Tharandt.

Da, wo die Ausläufer des Buchenberges (im Tharandter Walde), die zackigen Abhänge des Schlafberges (bei Großopitz) und die Somsdorfer Höhe den Talkessel der Wilden Weißeritz bilden, dessen Höhen bis zu über 150 m ansteigen, erhebt sich in dessen Mitte die steile Felsenklippe, auf der sich einst die Burg Tharandt), das „gute und achtbare Schloß“, erhob. Einige 30 m ragte sie über die Talsohle und beherrschte alle drei Haupttäler, das Dresdner Tal nach Osten zu, welches in den Plauenschen Grund und weiter nach Dresden führt, das Badetal, das sich nach Süden zu auf Höckendorf hin erstreckt, und das Granatental, das nach dem Norden sich erschließt. Hier nimmt der Schloditzbach seinen Lauf, mit dem der Toten- und der Zeisigbach den ihrigen unterhalb der nach Nordosten vorspringenden Bergnase der Tharandter Burganhöhe vereinigen. Es war also für die Zeit der Gründung jener Burg, die wir ins 12. Jahrhundert verlegen können, bis hinauf in das späte Mittelalter eine ausgezeichnet günstige und vorteilhafte Lage, die der Feste damals eine erhöhte Bedeutung verlieh, zumal sie so einsam im Waldtale lag und überhaupt nur von der Nordseite zugänglich war. Die Ausdehnung ihrer Umfassungen beweist übrigens noch heute, wie stattlich einst der ganze Bau gewesen sein mag, wenngleich sich über die ganze Burganlage im einzelnen infolge der mancherlei Verheerungen nichts Gewisses mehr sagen läßt.

Denn was ist denn von dem Schlosse heute noch übrig? Der Bergfrit, jener große und viereckige Turm im Südwesten, dessen malerische Überreste man erst in neuerer Zeit (seit 1800 etwa) vor völligem Verfalle bewahrt hat, ein Stück des Eingangstores, verschiedene Mauertrümmer und ein Keller. Das ist alles, was die Fürsorge späterer Geschlechter durch Ausbesserung und Nachhilfe zu erhalten vermocht hat, nachdem seit 1568, wo der Blitz in die Burg eingeschlagen und sie erheblich beschädigt hatte, die Zerstörung durch Menschenhand beschleunigt worden war. Am längsten erkennbar ist noch der westliche Teil des alten Schlosses geblieben, wo die Turmruine steht; wo die Turmruine steht; wo einst der östliche Teil sich erhob, finden wir heute den Baugrund der Tharandter Pfarrkirche, die einst am Marktplatze des Städtleins61) an der Stelle des späteren, alten Rathauses, dann aber in der Zeit von 1624 – 1629 auf der Höhe des Schloßberges zum Teil aus den Mauern der früheren Burg erbaut ward. Auch noch zur Errichtung des sogenannten „Fürstenhauses“ in Tharandt, zur Erbauung des Jagdschlosses Grüllenburg sowie anderer Häuser verwendete man die Materialien der abgetragenen Bestandteile des Schlosses, über deren Lage man daher keine Rechenschaft mehr geben kann, weil die einzelnen Grundlinien sich nach und nach verwischten. Schon 1568 hatte man die Schiefer von den Dächern abgenommen und Fenster, Türen u. a. m. anderweit verwendet; selbst von den vielen Kellern, wie auch vom Brunnen verloren sich bis auf wenige fast alle Spuren. 1631 brach ein noch größerer Verfall über die Burg herein, und anderthalb Jahrhundert später war die immer mehr und mehr zerfallene, bisher von keiner Hand gepflegte Ruine ein öder und wilder Trümmerhaufen, bis man 1780 viele Mauern abtrug, die Gewölbe zuschüttete und den Boden zuebnete, wodurch natürlich der ganze Plan des Schlosses unkenntlich wurde.

