Sachsenburg, Frankenberg und der Burgward Gozne.

Ehe jene beiden Burgen sich erhoben, die eine südlich des Treppenhauers, die andere, wie man meint, auf dem Areale des heutigen Allodialgutes Neubau (alias Rittergut Frankenberg), beide von den ins Dalaminzierland einwandernden Deutschen errichtet, erstreckte sich hier im dichten Walde des Erzgebirges zu der Zeit, da eine wenn auch dünne slavische Bevölkerung in dieser Gegend ansässig war, der Burgward (burgwardium)71) Gozne. Der Name ist der deutschen Zunge bequemer gemacht; slavisch lautet er Hwoznie, d. h. Waldheim, eine durchaus treffende Lokalbezeichnung. Mit dem Burgward aber ist eine slavische Supanie gemeint, eine Gruppe von Orten (loca) oder Weilern (villae), die sich unter einem Supan (senior villarum), d. i. einem Ältesten, zu einer Gerichtspflege zusammenschloß. Ihr Mittelpunkt, die Zuflucht in der Landnot, war der Ringwall des Vorortes (slav. grod, latein. castellum, auch urbs oder civitas). Die deutschen Eroberer haben diese Bezirke übernommen; sie bildeten die unterste Einheit der Verwaltung: sie waren Zehntbezirke für den Königstribut, den die Supane einhoben, sie blieben Gerichtssprengel für die einheimische Rechtsprechung, blieben Mittelpunkte des örtlichen Handels und Wandels, wurden eine Art Bezirkskommandos für den Burgenbau und die Wachdienste und gestalteten sich in kirchlicher Hinsicht zu Seelensorgerbezirken, zu Bezirksgemeinden. Die Anschauung, als hätte jeder Burgward ein Blockhaus mit einer sei es ständigen, sei es wechselnden deutschen Besatzung gehabt, sodaß das ganze Land von einem Netze von Forts übersponnen gewesen wäre, ist völlig aus der Luft gegriffen: wir können dafür keinen einzigen Beleg anführen. Im Daleminzierland gab es anfänglich nur eine einzige Reichsburg: Meißen. Wer Meißen hatte, besaß die Mark. Man studiere nur die Polenkriege Heinrichs II. (1002 – 1018); nur so versteht man das heiße Bemühen Herzog Boleslaw Chrobry´s recht, gerade Meißen in seine Hände zu bekommen. Von hier wurde ja sogar anfangs die Oberlausitz, das Milzienerland, in seiner Tributpflicht erhalten, bis Ekkehard I. es kurz vor 1000 völlig unterwarf und die Burg Bautzen errichtete.72) Später kamen in der nördlichen Daleminzia noch Strehla und im Gau Nisan Dohna als Reichsfesten hinzu; auf diesen Burgen residierten die Burggrafen, die bedeutendsten Unterbeamten des Königs in der Mark, deren Gaue sie verwalteten. Sie waren die Gauamtleute, der Markgraf der Markamtmann.73)

