Rechenberg.

8 km von Frauenstein entfernt liegen die geringen Trümmer der kleinen Burg Rechenberg. Über den Wohnhäusern des gleichnamigen Fleckens thronte sie, ein kühner Bau, einstmals oft genannt, südlich der Ortskirche58) auf einem Granitfelsen, der 18 m hoch aus dem Talabhange des rechten Ufers der Freiberger Mulde gleich einem Vorgebirge senkrecht und steil emporsteigt und gegen das Dorf bis zu 25 bis 30 m herabfällt. Seine Oberfläche, die vordem das Schloß trug, ist 20 m lang und 12 m breit; jetzt bemerken wir nur noch auf der Ostseite von der äußeren Umfassung einiges spärliche, im Zusammenbruche befindliche Mauerwerk, 3 – 4 m hoch und 1 m stark. Wann die Feste eine Ruine geworden ist, wissen wir nicht genau. Um 1760 stand sie noch unter Dach und Fach, aber bereits um 1780 zeigt uns ein Kupferstich des Kgl. Kabinettes zu Dresden, den Wizani der Jüngere gestochen hat, einen seines Daches beraubten und im fortschreitenden Verfalle stehenden Turm, von dessen oberster Balkenlage noch einige hervorspringende Teile, die lose aufliegen, sichtbar sind. Aus seiner höchsten Stelle und aus dem Gemäuer heraus wuchert üppiges Gesträuch, ein Beweis, daß die Burg bereits längere Zeit verlassen war. Um 1790 gewahrte man bloß den zerfallnen Turm, der zu Anfang des 19. Jahrhunderts nur noch kümmerliche Überbleibsel aufwies und 1821 völlig verschwunden war; 1840 endlich beseitigte man fast alles geflissentlich, glich aus und ebnete ein. Wie aber das Gebäu der früheren Grenzfeste fast spurlos vertilgt ward, so verscholl auch ihr Andenken in der Erinnerung der Bevölkerung, die nur noch mit der Naivität, die populären Etymologien eigen ist, zu erzählen wußte, wie die Landplacker zu Rechenberg abgerechnet, auf dem Frauenstein ihre Frauen, auf dem Purschenstein ihre Burschen und zu Pfaffroda ihre Pfaffen untergebracht hätten.

Ruine
Ruine Rechenberg.

Wir wollen nun die Geschichte der Burg kurz überblicken. Erbaut sein dürfte sie zum Schutze der an ihr vorüberführenden Straße Freiberg – Dux, die 1378 als „die strazze, die gen Rechenberg geet“, erwähnt wird, und zwar gegen Ende des 13. oder zu Anfang des 14. Jahrhunderts. Sie war naturgemäß sehr klein und galt darum eher als ein Sperrfort denn als eine Burg (castrum sive fortalitium Rechenberg: Cod. dipl. Sax. reg. II, 3, 161); ihr Hauptbestandteil war jedenfalls der mächtige Turm (turris), der urkundlich neben dem ritterlichen Vorwerke (allodium) und den übrigen Besitzungen (cetera bona) besonders hervorgehoben wird. Hier hauste einst ein adeliges Geschlecht, das seinen Namen von der Burg führte, und es steht wohl mit dem jetzt noch blühenden Geschlechte in Zusammenhang. In Schlesien liegt ein Dorf Rechenberg des Haynau-Goldberger Kreises; nicht nach ihm hat sich die schlesische Familie derer v. Rechenberg genannt, sondern es heißt so nach einem Zweige der nach Schlesien ausgewanderten sächsischen Familie gleichen Namens. Grade aus der Frauensteiner Gegend muß eine Abwanderung nach Osten stattgefunden haben, und Märcker macht darauf aufmerksam, daß allein drei Dörfer, die um Frauenstein liegen, mit ihren Namen in drei Ortschaften um das schlesische Waldenburg sich wiederfinden. Hierzu kommt überdies, daß unsere sächsischen v. Rechenberg noch im 14., ja 15. Jahrhundert in der Umgebung ihres Stammsitzes auftauchen. Denn 1333 kauft der Ritter Konrad v. Rechenberg ⅔ von Burkersdorf (NW Frauenstein) denen v. Haugwitz59) ab, und im Jahre 1337 erteilen die Markgrafen von Meißen nach seinem Tode die Anwartschaft auf diese Besitzung; der Witwe des Siegfried v. Rechenberg aber verleiht sogar 1418 Markgraf Friedrich IV. der Streitbare Güter und Zinsen in Rechenberg, dem alten Stammorte selber. Im Jahre 1270 hören wir zum ersten Male von einem Heinrich v. Rechenberg, der am 19. März d. J. als Zeuge in einer Urkunde des Landgrafen Albrecht von Thüringen zu Freiberg auftritt. Auch in der Chemnitzer Gegend begegnen wir Gliedern der Familie, so z. B. 1322, wo einer dem dortigen Bergkloster den Ort Dittmannsdorf nördlich von Zschopau verkauft, und im letzteren Orte finden wir als Burglehner 1299 den militaris Genchinus (Hänschen), filius Theoderici de Rechenberc. Der kleine Besitz ertrug eben nicht viel Bewohner, und so mußte sich mancher Sohn des ritterlichen Geschlechtes aus der erzgebirgischen Heimat wenden und sein Glück in der Fremde suchen.

