Lichtenwalde

Wir müssen auch hier einen Unterschied machen zwischen der alten Burg und dem heutigen Schlosse, das, natürlich unter manchem Wandel – man denke an den letzten Brand – im Laufe der Zeiten, auf den Fundamenten jener sich erhebt und wie einst jene von dem hochragenden und steil herabfallenden Felsen, der es trägt, das liebliche Zschopautal beherrscht. Da auch die Burg vielleicht mehr als einmal zerstört worden ist, so läßt sich ihre Anlage nur vermutungsweise beschreiben. Der Zugang zu der durch eine ausgezeichnete Lage geschützten Feste lag auf der Westseite, wo sich auch das herrschaftliche Vorwerk (allodium) befindet, sowie der gleichnamige Burgvorort, das Dörfchen Lichtenwalde, das seine Entstehung der Ansiedlung landwirtschaftlicher Arbeiter, welche die Burgäcker zu bestellen hatten, verdankt und daher von Anfang an keine Bauergüter, sondern nur Gartennahrungen und später Häuslerstellen aufwies. Von allen anderen Seiten, namentlich von Norden her, war die alte Burg Lichtenwalde entweder gar nicht oder sehr schwer zugänglich, und die Bergnase, auf der ihre Grundmauern standen, vereinigte ihren natürlichen Schutz mit der Stärke der letzteren. Ich glaube, daß man zwei Teile unterscheiden darf, den westlichen, größeren und vielleicht jüngeren, wo die Schloßgebäude 1722 – 1726 errichtet wurden, und den östlichen, kleineren, zu dem auch die Hauskapelle95) zu rechnen ist. Beide schied ein starker und runder, längst wieder eingesunkener Wartturm von ziemlicher Höhe, der auf allen Bildern und Plänen noch wohl erkennbar ist. Beide umgaben mit ihren Gebäuden und Mauern je einen Burghof. Die letzteren waren auf der Südseite durch massige Strebepfeiler gestützt, um durch eine größere Höhe die Burg vor einer Überrumpelung mittels Übersteigen zu sichern. Durch den Neubau des Schlosses (1722 – 1726) ist aber die ganze Burganlage, soweit sie kriegerischen Zwecken diente, verwischt worden.

Schloss
Schloß Lichtenwalde vor dem Brande.

Wir erwähnen nun die zu dem Schlosse gehörigen Orte: ihre Anzahl schwankt natürlich. Erst im Laufe der Zeiten gewann die Herrschaft den großen Umfang, den sie seit dem 18. Jahrhundert besaß. Damals umfaßte sie Oberauerswalde, Obergarnsdorf, Ottendorf, Merzdorf, Ober- und Niederlichtenau, Ortelsdorf, Lichtenwalde, Ebersdorf, Ober- und Niederwiesa, Braunsdorf und – als Exclave – Gückelsberg bei Flöha. Diese 13 Gemeinden bildeten von 1561 – 1694 das kurfürstliche Amt Lichtenwalde, das in dem letzteren Jahre gegen Pillnitz, damals im Besitz des Heinrich v. Bünau, eingetauscht wurde. Der neue Eigentümer übernahm das bisherige Amt als Herrschaft, was Lichtenwalde ja bis 1561 schon einmal gewesen war, und behielt sie bis zum Jahre 1703. Nachdem das Schloß kürzere Zeit im Besitze des Grafen Heinrich Reuß III. und (seit 1719) des Grafen v. Flemming gewesen war, erwarb es 1722 Graf Christoph Heinrich v. Watzdorf, der geheime Kabinetsminister des Kurfürsten, der es so behaglich und vornehm erneuern ließ und die bekannten großartigen Gartenanlagen ins Leben rief. Sei Sohn Friedrich Carl, sächsischer Geheimrat, durch seinen Kunstsinn ausgezeichnet, hinterließ Lichtenwalde als einziger Erbin seiner Gemahlin Henriette Sophia, einer geborenen Gräfin Vitzthum96) v. Eckstädt97). Nach ihrem Ableben (1764) gelangte es an ihre Familie, die sich noch heute dieses prächtigen Besitztums erfreut und noch recht lange sich erfreuen möge. Schon früher hatte sie einmal kurz auf Lichtenwalde gesessen, wie wir noch sehen werden. Wie wir oben berührten, war die Herrschaft vordem kleiner gewesen: 1445 gehörten dazu nur Erbistorff, Lichtenaw (Ober- und Nieder-!), Awerswalde (halb!), Crompach (bei Mittweida), Grose und Cleyne Wese (Ober-, Niederwiesa), wozu 1548 laut des Rochlitzer Amtserbbuches noch Garnsdorf (halb) und Ortelsdorf traten. Ein ganz anderes Bild bietet uns das Lehnbuch Markgraf Friedrich des Strengen 1349/50. Denn als Lehnsträger von Auerswalde, Garnsdorf, Lichtenau (Ober-), Ebershain (=Niederlichtenau?), Ebersdorf zum Teil und Dorf Lichtenwalde z. T. macht es die v. Auerswald, von Ottendorf die v. Bünau namhaft, während es in Ebersdorf, Crumbach und Braunsdorf die v. Meckau und in Wiesa und Dorf Lichtenwalde einen v. Lichtenwalde als begütert angibt. Wir werden sehen, daß wenige Jahre vorher die Burg, das „Haus“ Lichtenwalde, wohl ohne jedes Dorf, vielleicht Lichtenwalde selbst z. T. ausgenommen, veräußert worden war. Das aber ist nicht ganz ursprünglich, weil ja 1292 neben dem castellum Lichtenwalt auch noch verschiedene, allerdings namentlich nicht angeführte Pertinenzdörfer, omnes villicationes ibidem attinentes, erscheinen. Der damalige Burgbezirk, der, wie sich zeigen wird, einem wettinischen Vogte (castellanus) unterstand, ist eben bei jener Veräußerung des 14. Jahrhundert durch Verlehnung an Adlige aufgeteilt worden. Nach und nach hat dann die Lichtenwalder Herrschaft die früheren Pertinenzdörfer, als die ich Lichtenwalde, Ebersdorf, die beiden Wiesa und Ortelsdorf bestimmt und die beiden Lichtenau mit Merzdorf vielleicht ansprechen möchte, wieder an sich gezogen und noch durch einige andere (die Osthälften von Auerswalde und Garnsdorf, Ottendorf, Crumbach, Braunsdorf) vermehrt.

