Frauenstein.

Die bedeutenden Reste dieser Ruine zeugen von der alten Herrlichkeit der einstigen Herrenburg. Zudem sind in den letzten Jahren unter der fachmännischen Leitung des Architekten Göpfert, Frauenstein im Auftrage der dortigen Ortsgruppe der „Vereinigung zur Erhaltung deutscher Burgen“ mit staatlicher Unterstützung umfangreiche Ausgrabungen vorgenommen worden, durch die man, nachdem verschiedene Bauteile freigelegt wurden, einen interessanten Einblick in die ganze Anlage und Bauart der ehemals so prächtigen Feste gewinnen kann. An Größe und Bedeutung nimmt sie unter den Burgen des Erzgebirges, ja ganz Sachsens eine der ersten Stellen ein, ja sie darf in Deutschland nach ihrem Umfange und mit ihren drei Türmen getrost den Schloßruinen zu Heidelberg und Mansfeld an die Seite treten. Welch einen großartigen Eindruck empfängt man, wenn man den nördlichen Hauptturm, der wuchtig emporragt, bestiegen hat und von ihm aus die Landschaft nach allen Richtungen hin überschaut. Die alte Burg ist auf dem höchsten Punkte des Felsens angelegt, der sich zwischen dem Bobritzsch- und dem Gimmlitztale erhebt, und worauf, südlich von ihr, die gleichnamige Stadt angelegt worden ist, die unter ihrem Schutze sich entfaltet und den Mittelpunkt der Straße von Freiberg nach Teplitz bildete. Diesen Wegezug beherrschte die Burg auf dem „Frauensteine“, so benannt nach „unserer lieben Frauen“, der Mutter Jesu. Nach dem Berichte des ehemaligen Frauensteiner Amtmanns Näke trug übrigens einst das Tor des nach Böhmen gelegenen Mittelgebäudes einen kunstlos in Sandstein gehauenen Frauenkopf, den 1779 preußische Grenadiere ausbrachen und verschleppten, vielleicht das Medaillon der Maria. Jedenfalls ist der Name von Burg und Stadt gut deutsch.

Schloss
Burgruine Frauenstein.

Zwischen beiden erhob sich seit dem Ende des 16. Jahrhunderts das neue adlige Schloß der Familie v. Schönberg. Die wirkliche Stadt scheint übrigens gleich an demselben Orte, wo sie jetzt steht, begründet worden zu sein. Sie tritt als solche urkundlich zuerst 1384 auf und erhielt 1399 das Weichbildrecht durch Burggraf Meinher VI. von Meißen. Wann sie angelegt ward, wissen wir nicht, wahrscheinlich verdankt sie ihre Entstehung den Meinheringern, die seit 1329 auf der Burg hausten. Es heißt, daß erst im 15. Jahrhundert die Bürger begonnen haben, an der jetzigen Stelle sich anzusiedeln, während früher der Ort am Fuße des Berges, östlich der Burg, nach Reichenau zu um den heutigen Gottesacker herum sich erstreckte. Die Begräbniskirche52) war die Pfarrkirche des alten Dorfes (so noch 1335) und Burgvorortes53), der zunächst Marktgerechtigkeit erhielt und als „Stadt“ bezeichnet werden mochte. Im eigentlichen Sinne aber war er dies wohl erst seit 1411, wo Burggraf Heinrich I. ihm Stadtrecht nach dem Muster von Dresden, Dippoldiswalde und Sayda verlieh, das 1433 und 1439 bestätigt ward. In jener Zeit fand auch die Verlegung des alten Marktes von der Ostseite der Burg weiter bergauf statt; an ihrer Südseite entstand nunmehr die neue Stadt, in deren Mitte eine neue Pfarrkirche sich erhob, und die, von Mauern rings umgeben, drei Tore mit Türmen und zwei Pforten besaß.

