Rabenstein

Westlich von der Stadt Chemnitz liegt das alte Schloß Rabenstein, ebenfalls eine Wasserburg, früher von vielen Teichen und Sümpfen eingeschlossen, hochromantisch im Parke des Oberrabensteiner Rittergutes, seines ehemaligen Wirtschaftshofes mitten unter bergehohen Fichten. Es ist nach Südosten gerichtet; an diesem Ende erhebt sich der altersgraue Rundturm, dessen Mauern von beträchtlicher Dicke sind, und dessen Spitze ehedem mit einer Haubenkuppel aus Schiefer bedeckt war, während ihn jetzt eine Plattform, von Zinnen umgeben, abschließt. Der Fuß des auf dem steilen, ganz nackten und über 14 m hohen Felsen gegründeten Bergfrieds liegt 6 m über dem Burghofe, der nach Nordwesten sich erstreckt, von wo aus die Burg allein auf einem ansteigenden Wege zugängig war, und etwa 20 m lang und 10 m breit war. Dieser Hof befand sich 10 – 12 m hoch über der Brücke, die über einen Walkgraben führte, wovon noch heute Reste vorhanden sind. Nach Süden zu abgeschlossen ward er von dem 2 Stockwerke hohen und 5 Fenster breiten Hauptgebäude, das im Osten an den Donjon sich anlehnt und einen bastionsartigen Flügelbau darstellt. Im Westen, Norden und Osten liefen Wallbefestigungen nach dem verschwundenen Tore hin. Wachturm und Palas – zu mehr Gebäuden bot eben die Oberfläche der freistehenden Kuppe keinen Raum dar: so ist auch aus den Trümmern heraus der Umfang der kleinen Feste noch wohl zu erkennen.

Ruine
Ruine Rabenstein (Hauptansicht).

Die frühesten Besitzer der alten Burg sind, soweit uns bekannt, die Herren von Waldenburg (Waldinberc). Wenn sie aber in ihrem Wappen rechts (heraldisch) drei halbe springende Leoparden übereinander neben dem Adlerflügel links mit einem angehängten Ringe führen, so beziehen sich zwar die letzteren beiden Figuren auf Waldenburg und Wolkenstein, nicht aber jene halbierten Leoparden auf Rabenstein: es ist die Hälfte des Hohenstaufen)wappens, das sie zuerst als vornehme Ministerialen dieses Hauses führten. Die erste auf Rabenstein bezügliche Urkunde stammt von Kaiser Ludwig IV. (dem Baier), der 1336 seinem Schwiegersohne, dem Markgrafen von Meißen, die Anwartschaft auf Schloß und Stadt Waldenburg und „och die Burg ze Rabenstein“ – sie gingen vom Reiche zu Lehn – erteilte im Falle, daß der edle Adamant von Waldenburg ohne Erben verscheiden würde, ein Fall, der jedoch nicht eingetreten ist. Denn erst 40 Jahre später, am 13. Dezember 1375, gab die Familie der Waldenburger Dynasten Rabenstein auf, indem sie das Schloß mit seinem ganzen Zubehör an das Chemnitzer Bergkloster verkauften. Das betreffende Dokument bedarf hier einer näheren Würdigung. Aus ihm lernen wir den Zubehör des Schlosses Rabenstein am Ende des 14. Jahrhunderts kennen; von demselben ist die Klostervogtei zu trennen, welche die Edlen von Waldenburg über die Dörfer des Konventes und die Stadt Chemnitz, die früher von jenem sich losgelöst hatte, etwa seit dem ersten Viertel des 13. Jahrhunderts ausübten. Zuerst ist bemerkenswert, daß die Verkäufer das castrum Rabinstein wie ihre Eltern „von keinem zu Lehen getragen haben“ wollen: sie bezeichnen es also nicht als Reichslehn, sondern als frei Eigen. Daß Rabenstein als eine Allodialherrschaft galt, ergibt sich auch daraus, daß es später schriftsässig, steuerfrei und der Verpflichtung, Ritterpferde zu stellen, ledig war. Zu den (ritterlichen) Vasallen und den (bürgerlichen) Lehnsleuten der Burg rechnete man 1375: Heinrich v. Kriebitzsch mit der Hälfte der Dörfer Reichenbrand und Grüna, Peter v. Kyau mit Besitzungen in Helbersdorf und Heinz v. Höckericht mit dem heutigen Kanzleilehngute daselbst, ferner die Chemnitzer Bürger: Franz Schwenkenstein mit dem Dorfe Rottluff und zwei Bauern zu Röhrsdorf (1401 kaufte das Kloster seine Erben aus), Walter Beyer von (aus) Schönau und Nikolaus Mohnhaupt mit Gütern in Höckericht sowie Peter Arnold mit Zinsen in Helbersdorf und der Reismühle vor der Stadt Chemnitz.

Ruine
Ruine Rabenstein (Rückansicht).

