Bärenstein.

In dem alten Markwalde zwischen den beiden Weißeritzen, der Müglitz, der Gottleuba und der Elbe erhob sich der Bärenstein, nicht eine mächtige Dynastenburg, sondern, in der Hauptsache aus dem hochragenden Bergfrite nebst einigen sich an ihn anlehnenden Nebengebäuden bestehend, ein kleiner, aber fester und trotziger Rittersitz, der seine Stärke in den Hussitenzeiten erfolgreich bewährte. Er beherrschte, 75 m über der Talsohle der Müglitz gelegen, den Straßenzug nach Böhmen, zu dem er ja anfangs auch politisch und später noch lehnsrechtlich gehörte, und daher erklärt sich gewiß seine frühere Wichtigkeit, die er im Laufe der Zeiten eingebüßt hat. Den ältesten Teil der kleinen Burg bildet der südliche Rundturm, der, wie die Chronisten erzählen, 1489 durch Waltzig von Bernstein noch erhöht, im Innern baulich ausgeschmückt, aber nicht erst erbaut ward. Ihm fügen sich die übrigen, auf älterem Unterbau ruhenden Teile des heutigen Schlosses an, deren Unregelmäßigkeit durch die Beschaffenheit des Bodens sich bedingte. Die Feste krönte den Abhang, der schroff gegen das Müglitztal aufsteigt, und war unmittelbar auf dem Felsen des Bärensteins, dem sie ihren Namen verdankt, gegründet; an manchen Stellen verwuchs sie gleichsam mit ihm. Jener Wartturm, der ihren Kern darstellte, rührt aus dem 14. Jahrhundert her: ist doch auch in dem Lehnsbuche Markgraf Friedrich des Strengen vom Jahre 1349/50 (herausgegeben von Lippert-Beschorener: V, 73) bei Bernstein d. i. Dorf Bärenstein, das unterm Amte (districtus) Dresden angeführt wird, von allen seinen Zubehörungen, insbesondere von dem herrschaftlichen Vorwerke und Hofe (allodium, curia), auch von dem Forste (nemus), nicht aber von einem Turm (turris), einer Feste (munitio) oder einem Schlosse (castrum) die Rede. Daraus darf man wohl schließen, daß die Erbauung) der Burg erst in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts verlegt werden darf. Da eine solche 1372 bereits in der Erbeinigung Kaiser Karls IV. und seines Sohnes Wenzel mit den damaligen drei Markgrafenbrüdern Friedrich III., Balthasar und Wilhelm I. erscheint, darf man also ihre Errichtung genauer noch in dem Zeitraume zwischen 1350 – 1370 ansetzen.

Schloss
Schloß Bärenstein.

 

Die Reste der ehemaligen Burg, die durch Brand gelitten hat und zu einem stattlichen Schlosse umgebaut worden ist, sind dürftig und geringfügig, wenn wir von dem bereits erwähnten Donjon einmal absehen; ein paar Mauertrümmern allein geben uns die Lage einstiger Basteien an; sonst ist alles den Bedürfnissen einer neuen Zeit gewichen: aus der alten schlichten Ritterburg hat sich ein großer und schöner herrschaftlicher Sitz entwickelt, der mit seiner prachtvollen Bewaldung ein reizvolles Landschaftsbild darbietet. Auf dem Rittergute, dessen Boden die Burg trug, hauste mehrere Jahrhunderte lang ein ritterliches Geschlecht, das von ihm auch seinen Namen annahm, die Familie v. Bernstein, die als Wappen einen schwarzen, zum Streite gerüsteten und aufrecht stehenden Bären im silbernen Schilde führte. Ihre Glieder werden mit Ehren genannt und treten bereits zu Beginn des 14. Jahrhunderts auf; einer von ihnen, Dr. Peter Bernstein, war wohl der berühmteste des Hauses: er erwarb die juristische Doktorwürde zu Bologna und wirkte als Hofrat Georgs des Bärtigen († 1531). Mit einer kleinen Unterbrechung gegen Ende des 15. Jahrhunderts nannte die Familie ihren Stammort Bärenstein bis zum Jahre 1638 ihr eigen; in diesem Jahre erlosch mit Dam v. Bernstein der daselbst ansässige Zweig des Hauses. Hierauf erfolgte die Sequestration des Besitzes, die erst 1676 aufgehoben ward. Wie wir oben sahen, erfolgte 1349/50 eine Belehnung seitens des Markgrafen von Meißen für Waltzko von Bernstein mit Hof, Vorwerk, Forst und Dorf Bärenstein, und der gut zusammengehaltene Besitz im Verein mit dem aufblühenden Zinnbau setzte die Herren des Schlosses in den Stand, nicht nur die Waldniederlassungen Bärenklau, Bärenhecke, Bärenfels und Bärenburg, sondern auch das Dorf Schellerhau sowie die Städte Bärenstein und Altenberg zu begründen und das benachbarte Lauenstein zu erwerben. Nur einmal gerieten sie in Schwierigkeiten finanzieller Art: noch 1489, so berichtet der Pirnaische Mönch in seinem Sammelwerke, von Bernstein, einem Slosse in Meißen, am Behmisch Gebirge, „was darauf Herr Walcz von Bernstein“. Nach seinem Tode, der im Jahre 1492 eintrat, veräußerte sein Geschlechtsvetter und Besitznachfolger, Karl von Bernstein auf Ottendorf, durch Verluste dazu gezwungen, seine hinterlassenen Güter, jedoch dessen Sohn Christoph vermochte einige Jahre später sich wieder in den Stammbesitz der Familie festzusetzen. Bereits 1490 finden wir als Pfandinhaber den reichen Erhard Münzer auf Bärenstein, von dem es Herzog Georg der Bärtige erwarb, durch dessen Gunst die Bernsteiner überhaupt erst den Wiederkauf zu bewerkstelligen imstande waren.