Das neue Schloß im Norden der Stadt ward innerhalb der alten Burganlage, die dadurch verwischt ward, angelegt, und zwar benutzte man dazu Material der alten Befestigungen. Der stärkste Turm der Burg nach der Stadtseite zu fiel diesem Umbau zum Opfer. Der Leiter desselben, der allerlei Veränderungen nach sich zog, war der kurfürstliche Baumeister Hans Irmisch aus Dresden; er führte ihn 1585 – 1588 im Auftrage des Oberhauptmanns der Gebirge, Heinrichs v. Schönberg, aus, nachdem die Baustätte durch Bergleute mit „Feuer und Gehau“ gebrochen worden war. Zuvor (1584) waren ein Sommerhaus mit Gewölben und zwei Gebäude, worin der Reissigenstall, die Rüststube, Kammern und Schüttböden sich befanden, fertig gestellt worden. Dieses Schloß mit seinen Nebenbauten ward 1728 vom Brande verwüstet, wobei die prächtige Ausstattung der Gemächer gänzlich der Zerstörung anheimfiel, und 1783 wieder hergestellt. Noch einmal suchte es 1814 das Feuer heim, und so empfing es 1817 die jetzige Gestalt. Der erstgedachte Brand traf auch die alte Burg; seitdem lag sie in Trümmern. Es war nicht das erste Mal gewesen: 1449 hatte der Blitz eingeschlagen und einen Teil der Baulichkeiten eingeäschert, worauf 1457 ein Neubau des Zerstörten erfolgt war, und 1683 fuhr der Blitz abermals zündend hernieder und begann das Werk der Zerstörung von neuem, das, 1728 weiter ausgedehnt, unaufhaltsam seinen langsamen Fortgang nahm, sodaß Türme und Mauern verfielen, bis erst die neueste Zeit dem Einhalt gebot.

Wir kommen nunmehr auf die ganze Anlage der alten Burg zu sprechen, mit der wir uns fortan allein beschäftigen. Sie zerfällt in drei Teile. Den Kern bildet, auf der Westseite der nach Norden gerichteten, isolierten Felsenkuppe sich erhebend, die Hoch- oder Hauptburg. Sie gruppiert sich um zwei mächtige, viereckige, nicht ganz winkelrechte Türme, den nördlichen wohlerhaltenen und noch heute besteigbaren, von dessen Plattform man die entzückendste Rundsicht genießen kann, den sogenannten „dicken Märten“54), wohl den eigentlichen Berchfrit, und den südlichen, der den Eingang im westlich von ihm gelegenen, jetzt vollkommen zerfallenen Torhause deckte, das sich an ihn anschloß und in den oberen winkligen Hof führte, die sogenannte „Lärmstange“. An ihr hatte man oben sieben große Geschützkugeln aus Stein, vermutlich zur Erinnerung an die Belagerung des Jahres 1438 eingemauert, die zum größten Teile (bis auf drei) herabgefallen sind. Zwischen jenen beiden Türmen, an die er sich zum Teil anlehnte, erstreckte sich der Palas, das Hauptgebäude, mit seinen Wohn- und Prunkräumen, mehrere Geschosse hoch. In ihm befand sich auch die Burgkapelle55), die noch 1614 der obenerwähnte Heinrich v. Schönberg erneuern ließ; sie ist noch an einem gekoppelten Fenster romanischer Bauart kenntlich, welches seinerseits bezeugt, daß dieser Teil der Burg, und wohl die älteste Burg überhaupt, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, nicht früher anzusetzen sein wird. Die unteren Stockwerke des Palas waren wie in den beiden Türmen mit Tonnengewölben geschlossen, die übrigen Geschosse durch starke Balken- und Estrichdecken von einander getrennt, wie man sie noch im „dicken Märten“ bemerken kann. Auf der Westseite dieses Turmes stand schließlich noch ein längeres und niedriges Wirtschaftsgebäude, das mit dem ihm gegenüberliegenden Torhause den schmalen und langen Hof der Oberburg abschloß.

