Hartenstein

Auch diese Burg ist ein Dynastensitz, wenn auch nur für den Sommeraufenthalt, den die fürstlichen Herrschaften von Schönburg-Hartenstein zu nehmen pflegen, bestimmt. Daß ein Teil des Hauses Schönburg nach der Herrschaft Hartenstein sich benennen konnte, rührt daher, daß im Jahre 1406, wie wir bereits hörten, die Schönburger den Pfandbesitz der gleichnamigen Grafschaft erwarben. Daß sie versäumten, ihn in einen Effektivbesitz zu verwandeln und sich vom Reiche damit belehnen zu lassen, brachte sie als „Herren der Grafschaft Hartenstein“ unter sächsische Hoheit. Ernst II., der Stammvater des jetzigen Gesamthauses († 1534), vererbte nun u. a. Hartenstein an seinen dritten Sohn Hugo I., den Stifter der „oberen“ Linie († 1566) und dieser wiederum hinterließ diese Herrschaft seinem zweiten Sohne Hugo II. († 1606), der zu Hartenstein residierte. Er allein hat die „obere“ Linie fortgepflanzt; ihr Hartensteinischer Zweig, der alle anderen beerbte, mündete aus in der Person des 1700 zum Reichsgrafen erhobenen Otto Ludwig († 1701). Dieser stattete nun seine vier Söhne mit je einer Herrschaft aus: dem Ältesten, Georg Albrecht († 1716), gab er die Herrschaft Hartenstein, d. i. die um die Herrschaft Stein verminderte „niederwäldische“ Grafschaft gleichen Namens.8) Nur dessen Sohn, Friedrich Albert († 1786), erfreute sich ihres Besitzes; von ihm überkam sie der Sohn seines Steiner Vetters, der 1790 mit der Würde eines Reichsfürsten bekleidete Otto Karl Friedrich († 1800), und seine Besitznachfolger waren: sein zweiter Sohn, Friedrich Alfred († 1840), und dann dessen jüngerer Bruder, Heinrich Eduard († 1872), der Begründer der fürstlichen Linie Schönburg-Hartenstein und der Großvater des jetzigen Fürsten Aloys.

Seitdem Veit I. von Schönburg in den Besitz des Schlosses Hartenstein kam, hat es natürlich durch Umbau mancherlei Veränderungen im Laufe der Zeiten erfahren. Von der anfänglichen Burganlage haben sich im wesentlichen nur noch die unteren Umfassungsmauern, die nördlichen und östlichen Wallgräben und der befestigte östliche Torvorbau erhalten. Über dem bollwerkartigen halbrunden Vortore erblickt man das in Stuck ausgeführte Schönburgische Wappen mit der Jahreszahl 1530, wodurch wir auf Ernst II., als den Erneuerer dieses Burgteils verwiesen werden. Die eigentlichen Burggebäude waren aus dem unteren Hofe durch ein zweites, sich südlich an sie anschließendes Tor zu erreichen, welches in den oberen Hof führte. Ihre hufeisenförmige, westwärts offene Anlage entwickelte sich wahrscheinlich von dem nordwestlichen halbrunden und turmähnlichen Vorbau, der das Ganze abschloß. Die im Westen befindlichen Befestigungsteile wurden erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts teilweise abgebrochen und niedergelegt. Der östliche Teil des Schlosses, der den eigentlichen Kern bildet, an den sich zwei Flügel schließen, öffnet sich im Erdgeschosse durch einen Hallenbau. Dieser stammt aus dem Jahre 1572; damals fand überhaupt ein größerer Umbau der Burg durch Hugo II. statt, der ja auf Hartenstein seinen Aufenthalt nahm. Er hat darum auch in der Halle sein Wappen anbringen lassen. Nicht minder war derselbe Herr der Erbauer der Sophienkapelle, die er im Jahre 1584 aus einer früheren Rüstkammer des Südteiles herrichten ließ. Vor dem Schlosse liegt das herrschaftliche Vorwerk, der Wirtschaftshof der alten Feste, die auf der früher viel üppiger bewaldeten Anhöhe thront; von ihr empfing sie ihren Namen: Hartenstein bedeutet nichts anderes als der „Fels in der Hardt“ d. i. im Bergwalde, der noch heute in herrlicher Pracht als „Hartensteiner Forst“ vom Süden her an das Schloß sich heranzieht. Unterhalb desselben erstreckt sich das gleichnamige Städtlein, das um die Wende des 13. und 14. Jahrhunderts entstanden sein mag.9)

Schloss
Schloß Hartenstein.

