Zschopau

Wie sich zu den Füßen der mutmaßlichen Burg Greifenstein der Flecken und die spätere Stadt Geyer und östlich vor dem Schlosse Wolkenstein das gleichnamige Städtlein sich ausdehnten, so erstreckte sich nordwestlich der Anhöhe, die das Schloß Zschopau trug, die Stadt, die wie die Burg ihren Namen vom Flusse empfing. Der Name desselben lief übrigens flußauf: früher hieß er bei Wiesa das Wiesner Wasser, bei Tannenberg das Tannenberger Wasser und bei Schlettau der Schleterbach; ja sogar einmal finden wir 1529 die Preßnitz als Zschopau bezeichnet. Man deutet den Namen vielfach nach Heys Vorgang als Sapawa d. i. die Sprühende. Allein die Namensformen des 12. und 13. Jahrhunderts stimmen dazu schlecht überein, und es ist wahrscheinlich, daß der Name aus dem Slavischen gar nicht abgeleitet werden kann, sondern wie Elster, Mulde und Flöha deutschen Ursprunges ist. Die Burg erhob sich hier auf dem Felsen, der den Übergang beherrschte, den die böhmische Straße von Lauta – Zöblitz her passieren mußte, um jenseits ihre Fortsetzung über Chemnitz und Penig zu finden. Die Burg hieß von alters Schapa, und der Name Wildeck ist urkundlich nicht belegbar, im Volksmunde nicht gebräuchlich und erst verhältnismäßig jüngeren Datums. Das gilt auch im beschränkten Maße von dem Namen des Bergfrits, den man den „Dicken Heinrich“ zu nennen pflegt. Man bringt ihn in Verbindung mit König Heinrich I., dem man die Erbauung der Burg zuschreibt, woran aber absolut nicht gedacht werden kann. Man verlegt dieselbe sogar in die Zeit zwischen 923 und 932 und läßt Erneuerungen der Burg um 1098 und 1181 durch Markgraf Otto den Reichen von Meißen eintreten. Das sind aber ungeschichtliche Phantastereien, die nur deshalb Eindruck machen, weil sie mit bestimmten Jahreszahlen operieren. Vor Ausgang des 13. Jahrhunderts besitzen wir ja keine geschichtlichen Nachrichten über Burg und Stadt Zschopau.

Schloss
Schloß Zschopau.

Den ältesten Teil des Schlosses bildet jedenfalls der in seinem Hofe sich in einer Höhe von 26 m erhebende Rundturm, dessen volkstümlichen Spitznamen wir soeben erwähnten. Etwa 10 m über dem Erdboden befindet sich eine Tür in sein Inneres, dessen Durchmesser an die 4 m beträgt, während die Stärke seiner gewaltig dicken Mauern in den Fundamenten ebenfalls eine Breite von nahezu 4 m erreicht. Seines einstigen Abschlusses ist dieser mächtige und von weitem auffallende Donjon beraubt worden; denn das Dach ist erst in späteren Zeiten aufgesetzt worden. Seiner ganzen Anlage nach stammt der Turm etwa aus dem 12. Jahrhundert; ob sein Name mit dem Markgrafen Heinrich dem Erlauchten in Verbindung zu setzen ist, möchte ich bezweifeln: auch die Burg Frauenstein weist einen großen Turm auf, der den Spitznamen „Dicker Märten“ führt. Heinrich figuriert wohl hier als ein damals sehr gebräuchlicher Vorname. Nach einem Bilde aus dem Jahre 1617 war der Luginsland, der nach Nordwesten zu ins Innere der Stadt mit der Vorburg, einem vier- oder fünfeckigen Bollwerke, viel höher als heute und zeigt auch eine kuppelförmige Bedachung, die aber auch nicht ursprünglich gewesen ist. Nach außen hin bemerken wir im SW, im SO und im NO drei kleinere, weniger dicke Rundtürme, die auf den jäh unter ihren Füßen herabfallenden Felsen gegründet sind. Sie bilden mit dem Bergfrit ein nach Norden zu offenes Viereck, dessen drei übrigen Seiten mit Gebäuden besetzt sind, die einen Turm mit dem andern verbinden. Der Donjon hing auch mit der Stadtmauer zusammen und beherrschte vollständig das Wolkensteiner Tor, den Südeingang der seit 1495 ummauerten Stadt, von wo aus die Straße zur Zschopau herabführt. Vom Schlosse aus beherrschte man also bequem den Flußübergang, und das wird auch der Grund zur Anlage der Burg gewesen sein, an die sich dann bald der Markt anschloß, der durch die Frequenz der „Hohen Straße“, die hier vorüberzog, günstig sich entwickeln konnte. Das Schloß wies damals nur zwei Stockwerke auf und verdankt seine bedeutende Erneuerung dem Herzog Moritz 1545, der es wie schon seine Vorgänger als Jagdschloß fleißig benutzte. Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht hatten dem Schellenberger Jägermeister v. Rheinsberg das Schloß samt Zinsen zu Gelenau und Krummhermersdorf 1480 auf Lebenszeit überlassen, ebenso 1506 Herzog Georg samt Zinsen aus Gornau und Witzschdorf. Später unter Kurfürst August bewohnte, wenn dieser nicht im Schlosse Hof hielt, dessen Günstling, der Jägermeister des Gebirgischen Kreises, Cornelius v. Rüxleben, bis 1576 das Schloß Zschopau und besaß daneben das sogenannte Edelhaus in der Stadt, das Vorwerk Schlößchen-Porschendorf und den ganzen Ort Krummhermersdorf. Doch das interessiert uns weiter hier nicht.