Schloss
Schloß Lichtenwalde nach dem Neubau.

Wir verfolgen nun die Inhaber der Burg von 1561 ab aufwärts, soweit wir es vermögen. Im Jahre 1447 belieh Kurfürst Friedrich der Sanftmütige die v. Harras (Hermann und Georg), die im Bruderkriege um ihre thüringischen Besitzungen gekommen waren, mit Lichtenwalde, wie es Apel Vitzthum vorher gehabt hatte. Er erneuerte 1454 der Familie das Lehen (Dietrich, Otto, Ulrich und Hermann v. Harras, Söhne des Hermann sen., empfingen sie), und so treffen wir noch auf manche Belehnung: 1466 des Ritter Dietrich v. Harras, des „kühnen Springers“, den Theodor Körner dichterisch verherrlicht hat, durch Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht, 1501 des Georg v. Harras durch Herzog Georg, 1543 des Eustachius v. Harras durch Herzog Moritz. Mit diesem Eustachius starb 1561 die Familie v. Harras im Mannesstamme aus, und Lichtenwalde fiel als erledigtes Lehen dem Kurfürsten August anheim, der noch 1563 ein Abkommen mit der Schwester des letzten Harras, Brigitta v. Honsberg, wegen ihrer Ansprüche an den brüderlichen Nachlaß getroffen hat. Die Familie, in die sie hineingeheiratet hatte, war auch eine längere Reihe von Jahren (etwa 70 – 80) auf Lichtenwalde seßhaft gewesen, und zwar mit Ritter Dietrich v. Honsberg, dem markgräflichen Marschall, der um die Mitte des 14. Jahrhunderts urkundlich auftritt, hatte sie die Burg als ein Lehen der Burggrafen von Meißen an sich gebracht; wir wissen nicht, in welchem Jahre dieses Vasallenverhältnis eingetreten ist, wohl aber ist es uns bekannt, wann es sich endigte. Denn am 28. März 1425 wies Burggraf Heinrich II. von Meißen, der letzte der Meinheringer, der in der Schlacht bei Aussig (1426) fiel, seine ehrbare Mannschaft, darunter Henriche und Sittiche von Honsperge zcu Lichtenwalde, an Kurfürst Friedrich den Streitbaren. Wir haben aus dieser Epoche noch eine Verschreibung jenes Dietrich v. Honsberg vom Jahre 1363, worin er sich mit seinen Söhnen Friedrich und Sittich gegenüber seinen Lehnsherren, den Meißner Burggrafen Meinher V. und Berthold, verpflichtet, ihnen sein „Haus“ gegen jedermann mit Ausnahme der Meißner Markgrafen offen zu halten. Als herzoglich sächsische Vasallen (seit 1425) haben nun die v. Honsberg ihre Burg nicht mehr lange innegehabt – übrigens wurden die Reklamationen des neuen Meißner Burggrafen „die Honsperger sollen von einem burggraven zu lehn haben: Lichtenwalde mit aller zugehorung“ verworfen (1435) – denn Hans v. Honsberg tauschte die eine Hälfte von Lichtenwalde gegen andere Besitzungen von den Brüdern Konrad und Apel Vitzthum ein (1439), die auch vom Kurfürsten damit beliehen wurden. Die andere Hälfte der Herrschaft, die der Frau Katharina v. Honsberg als Leibgedinge ausgesetzt worden war, brachten beide Brüder ebenfalls an sich. Allein Lichtenwalde ging ihnen verloren, weil sie im Bruderkriege auf der Seite Herzog Wilhelms standen; so sprach ihnen dessen Bruder, Kurfürst Friedrich der Sanftmütige, wegen Felonie diese Besitzung nebst anderen Gütern wie z. B. Kriebstein ab und verwies sie des Landes. Ihr Gönner legte die Burg Lichtenwalde 1450 bei einem Zuge gegen seinen Bruder in Asche, wobei auch das Städtlein Frankenberg ganz weggebrannt ward.