Wir hielten diese Vorbemerkungen für notwendig, um irrigen Vorstellungen von vornherein zu begegnen. Gozne aber ist ja der einzige Burgward des Daleminzigaues, der wirklich für unser Erzgebirge in Betracht kommen kann.74) Zum ersten Male wird er, bis dahin königliches Eigentum im Slavenlande (nostrae proprietatis in partibus Sclavoniae), mit seinem Nachbarbezirk Döbeln (Doblin iuxta fluvium Multha dictum) am 21. Juli 981 erwähnt und von Kaiser Otto II. dem Kloster Memleben auf Bitten seiner Gemahlin Theophano übereignet, und zwar beide in ihrer ganzen Ausdehnung mit allem rechtmäßigen Zubehör (cum omnibus utensilibus illuc rite pertinentibus: Cod. dipl. Sax. reg. I, 1, 28.) Er lag nach dem klaren Wortlaute der Urkunde im Daleminzi- oder Glomazigaue (in pago Dalminze seu Zlomecia vocato), jenes war die bei den Deutschen, dieses die bei den Slaven übliche Benennung (Thietmar I, 3.), nicht aber im Gaue Chutizi, an dessen Ostgrenze er stieß. Bekanntlich wurde das Kloster Memleben der hessischen Abtei Hersfeld im Jahre 1015 (l. c. VIII, 31.) einverleibt, sodaß diese fortab Eigentumsrechte an den beiden Burgwarden geltend machen konnte. So hören wir z. B. bei Gelegenheit eines Streites, den die Reichsministerialen (nicht Grafen) v. Mildenstein, in der Nähe von Leisnig, wahrscheinlich gegenüber dem Kloster Buch, an der Mulde (Milda!) gesessen, mit Bischof Bruno II. von Meißen und seinem Kapitel (nicht mit dem Markgrafen) Jahre hindurch (1214 – 1223) wegen Zehnten führten, die halb zum Altar St. Pauli des Meißner Doms, halb zur Kapitelspfründe „Frankenberg“ gehörten, daß diese Zehnten auf den Besitzungen der Abtei Hersfeld (Hersveldensis ecclesiae)75) ruhten. (l. c. II, 1 no. 82. 92. 97. 347.) Diese Besitzungen aber lagen im Burgward Gozne, im Weichbilde von Frankenberg (in territorio Vrankenberc), d. i. in seiner Pfarrei76), und an anderen Orten daselbst (in locis aliis ibidem). Die Verwaltung des ganzen Gebietes (praedium Hersfeldense) wird zuerst in den Händen von Vögten des Klosters ausgeübt worden sein, die einer freien Familie der Mark Meißen entstammten und sich die v. Döbeln (Doblin) nannten.77) Noch 1200 – 1205 begegnet uns einer dieses Geschlechtes namens Laudo (Cod. dipl. Sax. reg. I, 3, no. 45. 65. 92.), und der Letzte des Hauses, Albert, wurde geistlich: er war Meißner Domherr (1224 – 1266: a. a. O. II, 1, no. 103. 153. 158. 183. 187; II, 4, no. 9. 11. 393.) und bekleidete die Würde eines Zellerars (d. i. Rentmeisters) im Kapitel. Darnach nahmen die Markgrafen von Meißen das fragliche Gebiet vom Abte zu Hersfeld zu Lehen, zuerst Dietrich der Bedrängte und trug ihm dafür das von ihm etwa um 1216 vollendete Dresden (1292: Dreseden civitatem cum suis pertinentiis usque Perne) auf.78) Denn wir begegnen 1220 seinem Vogte Konrad von Döbeln. (a. a. O. I, 3, no. 279. vgl. no. 289.)

