Freiberg.

Der besondere Name für das Stadtschloß zu Freiberg, das als Zitadelle diente, ist ebenso wie Mildenstein für das Schloß Leisnig oder Osterstein für das Schloß Zwickau ein Erzeugnis des 16. Jahrhunderts: Frödenstein ist urkundlich, soviel ich sehe, zuerst im Jahre 1525 nachweisbar; sonst aber hat die Burg nie anders als castrum (arx) Vriberch oder hûz (sloß) Friberg geheißen. Ihr Erbauer ist Markgraf Otto der Reiche, und ihre Errichtung stand in engstem Zusammenhang mit der Entstehung der Stadt Freiberg. Im Laufe eines Menschenalters, nachdem 1160/70 die ersten Silberbrüche entdeckt worden waren, trat an die Stelle des deutschen Kolonistenortes Christiansdorf die Sächsstadt (das Jakobiviertel); nordwestlich davon legte man eine Siedlung um den „Alten Markt“, das Marienviertel, um den nachherigen Dom herum, an, deren Nordwestecke eben das landesherrliche Schloß einnahm; an sie schlossen sich südlich zwei weitere Marktsiedlungen, das Nikolai- und das Petriviertel, an. Alle drei Anlagen aber samt der Sächsstadt wurden um 1190 mit einem Mauerringe umgeben, mit dem das Schloß in Verbindung stand. Denn der tiefe Stadtgraben umgab es im Norden und Westen, während es im Süden und Osten ein breiter und ebenfalls tiefer Graben, über den eine Brücke hinüberführte, von der Stadt, zu deren Schutze es diente, schied. Die Burg, die eine wichtige Rolle in der Geschichte der Stadt spielt, war der Sitz des markgräflichen Vogtes, der von hier aus das ausgedehnte Amt Freiberg leitete. Wenn wir von einem vorübergehenden Aufenthalte des Markgrafen Heinrich des Erlauchten in den Jahren 1265 – 1271 Abstand nehmen, so ist die Burg fürstliche Residenz erst im Jahre 1502 geworden: als Herzog von Sachsen-Freiberg-Wolkenstein nahm hier bis zum Jahre 1539 Heinrich der Fromme seinen Sitz; im Schlosse zu Freiberg erblickten seine Söhne Moritz (1521) und August (1526) das Licht der Welt. Der letztere ließ die Stätte seiner Geburt in den Jahren 1566 – 1577 prächtig erneuern. Von der alten Burg, die „hin und wieder baufällig“ war, blieb, wie der Grundriß des neuen Schlosses ergibt, nichts, höchstens der Rundturm an der Südspitze übrig. Wir haben uns natürlich nur mit der mittelalterlichen Burg Freiberg zu beschäftigen, nicht mit dem Schlosse Freudenstein, das an ihre Stelle trat, halten es also genau wie mit der alten Burg Schellenberg und dem neuen Schlosse Augustusburg.

Schloss
Schloß Freudenstein.

Die Burg Freiberg stand wie die Stadt auf dem Boden der Mark Meißen, die Otto der Reiche vom Deutschen Reiche zu Lehn trug. Um den durch die Silberbergwerke wichtigen Besitz zu sichern, hat ihn wohl Markgraf Friedrich der Freidige der hessischen Abtei Hersfeld zu Lehn aufgetragen; denn in einem Lehnbriefe des dortigen Abtes vom Jahre 1292 erscheint u. a. Vriberg cum suis pertinenciis. Doch für den tatsächlichen Besitz war dieser Lehnszug ohne jede wesentliche Bedeutung. So kam es denn auch, daß König Adolf, nachdem er durch Verrat sich 1296 nach kurzer (nicht anderthalbjähriger) Belagerung der Stadt Freiberg bemächtigt hatte, von hier aus durch Minengänge die Burg Freiberg überrumpelte, die markgräfliche Besatzung gefangen nahm und aus ihr 60 Mann enthaupten ließ; die übrigen löste Friedrich der Freidige aus. Im Jahre 1307 nahm er dann die Burg Freiberg, die bis dahin eine königliche Besatzung gehabt hatte, wieder ein. Des brandenburgischen Krieges halber mußte er Schloß und Stadt Freiberg an den Ritter Heinrich Knaut verpfänden, der beide im Mai 1317 wieder einantworten konnte. Seitdem ist die Burg ununterbrochen und unangefochten im Besitze der Wettiner geblieben. Schwierig wurde die Besitzfrage immer bei Landesteilungen, weil ja Freiberg stets den verschiedenen Landesherren gemeinschaftlich verblieb; so konnte es geschehen, daß Burg und Stadt Freiberg zwei, drei, ja fünf Herren hatten. Z. B. besaßen beide gemeinsam 1379 die Brüder Friedrich III. (der Strenge), Balthasar, Wilhelm I., 1382 die beiden letzteren mit ihren drei Neffen Friedrich IV. (dem Streitbaren), Wilhelm II. und Georg, 1410 die ersten beiden dieser Neffen samt ihrem Vetter, Friedrich dem Einfältigen, dem Sohn Balthasars, 1436 die Brüder Friedrich V. (der Sanftmütige), Sigismund und Wilhelm III. Der erste und der dritte dieser Brüder hatten die Burg zusammen inne, so ward es 1445 zu Altenburg bestimmt; allein der Kurfürst besetzte sie im Bruderkriege 1446 allein, ebenso nochmals im Jahre 1449. Man hatte aber schon 1448, als man von beiden Seiten ein „Burgfrieden“ aufgerichtet hatte, eine Teilung des Schlosses in Aussicht genommen. Dieselbe ging denn auch am 8. August 1454 vor sich.