An einer nach Böhmen führenden Straße lag die Burg; diese Straße mündete ins Ossegger Tal hinein und zog sich an Klostergrab, früher jedoch unterhalb der Riesenburg vorüber. Hier saßen die ursprünglichen Lehnsherren der Burg Rechenberg, die böhmischen Magnaten von Riesenburg, die wir bereits als sächsische Vasallen auf Sayda und Purschenstein kennen lernten. Rechenberg war also ein böhmisches Afterlehn, was auch in der kirchlichen Beziehung zum Bistume Prag seinen bezeichnenden Ausdruck findet. Die Markgrafen von Meißen waren nun seit dem 14. Jahrhundert eifrig bestrebt, ihre Machtsphäre nach Süden zu, d. h. nach Böhmen hinein, zu vergrößern. Bereits Markgraf Friedrich II. der Ernsthafte richtete sein Augenmerk auf die Straßensperre, welche die Feste Rechenberg ermöglichte, und um sie in seine Hand zu bringen, bot er dem Edlen Borso II. von Riesenburg 50 Schock dafür an, wenn er das eigentlich böhmische Schloß vom Meißner Markgrafen zu Lehn nähme. Borso muß auf das Anerbieten eingegangen sein, wodurch er Rechenberg in die Hände des Meißners spielte, obwohl er das versprochene Geld nicht erhielt, sondern die Summe als eine Schuldforderung auf seine beiden Söhne vererbte. Einer von ihnen, der jüngere, Borso III., war mit Sophia, der Tochter Burggraf Meinhers III. von Meißen, vermählt, und sein Schwager, Burggraf Meinher IV., hat auf kürzere Zeit, vielleicht als Pfandbesitz, Rechenberg innegehabt, da ihn der Markgraf 1340 belehnte und sich das Öffnungsrecht der Feste ausdrücklich vorbehielt. Doch dieser Zustand war zur Zeit noch ein vorübergehender. Denn wir sehen ja 1350 Rechenberg wieder in den Händen der beiden Riesenburger, Slavkos und Borsos III. Am 28. Februar dieses Jahres schloß nämlich der Markgraf Friedrich III. der Strenge mit ihnen zu Altenburg einen Vertrag ab, worin sie Rechenberg wie ihr Vater von jenem zu Lehn nahmen, obwohl Meißen ihnen noch die 50 Schock schuldig war. Sie verzichteten sogar darauf, ebenso auf die Kriegsentschädigungen, die sie zu fordern hatten, und wurden dafür mit Sayda und Purschenstein beliehen, empfingen aber auch vor der Meißner Lehnscurie die veste Rechenberg mit ihren Dörfern, Zinsen, Wäldern, Fischereien, Wiesen, Teichen, Äckern usw. In ihrem Lehnsreverse erklärten beide auch bezüglich Rechenbergs, daß sie es bei etwaiger Veräußerung dem Landesfürsten, d. h. dem Meißner Markgrafen, oder einem seiner Untertanen, aber keinem Auswärtigen anbieten würden. Am gleichen Tage empfing Sophia von Riesenburg u. a. auch das castrum Rechinberg mit all seinem Zubehör zu ihrem Leibgedinge angewiesen.