Fragen wir nun, wie die Meißner Burggrafen dazu kamen, lehnsherrliche Rechte über Burg Lichtenwalde ausüben zu können, so hatte eben Markgraf Friedrich der Ernsthafte am 2. März 1336, als er einen Dienstvertrag mit den Burggrafengebrüdern Hermann III. und Meinher IV. abschloß, wonach sie 20 Helme (Ritter mit Knappen) und 10 Renner (leichte Reiter) für 120 Schock zu besolden hatten, beiden Lichtenwalde und was dazu gehört auf 5 Jahre verpfändet. Löste er es bis dahin nicht wieder ein, so verblieb das Pfand den Burggrafen erblich; daß dieser Fall eingetreten ist, sahen wir oben. Seit 1341 waren jene in der Lage, das Schloß als das ihrige anzusehen und, wie sie es taten, weiterverleihen zu dürfen. Natürlich blieb es ein markgräfliches Lehen und im Kriegsfalle ein „offen hus“, wie auch der Revers des Dietrich v. Honsberg beweist, der mit ihm nicht gegen den Markgrafen als den Oberlehnsherrn dem Burggrafen dienen konnte. Vor 1336 war demnach Lichtenwalde eine markgräfliche Feste gewesen. Allerdings hatte der Vater des Verpfänders von Anno 1336, Markgraf Friedrich der Freidige, sie dem Grafen Heinrich von Nassau, dem Vetter König Adolfs, den dieser zum Landrichter von Meißen und Pleißen bestellt hatte, während der wohl für das Haus der Wettiner schwersten Zeit, im Jahre 1298, abgedrungen, nachdem er den kaiserlichen Statthalter durch einen Hinterhalt als Gefangenen in seine Gewalt bekommen hatte. Aber dieser Wiedererwerb war nur vorübergehend, da wir den kaiserlichen Landrichter des Pleißenlandes, Heinrich v. Schellenberg, am 25. Juli 1304 den Kauf des Dorfes Töpeln bei Waldheim durch das Kloster Buch „von seiner Burg Lichtenwalde aus“ bestätigen sehen. Erst 1308 gelangte Friedrich der Freidige in ihren dauernden Besitz zurück. Er hatte sich mit ihr nach dem Tode seines Vetters Friedrich Tutta († 1291) damit 1292 von der Abtei Hersfeld belehnen lassen: wir hatten bereits früher den lateinischen Lichtenwalde betreffenden Passus des Lehnsbriefes angezogen, der daneben als eigentliche Klosterlehen noch Zschopau, Frankenberg, Dreiwerden, Döbeln und Oederan aufführt. Jener Markgraf Friedrich Tutta, dessen wir soeben gedachten, gab übrigens im Jahre seines Todes seinem Vogte (castellanus) zu Lichtenwalde den Befehl, die Deutschordensbrüder im Kloster Zschillen (jetzt Wechselburg) zu schützen und ihnen beizustehen. Hieraus geht hervor, daß dieser Wettiner die Burg Lichtenwalde in eigener Verwaltung hatte, daß sie also nicht mehr an einen Vasallen verlehnt war. Das war aber erst seit kurzem der Fall; denn sein Verwandter, seines Großvaters, Heinrichs des Erlauchten, jüngster Sohn 3. Ehe, Friedrich Clemme, Herr von Dresden, hatte 1289 u. a. castrum Lichtenwalde infeodatum (neben Schloß Sachsenburg und allen übrigen Hersfelder Abteilehen an Burgen, Städten, Märkten und Dörfer, wie sie sein Vater selig gehabt hatte), d. h. seine Ansprüche darauf an König Wenzel von Böhmen verpfändet. Daraus wurde ja nun allerdings nichts, aber eins erhellt zur Genüge aus dem Dokumente, das hiervon uns Kunde gibt, nämlich daß 1289 Lichtenwalde in Lehn gegeben war, während bereits 1291 ein fürstlicher Vogt hier seines Amtes waltete. Fragen wir, wer der Vasall war, der 1289 Lichtenwalde innehatte, so gehen wir nicht in der Annahme fehl, daß es ein Angehöriger der Familie war, die von unserer Burg ihren Namen empfing: Heidenricus miles de Lichtenwalde. Bereits im Jahre 1290 sehen wir ihn in einem Dienstverhältnis zu den Edlen von Colditz; denn am 24. Juli läßt er vor seinem Lehnsherrn Heinrich von Colditz das halbe Dorf Thierbaum bei Rochlitz für das Kloster Buch auf, desgleichen am 18. Oktober 1292, wo er als Colditzer Burglehner erscheint, einen Getreidezehnten für den Sornitzer Konvent. Wir besitzen von ihm selbst noch eine Urkunde vom 3. April 1286, worin er seine drei ins Benediktinerinnenkloster zu Geringswalde eingetretenen Töchter ausstattet. Wir finden daran noch sein Siegel: einen dreieckigen Reiterschild mit der Umschrift: † S(igillum). Heidenrici de Lichtenw(alde), das zweigeteilt oben über einem Querbalken einen Löwen, nach rechts (heraldisch!) springend, unten einen Löwen, nach rechts aufgerichtet, unter diesem Balken zeigt. Wir begegnen auch noch einem Gliede des Geschlechtes im Lehnbuche von 1349 in der Nähe der Burg, die diesem seinen Namen verlieh: es ist Heinrich v. Lichtenwalde, der im Dorfe Lichtenwalde selbst ein halbes Vorwerk (allodium) nebst 4 Gärten, in Ebersdorf ein Vorwerk, das 80 Groschen zahlte, und in (Nieder-) Wiesa ebenfalls ein solches vom Markgrafen zu Lehn trug.