Östlich und südlich lagerte vor der letzteren die Mittelburg, die man ihrerseits in zwei Abschnitte zerlegen kann: einen jüngeren nach Süden zu, einen älteren nach Osten zu. Dieser bildete wohl zusammen als Vorburg mit der Hochburg bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts die ältere Feste Frauenstein, deren Anlage damals durch das übrige, die südliche Mittelburg und die Niederburg, eine Erweiterung erfuhr und ihren vollen Umfang erhielt: dieser Ausbau hängt zusammen einerseits mit der Erwerbung durch die Meißner Burggrafen, andererseits mit dem Aufblühen des Frauensteiner Bergbaus. Die Ostseite der Hochburg, an die sich die ältere Mittelburg anlehnte, war durch eine hohe Ringmauer mit halbkreisförmigen Basteien geschützt, die zuweilen eine Höhe von 8 m erreichte; hier führte den steilen felsigen Abhang ein ganz enger Zugang empor, den eine Außenmauer und ein nicht mehr vorhandenes äußeres Tor mit Wehrgang deckte: sie beide bildeten nach Süden zu den Abschluß der älteren Vorburg, an deren Südostecke in einem Vorsprunge ein hoher und schlanker, noch sehr gut erhaltener Rundturm aufragte. Er stand mit dem verschwundenen Torhause der ersten Vorburg durch eine fast geradlinige Mauer auf ihrer Südseite in Verbindung, an die später mehrere Gebäude angebaut wurden, während ihre Ostseite eine 8 – 10 m hohe Mauer mit zwei halbkreisförmigen Eckbastionen umzog. Jene später errichteten Gebäude standen größtenteils noch im Jahre 1779. Die Westseite der Hochburg fand ihre Verlängerung nach Süden zu durch eine zweite (jüngere) Vorburg, die dann mit jener älteren zusammen die Mittelburg darstellte. Im Süden und Osten stiegen hier auf steilem Abfalle gradlinige Umfassungen auf, die am Torhause (SO) zusammenliefen; seine frühere Befestigung und Stärke ist heute nicht mehr kenntlich; doch sehen wir, daß der Weg zur älteren Vorburg ziemlich steil emporführte. Hier hat eben der Schloßbau von 1585 ff. eingegriffen und das Ursprüngliche total verändert. Auf der Westseite zog sich eine Umfassung hin, die bastionsförmig gezackt verlief und an diejenige der Hochburg anstieß.

An die gesamte Mittelburg schloß sich teils im Osten, teils im Süden die Niederburg an. Ihre Mauer lief von dem schlanken Rundturme der ersten bis zum Torhause der zweiten Vorburg, auf der Ostseite hoch und alt, auf der Südseite durch neuere Gebäude in ihrer ursprünglichen Anlage völlig verwischt, sodaß von dem früheren Rundturme an der Südostecke, der diese Befestigungen und Umfassungen kraftvoll in sich vereinigte, überhaupt keine Spur mehr zeugt. So ist auch der früher bestehende Abschnitt zwischen der Nieder- und Mittelburg ganz schwer zu erkennen: Bäume, die zahlreich zwischen den Mauern und Trümmern, in dem hochaufgetürmten Schutte der verfallenen Gebäude und Höfe emporwuchsen, erschweren die Übersicht über den Zusammenhang. Doch läßt sich die Länge der Gesamtburg (von der Südostecke der Niederburg bis zur Nordbastei der Hochburg) auf etwa 220 m, ihre Breite dagegen (vom Rundturm an der Südostecke der ersten Vorburg bis zur Westbastei der Hochburg) auf etwa 100 m berechnen. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn wir diese imposanten Reste als Anzeichen eines großartigen Prachtbaues betrachten: sie reden eine stumme, aber deutliche Sprache und legen so Zeugnis von der einstigen Macht des meinheringischen Hauses ab, das sich hier im Osten neben dem Hartenstein im Westen des Erzgebirges einen stattlichen Herrensitz schuf. Doch das führt uns nunmehr auf die Geschichte der Burg, soweit dieselbe urkundlich gut bezeugt ist.