Aus dem Hersfelder Lehnbriefe aber für seinen Urenkel Friedrich den Freidigen vom Jahre 1292 (vgl. a. a. O. I, 1, no. 28. Anm.) lernen wir den Umfang des Hersfelder Landes in der Mark Meißen, d. h. der beiden Burgwarde Döbeln und Gozne, kennen. Es begann an der Quelle der großen Striegis (maior Striguz), und seine Grenze deckte sich mit diesem Gewässer bis zu dessen Mündung. Nach Norden zu begrenzte es die Mulde bis zur Zschopaumündung; dann ging es diesen Fluß (Scapha) aufwärts bis zu der „böhmischen“ Straße, welche Hersfelder und Chemnitzer (Kloster-) Besitz schied; an dieser Straße entlang lief weiter die Südgrenze79) bis zur Schwarzen Pockau (Pachowe), hierauf an diesem Flusse hinauf bis nach Neipperg auf dem Felsen „Oberlauterstein“, am Zöblitzer Bahnhofe, im Volksmunde „Latterstein“ genannt, welches (ein gewisser) Werner erbaut hatte. Von dem Bache endlich, der östlich an dieser Burg vorüberfloß, d. i. dem namenlosen Abflusse des sogenannten Hübnerteiches, der von Schleusen- und Abfallwässern der Stadt Zöblitz gespeist wird, ab, bildete den Rest der Ostgrenze ein älterer Weg über Pockau (Flöhaübergang), Görsdorf, die Scheibe, Lippersdorf durch Großwaltersdorf nach der Quelle der großen Striegis. Die Grenzbeschreibung ist also ziemlich klar und genau, sie ist in Meißen gemacht und an Hersfeld übersandt worden. Einer genaueren Erörterung bedarf nur der Straßenzug der antiqua semita Boëmorum. Er kam von Kommotau herauf über den Kriegwald bis Hüttstadt und Zöblitz, zog sich am Altlauterstein, d. i. am Bahnhofe Zöblitz hin und erreichte bei der Schloßmühle von Niederlauterstein die Schwarze Pockau. Von da ab galt die Straße als Südgrenze des Burgwards Gozne: sie ging über Lauta auf Zschopau80) zu und passierte den Fluß, wandte sich darauf bei Gornau gen Norden, ward also nun Westgrenze. Oberhermersdorf bei Chemnitz ließ sie im Westen liegen, d. h. sie schied hier die Gebiete der Abteien Hersfeld und Chemnitz81) voneinander; denn sie eilte am Beuthenberge vorbei zur „Scheibe“ und weiter nach Glösa, erreichte mithin hier das Ufer des Flusses Chemnitz. Da nun 981 der Burgward Gozne im Gaue Dalaminzi lag, so stimmt diese Tatsache, daß hier die Burgwardsgrenze an die Chemnitz stößt, vortrefflich mit der Angabe Bischof Thietmars (I, 3) überein, der sie um 1012 niederschrieb, daß nämlich die provincia Deleminci von der Elbe (O.) bis an den Fluß Caminizi (W.), d. h. bis in die Gegend von Chemnitz, sich erstreckte. Von Glösa führte die böhmische Straße an der Kirche von Auerswalde vorüber und als „Diebsstraße“ an der Quelle „der“ Garnsdorfer „(Dorf-) Bach“ vorbei, die 1285 fluvius Vrose (Dresden, Hauptstaatsarchiv, Originalurkunde Nr. 1091) und 1174 Wrosiniza (Cod. dipl. Sax. reg. I, 2, no. 404.) heißt. Das ist aber die Südostecke des slavischen Gaues Chutizi! Schließlich wandte sich jene Straße nördlich von Ottendorf nach der Zschopau zu, die sie gegenüber von Dreiwerden berührte. Von hier ab hörte sie auf, Grenze zu sein, und lief nach Leisnig weiter. Die Zschopau aber grenzte von Dreiwerden bis zu ihrer Mündung. Innerhalb dieses so genau abgegrenzten, also wohlbekannten Gebietes, sodaß man hier nicht von „keinen genauen Kenntnissen eines Mönches des entfernten Klosters Hersfeld“ reden darf, lagen nun laut des obgedachten Lehnbriefs vom Jahre 1292 folgende Städte (civitates) und Burgen (castella): links der Zschopau die gleichnamige Stadt (Schape) mit ihrem Bezirke (villicatio) und Burg Lichtenwalde mit ihren Dörfern, rechts dagegen Döbeln (Doblin), Burg und Stadt, ferner Dreiwerden (Drinwerdin) mit Zubehör, Frankenberg, Burg und Stadt und, was sonst daselbst dazugehört, sowie Oederan (Oderen) und all sein Zubehör. Im allgemeinen aber spricht Markgraf Friedrich Clemme von Dresden, Heinrichs des Erlauchten Sohn dritter Ehe, 1289 bei einer allerdings nicht perfekt gewordenen Verpfändung an den Böhmenkönig Wenzel II. von „allen Gütern, Burgen und Städten, Flecken und Dörfern, die sein Herr Vater gütigen Angedenkens von der Kirche zu Hersfeld gehabt habe“, und benennt ausdrücklich als „verlehnt“ (infeodatum) Burg Lichtenwalde und Burg Sachsenberc. Davon gleich später. Fragen wir erst noch nach den slavischen Orten des Burgwards. Auf dem Treppenhauer, früher auch „Gosenstein“ genannt82), lag der Ringwall, an den Umfassung und Graben erinnern – von einer Burg kann hier gar keine Rede sein, weil Gebäudereste überhaupt nicht vorkommen, nördlich aber befand sich die villa (der locus) Gozne, die durch Ansetzung deutscher Kolonisten zum Dorfe Sachsenburg ward. Vielleicht mag noch manches Dorf dieser Pflege von den Deutschen umbenannt worden sein. Hier stand auch die erste Holzkirche für die Supanie: wenn die spätere Dorfkirche, den heiligen drei Königen geweiht, als Filial der Frankenberger Stadtkirche erscheint, so haben beide die Rollen getauscht: übrigens waren beide Schwesterkirchen. Sonst lassen sich als Orte slavischer Zunge namhaft machen: Drinwerdin (Travarda), Biensdorf (Bienitz), Draisdorf (Drogis), Glösa, Gablenz, Gornau (Gorin), Mörbitz (wüste Mark zwischen Hennersdorf und Dorfschellenberg), Plaue, Oederan (mit dem Ranisberg), Gahlenz, Gränitz (Granica = die „Gränze“), Kühren und Ailitz (Wüstungen bei Frankenstein), Wingendorf, 1349 minor Frankenstein, auch Wenigendorf, d. i. das wendische Dorf am Steinbache, der Kemnitz.83) Außer diesem Bachnamen erinnern uns solche wie Wrosiniza, Chemnitz, Zschopau, Mörbitz, Lößnitz, Große und Kleine Striegis und ferner Waldnamen wie Gottlabe (= dichter Jagdwald) und Zupa (die „Fröhne“, das Herrenstück) bei Lengefeld an die Ansässigkeit der Slaven in dieser Gegend. Auch ein geschichtliches Ereignis spricht dafür: am 13. Juli 892 fiel Bischof Arn von Würzburg, der einen Feldzug wider die Slaven (nicht die Tschechen) unternommen hatte, in einem Gefechte wider sie beim ersten Zusammenstoße.84) Als Ort seines Todes gibt uns Bischof Thietmar einen Hügel nahe bei der Chemnitz, nicht weit davon, im Gau Chutizi, nördlich neben der Straße (I, 4). Das ist eine „böhmische“ Straße, weshalb Thietmar annahm Arn sei aus dem Böhmerlande zurückgekehrt; wahrscheinlich deckt sich mit dem „Zuckmantel“ zwischen Hartmannsdorf und Wittgensdorf bei der sogenannten Kienheide (NW von Chemnitz),85) eben jener Arnhügel, der nicht allzuweit (ein paar Stunden) von Gozne entfernt liegt. Die Angehörigen dieser Supanie haben sich also 892 an dem Kampfe beteiligt, der mit einem völligen Siege der Slaven endigte, zumal den Deutschen Regengüsse die Flucht erschwerten.