Hier, d. h. in besagtem Lehnbuche, liegen auch sämtliche Orte um Lichtenwalde samt dem gleichnamigen Dorfe im Rochlitzer „Distrikte“, und da sie auch kirchlich zu der meißnischen Kirchenprovinz des Propstes von Zschillen gehören, diese aber nachweislich die ganze Grafschaft Rochlitz rechts der Zwickauer Mulde umfaßt hat, so liegt also der Schluß nahe, daß die Gegend von Lichtenwalde, Wiesa, Auerswalde usw. politisch zum Rochlitzer Territorium zählte. Burg Lichtenwalde deckte den Südosten dieses Gebietes. Wenn nun 1291 der Lichtenwalder Burgvogt den Auftrag erhält, die Besitzungen des Deutschordens zu schützen, so handelt es sich hier um die Zschillener Klosterdörfer zwischen dem Wiederbache, der Chemnitz, der Clausnitz bez. der Frose, d. i. dem Garnsdorfer Dorfbache, nämlich Markersdorf, Claußnitz, Röllingshain, Königshain, Wiederau usw. Alle diese Dörfer aber waren 1174 noch nicht angelegt, nur einzelne Rodungen bestanden neben dem Walde, den die drei ersten eben von uns genannten Gewässer bespülten. Aus diesem Umstande dürfen wir dann vielleicht schließen, daß Auerswalde und Lichtenwalde damals auch noch nicht angelegt waren, sondern daß damals der „Wald“ noch nicht „gelichtet“ war; jedenfalls ist aber Lichtenwalde bald nach jenem Jahre entstanden. Ende des 12. Jahrhunderts erhob sich wohl sicher die Burg zum Schutze der um sie im Westen entstandenen deutschen Kolonistenorte. Nur ein Punkt ist noch problematisch: gehörte die Lichtenwalder Gegend zwischen Zschopau und Chemnitz zum Eigengute des Rochlitzer Gebietes, das die Wettiner von König Konrad III. zum Geschenke erhielten? Ich möchte dies verneinen, weil Zschopau und Lichtenwalde mit ihren Dörfern, deren Zugehörigkeit zur Rochlitzer Grafschaft durch die kirchliche Einteilung gewährleistet ist, andererseits innerhalb des eigentlichen Gebietes der Abtei Hersfeld liegen. Das bezeugt Friedrichs des Freidigen Lehnbrief vom Jahre 1292; wir müssen mithin die Lichtenwalder Gegend zum Gau Daleminzi und zum Burgward Hwoznie (siehe Oktobernummer vorigen Jahrgangs!) schlagen, zumal auch nach Bischof Thietmar jener Gau bis an den Chemnitzfluß reichte. Die Wettiner haben sie von Hersfeld zu Lehen genommen, und zwar, weil sie zur Rochlitzer Grafschaft gehört, bereits die Rochlitzer Linie, die mit Dedo dem Dicken anhob und schon mit dessen Sohne, Markgraf Konrad von der Ostmark, 1210 ausging. Von ihm übernahm sein Vetter Dietrich der Bedrängte das Rochlitzer Gebiet, Allodien und Hersfelder Lehen. Als Hersfelder Lehnsträger erschienen auch, wie oben angegeben, Heinrich der Erlauchte (nach der Angabe seines Sohnes) und sein „freidiger“ Enkelsohn. Noch einmal tauchen diese Hersfelder Lehen im 15. Jahrhundert auf. Denn Kurfürst Friedrich der Sanftmütige, der sich 1454 auf einmal auf die rein formelle Hersfelder Lehnshoheit besann, weil sie ihm gar trefflich zustatten kommen sollte, schrieb ja damals dem Abte, er erbäte die Belehnung mit verschiedenen Schlössern und Städten, „um die ihn die Krone von Böhmen beteidingt habe.