Sonst gehörten zu dem direkten Besitze der Waldenburger im Rabensteiner Bezirke die Dörfer Stein (Niederrabenstein), Reichenbrand und Grüna, beide halb, Löbenhain (einverleibt), Kändler (der frühere Amtsanteil, also rechts des Pleißenbaches), Siegmar, Höckericht, Pleißa (Steinplissen) und Schönau, letzteres zum Teil, mit der hohen und niederen Gerichtsbarkeit und dem Kirchensatze zu Rabenstein, Reichenbrand und Pleißa: besonders hervorgehoben wird noch der westlich der Burg gelegene Forst, der eine Ausdehnung von mehr als einer Stunde in der Länge und von beinahe einer Stunde in der Breite besitzt. Das Kloster zahlte für alles 1700 Schock Freiberger Groschen in bar und trat außerdem die Hälfte von Großhartmannsdorf bei Freiberg mit dem halben Patronatsrechte ab. Freilich konnte es sich seines neuen Besitzes nicht ungetrübt erfreuen. Im Jahre 1386 brach die sogenannte „Rabensteiner Fehde“ aus, die, 1396 beigelegt, noch einmal 1418 ausbrach. Ihr Anstifter war Burggraf Albrecht V. von Leisnig, Herr zu Rochsburg und Penig, der Schwiegersohn und Schwager der Waldenburger, mit deren Verkauf er also je länger, je mehr nicht einverstanden sein mochte. Im Juli 1386 brachen nämlich unter Führung des Ritters Heinrich v. Witzleben verschiedene Adlige sowie Zwickauer und Oederaner Bürger in das Klostergebiet ein und besetzten Schloß und Dorf durch Handstreich. Dabei ist die Burgkapelle, die jetzt allerdings nicht mehr vorhanden ist, wenig glimpflich weggekommen: ihre Türen erbrach man, die Kelche, Bücher u. a. m. raubte man, die Reliquien und die auf dem Altar zur Anbetung ausgestellte Hostie entweihte man leider. Daher ward auch erst 1389 Zwickau, deren Bürger an diesem Kirchenraub und an dieser Tempelschändung sich beteiligt hatten, in Rom von dem drückenden Banne losgesprochen. Markgraf Wilhelm I. von Meißen ordnete 1390 die Räumung der Rabensteiner Herrschaft durch den Leisniger Burggrafen an und bestätigte 1396 ihr Eigentum feierlich dem Kloster. Der Streit hätte geruht, wenn nicht der Abt aus Rache den Burggrafen Albrecht VI. von Leisnig, der als Jüngling an jener ersten Fehde teilgenommen hatte, verklagt hätte. Darüber waren auch die Markgrafen empört: Wilhelm II. gestattete, wie man glaubt, 1418 dem Burggrafen, sich im Fehdegange Genugtuung zu holen. Schloß Rabenstein ward überrumpelt, Pferde, Waffen und Vorräte fielen in die Hand Albrechts, ja Abt Ortwin selbst mußte 10 Tage lang als Gefangener in der Burgkapelle sitzen, bis endlich die Landesherren eine Versöhnung zwischen den feindlichen Parteien herbeiführten. So verblieb Rabenstein dem Kloster, bis es in der Reformationszeit erst als Unteramt dem Amte Chemnitz zugewiesen ward und dann an die Familie von Carlowitz kam. Das Schloß und sein Wirtschaftshof bildeten das eigentliche Rittergut Rabenstein, das neben der Pfarrkirche gelegene Vorwerk, früher Kirchlehn (bis 1422, wo es dem Kloster einverleibt ward), sein Nebengut. Bis 1686 hat jene Familie den Besitz festgehalten; dann kamen die beiden Rittergüter Ober- und Niederrabenstein an verschiedene Besitzer, deren Nachfolger häufig gewechselt haben. Es gewinnt den Anschein, daß vor dem Verkaufe ans Kloster (1375) die Rabensteiner Herrschaft noch umfänglicher gewesen sein mag, und verschiedene Orte bereits früher an dasselbe abkamen, nämlich Mittelbach, das zur Pfarrei Reichenbrand gehörte, Schönau z. T., Kappel z. T., das durch den Pfaffensteig mit der Rabensteiner Kirche verbunden war, und Röhrsdorf, wovon ja noch 1375 zwei Bauergüter bei Rabenstein sich befanden, und das 1335 um 50 Schock Groschen verpfändet, 1337 aber um 1 Pfd. Gold und 8 Schock Groschen verkauft ward. Das Schloß selbst wird bei der Anlage seiner Pertinenzdörfer (um 1200) entstanden sein und ist wohl eine Anlage der Herren von Waldenburg gewesen, die hier in den dichten Wäldern des Sächsischen Mittelgebirges, besonders des Rabensteiner Gebirgszuges, die deutsche Kolonisation zu fördern wußten.

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins . 32. Jahrgang. Nr. 10 v. Oktober 1912, S. 108 - 150.