Das namenlose „Raubschloß” bei Haßlau

Gegenüber der Wiesenburg, jenseits der Mulde, stoßen wir gleichfalls auf die Trümmer einer alten Burg. Ein wüster Steinhaufe ist es, etwa 1 km nordöstlich der Haßlauer Brücke, im sogenannten „Kieferig“ gelegen. So gering sind die Reste der Burg, die im Hussitenkriege zerstört worden sein soll, daß man schon ihre Existenz überhaupt bezweifelt hat. Hierzu hat auch der Umstand mitgeholfen, daß sich ihr Name nicht wie bei der Rommelsburg erhalten hat, sondern vergessen worden ist. Allein beachten wir, daß die Ortschaften Nieder- und Oberhaßlau (die „Hasel“, d. h. das Haselgebüsch) auf dem südlichen Rande der Vielauer Gemarkung längs der Mulde entstanden sind. Unsere namenlose Burg bei Oberhaßlau also liegt eigentlich in Altvielauer Flur und ist als der Stammsitz der Familie von Vielau (de Vilen) zu betrachten, deren Gliedern wir noch im Anfange des 14. Jahrhunderts begegnen. Der Name der Burg wird demnach einstmals Vielau oder Vylen 6) gelautet haben, darf also genau so wie Wehlen (um 1250 Vylin) in der Sächsischen Schweiz abgeleitet werden: es ist der Ort, bez. die Burg an der Wehle, d. h. am wjeli lĕs, am großen Walde, an den noch heute Lößnitz i. E. erinnert, und dessen Reste die dortigen und Hartensteiner Waldungen darstellen, der aber ehemals bis in die Nähe von Zwickau reichte. Vylin ist also ein slavisches Äquivalent zu Wildenfels (der Fels in der Wildnis, d. h. im waldigen Gelände) und Hartenstein (der Stein in der Haardt, d. i. im Bergwalde). Somit bleibt unsere Burg nicht mehr namenlos: wir werden fortan von der Burg Vielau reden dürfen, die einst unter der Lehnshoheit der meißnischen Burggrafen, der Grafen von Hartenstein, stand. Ob in der volkstümlichen Bezeichnung „Raubschloß“ ein Körnchen Wahrheit steckt, ob sie auf Überlieferung beruht, mag dahin gestellt bleiben. Aber die Möglichkeit ist schon zuzugeben. Denn 1320 hören wir, daß im Böhmerwalde bei Hartenstein schlechte und böse Menschen, Räuber, Wegelagerer und Schnapphähne, ihr lichtscheues Gewerbe trieben und die benachbarten Orte plackten. Vielleicht hängt mit diesem Raubunwesen, dem 1323 Markgraf Friedrich der Freidige nachdrücklich steuerte, auch das Verschwinden derer v. Vielau in dem gleichnamigen Orte sowie die völlige Zerstörung ihrer Stammburg irgendwie zusammen.

6) Die jüngere Namensform verhält sich zur ältern wie Mylau i. V. zu Mylin (vgl. Mühlau bei Penig zu Melin). Noch heute nennt sich ein Adelsgeschlecht von jenem vogtländischen Schlosse die v. d. Mühlen.

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 28. Jahrgang. Nr. 5 v. Mai 1908. S. 70.