Selbstverständlich bildete es den Mittelpunkt eines kleineren Verwaltungsbezirkes, eines „Amtes“, das abgesehen von Verpfändungen, wie eine solche z. B. 1371 eintrat (an die v. Schönberg), in landesfürstlichem Besitze geblieben ist und von Vögten der Markgrafen verwaltet ward. Zu demselben gehörten in der Hauptsache, da natürlich die Grenzen solcher Ämter in den verschiedenen Zeiträumen schwankten, die Ortschaften Porsdorf, Förder- und Hintergersdorf, Hartha,62) Grumbach zum Teil, Großopitz, Weißig, Saalhausen (Sahlassan), Zauckerode, Döhlen, Hainsberg, Höckendorf, Obercunnersdorf, Dorfhain und Klingenberg; dazu kommt natürlich noch der kleine Ort, der am Fuße der Burg lag, und ehedem den Namen Granaten getragen haben soll, als er noch ein Dorf war, später63) aber, zum Markt und Städtlein erhoben, den Namen der Feste angenommen hat. Auf die verschiedenen Deutungen beider Namen gehen wir hier nicht näher ein. Einen wertvollen Bestandteil des Amtes bildete auf alle Fälle der weitausgedehnte Forst im Südwesten desselben, der an die Nordwestgrenze des Freiberger Amtes stieß; in seinem Gehege tummelten sich oft die jagdfrohen Wettiner, in deren Händen wir von Anfang an das alte Schloß vorfinden. Sie hatten es in frühester Zeit Ministerialen zur Bewachung anvertraut, und diese nannten sich nach der Burg, auf der sie als markgräfliche Vasallen saßen, z. B. 1216 Boriwo oder 1228 Christianus et Johannes (fratres) de T(h)arant. Bis 1349 begegnen sie uns in Tharandts Umgebung; denn das Lehnbuch Markgraf Friedrichs des Strengen vermerkt die Gebrüder Fridricus et Hermannus de Tarant mit Einkünften zu Großopitz (in villa Apacz) und der Mühle bei Tharandt, während andere Glieder der Familie uns gegen Ende des 13. Jahrhunderts als Vasallen der Edlen von Colditz (auf Wolkenburg) begegnen.

Als der erste frühere Besitzer der Burg aus dem Hause der Wettiner muß Markgraf Dietrich der Bedrängte von Meißen gelten, der u. a. sie seiner Gemahlin Jutta, der thüringischen Landgrafentochter, zum Leibgedinge überwies. Witwe geworden und zum zweiten Male mit dem Grafen Poppo von Henneberg, zunächst heimlich, vermählt, geriet sie mit ihrem Bruder, dem Landgrafen Ludwig IV., in Zwist, der auf kriegerischem Wege seinen Austrag fand. Der Landgraf fiel in das Meißner Land ein, eroberte bei dieser Gelegenheit am Ostersonnabende 1224 das Schloß Tharandt und brachte nach diesem Erfolge mit seinem Heere die Osterwoche in Dresden zu. Sein Neffe und Mündel, Heinrich der Erlauchte, pflegte sich sehr gern, vor allem der Jagd wegen, auf der Burg aufzuhalten; das bezeugen uns zur Genüge zahlreiche Urkunden, die von ihm daselbst in den Jahren 1242 – 1279 ausgestellt worden sind. Man darf Tharandt daher wohl als sein Lieblingsschloß bezeichnen, und so kam es auch, daß er es nebst Dresden und Radeberg seinem Sohne dritter Ehe, Friedrich Clemme (nicht dem Kleinen), vermachte. Dieser, Herr oder auch Markgraf von Dresden, wollte u. a. castrum Tharandt cum foresto64) et suis pertinenciis an König Wenzel II. von Böhmen im Februar 1289 veräußern, allein es blieb nur beim Vorhaben, und Tarandt fiel schließlich an seinen Neffen Friedrich den Freidigen zurück, dessen Schwiegertochter Mathilde wie einst Jutta das „huz zuo dem Tarante“ von ihrem Gemahl als Leibgedinge erhielt. Besonders hoch schätzten Tharandt Kurfürst Friedrich der Sanftmütige und sein jüngerer Sohn, Herzog Albrecht der Beherzte; jener, dem es bei der Erbteilung 1445 zufiel, soll geäußert haben, wenn sie ihm auch das ganze Land nähmen, nur den Königstein und Tharandt sollten sie ihm lassen; dieser, der öfters dort Hof hielt, bestimmte das Schloß seiner Gemahlin Zedena, der böhmischen Königstochter, zu ihrem Wittum, und sie war auch die letzte Person fürstlichen Standes, die dauernd Tharandt bewohnte. Über zehn Jahre (1500 – 1510) lebte sie auf dem stillen Witwensitze; nur ihr Enkel, Kurfürst August verweilte 1562 vorübergehend auf der Burg, die 1559, damit sie nicht ganz leer stünde, dem damaligen Oberförster Frisch zur Wohnung eingeräumt wurde. Im Jahre 1471 beherbergte auch die Burg den berühmtesten Staatsmann und Rechtsgelehrten des 15. Jahrhunderts, Gregor Heimburg, den kühnen Vorkämpfer gegen die Übermacht des Papsttumes, der am 10. August heimlich hier Einzug hielt; denn Tags zuvor bei seiner Ankunft in Dresden hatte die dortige Geistlichkeit sogleich allen Gottesdienst eingestellt, weil sich derselbe im Banne befand. Fragen wir endlich, warum wohl Tharandt angelegt worden sein mag, so dürfen wir wohl mit Recht vermuten, daß es die Verbindung zwischen den markgräflichen Burgen Freiberg (um 1185 entstanden) und Dresden (nicht lange vor 1206 angelegt) decken sollte, zumal an diese Verbindungsstraße Meißner Kirchenland65) und burggräflich dohnaisches Gebiet nahe herantraten; was das letztere anbelangt, so war Tharandt wichtig als Gegenburg von Rabenau, auf das wir sogleich zu sprechen kommen.