Ähnlich erging es der Familie, die noch heute sich des Besitzes von Bärenstein erfreut, denen v. Lüttichenau. Nach der Aufhebung des Sequesters (1676) kaufte es Siegfried v. Lüttichenau, der es bis etwa gegen 1700 behielt; erst ein reichliches Jahrhundert später tritt seine Familie als Eigentümerin wieder auf. Inzwischen folgten jenem Siegfried; ein Hans Heinrich v. Schönberg (bis 1711), ein Graf v. Holzendorf (bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts) und die Familie v. Bünau (bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts hinein). Die Oberlehnsherrn von Bärenstein blieben bis 1806, wo Sachsens Beitritt zum Rheinbunde, d. h. Napoleons Machtwort, dieser Herrlichkeit ein jähes Ende bereitete, die Könige von Böhmen. Das ging aus dem Erb- und Garantievertrage vom Jahre 1372, das geht vor allem aus dem bekannten Egerschen Vertrage vom 25. April 1459 und aus der Tatsache hervor, daß Herzog Albrecht nach der Landesteilung des Jahres 1485 eine Erneuerung seiner Belehnung mit Bärenstein erhielt. Seit dem 14. Jahrhunderte traten regelmäßig die Meißner Markgrafen als Lehnsherren von Bärenstein auf. Im Juli 1324 verpfändete es Friedrich der Freidige den Brüdern Otto sen. und Otto jun. von Burgau, thüringische Dynasten, d. h. mit dem Rittergute und Dorfe sowie einigen anderen Ortschaften der dortigen Umgebung, nämlich Fürstenau, Fürstenwalde und Börnchen; Friedrich der Strenge belieh, wie gesagt, den Waltzko v. Bernstein und Friedrich der Sanftmütige drei Menschenalter später (1449) drei Bernsteiner, die Brüder und Vettern waren, nachdem er die Lehnshoheit 1440 von seinem Vetter Friedrich dem Einfältigen, dem letzten Landgrafen von Thüringen, erbweise überkommen hatte. Für sich persönlich hatte er 1446 den 4. Teil am Schlosse, der an der Müglitz liegt, samt den Bergwerken erworben, behielt ihn aber wohl nicht dauernd, sodaß er an die Familie v. Bernstein zurückfiel.67)

67) Die Stadt Bärenstein erhielt 1495 ihr Stadtrecht durch Herzog Georg den Bärtigen. Darüber kam es später zu Auseinandersetzungen mit der Stadt Geising.

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins . 31. Jahrgang. Heft 3 v. März 1911, S. 34 - 35.

Nachtrag Ebenso wie bei Lauenstein will Karl IV. die Wettiner in ihrem Lehnsrechte an diesem Schlosse laut des Erbvertrags vom Jahre 1372 schützen. Von Walzke v. Bernstein, dessen Vorfahren es solange besaßen, kauften es 1486 samt seinem Zubehör die Gebrüder Hans und Heinrich v. Haubitz für 1800 Gulden. Erhard Münzer, ihr Besitznachfolger, veräußerte es am 15. August 1491 samt den Bergwerken zu Altenberg für 10.000 rheinische Gulden an den Landesherrn, Herzog Georg den Bärtigen. Im übrigen wandte sich die Familie v. Bernstein aus Sachsen mit einem ihrer Zweige nach Pfalz-Zweibrücken, und 1859 diente einer ihrer Angehörigen als Offizier in der sächsischen Kavallerie.

(Fortsetzung folgt.)