges Viereck bildete. Spuren von Gebäuden sind noch bemerkbar; vor allem erhebt sich inmitten des Mauervierecks ein aus Schiefer erbauter Rundturm, der an der Südseite vollkommen zerstört ist: immer mehr bröckelt es ab und stürzt es ein, so sinkt er von Jahr zu Jahr in sich zusammen. Der Schneeberger Pfarrer Grundig, der die Ruine 1775 beschrieben hat, bemißt die Stärke seiner Mauern auf 3 Ellen, während seine damalige Höhe noch 8 Ellen betrug. Sein Durchmesser hält, nach den niedrigen Überresten bemessen, etwa 5 m. Es ist der alte Bergfried: in Manneshöhe kann man noch Rüstlöcher wahrnehmen. Die äußeren Mauern haben ihn nach Grundigs Beschreibung im Viereck umgeben und waren einst mittelst Bögen an ihn angeschlossen: so war also der Raum zwischen ihnen und dem Turme ein kasemattierter Gang. Die noch vorhandenen Mauerreste haben 1750 die Wildbacher mit Erlaubnis des Grafen Albrecht Karl Friedrich von Schönburg zum Neubau ihrer Kirche abzufahren begonnen, sodaß Grundig die Zerstörung in vollem Gange antraf. Später ward die Erlaubnis zurückgenommen, und die bereits abgebrochenen Steine kamen nicht zur Verwendung bei jenem Neubau, der erst zwischen 1804 – 1806 erfolgte. Im Nordosten, von dem engen Pfade durchschnitten, der von der Mulde her zum „Raubschlosse“ emporklettert, schließt sich an das obige Mauerwerk noch weiteres an, das einst einen Raum umgab, der gleichfalls die Gestalt eines unregelmäßigen Viereckes aufwies. Es war ein Zwinger, der als Vorburg diente; in ihm befand sich die Zisterne, von der noch eine kreisrunde Vertiefung sichtbar. Schuld an dem totalen Verfalle der Burg trägt auch ihr Baumaterial: leicht abbröckelndes und bald sich spaltendes Schiefergestein.

Untergegangen indes ist die Burg infolge gewaltsamer Zerstörung, die schon früh etwa Ende des 13. oder zu Beginn des 14. Jahrhunderts stattgefunden hat. Der Lößnitzer Pfarrer, Magister Oesfeld, teilt uns 1776 mit, daß man bei Sprengung der Isenburger Ruine11) auf eiserne Pfeilspitzen und ovale Schleuderkugeln, die aus Blei und Markasit zusammengeschmolzen waren, gestoßen sei. Die Pfeilspitzen wären teils rund und lang „wie eine Spicknadel“, teils viereckig und vorn zugespitzt gewesen und hätten alle eine Öffnung zur Aufnahme des Pfeilschaftes besessen. Ihr Eisen sei so hart gewesen, daß es kaum eine englische Feile angegriffen. Diese Pfeile hätten alle in der Mauer gestecken; das Schloß müsse demnach heftig von außen beschossen worden sein. Die Veranlassung zur Belagerung und zur Zerstörung der alten Burg gab das Raubwesen ihrer Insassen, die von dem im Walde versteckten Felsenhorste herab dasselbe noch viel bequemer als in Stein betreiben konnten.12) Natürlich hat man die Burg nicht zu diesem Zwecke angelegt. Sie steht jedenfalls in Verbindung mit der Gründung der Dörfer Wildbach, mit dem sie ja zusammengrenzte, und Langenbach. Ob sie älter oder jünger als Stein war, muß dahingestellt bleiben; vielleicht aber ist sie etwas später als Stein entstanden, und ihre Verbindung mit ihm läßt darauf schließen, daß wohl ein Zweig der Ritter von Stein sich auf dem „Eisenberge“ seßhaft machte und von der auf ihm errichteten Feste seinen Namen annahm. Denn Isenburg geht auf ein mittelhochdeutsches isenberc zurück: berc und burc wechseln unterschiedslos. Nun trieb man in der Nähe von Lößnitz vor alters Eisenbergbau; die Straße nach jener Stadt hieß „Eisenstraße“ (Die Brücke über die Mulde zwischen Niederschlema und Alberoda, die Schneeberg lange Zeit zu unterhalten hatte, war die „Eisenbrücke“; auch jetzt noch wird die in neuerer Zeit errichtete Brücke so genannt M.); über die Mulde führte unterhalb des Schlosses die „Eisenfurt“, und bei Wildbach finden sich einige schwache Eisenquellen. So hieß also auch einst die Anhöhe, welche die Ruine trägt, der Eisenberg und empfing erst die Bezeichnung der „Raubberg“, seitdem die Burg ein Raubnest geworden war.

Über die Burg berichtet keine Chronik und allem Anscheine nach keine Urkunde. Allein in letzterer Beziehung begegnen wir einer ganz schwachen Spur, die zur Aufhellung dienen kann. Unter den Wohltäterinnen des Nonnenklosters zu Frankenhausen (bei Crimmitschau) erscheint in den Jahren 1301 und 1317 eine adlige Witwe namens Gertrudis. Dieselbe wird bezeichnet als relicta fratrum de Ysenberg, d. h. sie war mit zwei Gebrüdern v. Isenburg verheiratet und überlebte ihre beiden Gatten. Sie trägt aber auch den merkwürdigen Beinamen raptrix, d. i. die „Räuberin“. So hat natürlich einer von ihren Männern, wenn nicht gar jeder von beiden geheißen. Daher begegnen wir denn auch in einer Urkunde der Vögte von Weida für das Martinsstift zu Crimmitschau, die vom 15. Juni 1270 datiert ist und die Schenkung der Pfarrkirche zu Langenhessen (bei Werdau) und ihres Filials Königswalde betrifft, unter den Zeugen neben einem Rudolf v. Planitz und den Brüdern Heinrich und Konrad v. Uttenhofen (auf Weißbach? oder schon auf Armeruh = Silberstraße?) auch einem Heynricus raptor. Kombinieren wir jene Angaben, so ist es ein Ritter aus dem Muldentale, der zu Eisenberg (Isenburg) hauste und wie der Berg ein Raubberg, die Burg ein Raubschloß hieß, so trug er und seine Familie den Namen der „Räuber“: vielleicht war dieser Heinrich der erste Gemahl jener Gertrudis. Wenigstens ist diese Annahme ein Versuch, den geheimnisvollen Schleier zu lüften, der rätselhaft über der kurzen Geschichte der Isenburg liegt. Ihre Trümmer ragen hinein in unsere Zeit als Zeugen jener Tage, da das Erzgebirge dem deutschen Anbau des 12. und 13. Jahrhunderts sich erschloß, als Zeugen einer Sturm- und Drangperiode, da sich das Faustrecht geltend machte, um energisch durch König Rudolf (von Habsburg) um 1288/89 oder den freidigen Wettiner, Markgraf Friedrich I. gezüchtigt zu werden.

11) War auch das Baumaterial, wie wir sahen, spröde, so war doch die Bauweise in Ansehung der primitiven Vorkehrungen von damals ausgezeichnet.

12) Zu der Zeit, da der Turm noch stand, und der Wald noch nicht so nahe an die Burg reichte wie jetzt, hatte man einen weiten Blick von seiner Plattform sowohl ins Tal wie vor allem auf die „böhmische“ Straße, die hier auf der Höhe von Hartenstein an Wildbach vorüber nach Schlema und Zschorlau führte.

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 28. Jahrgang. Nr. 9 v. September 1908. S. 134 – 135.