Den Schluß der Nachträge103) und überhaupt der ganzen Arbeit bilde die Beschreibung einer Burg im östlichen Erzgebirge:

Kukukstein.

Hier haben wir eine kleine Burganlage vor uns, die trotz der Um- und Anbauten des 15. und 16. Jahrhunderts104) sowie des Jahres 1726 (vollständige Veränderung ihres Innern) äußerlich noch sehr deutlich und wohl erkennbar ist105) und gradezu als Typus ihrer Gattung gelten darf. Ihr Standort befindet sich auf einen kleinen Felsenvorsprunge des östlichen Talrandes des Seidewitzbaches und überragt das kleine Städtchen Liebstadt, das dort, wo der Wolken- und Ziegenrückgrund zusammenstoßen, gabelförmig zu ihren Füßen sich erstreckt. Der Eingang zur Burg ist auf der Nordostseite gelegen: hier führte, nur an einer Kette, eine sehr schmale, bloß für Fußgänger benutzbare Zugbrücke, von der noch Ansätze und Vorrichtungen im Mauerwerke sich bemerkbar machen, über einen Graben, der größtenteils nicht mehr die frühere Tiefe besitzt. Das Tor selbst war durch einen Wehrgang gesichert. Diese schwächste Seite der Burg schützte nun vor allem der unmittelbar neben dem Eingange sich erhebende Hauptturm, dessen Zugang überaus hoch lag, und zu dem eine später eingebaute hölzerne Wendeltreppe führte: auch von ihr lassen sich noch Spuren in einer neben dem Tore befindlichen Rundung aufweisen. In dem Turme liegen drei mächtige Gewölbe über einander, worüber die sogenannte „Kapelle“, ein jetzt völlig schmuckloser Raum sich erhebt: sie stellte in frühester Zeit den Hauptsaal dar. Der Grundriß dieses großen und starken Berchfrits bildet ein Rechteck, an welches sich nach außen hin ein halbkreisförmiger Vorbau anschließt: diese Form wiederholt sich bei den Burgbauten aus dem Ende des 12. und dem Anfange des 13. Jahrhunderts. In dieser Zeit ist unsere Burg entstanden, nicht etwa um 940, wie man mutmaßen zu müssen geglaubt hat.

Burg
Burg Kukukstein.

An den Donjon lehnt sich an jeder Seite (nach SO und SW zu) ein kurzer Flügel an, sodaß zwei kleine Höfe entstanden, die durch weitere Umfassungsgebäude der Außenseiten gebildet werden. Bei dem südöstlichen Flügel krümmte sich der Wallgraben nach Süden, der hier durch den noch vorhandenen festen Wehrgang verteidigt wird: er führt irrtümlicherweise den Namen des „Mönchsganges“ und wird zum Teil durch jüngere Anbauten verdeckt. Die südöstliche Seite schützt ein niedriger viereckiger Turm, an den sich nach dem inneren Burghofe zu ein Anbau des 16. Jahrhunderts anschließt: zwischen ihm und dem südwestlichen Flügel des Hauptturms, in dem sich also der alte Palas befand, stellte die Verbindung eine wuchtige Umfassungsmauer mit starken und alten Substruktionen her und begrenzte so den inneren Burghof nach Südwesten: auf ihr erhob sich ein neues Hauptgebäude (Palas) mit Schlafräumen, Küche und Vorratskammern, das in seinem unteren Teile dem Anfange des 15., im oberen dem 16. Jahrhundert entstammt. Der hinter dem Eingangstor befindliche äußere Burghof war anfangs fast ebenso groß wie der innere, solange ihn nur eine gekrümmte Mauer nach außen abschloß; er ist wesentlich kleiner geworden, seitdem ihn die beiden westlichen (kleineren) Flügel aus dem 17. Jahrhundert ringsum eingeengt haben. Bemerkenswert ist bei dieser ganzen, soeben kurz skizzierten Anlage die ungemein geschickte Benutzung der natürlichen Felsenbildung.

