Mulda, Lichtenberg

Beide Orte sind zunächst in das erzgebirgische Burgenverzeichnis, und zwar Lichtenberg nachträglich (vgl. Glückauf 1908, S. 34b), aufgenommen worden, um nachzuprüfen, ob sie wirklich eine bleibende Aufnahme finden können oder gestrichen werden müssen. v. Süßmilch-Hörnig spricht ja ziemlich bestimmt von einer Burg auf dem Schloßberge bei Mulda, die daselbst im 12. Jahrhundert erbaut und durch die Hussiten in den Jahren 1429/30 zerstört ward. Ebenso hat man von dem imposanten, südöstlich von Lichtenberg nach Burkersdorf zu gelegenen „Burgberg“ angenommen, auf seinem Gipfel habe vordem ein Raubschloß gestanden, das sogar einen Dichter fand, der es in einem längeren Reimwerke besang: „Kam der Wütrich nun auf jene Veste, die auf diesem Berge stand, ward erleuchtet seiner Burgen Saal bei dem festlich rohen Freudenmahl, rief erschrocken jedes Mal das Land: Es wird wieder Licht auf unserm Berge! Lichtenberg ward drum der Ort geheißen.“ Allerdings finden sich auf dem Burgberge südlich des auf dem Gipfel emporsteigenden einzelnen Felsens die noch deutlichen Reste eines Doppelsteinwalles, der regellos aus Porphyrtrümmern errichtet und zum Teil mit einer dünnen Rasendecke überzogen, zum Teil aber auch zerstört ist. Zwischen den Wallringen befindet sich eine brunnenähnliche Vertiefung, der sogenannte „Jungfernbrunnen“, der bis zu einer gewissen Tiefe hinab ausgemauert ist. Schon früher hielt man Wälle und Wasserloch für den Rest einer heidnischen Kultstätte; von den Befestigungen und der Zisterne einer früheren Burg kann nicht die Rede sein. Auch nicht in Lichtenberg selbst, wo das Herrenhaus auf einer fast viereckigen Insel, von zwei kreisrunden und konzentrischen Wällen und Gräben umgeben, die mit Wasser gefüllt waren, sich erhebt, darf man eine Burg suchen; es handelt sich lediglich um einen festen Hof. Darum ist Lichtenberg aus unserer Burgenliste zu streichen. Das Rittergut Mulda, woselbst Heinrich v. Schönberg, Herr zu Frauenstein und Rechenberg, gegen Ende des 16. Jahrhunderts ein nach dem Urteile seiner Zeitgenossen prächtiges Schloß aufführen ließ, war bis zum Jahre 1587 nur ein herrschaftliches Vorwerk (allodium) gewesen. Im Jahre 1349 gehörte es nebst dem Dorfe denen v. Erdmannsdorf, die auch die Wüstung zcu der Grüne besaßen. Die letztere Bezeichnung trägt der herrliche Hochwald im Südosten seines Bestandes noch heute, und hierhin verlegt die Überlieferung das alte Schloß. So müssen wir denn Mulda als eine Burg im oberen Tale der Freiberger Mulde neben Rechenberg in der Schwebe lassen, weil die Tradition unsere einzige, aber unsichere Stütze bildet, und wir doch andererseits nicht ohne weiteres sie verwerfen dürfen. Viel Vertrauen können wir freilich nicht entgegenbringen. Wer hätte diese Burg bauen sollen? Der Landesherr, da es ja kein adliges Geschlecht gibt, das sich von Mulda benennt, sondern nur eine Freiberger Bürgerfamilie? Das ist kaum glaublich, wo ihm ja in Sayda und Purschenstein auf der einen und in Frauenstein auf der andern Seite starke Gegenburgen gegen das damals noch böhmische Rechenberg zu Gebote standen! Darum meine ich, daß die größere Wahrscheinlichkeit bei denen liegt, die Mulda als erzgebirgische Burg streichen wollen.

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins . 30. Jahrgang. 1910. S. 56.