Hohenforst

Der Borberg und der Geyersberg in der Flur von Kirchberg haben einstmals anders geheißen: dieser Fürstenberg von dem Forste, der ringsherum andrängte – auf ihm erhob sich mit der Margaretenkirche der Markt, der von seinem Gotteshause den Namen empfing –, jener, bei den Sorben früher Recina benamst, aus demselben Grunde der Hohenforst. Dort kam etwa um die Mitte des 13. Jahrhunderts, wenn nicht schon früher, ein Bergwerk auf, lange Zeit ein Zankapfel zwischen den Wettinern und den Reußen. Wie kam aber die Anhöhe zu dem Namen „Borberg“? Kirchberger Stadtbücher nennen ihn wohl auch „Birkberg“ und „Burgkberg“. Die beiden Namensformen, die nur lautlich wie z. B. „Finkenburg“ und „Funkenburg“ von einander verschieden sind, kennzeichnen den Berg als den Standort einer Burg. In der Tat berichtet uns ein Verzeichnis über Einkünfte von Pfarrstellen im Bistum Naumburg, welche im Jahre 1320 wegen Abgaben an die päpstliche Kasse abgeschätzt wurden, über die Stadt Kirchberg folgendes: Die dortige Pfarrstelle ergab an Vakanzgeldern nur 25 Groschen (etwa soviel Reichsmark wie heute); die Aecker lagen eben wüste, die Einkünfte waren zurückgegangen – das war geschehen, weil das Heer des Markgrafen von Meißen „zu Hohenforst lag“ (iacuit in Honvorste). Es war ein „Orlog“, eine Fehde, die sich in den Jahren 1316/17 zwischen Friedrich dem Freidigen und den Vögten von Plauen und Gera abgespielt hatte. Während derselben waren die Leute des Markgrafen von Zwickau nach Kirchberg marschiert und hatten von der Feste aus, die den Gipfel des Borberges krönte und wie er „Hohenforst“ hieß, die Stadt und ihre Umgebung gebrandschatzt, auch die nahe liegende Wiesenburg in Schach gehalten.

Als Friede geschlossen war, trachtete der eine der früheren Gegner Friedrichs des Freidigen, der oben erwähnte Vogt Heinrich Reuß II. von Plauen, der Wiesenburg und Kirchberg als meißnische Lehen besaß, darnach, sich die lästige Trutzfeste, dieses Zwing-Kirchberg, vom Halse zu schaffen. Als er nun 1324 – 1329 die Vormundschaft über den Sohn des Freidigen, Markgraf Friedrich den Ernsten, führte, setzte er bei seinem Mündel die Schleifung der Burg durch, die auf dem frei aufsteigenden Bergkegel die Gegend beherrschte und ein trefflicher Stützpunkt der markgräflichen Macht in der Herrschaft Wiesenburg, im Süden des alten Gaues Zwiccowe, war. So kam es, daß sich 1331 der Markgraf bei seinem kaiserlichen Schwiegervater beschwerte, daß der Reuße ihm eyn hus (Schloß), das h y ez zu dem Honforste, gebrochen habe (du brach her daz uns) und nicht eher zufrieden gewesen sei, als bis er die halbe Bergherrlichkeit daselbst zu Lehn empfangen habe. Wie noch heute drei alte, hohe und auffallende Grenzsteine nahezu über den steilen Gipfel des Borberges die Grenze ziehen und ihn halbieren, so also eine Illustration zu den Worten des Markgrafen bieten, ebenso bezeugen noch Reste eines Wallgrabens und bearbeitete Steine das einstige Vorhandensein des markgräflichen Schlosses auf demselben Berge. Vermutlich verdankt es seine Entstehung erst Friedrich dem Freidigen, der sich neben Zwickau einen weiteren Stützpunkt in der dortigen Pflege gegen die mächtigen und reichen Vögte sichern wollte. Dann ist die Burg nach 1308 erbaut worden und hat höchstens ein Alter von 20 Jahren erreicht. Gleichwohl hat sich ihr kurzes Dasein in dem heutigen Namen des Berges, der sie trug, verewigt; es bildet eine beachtenswerte Episode in der alten Geschichte der Stadt Kirchberg.

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 28. Jahrgang. Nr. 5 v. Mai 1908. S. 65 – 66. Nachtrag: 32. Jahrgang. 1912, S. 163

 

Nachtrag Nach den neuesten Forschungen sind die Namen „Forstenberg“ (1316, 1317) und „Hohenforst“ auf ein Bergrevier zu beziehen, das südöstlich von Kirchberg liegt. Die Identifikation mit dem Borberge ist demnach hinfällig. Auf dem letzteren, dessen Name von „Burgberg“ abzuleiten ist, und der bei den Slaven Recina (1118) hieß, befand sich eine Niederlassung derselben mit einem Ringwalle; auch wäre es möglich, daß hier eine Burg der Reußen von Plauen gestanden hat, sodaß wir also nordwestlich und südöstlich von Kirchberg zwei „Häuser“, ein reußisches100) und ein markgräflich meißnisches, annehmen könnten. Die letztere stand außerhalb des Ortes Kirchberg bei einer Bergmannssiedlung im Wiesenburger Forste. Weil sie aber zwischen 1324 und 1331 geschleift ward, verfiel jene Niederlassung, da die Bergleute schutzlos geworden waren, sodaß sie sich nicht einmal zu einem Dorfe, geschweige zu einem Markte oder einer Stadt erheben konnte. Das wäre vielleicht geschehen, wenn Markgraf Friedrich der Freidige länger regiert hätte, und durch ihn seine Burg vor der Schleifung bewahrt geblieben wäre: so konnte sich leider das in der dortigen Gegend grassierende Räuberunwesen breit machen, das die emsigen Bergleute verscheuchte. Von der Burg, die im sogenannten „Unterforste“ des Wiesenburger Waldes gestanden hat, fehlt jede sichtbare Spur: Vogt Heinrich II. Reuß von Plauen hat die Schleifung so gründlich besorgen lassen, daß sie einer gänzlichen Vernichtung gleichkommt. Nur ein paar urkundliche Bemerkungen erhalten die Erinnerung an diese ephemere Burganlage.

100) Vgl. Hauptstaatsarchiv Dresden, Orig.-Nr. 4036: Kaiser Karl IV. und sein Sohn Wenzel versprechen 1372 den Wettinern ihren Schutz an den slozsen Luterstein, Ruwenstein, Scharfenstein, Gryfenstein, Wolkenstein und den Stein, by dem Hartenstein gelegin, Swarczenberg, Wesenberg, … Kirchberg, … Leuwenstein, Bernstein, Bursenstein, Rechenberg …; es sind also ein Dutzend uns wohl bekannter erzgebirgischer Burgen, die hier genannt werden: unter und neben ihnen steht Kirchberg, also wird noch im gedachten Jahre den Borberg ein slozs gekrönt haben.

(Fortsetzung folgt.)