Glauchau

Südwestlich von der älteren Stadt Glauchau, d. h. ihrem heutigen innerhalb der ehemaligen Befestigungen gelegenen Kerne, erheben sich auf einem Vorsprunge des hohen Uferrandes der Mulde, etwas tiefer als der höhere Teil der Stadt, die beiden Schlösser Vorder- und Hinterglauchau, von einander durch einen Wallgraben, den sogenannten „Hirschgraben“ getrennt. Von dem ersteren können wir hier absehen, da es ja erst während der Jahre 1527 – 1534 von Ernst II. von Schönburg errichtet worden ist. Das eigentlich alte Schloß, die ursprüngliche Burg, oder, wie sie urkundlich zum ersten Male 1256 heißt, die Feste bei der Stadt (castrum urbanum) ist Hinterglauchau — „eine feste wohl erbaute burck“, wie sie der Pirnaer Mönch (Lindner), Luthers Zeitgenosse, bezeichnet. Damals war sie wohl eben von dem oben genannten Ernst II. umgebaut worden; denn sie war im Laufe der Zeiten baufällig geworden: im Jahre 1486 stürzte der Hauptturm ein! Durch diesen Umbau, der zur Erweiterung und Verschönerung des alten Schlosses führte, ist natürlich die ursprüngliche Gestalt seiner Anlage bedeutend verändert worden. Alt sind die mächtigen, dem Felskegel sich anschmiegenden Bogenbauten und die unregelmäßige einen Hof umschließende Gebäudemasse, an der je nach Bedürfnis gearbeitet worden ist, und wovon manche Spuren in die Zeit von 1460 – 1470 weisen. Bauliche Merkmale lassen uns jedenfalls das Alter der Burg nicht erkennen.

2 Schlösser
Gräfl. Schönburgsche Schlösser in Glauchau.
Burg Glauchau, gleichzeitig mit der Stadt entstanden, war der Mittelpunkt einer Herrschaft, die anfangs beim Reiche, dann infolge Auftragung bei der Krone zu Böhmen (bis 1806) zu Lehn ging. Sie dehnte sich von Norden nach Süden zwischen dem Gebiete des Benediktinerinnenklosters Remse und der (wettinischen) Zwickauer Pflege aus, d. h. sie lag jenseits der Nordgrenze des alten sorbischen Gaues Zwiccowe und südlich vom Pleißner Königswalde. Von Westen nach Osten zu erstreckte sie sich zwischen den Herrschaften Meerane und Lichtenstein aus. Zu den Dörfern des Glauchauer Burgbezirkes zählten: Jerisau, Lipprandis, Kleinbernsdorf, Reinholdshain, Lobsdorf, Niederlungwitz (St. Peter in der Lungwitz), Rothenbach, Naundorf (wüst in der Muldenniederung bei Hölzel), Wernsdorf, Stangendorf, Thurm, Berthelsdorf, Wulm, Schlunzig, Schindmaas und die Vorstadt im Norden Glauchau, das alte Fischerdorf Grabowe. Da nun letzteres noch im Jahre 1219 zum Sprengel der Pfarrkirche zu Osterweih (jetzt St. Moritz in Zwickau) gehörte, und 1256 Glauchau sowohl als Stadt wie als Pfarrei zum ersten Male urkundlich auftritt, so ergibt sich aus diesen kirchlichen Verhältnissen, daß Burg und Stadt Glauchau südlich des alten Weilers Grabowe zwischen 1219 – 1256 angelegt worden sind. Der Gründer ist Friedrich I. († 1291), der jüngere Enkel des ältesten und bekannten Ahnherrn des edlen Hauses Schönburg, Hermanns I., gewesen. Da sein älterer Bruder Hermann III. noch 1233 unter Vormundschaft stand, so wird sich die Bauzeit der Burg Glauchau auf die Jahre 1233 – 1256 beschränken lassen.

Die Edlen von Schönburg, die am 7. August 1700 in den Reichsgrafenstand erhoben wurden, haben sich bis heutigen Tages im Besitze des Schlosses erhalten, wie sie denn überhaupt das einzige Geschlecht des Hochadels sind, das in unserem Vaterlande alteingesessen ist und durch die Jahrhunderte hindurch sich behauptet hat. Mit dem Enkel Friedrichs I. von Schönburg, Friedrich VI., dem jüngsten Sohne seines vierten Sohnes, Friedrich III., starb freilich zunächst 1347 die alte Glauchische Linie des Hauses aus, allein in seinem Urenkel Friedrich VII. († 1383), dem dritten Sohne seines einzigen Enkels, den er von seinem ältesten Sohne Hermann IV. hatte, nämlich des mächtigen und reichen Friedrich IV. († um 1350), erstand die mittlere Glauchische Linie des Geschlechtes, die sich bis zu Ernst II. († 1534), dem Stammvater des heutigen Geschlechtes in allen seinen Zweigen, fortsetzte. Ernsts II. Sohn, Georg I. († 1585), und sein Enkel August († 1610) hatten dann Glauchau inne; hierauf kam es an Wolf III., seinen Enkel von dem jüngsten Sohne Wolf II. Derselbe starb 1612, und die Stammväter der neuen Hinter- und Vorderglauchauer Liniem, von denen die erstere 1900 erlosch, sind beide Söhne dieses Wolf III. Noch die alte Glauchische Linie der Schönburger besaß die Burg Glauchau samt ihrem Zubehör als ein Reichslehn. Seit Karl IV. hing die Herrschaft von Böhmen ab: teils das Erstarken der wettinischen Macht, teils Sicherung der Erbansprüche des Hauses mag die Edlen von Schönburg bewogen haben, dieses Gebiet jenem böhmischen Herrscher, der seit 1347 die deutsche Kaiserkrone trug, aufzutragen, um seinen mächtigen Schutz zu erlangen. Was eigentlich die Gründung der Burg herbeigeführt hat, wird alsbald das Folgende zeigen.

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 28. Jahrgang. Nr. 3 v. März 1908. S. 35 – 36.