Dippoldiswalde.

Urkundlich zum ersten Male erscheint der Ort am 11. Juni 1218 mit seinem Pfarrer (sacerdos) Johannes de Dipoldiswalde. (Cod. dipl. Sax. reg. I, 3, no. 249.) Sodann macht in einem Bierstreite der Bergstadt Freiberg am 1. September 1266 Markgraf Heinrich der Erlauchte seines cives (Bürger) de Dipoldeswalde, die in demselben unterlagen, namhaft. (ibid. II, 12, no. 25.) Sein Sohn dritter Ehe aber, Friedrich von Dresden mit dem Beinamen Clemme (nicht der Kleine), verpfändete u. a. opidum Dypoldeswalde dem Böhmenkönige Wenzel II., was jedoch nicht zur Ausführung kam, im Jahre 1289. Ich vermute, daß aus dieser Beziehung zu Friedrich Clemme sich die Behauptung herleiten läßt, als habe Dippoldiswalde den Herren v. Clomen (Lohmen in der Sächsischen Schweiz) zur Zeit Heinrichs des Erlauchten gehört. Beachtenswert ist auch, daß Dippoldiswalde hier nicht wie die ebenfalls aufgeführten Orte Dresden, Pirna, Sayda (im Erzgebirge) und Großenhain als civitas (Stadt), sondern ebenso wie Radeburg als oppidum (Marktflecken) erscheint.

Die erste Kunde nicht nur von einer, sondern sogar von zwei Burgen in der Flur von Dippoldiswalde erhalten wir im Jahre 1294. Am 1. September dieses Jahres erklären nämlich Hermann und Friedrich der Jüngere, Gebrüder von Schönburg, sie hätten Dresden (Schloß und Stadt), Radeberg (desgl.), Tharandt (Schloß), ferner duo castra Dippoldiswalt, Stadt Wilsdruff, Schloß Liebethal und Feste Ottendorf (bei Pirna), durch König Wenzel II. († 1305) dem Markgrafen Friedrich Clemme († 1316) verliehen, in Verwahrung genommen und wollten sie auf Kosten des letzteren für den König bewahren. Die eine Burg, von der hier die Rede ist, die größere, beherrschte die Stadt und war mit ihr, seitdem sie zwischen 1360 – 1364 durch Markgraf Friedrich den Strengen Mauern erhielt, fortifikatorisch als deren Zitadelle verbunden. Ursprünglich diente sie, wie die Lage der in dem langgestreckten Weißeritztale sich erhebenden Anhöhe zu erkennen gibt, genau so wie Tharandt zur Verteidigung des engen Passes. Die andere, viel kleinere Burg lag bei Niedermalter nördlich von der Stadt in dem ihr gehörigen Gemeindeholze namens Bödigen. Sie ist, nachdem sie durch Kauf in die Hände der Bürger von Dippoldiswalde übergegangen war, zur Zeit Friedrichs des Strengen vollständig geschleift worden. Sicherlich war sie ein Punkt, von dem aus man die Stadt entweder belästigt hat oder doch belästigen konnte, und dem sollte ihre Erwerbung durch die Stadt ein für alle Mal vorbeugen. Noch 1358 besaßen diese kleinere Burg samt dem Vorwerke Bödigen, nicht aber die Stadt Dippoldiswalde selbst, wie man fälschlich angenommen hat, die Herren v. Burgau auf Bilin in Böhmen (nicht zu Wehlen in der Sächsischen Schweiz). Wer vor ihnen die Burg besessen hat, ob sie, wie es den Anschein gewinnt, die ältere von beiden gewesen ist, wie ihre Anlage beschaffen war, das alles läßt sich nicht mehr ausmachen; nur ihr Standort ist uns noch bekannt, und dies auch mehr infolge treuer örtlicher Überlieferung als auf Grund vorgefundener Reste und noch bestehender Ruinen.