Diese Manipulationen, einem anderen Lehnsherrn sein Lehn zu entfremden, waren nicht fein, und die Wettiner kamen damit auch nicht zum Ziele, vollends als der diplomatisch schlaue Karl IV. in Böhmen als König regierte. Dort wußte man ganz genau, daß Rechenberg eben böhmisches Lehn, ein Pertinenzstück der Riesenburger Herrschaft war, und als im Jahre 1372 Karl IV. und sein Sohn, der König Wenzel, einer- und die Markgrafen von Meißen, Friedrich IV., Balthasar und Wilhelm I. andererseits sich gegenseitig den Bestand ihrer Länder garantierten, erscheint Rechenberg unter den böhmischen Besitzungen. Erst der gelehrige Schüler des gewandten Politikers Karl IV., der jüngste der drei Markgrafenbrüder, Wilhelm I., „der Fuchs von Meißen“, faßte festen Fuß in Rechenberg, indem er am 4. Februar 1398 die gesamte Herrschaft Riesenburg, zu der die Grenzfeste ja gehörte, für 40.000 Mark Silber dem Edlen Borso III. abkaufte; unter der ehrbaren Mannschaft der Pflege befand sich auch Zebenitz Kundige, der Rechenberg das huß mit aller zugehorunge zu Lehn trug. Im übrigen stammte er aus einer Meißner Familie, die in Dresden zu Hause war, wo die heutige Breite Gasse einst den Namen „Kundigengasse“ (bereits 1324) trug. Es waren also Patrizier, die hier ihren Hof inne hatten und später als Besitzer der Güter Wildberg und Helfenberg (NW und O von Dresden) auftreten mit einem Wappen, das eine Hand mit gespreizten Fingern im Schilde zeigt. Dieser Zebenitz veräußerte nun seine Feste an Burggraf Meinher VI. von Meißen, Herrn auf Frauenstein, dem es der Markgraf am 27. Juli 1400 gegen das Versprechen von Dienstleistungen und unter Wahrung seiner Lehnshoheit verlieh. Da nun Meinher VI. kinderlos verstarb, seine Vettern aber für Rechenberg nicht mitbelehnt waren, so fiel es bereits zwischen 1401 und 1404 – in diese Jahre hinein verlegt man Meinhers Tod – dem Landesherrn als erledigtes Lehn anheim. So kam denn Rechenberg in die Hände derer v. Schönberg, die es unter Friedrich dem Streitbaren († 1428) auf kürzere Zeit innehatten, um es am 26. Februar 1501 wiederzuerwerben, diesmal aber auf eine Dauer von nahezu 1½ Jahrhundert. An dem angegebenen Tage belehnte Herzog Georg der Bärtige Caspar von Schönberg auf Purschenstein, dem bereits am 29. April 1488 der Anfall von Rechenberg und Turmhof bei Freiberg gegen Erlegung von 1000 Gulden an die herzogliche Kammer verschrieben worden war, mit dem Schlosse und seinen Dörfern. Unter seinem Nachkommen Heinrich v. Schönberg zerstörte ein durch Unvorsichtigkeit einer Magd hervorgerufener Brand im Jahre 1586 am 2. Dezember den Bau des Schlosses, den jener am Schlusse des 16. Jahrhunderts erneuern ließ. Infolge finanzieller Schwierigkeit, die der dreißigjährige Krieg verursachte, kam endlich Rechenberg als Bestandteil der Frauensteiner Herrschaft 1647 aus den Händen derer v. Schönberg an Johann Georg I. und ward so ein kurfürstliches Kammergut, während die Burg, an die man nichts wendete, immer mehr zu veröden anfing und im Laufe der Zeiten in der oben geschilderten Weise einem vollständigen Verfalle entgegenging.

Es handelt sich nun darum, wer nach denen v. Schönberg im 15. Jahrhundert und wiederum vor ihnen, ehe sie den längeren Besitz Rechenbergs antraten, auf der alten Burg hauste. Hierfür kommt bereits vor 1440 in Betracht die Familie v. Gorentzk, wahrscheinlich nach dem Dorfe Görtitz (SW von Meißen) benannt und wie die v. Schönberg zu den Vasallen der Meißner Burggrafen gehörig. Am 19. August 1440 beliehen die Brüder Kurfürst Friedrich der Sanftmütige und Herzog Wilhelm der Tapfere die drei Brüder Michel, Wolf und Dietze v. Gorentzk. Der letztere übernahm 1449 Burg Rechenberg samt dem Städtlein, d. i. dem Flecken darunter, und dem Pfarrdorfe Nassau, während sein minderjähriger Neffe Hans, Wolfs Sohn, die Mitbelehnung erhielt und gegen Zahlung von 160 Schock, mit denen Dietze seiner Mutter Veronika Leibgedinge abgelöst hatte, die Einräumung der Burg zugesichert bekam. Allein er trat nie in dieses Recht ein, und sein Oheim Dietze, der kinderlos geblieben war, verkaufte noch bei Lebzeiten Rechenberg an Hans Weighart, der bereits für den Fall des erblosen Absterbens Dietzes v. Gorentzk samt seinen vier Söhnen die Eventualbelehnung empfangen hatte. In die Zeit, da die v. Gorentzk Rechenberg besaßen, fiel übrigens eine wichtige Entscheidung. König Georg Podiebrad von Böhmen machte die alten Rechte seiner Krone geltend, und wennschon die sächsischen Unterhändler gegenüber seiner Rückforderung entfremdeter Lehn sich sehr ablehnend verhielten, so half ihnen das alles nichts; auf dem Tage zu Eger, am 25. April 1459, rekognoszierten die Wettiner auch Schloß Rechenberg als ein böhmisches „erbliches und pflichtenloses“ Lehn, und so ist es bis zum Eintritte Sachsens in den Rheinbund (1806) geblieben, wo die böhmische Lehnsherrlichkeit durch den Machtspruch Napoleons I. erlosch. Jener Hans Weighart, von dem oben die Rede war, entstammte einer Freiberger Patrizierfamilie, die 1349 auf dem dortigen Turmhofe saß; ihn bewohnte auch der neue Herr auf Rechenberg, ehe er es am 2. Oktober 1463 (die Belehnung erfolgte am 22. Mai 1464) für 400 Schock erstand. Zu dem Schlosse gehörten damals der Flecken Rechenberg, die Dörfer Nassau und Niederrechenberg (bei Holzhau) am böhmischen Walde. Interessant sind die Angaben über die Einkünfte der Besitzung an Zöllen und Erbzinsen. Jene flossen aus den Wegegeldern, die man für die Benutzung der Straße, die an Rechenberg vorüberführte, zu erlegen hatte: der Fußgänger 1, der Reiter 2 und der Wagen 4 Heller. Diese waren dem rauhen Gebirge, wo das Getreide in geringeren Mengen zur Reife kommen konnte, durchaus angemessen: 12 Steine Pech, 110 Eichhörnchen (damals eine Delikatesse) und Forellen: jährlich 17 Schock eingesalzen und zwischen Pfingsten und Michaelis alle Freitag (als Fastenspeise) 10 Stück grün. Der Bezirk des Schlosses erweiterte sich später noch um die Dörfer Claußnitz und Cämmerswalde. Die Bewohner des Städtleins Rechenberg waren bis auf einige Erntedienste und Salzabgaben frei.