“ Der Abt sendet auch prompt den gewünschten Lehnbrief über Zschopau, Lichtenwalde, Frankenberg, Dreiwerden, Döbeln, Oederan u. a. m. am 28. November des gedachten Jahres. Trotzdem sah Sachsen sich genötigt, im Egerschen Vertrage vom Jahre 1459 – unbeschadet jener Hersfelder Lehnshoheit – auch die böhmische über Lichtenwalde anzuerkennen, das fortan als „erbliches, pflichtenloses Lehn“ dieser Krone galt; denn 1482 belehnt König Wladislaw die Brüder Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht auch mit Lichtenwalde, 1510 erneuert er diese Belehnung dem Sohne des letzteren, Herzog Georg, 1534 erfolgt dieselbe durch König Ferdinand I. Allein wie kam denn überhaupt Böhmen zu dieser Lehnshoheit über das Schloß Lichtenwalde, die natürlich bis 1806 in Kraft blieb? Sie kann nicht 1289 eingetreten sein, weil ja Friedrich Clemme´s Verpfändung nicht perfekt ward. Wir müssen uns schon nach einer anderen Gelegenheit umsehen. Ich glaube nämlich, die burggräflich meißnische Epoche in der Geschichte von Lichtenwalde hat dem Eindringen böhmischer Lehnshoheit Vorschub geleistet, d. h. ein Burggraf von Meißen hat Lichtenwalde der Krone von Böhmen aufgetragen. Ich könnte mir auch ganz gut einen Anlaß dazu denken. Die Herren von Wildenfels, die verschiedene Dörfer in der Grafschaft Hartenstein von den Burggrafen von Meißen zu Lehn trugen, deren Schloß aber, im Herzen derselben gelegen, Allod war, nahmen es 1356 von Böhmen zu Lehn. Der Burggraf mochte seinerseits gern diese Lehnshoheit erwerben und tauschte sie gegen diejenige von Lichtenwalde ein. Natürlich mußte der Markgraf dazu seine Einwilligung geben, und der Burggraf Meinher V. erlangte diese dadurch, daß er jenem die Oberlehnshoheit über Wildenfels einräumte, dessen Lehen Sachsen 1425 vom letzten Burggrafen abgetreten erhielt. Der Markgraf mußte darnach also böhmische Lehnshoheit über seine Burg Lichtenwalde anerkennen, war jedoch dadurch gesichert, daß die v. Honsberg, seine Vasallen, für Lichtenwalde Afterlehner der Meißner Burggrafen waren, bis 1425 dieses dynastische Mittelglied im Lehnsnexus völlig in Wegfall kam, während die böhmische Oberhoheit, an und für sich eine Formsache, blieb, ohne von der weit älteren der Abtei Hersfeld, auch einer Formsache, paralysiert zu werden. Tatsächlich blieben aber doch die sächsischen Fürsten, zumal 1561 – 1694, wo Lichtenwalde eines ihrer Ämter bildete, Herren im Hause, besonders da das böhmische Lehnrecht sich nur auf das Schloß Lichtenwalde, nicht auf die weitere Umgebung erstreckte.