Seit der Regierung Heinrichs des Erlauchten galt der Frauenstein als ein markgräflich meißnisches Lehn und ist dies seitdem ohne Unterbrechung geblieben. Er war der Mittelpunkt eines besonderen Gerichtsbezirkes (districtus), der von der später sich herausbildenden Standesherrschaft Frauenstein der Meißner Burggrafen wohl unterschieden werden muß. In demselben übte der Markgraf die Berghoheit aus; in ihm erhob der Meißner Bischof seinen Zehnten; in ihm lagen nachweislich folgende Ortschaften, die wie ein Kranz rings die Burg56) umgeben: Burkersdorf (NW), Kleinbobritzsch, Hartmannsdorf, Wüstung Haselborn (N), Hennersdorf (NO), Ammelsdorf (O), Reichenau, Schönfeld (SO) und Dittersbach (SW); ferner gehörten noch dazu Röthenbach, Mulda, Helbigsdorf und die „Koluge“ (entweder ein eingegangenes Dorf oder ein Waldstück namens „Kohlung“), vermutlich auch Hermsdorf nebst Seyda (Syden). Eine markgräfliche Vogtei blieb der Frauenstein mit einigen Unterbrechungen bis zum Jahre 1329, in dem Markgraf Friedrich der Ernste daz hus daselbst mit allim rechte und alle die dorfere, die dazu gehoren odir von aldir gehoret habin, vorlehent odir ledik, am 11. April den meißnischen Burggrafengebrüdern Hermann III. und Meinher IV. als ein Unterpfand für 400 Schock großer böhmischer Pfennige (300 geliehenes Kapital, 100 Kriegsdienstaufwand) einräumte. Die Einlösungsfrist war auf 4 Jahre angesetzt; verstrich sie, so sollte der Frauenstein ein rechtes Lehn beider Gläubiger und ihrer Erben sein. Was sie in den 4 Jahren in der Burg verbauten, dafür sollte sie der Markgraf nach der Entscheidung zweier Vasallen entschädigen. Jedenfalls aber blieb der Frauenstein während der Pfandzeit ein offin hus für den Landesherrn uf allirmenlichin. Die 4 Jahre verflossen, und der Frauenstein blieb diesmal uneingelöst. Schon einmal hatte des Markgrafen Vater, Friedrich der Freidige, den Frauenstein an die Herren von Eilenburg, die Brüder Otto und Bodo, versetzt, und seine Witwe nebst ihrem jungen Sohne hatte sich am 20. Oktober 1321 mit beiden dahin verglichen, daß sie das „Haus“ für 600 Schock Prager Groschen in 2 Jahren einlösen könne, jene aber von 1323 die Burg als rechtes Lehn in Empfang nehmen dürften. Diesmal trat die Einlösung ein. In den Bedrängnissen des Wettinischen Hauses unter den deutschen Königen Adolf und Albrecht ging ihm Frauenstein auf ein Jahrzehnt verloren, bis die Schlacht bei Lucka (1307) auch hier erfolgreich eingriff. Im Jahre 1289 war die Burg in Gefahr gewesen, durch Markgraf Friedrich Clemme von Dresden ein böhmisches Lehn zu werden, doch wurde sie von seinem Neffen Friedrich Tutta noch abgewendet. Damals tritt Frauenstein als castrum infeudatum auf: es war demnach verliehen, und zwar hatte Heinrich der Erlauchte, was sein Sohn, Landgraf Albrecht der Entartete am 7. August bestätigte, im Jahre 1272 die Burg an die Brüder Heinrich und Johannes de Serico ausgetan. Der lateinische Name dieser Vasallen lautet deutsch: de Syden d. h. von Seyda (bei Frauenstein). Der jüngere Bruder nannte sich von seiner neuen Lehnsbesitzung auch Johannes de Vrowenstein und kommt als solcher 1286 in einer burggräflich leisnigschen Urkunde vor, und unter den Getreuen des obenerwähnten Bodo von Eilenburg erscheint noch am 16. Oktober 1321 ein Heinricus de Syden. Nach Frauenstein benennt sich auch ein Adliger, der u. a. mit zweien v. Honsberg als Schiedsmann in einer Schankstreitigkeit zwischen Freiberg und Dippoldiswalde durch eine Urkunde Heinrichs des Erlauchten vom 1. September 1266 namhaft gemacht wird: Richelmus de Frauenstein. In einer 1583 vom Freiberger Stadtschreiber Adam Bellmann begonnenen Sammlung von Urkundenabschriften und -auszügen steht hinter dem Namen Frauenstein noch das Wort baroni. Wir wissen nicht, ob sich das auf unsern Richelm, wie wahrscheinlich, oder auf den folgenden Hermann v. Honsberg bezieht; wäre unsere Beziehung richtig, so träfen wir auf der markgräflichen Burg Frauenstein den Angehörigen eines edelfreien (!) Geschlechtes an, das sich von ihr benannte, und dem vermutlich ebenso jener Bote de Vrowinstein angehört, den wir als Zeugen 1220 urkundlich vorfinden.