Kloster Hersfeld hat nun im 12. Jahrhundert86) sein Meißner Gebiet der Kolonisation eröffnet. Wir finden darin verschiedene Ortsnamen wieder, die wir im Umkreise von Hersfeld antreffen. Ich erinnere daran: Schönau und Wegefahrt, zwei von den „4 Dörfern des Eckhardt“ (1185: Cod. dipl. Sax. reg. I, 2, no. 510) finden wir in der Hohen Rhön bei Bischofsheim an der Tauber, Frankenstein, das dritte von ihnen, in einer Wüstung bei Salzungen, Flöha in Floh bei Schmalkalden, Marbach zwischen Hersfeld und Fulda, Schellenberg (Dorf und Stadt, letztere jetzt Augustusburg) im Waldeckschen wieder, und das Ortsdreieck Frankenberg an der Eder, Sachsenburg im Waldeckschen jenseit dieses Flusses, der Franken und Sachsen schied87), und Frankenau unweit Bad Wildungen kehrt ebenfalls hier wieder, nur daß Frankenau bei Mittweida wenn auch unfern der Nachbargemeinden Frankenberg und Sachsenburg an der Zschopau, so doch außerhalb des Hersfelder Landes in der Grafschaft Rochlitz liegt. Zum Schutze der neuen Ansiedlungen erhob sich auf dem neben dem Treppenhauer, dem Standorte des slavischen Grods, liegenden und sehr steilen Berge eine deutsche Burg (castrum), die den Namen Sassenberg trug. Von ihr nannte sich ein Ministerialengeschlecht; daß es dies war, zeigt die Stellung in den beiden Urkunden, wo es erwähnt wird. (Cod. dipl. Sax. reg. I, 3, no. 22. 65.) Als Zeuge erscheint nämlich 1197 (April 29. zu Altzelle) und 1203 (April 1. ebenda) ein Heinricus de Sassenberg. Daß dieser ein „Burggraf“ des alten Burgwards Gozne gewesen sei, ist unrichtig, weil es eine solche Würde nie gegeben hat; daß es ein v. Schönberg gewesen sei, ist ebenso unrichtig, weil damals sich das Geschlecht, das nach dem heutigen Rotschönberg, früher einfach Schönberg, als seinen Stammsitze sich benannte, noch nicht von denen v. Bora, mit denen es das gleiche Wappen (einen aufrecht stehenden Löwen) führt, namentlich losgelöst hatte. Urkundlich tritt es um die Mitte des 13. Jahrhunderts auf und saß im Tale der großen Triebisch. Im übrigen lassen sich die v. Schönberg (Skonenberg) mit einem Ritter Johannes urkundlich am 7. Dezember 136888) im Besitze von Sachsenburg nachweisen, das sie erst einige Jahre zuvor käuflich an sich gebracht haben, um es beinahe ein Vierteljahrtausend (nur wenige Jahre fehlen daran) in ihrem Geschlechte zu vererben, bis es am 10. März 1610 als Domäne in die Hände des Kurfürsten Johann Georg I. gelangte, dem es Heinrich v. Schönberg für über 40.000 Gulden veräußern mußte, weil Schulden ihn drängten. Sachsenburg war immer markgräfliches (später kurfürstliches bez. herzogliches) Afterlehn (von der Abtei Hersfeld); wenn Burggraf Heinrich II. von Meißen aus dem Hause Plauen 1435 Sachsenburg mit allen zugehorungen auf dem Forchheimer Schiedstage als sein Lehen requiriert, das die v. Schönberg von ihm zu empfangen hätten, ist das ein Schreibfehler für Porschenstein89). Vorbesitzer derer v. Schönberg auf Sachsenburg, wenn auch nur kurze Zeit (seit 18. Februar 1364), waren die Gebrüder Heinrich90) und Junge (nicht Jürge) v. Döbeln, die Großen (Magni)91) genannt, die von Markgraf Friedrich dem Strengen das Hus Sachsenberck mit seinen Dörfern (Sachsenburg, Dreiwerden, Schönborn, Irbersdorf) und sonstigen Zubehör an Äckern, Gehölzen, Gewässern usw. zu rechtem Lehn empfingen. Sie konnten sich aber nicht halten, wollten auch lieber Trebsen bei Nerchau behaupten. Aus dem Lehnbuche jenes Markgrafen vom Jahre 1349 geht leider nicht hervor, wer damals Sachsenburg inne hatte, nur die Gebrüder Kunike aus Freiberg werden aufgeführt mit einem halben Vorwerke vor der Burg (ante castrum) und der Schloßmühle, sowie mit 2 Lehnsleuten, 30 Scheffeln Getreide, 15 Groschen, 10 Hühnern und ½ Lehnshufe im Dorfe Sachsenberg. Vielleicht ward damals Sachsenburg als anheimgefallenes Lehn zeitweilig amtsweise verwaltet. So würde sich wenigstens sein Fehlen im Lehnbuche am besten erklären, da von einer Verpfändung wie bei Lichtenwalde nichts Urkundliches bekannt ist. Schade ist es, daß wir nicht erfahren, an wen die Burg im Jahre 1289 verlehnt (infeodatum) war. Ich glaube aber, daß damals noch das Geschlecht hier hauste, das von der Burg seinen Namen trug. Denn es erscheint nicht nur ein Heinrich v. Sachsenberc (er hieß also wie sein Vorfahr 1197 – 1203) auf dem Landdinge zu Grimma im Jahre 1255, sondern auch im Totenbuche des Zisterzienserklosters Buch, das uns Verstorbene aus Dynasten- und Adelsfamilien nennt, die in die Zeit vom Ausgange des 13. Jahrhunderts bis über die Mitte des 14. gehören, wird ein Heinricus miles de Sachsenbergk samt seiner Mutter Kunegundis erwähnt.92) Das ist augenscheinlich der Letzte seines Stammes gewesen, und sein erbloser Abgang mag zwischen 1320 und 1340 fallen.