Die sie betreffende Urkunde lautet: „Meine gnädigen Herren (Kurfürst Friedrich und Herzog Wilhelm) haben den Ihrigen befohlen, die Burg zu Freiberg für sie beide zu teilen und die untersten zwei Höfe (in der Stadt) dazuzuschlagen; der oberste (Hof) bei dem Markte soll ihnen beiden zu gut verkauft werden. So sind denn die Teile gemacht worden, wie hernach folgt: a) die zwei Kemenaten, die beieinander stehen, die eine am Tore, die andere feldeinwärts, gelten für einen Teil. Dazu folgen der Keller unter der (zweiten) Kemenate, die feldeinwärts liegt, die zwei kleinen Kellerchen, die unter der (dritten) Kemenate gegenüber an der Mauer in der Ecke feldeinwärts liegen, der Winkel an der Kemenate feldeinwärts bis an die Krümmung, wo die Mauerzinnen (zcanstein) beginnen und das Gemach über dem Tore, sowie der Hof, auf dem der Meister Georg (Richter, der Hofschneider) sitzt. b) Der andere Teil soll sein die (dritte) Kemenate zwischen den zwei Türmen samt diesen beiden, dem Gemach zum Silberbrennen (brennegadem) und dem Raume von dem äußern Eckturme bis an die Krümmung, wo die Mauerzinnen beginnen. Dazu folgen der Keller unter der (ersten) Kemenate bei der Brücke (d. i. am Tore) und der Keller unter den Gewölben, sowie der Hof bei den „Barfüssern“ (d. i. am Franziskanerkloster). Die Brücken, die Pforten, die Vorburg und die Brunnen (Zisternen) bleiben ungeteilt und dienen jedem von beiden zu seinem Gebrauche.“ Hierzu bemerkt eine andere gleichzeitige Hand: „Der (erste) Teil nach der Stadt zu ist meinem Herrn, Herzog Friedrich, zugefallen.“ Wir ersehen daraus, daß das Schloß Freiberg in einen Vor- und eine Hauptburg zerfiel; die letztere wies drei Kemenaten auf, und ebenso ist von drei Türmen die Rede, von denen einer an der Nordwestseite nach außen hin, d. h. feldeinwärts, seinen Standort hatte. Diese schwierige Teilung erübrigte sich nach Herzog Wilhelms Tode (1482) und vollends 1485, als Ernst und Albrecht ihre Länder unter sich geteilt hatten, Freiberg aber dem letzteren allein zugefallen war. Von seinen Söhnen bekam es, wie gesagt, 1502 Herzog Heinrich laut des väterlichen Testaments und vererbte es auf seine beiden in der Burg zu Freiberg geborenen Söhne Moritz und August.