Wie wir bereits sahen, setzten sich seit dem Jahre 1329 bez. 1333 die Burggrafen von Meißen unter markgräflicher Hoheit auf dem Frauensteine fest. Sie erwarben nicht sofort den früheren Sprengel iurisdictionen des altes „Gerichtes“ (districtus) Frauenstein, sondern erhielten oder kauften nach und nach altfrauensteinische Schloßdörfer: so belieh der Markgraf sie 1332 mit der villa Heynrichsdorf (Hennersdorf), verschrieb ihnen 1335 die Silberminen zu Frauenstein, überwies 1336 an sie die Gebrüder von Reichstädt mit Röthenbach und halb Schönfeld; die v. Haugwitz ließen ihnen 1335 je ein Dritten von Burkersdorf und Dittersbach, die weninge bobricz und die Koluge, Helbigsdorf, Reichenau mit dem Zehnten und einem Lehnpferde sowie das Frauensteiner Schulzengut ab, während die Edlen Slawko und Borso von Riesenburg 1349 an Meinher IV., dessen Schwester Sophie der zweite von ihnen geheiratet hatte, Hartmannsdorf, Amelungisdorf und Hasilburn abtraten. Als neuen Zubehör ihrer Standesherrschaft Frauenstein besaßen dann noch die Burggrafen Dorfchemnitz und Voigtsdorf mit Wolfsgrund, wozu für wenige Jahre (1400 – 1404) noch die Burg Rechenberg hinzutrat. Alle jene Güter, die schon vorm Jahre 1365 mit dem Frauensteine verbunden worden waren, fielen im Jahre 1381 bei der Erbteilung zwischen Burggraf Hermanns III. beiden Söhnen dem Jüngeren, Berthold, zu, mit dem die Frauensteiner Linie der Meinheringer anhob, um bereits mit seinem Sohne, Meinher VI., wieder zu erlöschen, sodaß dann die (ältere) Hartensteiner Linie den Frauenstein mit seinen Zubehörungen (doch ohne Rechenberg, das als erledigtes Personallehn den Wettinern anheimfiel) ererbte. Daher nannten sich auch Meinher VI. und sein Vetter Heinrich II., dessen Vater, Heinrich I., 1406 die Grafschaft Hartenstein verpfändet hatte, „Herren zu Frauenstein“. Diese drei Meinheringer schlugen auch nach dem Vorbilde Bertholds hier ihre Residenz auf, ein Umstand, der dem Ausbau der Burg und dem Emporblühen des Ortes überaus dienlich war. Früher hatten die burggräflichen Vögte in Abwesenheit ihrer Herren des Amtes gewaltet. Im Jahre 1426 fiel nun in der Schlacht bei Außig der letzte Meinheringer, und Frauenstein zog der Kurfürst als ein erledigtes sächsisches Lehn ohne weiteres ein; das Recht dazu besaß er ohne Zweifel, aber gleichwohl bestritt es ihm der zweite Rechtsnachfolger der Meißner Burggrafen, Heinrich II. aus dem älteren Hause Plauen (nicht aus dem jüngeren Zweige desselben, den Reußen, wie man manchmal liest).

Dieser unruhige Kopf, der er war, führte mit dem Hause Wettin einen langwierigen Streit um den Frauenstein in den Jahren 1428 – 1439, wodurch die Feste zu einer gewissen politischen Berühmtheit und Bedeutung gelangte. Sein Vater Heinrich I., den Kaiser Sigismund zum neuen Burggrafen von Meißen ernannt hatte, war von Kurfürst Friedrich dem Streitbaren aufs neue mit dem Frauenstein beliehen worden, sollte ihn aber wieder herausgeben, wenn er nicht binnen Jahresfrist die kaiserliche Bestätigung des Vertrages von Arnshaug beibrächte, den er am 7. September 1428 mit Sachsen abgeschlossen hatte. Allein sein Sohn und Nachfolger beeilte sich nicht, jene vom Vater übernommene Bedingung zu erfüllen, gab auch nicht den Frauenstein zurück, wie es doch für diesen Fall vorgesehen war. So verklagte ihn Kurfürst Friedrich der Sanftmütige nebst seinen Brüdern Sigismund und Wilhelm wegen Lehnsbrüchigkeit, was der Burggraf in Abrede stellte. Auf einem Rechtstage zu Nürnberg (15. Januar 1438) verstieg er sich zu der Behauptung, er habe den Frauenstein nur gezwungen von Sachsen als Reichsafterlehn empfangen. Der Kurfürst hielt aber den Vorwurf der Lehnsbrüchigkeit aufrecht, und weil der Burggraf weiter Ränke spann und Ausflüchte ersann, rückten die sächsischen Truppen unverzüglich vor den Frauenstein, der am 26. Februar 1438 kapitulierte. Die burggräflichen Hauptleute Dietz und Kunz v. Wolframsdorf (Wolfistorff) durften die Burg bis nächste Pfingsten unterpfändlich behalten, sollten aber nichts Böses im Schilde führen und niemanden sonst darauf hausen lassen. Die Einlösung konnte erfolgen nach vorheriger Benachrichtigung des Kurfürsten, bez. der jetzigen Pfandbesitzer innerhalb von 14 Tagen. Trotz dieses Vertrages warf der Burggraf eine starke Besatzung unter dem Hauptmann von Königswart, Peter v. Walsperg, auf den Frauenstein, und nun rückte wiederum ein starkes sächsisches Heer vor die Feste – das war im Anfang Juni 1438. Die Belagerung dauerte 7 Tage (7. – 14. Juni), dann fiel die Burg; der neue deutsche König Albrecht II. hatte umsonst die Belagerung zu verhindern gesucht. Dietz v. Wolframsdorf war gefangen genommen worden und mußte 1439 deshalb Urfehde schwören, Peter v. Walsperg erhielt freien Abzug; die Gefangenen wechselte man aus, und der Kurfürst erließ Amnestie für die an dieser Frauensteiner Fehde beteiligten Personen. Laut eines Sondervergleichs durften die v. Wolframsdorf den Frauenstein aufs neue einnehmen, aber nicht versetzen, auch Sachsen keinen Schaden zufügen, doch brauchten sie nicht dem Kurfürsten gegen den Burggrafen beizustehen. Dieser endlich gab im Jahre 1439 jedes Recht auf den Frauenstein auf: so war es im Preßburger Ausspruch (4. Mai d. J.) vom Könige entschieden worden.