Hans Weighart hatte sich mit dem Ankaufe von Rechenberg finanziell etwas zu sehr angestrengt: er nahm also auf seine Besitzungen Turmhof, Lichtenberg und das Schloß eine Hypothek vom Meißner Domkapitel auf, dem er 216 Schock allein auf Rechenberg versichern ließ. Ihm folgten seine Söhne Heinrich und Hans; beide blieben ohne Nachkommen, und als der erstere 1501 starb, mußte sogar seine Witwe Rechenberg mit leeren Händen verlassen, weil ihr der Gatte keine Leibgedinge ausgesetzt hatte. So gedieh Rechenberg, wie gesagt, an die Familie v. Schönberg. Als die Weigharts Rechenberg innehatten, gab es 1473 mit dem grimmigen Sachsenhasser, dem Freiherrn von Rabenstein auf Riesenburg, der einen Vetter der Weigharts auf sächsischem Gebiete berauben ließ, eine Fehde, die am 1. Oktober ihren Abschluß damit fand, daß die Wettiner dem Rabensteiner Riesenburg wegnahmen. In dem gleichen Jahre bekam auch Rechenberg einen fürstlichen Gefangenen in seinem Verließe zu beherbergen: es war Burggraf Heinrich II. von Meißen aus dem Hause Plauen, den wir schon von früher her als einen Unruhestifter und Intriganten kennen. Dieser unversöhnliche Feind der Wettiner saß hier 3 Jahre lang in der Haft, bis ihn jene unter schweren Bedingungen, die er freilich brach, entließen. Hans Weighart hatte übrigens deswegen Schererei, weil Fürsten, Städte und die Burggräflichen ihn mit Vorwürfen überschütteten; er erfüllte aber getreu seine Vasallenpflicht. Das sind in der Hauptsache die Grundzüge der Geschichte unserer Burg, deren Bedeutung als wichtige Grenzfeste zur Deckung einer Hauptstraße durchs östliche Erzgebirge, als ein Zankapfel zwischen Meißen und Böhmen und als der Stammsitz eines heute noch bestehenden und in früheren Zeiten häufiger in sächsischen Diensten auftretenden adligen Geschlechtes erschöpfend gekennzeichnet sein mag.

58) Dieselbe war bis zum 30. März 1896 Filial der Pfarrkirche zu Nassau, die vor alters zum Erzpriesterstuhle Sayda gehörte; dieser aber war bis 1300 böhmisch (Bistum Prag).

59) In einer Urkunde für das Kloster Geringswalde vom 1. April 1280 siegelt neben Heinrich v. Rochlitz und Heinrich v. Königsfeld ein Ritter Gelfradus de Hugowiz. Sein Siegel stellt einen Widderkopf mit einem reich von Pfauenfedern umwallten Helme dar und trägt die Umschrift: S(igillum) Gelfradi de Rechenbergc! Dieser v. Haugwitz war also ursprünglich ein Rechenberger.

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins . 30. Jahrgang. 1910. S. 53 - 56.