Interessant sind die gelegentlichen Summen, die in verschiedenen Freiberger Bergrechnungen für Baulichkeiten an der dortigen Burg gebucht werden. So verzeichnet die Rechnung für das Jahr 1354: 24 Schock 7 Groschen pro edificiis castri in Friberg, 1366/68: 321 Sch. 32 Gr. nomine edificiorum factorum in castro Friberch und auffällig genug vor allem 1391/92: 382 Sch.; 1392/93: 19 Sch. 6 Gr.; 1393/94: 566 Sch. 41 Gr.; 1394/95: 200 Sch. 42 Gr.; 1395/96: 516 Sch. 51 Gr. Bei den eben angeführten fünf Posten heißt es regelmäßig: Markgraf Wilhelm I. habe sie allein verlegt, sein Bruder Balthasar müsse ihm sein Teil, ein Drittel, restituieren, ebenso jeder der drei Neffen (Friedrich IV., Wilhelm II., Georg) den seinigen, d. i. ein Neuntel. Aus diesen trockenen Zahlen ergibt sich übrigens, daß der politisch und kriegerisch ausgezeichnete Markgraf Wilhelm I. für starke Befestigung der wichtigen Burg Freiberg energisch Fürsorge getragen hat. Später hatte man daran mancherlei versäumt. Denn am 8. September 1448 schreibt der Hauptmann von Riesenburg und Freiberg, Kaspar von Rechenberg, an den kurfürstlichen Kanzler, man möge doch den großen „Gebruch“ des Schlosses zu Freiberg, besonders bei der Brücke, die man wie auch eine zweite in fünf Jahren nicht aufgezogen habe, und im inneren Schlosse, wohl besehen, und fordert dazu 3 Schock, die ihm auch bewilligt werden. Aber das war nur eine „Notsache“. Denn im Jahre 1449 bemerkte ein Rat Herzog Wilhelms, das Schloß sei „ganz baufällig und böse“. Man bestimmte darum im Jahre 1451, daß der Münzmeister, der damals der Ersparnis halber die Vogtei mit versah, jedes Jahr 10 Schock an dem Schlosse und in den Höfen an Dachung und an dem, was am nötigsten sei, verbauen solle. Der Hauptmann und Münzmeister Nikolaus Mohnhaupt hatte auf der Burg sider der czeyt, das dye gn. h. dy burck geteylet habin, d. h. seit 1454, für des Kurfürsten Teil allein 34 Sch. 54 Gr. auf das Schloß verbaut, worüber er dessen Hofmeister ein besonderes Verzeichnis gegeben hatte; im übrigen aber hieß es in der am 13. Oktober 1549 von ihm abgelegten Rechnung: ußgegebin fur gebaw des slosses: was der gebaw gekostet hat, des hat der houbtman meynen gnedigen herren eyn register obigeantwurt, dorin clerlichen von stuken zcu stockin geschreben stet, was solich gebuwe hat gestanden mit mureren, steynmetzen und zcymerlewten, holtz, steynen, isin, naylin, furlone, tagelone etc. und louft in eyner houbtsumme per totum uff: 745 Sch. 36 schildechten Gr. 13 Heller. Übrigens hielt sich damals der Hauptmann einen Untervogt auf dem Schlosse, dem er jährlich 5 Schock gab. Die Aufsicht über die Burg führten zwei Wächter, welche als Sold 14 Gr. jährlich bekamen. Die Verteidigung der Burg in Kriegsläuften fiel, wie es scheint, vor allem der Freiberger Bürgerschaft zu, ebenso dem Landvolk der Freiberger Pflege.

Von der letzteren berichtet der Untervogt Ludwig im Jahre 1451, das zcu deme slosse keyn zcynss nach rente gehort, heller nach hellers wert nicht, wene dye schlechten gerichte, dye lauffen des jares uff XV oder XVI schog hocher oder neder. Um die Mitte und in dem letzten Viertel des 14. Jahrhunderts aber reichte das Freiberger Amt, das seinen Verwaltungsmittelpunkt in der Burg besaß, nordwärts über die Bobritzsch bis Reinsberg und Dittmannsdorf, stieß östlich an die großen Tharandter Waldungen, erstreckte sich nach Süden bis Oberbobritzsch und Mulda und lief dann im Westen an der großen Striegis abwärts, besaß jedoch an den Gegenden von Oederan60), Frankenberg-Sachsenburg und Hainichen einige westliche Anhängsel. Im Nordwesten trat übrigens an Burg und Stadt Altzellisches Klosterland dicht heran, wozu wir die Ortschaften Groß- und Kleinvoigtsberg, Groß- und Kleinschirma, Halsbrücke, Loßnitz mit Fürstenhof, Kleinwaltersdorf, Bräunsdorf, Langenhennersdorf, Reichenbach, Goßberg, Mobendorf u. a. m. rechnen müssen. Der eigentliche Kern des districtus Fribergentis bestand also in der nördlichen, östlichen und südlichen Umgebung der Stadt. Als Zitadelle derselben, als Sitz der Verwaltung und zuletzt als herzogliche Residenz ist die Bedeutung der Burg Freiberg zur Genüge dargelegt.

60) Hier übte von alters der Inhaber des Schlosses Schellenberg die Gerichtspflege aus.

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins . 30. Jahrgang. Heft 5 v. Mai 1910, S. 66 - 68.