Schloss
Schloß Sachsenburg mit dem Treppenbauer (links), dem Standort des slavischen Ringwalles Hwoznie.

Von dem Bau der alten Burg Sachsenburg ist nichts übrig geblieben. Denn einmal hat der Ritter Kaspar v. Schönberg, der im Jahre 1486 (Juli 28.) von Herzog Albrecht, dessen Hofmeister und Geheimer Rat er war, mit Sachsenburg belehnt wurde, das slos und cappelle bauwen und machen lassen, und ist vollbracht nach christi geburt MCCCC und dornach ym LXXVIII (1488) jaren.93) Andererseits ist ein großer Teil der Gebäude 1632 von den Kaiserlichen verheert worden. Man sieht aber noch, daß die alte Burg wie das neue Schloß sich dem Felsendreieck, darauf sie sich erhoben, anpassen mußten. So kam eine gewisse Unregelmäßigkeit hinein. Die Burg war nicht nur durch ihre schroffe Lage über dem Zschopauflusse ausgezeichnet, sondern sehr stark befestigt, wovon noch die Mauern, die in Bruchsteinen aufgeführt sind, zum Teil (am hintersten Gebäude) Zeugnis ablegen. Der Eingang lag gegen Norden und war von einem tiefen Graben gedeckt; er führte in einen von Mauern und Rondelen umgebenen Hof (den vorderen), der rechts von den Stallungen, links in der Ecke von dem großen viereckigen Donjon (Berchfrit) flankiert war, den man zu Weihnachten 1878 abtragen mußte. An ihn lehnte sich, durch einen zweiten Graben vom Hofe getrennt, das mittlere Schloßgebäude, der alte Palas, woran sich die hintere Burg anschloß, die einen kleinen Hofraum umgab, der ein abgerundetes Dreieck darstellte. In ihr befand sich im östlichen Flügel die Kapelle. Wir haben betreffs Sachsenburgs nun nur noch zu fragen, ob es in dem Hersfelder Lehnsbriefe für Friedrich den Freidigen vom 23. Juli 1292 erwähnt wird oder nicht. Das letztere wäre mehr als auffällig, zumal ja sein Oheim Friedrich Clemme am 6. Februar 1289 es neben Lichtenwalde namentlich unter den Hersfelder Lehen des eigenen Vaters hervor hebt. Auch würde es doch frappieren, wenn nicht nur eine Stadt wie Oederan, sondern sogar ein Dörflein wie Dreiwerden Erwähnung fände, eine Burg aber wie Sachsenburg unerwähnt bliebe. So bleibt uns denn nichts übrig als die Annahme, daß es einfach unter dem castrum Frankenberg in der obigen Urkunde zu verstehen sein wird.