Die Stadt mit ihrem Schlosse war seit 1294 böhmisches Lehn; als solches ward sie auch 1459 von Sachsen durch den Egerschen Vertrag agnosziert und blieb es bis 1806, wo Sachsen dem Rheinbunde beitrat. Allein schon Friedrich der Freidige erwarb sie, freilich mit dieser Eigenschaft, seinem Hause wieder; er aber und seine Nachkommen verliehen „Haus und Stadt“ Dippoldiswalde an die Burggrafen von Dohna weiter. Denn 1366 übertrugen Friedrich III. und Wilhelm I. dem Burggrafen Otto Heyde II. das Städtlein. Nach der Vertreibung der Söhne dieses Dynasten durch Waffengewalt (1402/03) fiel auch Dippoldiswalde an Markgraf Wilhelm I. zurück, von dem es sein Neffe Friedrich der Einfältige, Landgraf zu Thüringen, der einzige Sohn seines Bruders Balthasar, ererbte. Von diesem kam es an Kurfürst Friedrich den Sanftmütigen, unter welchem 1445 Dippoldiswalde ein eigenes, ganz kleines wirtschaftliches Amt bildete, wozu die Vorwerke Ulberndorf und Oberheßlich gehörten, und bei der Teilung 1485 erhielt es der jüngere Sohn, Herzog Albrecht. Unter den letzten drei Fürsten erscheinen nun verschiedene Pfandbesitzer, die es auf Wiederkauf oder Tausch inne hatten. So treffen wir 1424 – 1428 Tham von Nebelschütz als auf Dippoldiswalde gesessen an; im folgenden Jahre erlag übrigens die Burg samt der Stadt dem wütenden Ansturm der rachedürstenden Hussiten. 1449 hatte Graf Günther von Schwarzburg-Blankenburg, der keinen Sohn hatte und deshalb seinen Neffen, den Grafen Heinrich von Schwarzburg-Arnstadt, zu seinem Nachfolger berief, ein schweres Zerwürfnis wegen schlechter Behandlung mit demselben, sodaß er sein Vermächtnis umstieß, Friedrich dem Sanftmütigen seine Güter übertrug und sich vom Kurfürsten ausbedingte, daß er auf Lebenszeit Schloß Tharandt zur Wohnung und die Einkünfte von Dippoldiswalde erhalte. Unter Herzog Albrecht werden Hans von Hontzig und Dr. jur. Johann Schrenk als Herren von Dippoldiswalde, das ihnen auf mehrere Jahre versetzt war, uns genannt.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erfolgte der Neu- und Umbau des Stadtschlosses, der alle Spuren der älteren Anlage meist gänzlich verwischte, durch Georg den Bärtigen. Dieser Herzog veräußerte Schloß, Stadt und Herrschaft Dippoldiswalde im Jahre 1503 für 6000 rheinische Gulden an seinen Amtmann zu Schellenberg, Siegmund v. Maltitz († 1520). Dessen Familie behauptete diesen neuen Besitz, zu dem 1512 durch herzogliches Geschenk noch die Berghalden hinzukamen, bis zum Jahre 1568. Zu dieser Zeit erwarb Herzog Georgs jüngster Neffe, Kurfürst August, ihn zurück und machte Dippoldiswalde wieder zu einem landesherrlichen Amte. Seine rege Bautätigkeit kam auch dem dortigen Schlosse zugute, das er erweiterte und verschönerte. Fragen wir nach der ursprünglichen Bestimmung der Burg und ihrer kleineren Nachbarin im Norden, so beherrschten beide die alte „böhmische“ Straße, die im Tale der roten Weißeritz über Schmiedeberg, Bärenfels, Schellerau und Altenberg nach Zinnwald führt. Die Stadtburg hat wahrscheinlich erst für sich bestanden, und südöstlich von ihr erstreckte sich um die alte Niklaskirche das Dorf Dippoldiswalde; östlich von ihr und nördlich von jenem erstand dann die Bergstadt gleichen Namens, die um 1373 ihre Mauern erhalten haben soll. Es ist daher möglich, daß sie zuerst der Sitz eines freien Geschlechts gewesen ist, das sich nach dem nahen Dorfe Berreuth nannte, und als dessen Angehöriger ein Hildebrandus de Barut(h) in Urkunden Markgraf Dietrichs des Bedrängten 1216 – 1222 auftaucht. (Cod. dipl. Sax. reg. I, 3, 219. 266. II, 4. 391.)

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins . 31. Jahrgang. Heft 2 v. Februar 1911, S. 17 - 19.