95) Diese wird jetzt vom Pfarrer zu Ebersdorf als dem „Schloßprediger von Lichtenwalde“ versorgt. Früher war sie ein eigenes „geistliches Lehen“, das in der Meißner Bistumsmatrikel (1495) unter der „Propstei Zschillen“ als capella in Lichtenwalde mit einem Einkommen von 1 Mark Silber angeführt wird. (Cod. dipl. Sax. reg. I, 1, S. 217.)

96) Dieser Name erinnert daran, daß die v. Apolda – so hieß die Familie zuerst – erzbischöflich-mainzische Statthalter (videdomini) in Erfurt seit cc. 1160 – 1170 waren.

97) Eckstädt liegt nördlich von Erfurt und nordwestlich von Weimar an der Gramme.

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins . 32. Jahrgang. Nr. 2 v. Februar 1912, S. 18 - 20, und Nr. 3 v. März 1912, S. 33 - 36.

Nachtrag Über den Übergang der Burg aus den Händen der Familie v. Honsberg in die derer v. Harras und über den Zwischenbesitz des Ritters Apel Vitzthum von Roßla sei in der Kürze noch hier bemerkt. Dieser Apel, nebst seinem Bruder Busse einer der vier einflußreichsten Räte Herzog Wilhelms des Tapferen von Sachsen, besaß seit 1437 in Gemeinschaft mit dem Obermarschall Ritter Konrad vom Stein das Schloß Klöden an der Elbe (bei Prettin). Hans v. Honsberg wurde am 11. November 1439 mit demselben vom Kurfürsten Friedrich dem Sanftmütigen beliehen, nachdem er es für Lichtenwalde eingetauscht hatte, das er jenen beiden Rittern abtrat. Diese empfingen am 12. November des gedachten Jahres die Lehen darüber, während die Verwandten jenes Hans v. Honsberg am 1. April 1440 sich aller Ansprüche auf Lichtenwalde begaben. Konrad vom Stein hat dann seine Hälfte seinem Mitbesitzer Apel Vitzthum überlassen, der freilich infolge des Bruderkrieges im Besitze von Lichtenwalde nur kurze Zeit bleiben sollte. Denn am 4. März 1447 überweist der Kurfürst dem Ritter Hermann v. Harras zur Entschädigung dafür, daß ihm bei der Fehde gegen die vier Räte seines Bruders Wilhelms, vor allem gegen die Gebrüder Vitzthum, sein Schloß Osmannstedt ausgebrannt, und seine Güter verwüstet und weggenommen worden waren, das Schloß Lichtenwalde mit allem Zubehör, wie er es ihm 1446 zu Grimma versprochen hatte, und erteilte ihm am 9. März 1447 die Lehn darüber. Apel Vitzthum hatte also das Schloß verwirkt, und sein Lehnsherr sprach es ihm ab. Herzog Wilhelm seinerseits entschädigte seinen Rat mit vielen Besitzungen in Franken und ließ sich von ihm am 28. Oktober 1447 seine Ansprüche auf Lichtenwalde zedieren. So kam es, daß Lichtenwalde und Osmannstedt in den Verhandlungen zwischen den beiden hadernden fürstlichen Brüdern, Kurfürst Friedrich und Herzog Wilhelm, die in den Jahren 1448 und 1449 geführt wurden, eine Rolle spielten. Unter den Weisungen, die der Kurfürst seinen Abgeordneten gab, ist besonders die eine charakteristisch: Lichtenwalde sollte nicht wieder an den Vitzthum kommen. Der Kurfürst konnte es nicht verwinden, daß Ritter Apel auf dem Tage zu Rochlitz seinen Handschlag darauf, daß er ihm nicht ungnädig sei, ausgeschlagen hatte: in der Tat ein einzigartiger Vorgang, daß ein Untertan seinem Fürsten die Hand verweigert. So verblieb Lichtenwalde denen v. Harras, die hier eine neue Heimat statt der alten in Thüringen fanden.

(Fortsetzung folgt.)