61) Dasselbe pfarrte bis 1555 nach Fördergersdorf und erlangte durch Kurfürst August kirchliche Selbständigkeit.

62) Der „Tharandter Wald“ hat also ehedem die „Harth“, d. h. der Bergwald, geheißen. Hartha liegt an seiner Nordostecke.

63) Das muß nach 1410 geschehen sein, weil damals nur die „Veste Tarant“, nicht aber das Städtlein gleichen Namens aufgeführt wird.

64) Derselbe wird also schon damals seiner Wichtigkeit halber besonders hervorgehoben.

65) Dasselbe begann rechts des Zauckeroder Baches und zog sich links der Weißeritz bis an die Elbe hin. Darum mußte 1206 der Burggraf von Dohna das castellum Thorum auf dem Burgberge bei Pesterwitz niederreißen, weil er es auf stiftmeißnischem Boden angelegt hatte. Nach dem bischöflich meißnischen Lehnsregister (15. Jahrhundert) gingen die Markgrafen von Meißen außer mit Dohna halb, Schloß, Stadt und Wald, Dresden, Schloß, Stadt, Wald, Haide und Amt, Radeberg, Schloß, Stadt und (Friede-) Wald, Döbeln, Schloß und Stadt, beim Stifte auch mit Taranth, Schloß und Stadt nebst allem Zubehör, zu Lehn. Seit wann dieses übrigens rein nominelle Lehnsverhältnis besteht, weiß ich nicht. Jedenfalls bekennen am 3. April 1316 die Markgrafen Waldemar und Johann zu Brandenburg, Friedrichs des Freidigen Gegner, daß sie Dresden, Tharandt und Radeberg früher dem Stifte Meißen abgekauft und von ihm zu Lehn empfangen hätten, daß alle drei Burgen bei ihrem erblosen Tode an dasselbe fallen sollen und jetzt ihm für 1700 Mark Silber zu Pfande stehen. (Cod. dipl. Sax. reg. II, 1, no. 362).

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins . 30. Jahrgang. S. 151 - 153.

Nachtrag Die älteste Urkunde, die es betrifft, worin auch Dresden zum ersten Male genannt wird (Cod. dipl. Sax. reg. II, 1, no. 74.), vom 31. März 1206 datiert, berichtet uns, wie nahe der Weißeritz Burggraf Heinrich von Dohna widerrechtlich auf bischöflich meißnischem Territorium das castellum Thorum erbaute. Damit ist aber nicht eine Befestigum auf dem Pesterwitzer Burgberge gemeint, schon aus Gründen der Siedlungskunde; hier befand sich einst der befestigte Mittelpunkt (grod) des Burgwards Bvistrizi. Auf dem Rücken unserer Urkunde befindet sich eine kurze Aufschrift, welche in der Zeit des 15. Jahrhunderts Tharandt als den Ort jenes Castells nennt. Mit ihr stimmt ein Urkundenauszug des Meißner Domarchivs vom Jahre 1478 überein, der da besagt, daß sich ein Dokument Markgraf Dietrichs des Bedrängten vorfände, worin nach dessen Entscheid das castrum Taranth dem Bischof von Meißen zu- und dem baro de Donyn abgesprochen worden sei.101) Hier haben wir also eine alte stiftische Überlieferung vor uns. Im 13. Jahrhundert ward mithin die Lehnshoheit jenes Bischofs nicht nur für Dresden, sondern auch für Tharandt anerkannt: das Schloß mit dem umfangreichen Waldgebiete der dortigen Gegend (cum foresto) war Stiftsgebiet. Damit ergibt sich auch eine andere Deutung des rivulus Zuchewidra, den man gewöhnlich als den Zauckeroder Dorfbach, die Wiederitz, ansieht, und dessen Quelle der westlichste Punkt der Stiftsgrenze102) war: es wird der Serrenbach gemeint sein, und da möglicherweise Zucherridra zu lesen ist, so erinnert daran noch eine Lokalität westlich des Markgrafensteins, die „der Ziegenrück“ heißt. 1206 befahl der Markgraf den Abbruch des Kastells und verbot seinen Wiederaufbau bei Strafe der Ächtung (sub periculo rerum et personarum), die der Bischof noch durch Androhung des Bannes verstärkte. Allein diese Maßnahme war unpraktisch: Tharandt war ein sehr geeigneter Punkt, um auf die kolonisatorische Neugestaltung der Landschaft Einfluß zu gewinnen: der Markgraf ließ sich also mit der Gegend belehnen und baute dort seine Burg.

101) Für die Identität von Thorun und Tharandt spricht der Umstand, daß wir noch 1547 die Namensform „ambt Dorn“ antreffen.

102) Dieselbe lief in dem Bächlein fort bis zu seiner Mündung in die Weißeritz (Bisrica) und setzte sich in der letzteren fort, bis diese die Elbe erreichte.

(Fortsetzung folgt.)