Schloss
Allodialgut Neubau (alias Rittergut Frankenberg.)

Diese Annahme aber gewinnt eine Stütze an der neuerdings von Trümper-Bödemann festgestellten Tatsache, daß sich in nächster Nähe der Burg, südlich davon, auf dem Hochufer im Walde eine große und befestigte frühdeutsche Siedlung befinde, von der sich, noch heute sichtbar, ein langer Wall, vermutlich eine Grenzmark der Niederlassung, zur Zschopau hinabzieht. Ihr Entdecker nennt sie mit Recht das „alte Frankenberg“; wir werden hier das Dorf Frankenberg vor uns haben94) : Die Gründung der Stadt wird mit dem Bergbau zusammenhängen und vor 1222, wenn nicht bereits vor 1214 fallen. Ja, wir werden noch etwas weiter geführt, wenn wir den Heinricus de Sassenberg (1203) mit dem Henricus de Frankenberc identifizieren, der am 31. März 1206 als Zeuge in Dresden auftritt. (Cod. dipl. Sax. reg. II, 1, no. 74.) Er nannte sich und seine Burg nach der neuen aufblühenden städtischen Gründung, die demnach zwischen 1203 und 1206 ihren Anfang genommen hätte. Dazu kam ja noch, daß er und seine Nachkommen Besitz in Frankenberg hatten, ein allodium: es ist das heutige Allodialgut Neubau, das in der Stadtflur liegt; wir könnten auch „Rittergut Frankenberg“ sagen. Darnach nannte sich also die Familie die v. Frankenberg; sie hatte jenes Gut und die Sachsenburg inne, deren Bezeichnung zwischen diesem älteren Namen und Burg Frankenberg (weil sie in territorio Vrankenberc [1222] lag) im 13. Jahrhundert hin und her schwankte. Darum heißt auch der Zweig des Geschlechtes, der auf der Burg saß, bald so, bald so. Er ist, wie wir sahen, mit Ritter Heinrich v. Sachsenberg ausgestorben, die Frankenberger aber auf dem heutigen Neubau, vertreten durch Dietrich v. Frankenberg (1293 – 1305), lösten sich von ihrem ursprünglichen Sitze los. Das allodium Frankenberg mit 8 Talenten Einkünften von den Mühlen in der Stadt (civitas) und dem Patronate über die Pfarrkirche, mit seinen Wiesen, einem Forste (nemus) und der Zschopaufischerei, mit 14 Scheffeln Hafer in Frankenberg und einem Lehnsmann (substitutus = Lehnrichter?) war 1349 bereits in andere Hände übergegangen: Dietrich Kunike mit seinen Brüdern aus Freiberg hatte es erworben. Im Jahre 1328 mag es noch im Besitz derer v. Frankenberg gewesen sein, da Jenchin v. Frankenberg damals die benachbarten Klosterorte Dittersbach und Neudörfchen, die wüste lagen, neu besetzen durfte. Später treffen wir die v. Frankenberg an anderen Orten, so 1349 einen Heinrich v. Frankenberg zwar noch in der Nähe (in der Stadt Mittweida: 1 Mark Silber, in Frankenau: ebenso) begütert, aber auch zugleich im Altenburgischen und in der Großenhainer Pflege und einen Dietrich v. Frankenberg in Röhrsdorf bei Wilsdruff. Damit entschwindet die Familie ihrer Stammgegend. Es handelt sich also nur noch um die letzte Frage, ob es auch in Frankenberg selbst ein Schloß gab. Wir sahen oben, daß sich 1292 das castrum Frankenberg nur auf die Sachsenburg bezog. Nun nannten sich (nach Schöttgen) die v. Schönberg „Herren zu Sachsenburg und Frankenburg bei Frankenberg“. Unter letzterem ist das Rittergut gleichen Namens zu verstehen, auf dessen Boden, am nordöstlichen Ende der Stadt, das Herrenhaus stand. Es wurde 1553 neuerbaut und trägt den Namen „Neubau“. Man erklärt ihn entweder im Gegensatz zu Sachsenburg oder – zu einer älteren Burg, die vermutlich dort gestanden habe; diese soll einmal entweder im Hussitenkriege oder im Bruderkriege niedergebrannt worden sein. Das scheint mir aber sehr problematisch zu sein. Das herrschaftliche Vorwerk lag doch wohl vor den Mauern der Stadt. Ich glaube kaum, daß an der Stelle Neubaus eine Art Zitadelle (castrum urbanum) gestanden hat. Diese müßte dann zum mindesten nach 1292 errichtet worden sein, aber hierfür fehlt es an urkundlichen Belegen. Denn das castrum Frankenberg, das man dafür geltend macht, geht eben auf Sachsenburg. Damit scheidet also Frankenberg für erzgebirgische Burgstätten vollständig aus.