Fortan blieb Frauenstein bis zum Jahre 1473 ein kurfürstliches Amt. Doch hatte der Kurfürst 1439 Hans und Jakob v. Hartitzsch auf Weißenborn mit Voigtsdorf samt Wolfsgrund, Dorfchemnitz, Helbigsdorf und Röthenbach, früheren Zubehörungen der burggräflichen Standesherrschaft, belehnt. Die übrige Hauptmasse überließen die Brüder Ernst und Albrecht 1473, wie oben bemerkt, an Bernhard und Kaspar von Schönberg auf Purschenstein, behielten sich aber das Recht des Wiederkaufs vor. Hierauf stützte sich Herzog Georg und ließ Frauenstein als Amt drei Jahre lang (1500 – 1512) verwalten, bis er sich mit der Familie verglich. Nach dieser kurzen Unterbrechung besaß dieselbe Frauenstein bis zum Jahre 1647, wo Abraham v. Schönberg infolge Kriegseinbußen und Verschuldung die ganze Herrschaft, die sein Geschlecht infolge eines Vergleiches mit Kurfürst August vom 16. August 1560 erblich übernommen hatte, an dessen Enkel, Johann Georg I., nebst einigen später erworbenen Lehnstücken für 80.000 Gulden sich zu veräußern genötigt sah. Soweit standen wir auf dem sicheren Boden der Geschichte. Was aber sollen wir zu folgenden Daten sagen? 1251 kam Burg Frauenstein erst wieder an Sachsen, d. h. Meißen; denn in dem Zeitraume von 1050 – 1090 war sie neben Sayda und Purschenstein in böhmischen Besitz gelangt, fiel für kurze Frist an Meißen zurück, um aufs neue an Böhmen verpfändet zu werden. Woher mag diese Weisheit der Chronisten stammen? Eine alte Chronik der Ponigkauschen Bibliothek (Universität Halle) weiß sogar zu berichten, daß Kaiser Heinrich II. Frauenstein 1009 als Grenzfeste gegen den Polenherzog Boleslaw gegründet habe, der von Nordböhmen aus, das er damals besetzt hielt, Meißen durch wiederholte Einfälle beunruhigte; der Bau sei 1013 vollendet worden. Ein flüchtiger Blick in Bischof Thietmars Chronik lehrt uns, daß Boleslaw 1004 aus Nordböhmen vertrieben ward, und daß zu diesem Zwecke der deutsche König durch den Miriquidiwald, wahrscheinlich durch den Reitzenhainer Paß, zog und zu Brüx auf böhmischem Boden erschien. Was aber Frauenstein anbetrifft, so schrieb jener Chronist mehr, als er wissen konnte, und wollte mehr wissen, als er schreiben durfte. Die Phantasie eines Modernen fügt dem hinzu, daß „wahrscheinlich“ der Polenherzog, der in Wahrheit 1004 ganz still aus Prag vor dem deutschen König nach seiner Heimat abrückte (Thietmar), die Grenzfeste Frauenstein belagerte, eroberte und zerstörte, worauf Heinrich II. die Erbauung einer größeren und stärkeren Burg vornahm. Nun wissen wirs ganz genau! Ein Gleiches gilt von einem andern, der da berichtet, richtiger wäre: ins Blaue hinein behauptet, König Heinrich I. habe um 930 zu Frauenstein eine Grenzfeste gegen Böhmen geschaffen, ein Gleiches auch von einem dritten, der uns ganz gemütlich erzählt, daß 1112 der Meißner Burggraf Hermann, den man erst 1143 urkundlich (bis etwa 1180) nachweisen kann, seine Residenz nach Frauenstein verlegte. Alle diese Daten sind rundheraus zu verwerfen.