Sie verdankt also ihre Gründung dem edlen Geschlechte der Meinheringer, die von Anfang an bis zum Jahre 1406 Grafen von Hartenstein waren und bis zu ihrem Erlöschen (1426) wenigstens diesen Titel nach der Verpfändung beibehalten haben. Sie waren es bereits, ehe sie durch König Philipp von Schwaben mit der Würde des Meißner Burggrafentums zu Beginn des 13. Jahrhunderts ausgezeichnet wurden, sie, die aus der Gegend von Weißenfels stammenden Grafen von Werben, deren Titel sich nicht nur auf die Landschaft übertrug, allwo in der Mitte Hartenstein als Grafenburg sich erhob, sondern deren Wappen, das schwarze Andreaskreuz (x) im gelben Felde, auch das Hartensteiner Grafschaftszeichen wurde. Schon unter Friedrich Barbarossa dürfen wir ihre Ansässigkeit im Erzgebirge annehmen. Im Jahre 1174 half ja ihr Ahnherr, Graf Meinher, das Augustiner-Chorherrnstift zu Zelle (bei Aue) mitbegründen, zu dessen Patronen auch der Apostel Andreas, wohl der Familienheilige, gehörte. Die Feste Hartenstein stand auf reichslehnbaren Gebiete und lag an der alten, von Lößnitz, der Hauptstadt der Grafschaft, heranführenden Handelsstraße. Sie war, so oft die Meißner Burggrafen im Erzgebirge weilten, ihre Residenz. Die Verwaltung der Grafschaft aber lag in den Händen eines Vogtes, der auf der Burg seinen ständigen Sitz hatte, deren Bewachung mehreren Burglehnern anvertraut war. Dieselben befanden sich im Genusse eines Burglehns, das in Wohnung, Grundstücken, Geld- und Naturalzinsen bestand. Ihre Niederlassungen waren jedenfalls wie auch bei Stadt Wildenfels diejenigen der dortigen urbani, der Anlaß zur Entstehung der Stadt Hartenstein. Unter den Burgmannen begegnen uns die v. Mauna, die v. Staucha (aus der Meißner und Lommatzscher Gegend), die v. d. Oelsnitz, die v. Reinsdorf und die v. Ortmannsdorf (Ortwinsdorf) (aus der nächsten Umgebung). Freilich scheint das Benehmen der Burginsassen nicht immer einwandfrei gewesen zu sein. Denn in einem kirchlichen Berichte aus dem Jahre 1320 vernehmen wir aus dem Munde des Pfarrers von Neumark bewegliche Klagen über den Rückgang seiner Einkünfte „wegen der häufigen Streifzüge der Raubritter daselbst d. h. auf den Schlössern Hartenstein und Stein, was eine ganz gewöhnliche Beschäftigung derselben ist und keineswegs als Frevel gilt.“ (propter frequentes raptorum ibidem insultus, videlicet de Hartenstein et de Lapide, quod commune est exercitum eorundem nec peccatum reputatur). Wir kommen hierauf bei der Schilderung der nächsten beiden Burgen noch einmal genauer zurück. Nur vorübergehend blieb die alte Feste ein Schlupfwinkel fehdelustiger Ritter. In der Hauptsache hat sie immer ihren gleichen Charakter bewahrt: sie ist ein stattlicher, weit ins Land hinein ragender Bau, der es wohl verdient, ein Fürstensitz zu bleiben; denn sie umgibt nicht minder eine herrliche, den Naturfreund ergötzende, landschaftlich schöne Umgebung wie der Schimmer ehrwürdigen Alters und geschichtlicher Bedeutung. Nicht nur, daß sie eine ehemalige Residenz erzgebirgischer Dynasten durch mehr als sieben Jahrhunderte gewesen ist, nein, in ihren Mauern haben auch die Stammväter der beiden Linien des Hauses Wettin, die Prinzen Ernst und Albrecht, im Jahre 1455 ihr erstes Nachtlager gehalten, nachdem sie aus den Händen ihres Entführers Kunz v. Kaufungen und seiner Gesellen befreit worden waren. Fragen wir endlich noch nach dem Zubehör der Burg, so sind dazu vor allem die Dörfer Beutha und Thierfeld, dessen Pfarrer zugleich die „Hauskirch“, d. i. die Schloßkapelle, versorgte, zu rechnen, während das Dörflein Raum, das seinen Namen von einem „Wiesenraume“ des Burgforstes empfing, und die Stadt Hartenstein, wie gesagt, später hinzukamen. Beträchtlich waren in ihrer Ausdehnung die Waldungen, die nahe des Schlosses gen Süden und Osten sich weithin erstreckten und ihm zu seinem Namen verhalfen.

8) Ihren „oberwäldischen“ Teil hatten die Schönburger 1559 an Kurfürst August von Sachsen wohl oder übel verkaufen müssen. Er umfaßte Ober- und Unterwiesenthal, Neudorf, Crottendorf, Scheibenberg, Oberscheibe und Elterlein..

9) Auch hier ist wieder die kirchliche Abhängigkeit von dem benachbarten Thierfeld, die sich bis zum Jahre 1865 erhielt, bezeichnend. Doch hieß der Thierfelder Pfarrer bereits im 14. Jahrhundert pherrer czum Hertensteine.

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 28. Jahrgang. Nr. 6 v. Juni 1908. S. 84 – 86.

Nachtrag Die neuen Titularburggrafen von Meißen aus dem Hause Plauen, die sich natürlich auch als „Grafen von Hartenstein“ bezeichneten, erbauten in Böhmen bei Buchau ein Schloß, das jetzt in Trümmern liegt, und gaben ihm, um den leeren Titeln doch einigen Inhalt zu schaffen, nach der erzgebirgischen Burg, die sie nie ihr eigen genannt haben, „Neuhartenstein“.

 

(Fortsetzung folgt.)