Nachbemerkung: Erst in neuester Zeit hat man den Burgward Hwoznie in ganz unmotivierter Weise in Hohenwussen bei Mügeln gesucht. Dagegen spricht dreierlei: dieser Ort war gar nicht Vorort eines Burgward, stand nie in Beziehung zur Abtei Hersfeld und lag auch nicht an der Mulde. Man preßt nämlich in der Urkunde Kaiser Ottos II. die Worte iuxta fluvium Multha dictum. Sie beziehen sich auf Döbeln oder richtiger auf das Gebiet der beiden Burgwarde Döbeln und Gozne, das „an der Mulde“ (seiner Nordgrenze) liegt, d. h. an diesem Flusse beginnt und sich zwischen Zschopau und Striegis südwärts in unser Erzgebirge bis ins Pockautal hinauf zieht. (Neues Archiv für Sächsische Geschichte XXX, 306 ff., XXXI 19 ff.)

71) Man verwechsele ja nicht, wie das hin und wieder in der populären Schriftstellerei geschieht, Burgward und Burgwart. Jener ist ein Verwaltungsbezirk, der in lateinischer Sprache auch mit territorium = Gebiet, pagus = Kreis oder municipium = Weichbild urkundlich wiedergegeben wird. Der Burgwart hingegen ist ein niederer Burgbeamter, der vor allem dem Wachdienst auf dem Hauptturm obliegt. Von einem „kaiserlichen Burgwarte“, der das Blockhaus kommandiert und die Gegend verwaltet hätte, kann nicht die Rede sein. Wir wollen mit ihm endgültig aufräumen.

72) Thietmar I, 16: Ex ea (urbe Misni) Milzenos suae subactos ditioni censum persolvere coëgit (Heinricus I.) V, 7 (vgl. IV, 45): Milzientos a libertate inolita servitutis iugo constrinxit (Ekkehardus I.)

73) Thietmar VI, 53: Strehla 1009; German. Script. VI, 684: Dohna 1040. Monum.

74) Der Burgward Mochau (Mochowe) bei Döbeln erstreckte sich zwar auch ins Erzgebirge hinauf, „in den Wald, der Böhmen von der Daleminzia scheidet“ (Cod. dipl. Sax. reg. I, 2, no. 308: in nemore illo, quod est inter provinciam, quae dicitur Dalminze, et Boëmiam … in burchwardo Mochowe: 26. Febr. 1162.), aber es war doch nur Waldland, das erst Markgraf Otto auf seine Kosten urbar machen ließ: 800 Hufen (octingentos mansos [lehen] marchio ipse suis sumptibus exstirpari fecit et in culturam redegit). Sie umfaßten folgende Dörfer: Böhringen bei Roßwein (locus Bor, den ursprünglichen Standort des Klosters Altenzelle: 1. c. I, 2 no. 475: 9. Juni 1183.), Etzdorf, Gersdorf, Kummersheim, Marbach, Schmalbach, Berbersdorf, Kaltofen, Pappendorf, Goßberg, Reichenbach, Groß- und Kleinvoigtsberg, Großschirma, Seifersdorf, Mobendorf, Riechberg, Bräunsdorf, Langenhennersdorf, Kleinwalthersdorf, Halsbrücke, Lößnitz, Tuttendorf, Christiansdorf (d. i. Freiberg St. Jakobi und ev. auch St. Nikolai), Berthelsdorf, – diese 3 Dörfer ergaben mit Mönchenfrei 118 lehn (1. c. I. 3, no. 510: 2. August 1185.) – Erbisdorf und St. Michaelis (Michellsdorff.)

75) Unter der ecclesia Hersveldensis ist also nicht eine bei Frankenberg gelegene, „damals fürnehme Pfarr oder Kirch“ Hirschfeld zu verstehen, welche die einen im gleichnamigen Dorfe bei Nossen suchen, die andern als eine Wüstung betrachten, die schon im Beginne des 11. Jahrhunderts entstanden wäre.