Aber hat man denn nicht vom 26. bis 28. Juni dieses Jahres zu Frauenstein ein Heimatfest, verbunden mit der 900-Jahrfeier der Burggründung begangen? Gewiß, und es ist recht gewesen, daß man der erzgebirgischen Heimat und der freundlichen Vaterstadt sich gefreut und bei dieser Gelegenheit das allgemeinere Augenmerk auf dieses Juwel einer stattlichen Burgruine zu richten verstanden hat, daß man in ihre Geschichte sich hineinversenkte. Das ist alles gut und schön, auch wenn die 900 Jahre vor dem Forum kritischer Geschichtsforschung nicht bestehen können, sondern einem „erfindungsreichen“ Chronisten zur Last fallen. Schon der besonnene und scharfsichtende Märcker schrieb 1842 in seinem trefflichen Buche „Das Burggraftum Meißen“ (S. 238): „Die Vorgeschichte des Schlosses Frauenstein verliert sich in dem urwäldischen Dunkel, in welches das sächsische Hochland gehüllt ist. Daher lassen unsere Fabulisten und Chronikenschreiber hier ihre Phantasie frei und ungehindert umherschwärmen, ohne befürchten zu müssen, von kritischen Revier- und Grenzjägern angehalten zu werden.“ Wir dürfen also ruhig etwa 2 Jahrhunderte streichen; dann werden wir das Richtige treffen. Die Behauptung, daß die ganze Frauensteiner Gegend von „Sorbenwenden“ besiedelt war, wie verschiedene Orts- und Flußnamen beweisen?, und daß dieselben „mit Bestimmtheit“ das Felsplateau, worauf die Frauensteiner Burgruine sich erhebt, zu Befestigungszwecken benutzt haben, lassen wir auf sich beruhen und werden sie auf ihren ersten Teil einmal später einer gründlichen Kritik unterziehen. Am Schlusse machen wir noch darauf aufmerksam, daß der sogenannte „Türmerich“, ein Berg zwischen Frauenstein und Burkersdorf, nach vorgefundenen Mauer- und Turmresten zu schließen, befestigt war: dort wird eine Warte als nördliches Außenwerk des Frauensteins gestanden haben.

52) In der Nähe derselben fanden sich zahlreiche Spuren von Häusern und Straßenanlagen.

53) Derselbe wird zuerst am 11. Juni 1218 erwähnt, wo als Zeuge ein Pfarrer (sacerdos) von Vrovnsten, namens Heinrich, aufgeführt wird.

54) Er, nicht der Rundturm an der Südostecke hat Anspruch auf diese Bezeichnung, die letzterem mehrere Schriftsteller irrtümlich gegeben haben. Denn dieser ist schlank und hoch, er aber ist breit, gedrungen und kompakt.

55) Als Frauensteiner Burgkaplan, zugleich burggräflich meißnischer Notar, begegnet uns im Jahre 1394 ein gewisser Nikolaus.

56) Unterhalb derselben dehnte sich nach SO zu das Dorf Frauenstein aus; noch im Jahre 1335 begegnen wir urkundlich dem schultheyze zu frouwensteyn. Er hatte als Lehnrichter des Burgvorortes ein Lehnpferd zu stellen sowie 4 Schillinge und je 2 Scheffel Korn und Hafer zu zinsen.

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins . 30. Jahrgang. 1910. S. 18 - 23.