Die kleine Burg, die drei Täler als deren Treffpunkt beherrschte, ist die südlichste Grenzfeste in dem ausgedehnten Gebiete der Burggrafen von Dohna, von denen sie auch erbaut ward, da an eine Errichtung durch König Heinrich I. natürlich nicht zu denken ist, und in deren Händen sie bis zum Jahre 1402 verblieb, das jene Dynasten überhaupt um ihr Land infolge der unglücklichen Fehde mit Markgraf Wilhelm I. brachte. Solange sie die Burg ihr eigen nannten, war dieselbe wohl einem ihrer Lehnsleute ausgetan: sie haben sich zwei Jahrhunderte lang ihres Besitzes erfreuen können. Das unterhalb Kukuksteins gelegene Städtlein Liebstadt (civitas Libenstat) samt dem Dorfe Possendorf bei Rabenau (villa Bosetendorf) trugen am 19. Oktober 1286 die Burggrafen Otto von Dohna und sein Vetter Otto, Herr zu Gräfenstein (bei Zittau), dem Bischof Withego I. von Meißen zu Lehn auf (Cod. dipl. Sax. reg. II, 1, no. 272.); doch scheint es, als ob das burggräfliche Schloß von der stiftischen Lehnsherrlichkeit ausgeschlossen blieb. Denn die Markgrafen von Meißen erscheinen nur mit dem Städtlein Liebstadt und Possendorf als vom Bischofe von Meißen belehnt. Eigentümlich ist der besondere Name der Bergfeste: es ist der Guguckstein, durch den Schreibgebrauch in die heutige Form umgewandelt. Der Name hat also nichts mit dem Vogel Kuckuck zu tun, sondern deutet auf den militärisch wichtigen Ausguck (Reduplikation des Verbs „gucken“) hin, dem ja diese Grenzburg vorzüglich dienen mußte. Seitdem sie nun 1402 direkt unter die Lehnshoheit der Meißner Markgrafen gelangt war, ist sie (urkundlich nachweisbar 1413, aber wohl schon eher) durch so manches Jahrhundert hindurch (bis 1775) eine Besitzung der in dieser Gegend mehrfach begüterten und lange ansässigen Familie v. Bünau gewesen. An ihre Stelle trat das Geschlecht derer v. Carlowitz und hat sich bis auf den heutigen Tag, also nahezu anderthalb Jahrhundert, auf der von den Vätern erworbenen Scholle gehalten: möge es auch fernerhin so bleiben!

Wir stehen am Schlusse des Ganzen: die Aufgabe einer zusammenhängenden Betrachtung der gesamten Burgen des sächsischen Erzgebirges ist hiermit gelöst. Durch 5 Jahrgänge des „Glückauf“ haben die werten Leser mit Geduld und Freundlichkeit die einzelnen Abschnitte und Artikel verfolgt, auch manch aufmunterndes und anerkennendes Wort hat der Verfasser aus ihren Reihen vernehmen dürfen. Er ist sich wohl bewußt, wie auch die eben gebotenen Nachträge beweisen, daß noch manche Lücke klafft, mancher Irrtum vielleicht noch verborgen ist, aber er meint, getreulich Bausteine zu einer erzgebirgischen Burgengeschichte zusammengetragen zu haben. Er würde sich freuen, wenn seine kurzen Anregungen das Interesse für den hier behandelten Gegenstand erhalten und vertiefen würden.

103) Wir flechten hier noch eine Frage ein. Ein Wirtshaus zu Niederhaßlau heißt „Bogenstein“, ebenso hieß das benachbarte Revier. Verbirgt sich in diesem Namen der des „Raubschlosses“ im nahen Kieferig, das den Herren v. Schönau (dicht dabei) gehört haben und von Friedrich dem Freidigen zerstört worden sein soll?

104) An der südlichen Gartenpforte liest man die Jahreszahl 1535, am Westflügel 1453.

105) Natürlich ist der ursprüngliche Zusammenhang der einzelnen Teile zerstört worden, zumal da alle alten Wendeltreppen beseitigt wurden.

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins . 32. Jahrgang. Heft 12 v. Dezember 1912, S. 178 - 180.