76) Das lehrt eine Urkunde vom Jahre 1311, wornach der Zehnt in Frankenberg und anderen Pfarreien gefällt. (Cod. dipl. Sax. reg. II, 1. no. 347.) Der Sprengel der Frankenberger Kirche umfaßte 1540: Mühlbach, Hausdorf, Gunnersdorf, Sachsenburg, Dittersbach, Neudörfchen, Schönborn und Irbersdorf.

77) Von ihnen müssen wir mehrere Ministerialenfamilien unterscheiden, so die v. Stockhausen (W. der Stadt), die v. Knobelsdorf (Clovelokesdorp) und die v. Bennewitz (SW. bez. NW. der Stadt), die sich auch, wohl wegen eines Burglehns, alle drei v. Döbeln nannten.

78) Als 1319 Markgraf Friedrich der Freidige Dresden von Bischof Withego II. von Meißen zu Lehn nahm, heißt es: daz sal unsme herren dem apte von Hersvelde [Hirsfelde] an syme rechte nycht schadin. Die anderen aufgetragenen Lehen (feuda oblata) waren: der Rote Turm zu Meißen, Freiberg, und Roßwein mit ihrem Zubehör sowie der Burgward Leuben mit 14 Dorfschaften.

80) Glückauf 1909, S. 50.

81) Zugleich sieht man, wie neu und richtig die Angaben sind. Denn 1290 erst erkaufte das Chemnitzer Bergkloster für 32 Mark Silber das Dorf Oberhermersdorf von den Herren (nobiles) v. Erdmannsdorf. Von 1317 ab machte es Erwerbungen im Hersfelder Lande. (Cod. dipl. Sax. reg. II, 6, no. 319, vgl. no. 334.)

82) Schöttgen, Analecta de burgwardiis Saxonicis I, 8.

83) Ferner gehört hierher: Wünschendorf bei Lengefeld, noch 1716 „Wiudschendorf“, d. i. das wendische Dorf an der Laßnitz.

84) So nach dem Berichte eines Augenzeugen, des thüringischen Ritters Heio, den ein Hersfelder Mönch aufgezeichnet hat. (Monum. German. Scriptores VI, 225: in primo congressu Arn episcopus occubuit.)

85) Neues Archiv für Sächsische Geschichte XXXI 307 – 314.

86) An einen kolonisatorischen Vorstoß der Deutschen unter König Heinrich I. ist absolut nicht zu denken.

87) Dieser in den Namen sich kundgebende Stammesunterschied bot sich nur in der alten Heimat dar; daher konnten die Namen nur in ihr entstehen und wanderten beide mit ins Meißnische.

88) Dieser in den Namen sich kundgebende Stammesunterschied bot sich nur in der alten Heimat dar; daher konnten die Namen nur in ihr entstehen und wanderten beide mit ins Meißnische.

89) Glückauf 1909, S. 168.

90) Er war Ritter.

91) Ihr Großvater, Ritter Hans sen., war groß von Statur gewesen; die Familie nannte sich auch von früher her die v. Seebitzschen (bei Rochlitz).

92) Bericht der Deutschen Gesellschaft in Leipzig 1839, S. 30. 32.

93) So besagt die alte, in Stein gehauene Inschrift an den beiden mittleren Füllungen der Emporenbrüstung in der Schloßkapelle, die auch den Namen der Frau (Barbara geb. v. Maltitz) und des Baumeisters (Hans Reynhart, der 1492 – 1498 den Umbau der Dresdner Kreuzkirche leitete) angibt. Diese Kapelle war den 14 Nothelfern (quattuordecim auxiliatorum) geweiht, und das Einkommen ihres Altaristen betrug 2½ Mark Silber. (Cod. dipl. Sax. reg. I, 1, S. 203: altare in Sachsenberg). Zwei Geistliche werden urkundlich erwähnt: 1530 Gregorius rector capellae in castro Sachsinberg, 1361 Tutho altarista in Sachsenberg. (l. c. II, 1, no. 452; II, 12, no. 102.)

94) Unterhaltungsbeilage zum Frankenberger Tageblatt 1911, Nr. 7 S. 27 und Anm. 3. Auch briefliche Mitteilungen vom 8. November 1910.

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins . 31. Jahrgang. 1911, S. 170 - 172 und 182 - 184.

Nachtrag In zwei Urkunden der Jahre 1264 und 1265 erscheint als Lehnsmann Markgraf Dietrichs von Landberg, begütert in der Gegend von Lützen, ein Heinricus de Saxenberg (Sasenberch). Vgl. Cod. dipl. Sax. reg. II, 10, no. 15.

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins . 32. Jahrgang. Nr. 12 v. Dezember 1912, S. 178.

(Fortsetzung folgt.)