Genug, seit 11. Oktober 1456 befand sich das Haus Wettin im Besitze der direkten Lehnsherrlichkeit über Schloß und Stadt Zschopau. Der Edle Anarch von Waldenburg, der Letzte seines Stammes, verzichtete definitiv am 11. November 1457 zu Gunsten des Kurfürsten auf Lehen und Erbschaft des Schlosses Tzschape mit dem stetlin dafür gelegen, die einst seine Ahnen wohl von Markgraf Friedrich dem Freidigen zu Anfang des 14. Jahrhunderts bestätigt erhalten hatten. Von da ab hatten die Waldenburger das Schloß mit gewissen Unterbrechungen als dynastischen Besitz festgehalten. So erscheint z. B. um 1350 Johann der Ältere als Vasall Markgraf Friedrichs des Strengen als mit Zschopau (neben Wolkenstein, Scharfenstein und Greifenstein), im Jahre 1406 sein Sohn Anarch der Ältere und sein Enkel Heinrich zu gesamter Hand als Vasallen Markgraf Wilhelms I., als mit Zschopau (neben Wolkenstein, Scharfenstein und Rauenstein) beliehen. In der Zwischenzeit, so 1378 – 1392 treffen wir seinen Verwandten, seinen lieben „Oheim“, Burggraf Albrecht von Leisnig (aus der Leisniger Linie), als Herrn „zu der Zschopa“ oder „gesessen zu der Szahpe“ an. Es wird das ein vorübergehender Pfandbesitz gewesen sein; ein solcher wiederholte sich einem anderen Burggrafen Albrecht von Leisnig (aus der Rochsburg-Peniger Linie) gegenüber. Diesem versetzte nämlich am 25. November 1414, nachdem sich sein Neffe Heinrich und mehrere seiner ritterlichen Vasallen für ihn verbürgt hatten, der eben erwähnte Anarch der Ältere von Waldenburg, Herr zu Wolkenstein, Johanns Sohn, auf einen Wiederkauf binnen 3 Jahren „Sloß, Stad Tzschope und Geilnaw das Dorff halp“ mit Zubehör für 2000 Gulden. Von dem Rechte des Wiederkaufs hat Anarch der Ältere Gebrauch gemacht; urkundlich erscheint er 1428 und 1429 als „Herr zu Czschape“ und hat diese Lehnsherrlichkeit dann auf seinen Neffen und dessen Sohn Anarch den Jüngeren vererbt. Unter ihm hatte sich der vogtländische Adlige Luppold Walman (auf Tobertitz, westlich von Plauen) auf Schloß Zschopau ansässig gemacht und gehörte nun zu den Erbarmannen des Waldenburger Dynasten im „gerichte zur Tzschopen“. Sein Besitznachfolger war Hans v. Könneritz, der das „Slos mit seinen czugehorungen“ für 2500 Gulden an sich brachte. Von ihm erwarb es 1449 für 3000 Gulden mit Einwilligung Anarchs von Waldenburg als des Lehnsherrn für Zschopau Kurfürst Friedrich, der 1456 letzteren gegen eine Geldentschädigung zum Verzicht auf das dortige Obereigentum bewog. Der Kurfürst tat nun, während Anarchs Lehnsherrlichkeit ruhte, 1451 auf 3 Jahre Schloß und Stadt an die Brüder Hans und Heinrich von Weißenbach aus, sodaß Zschopau einige Zeit ein kleines Amt unter besonderen Amtleuten bildete, bis es dann zum Amte Schellenberg gezogen ward.

Wenn es vorhin hieß, Friedrich der Freidige habe den Waldenburgern, nachdem er sich gegen den Kaiser zu behaupten gewußt, ihren Besitz von Burg und Stadt bestätigt, so liegt darin die Vermutung ausgesprochen, daß sie ihn in den Wirren, die durch die deutschen Könige Adolf und Albrecht I. hervorgerufen wurden, unterstützt haben. Früher besaßen die Wettiner Zschopau als Lehen der hessischen Abtei Hersfeld. Denn noch 1292 bestätigt Abt Heinrich Friedrich dem Freidigen u. a. die Stadt Zschopau und alles, was zu ihrem Bezirke gehört (civitas Schape et omnia, quae attinent illi villicationi). Sein Vetter, Pfalzgraf Friedrich Tuta von Sachsen, erhielt am 6. September 1286 von dem beiderseitigen Großvater, Markgraf Heinrich dem Erlauchten, unter Zustimmung von dessen ältestem Sohne, Landgraf Albrecht von Thüringen, dem Vater Friedrichs des Freidigen, die Städte Rochlitz, Geithain, Zschopau, Waldheim, Mittweida und Oederan verschrieben. Heinrich der Erlauchte hat also Zschopau, d. i. die Burg samt dem Marktflecken, zusammen die civitas, von seinem Vater Dietrich geerbt; dieser aber muß Zschopau 1210 von der Rochlitzer Linie seines Hauses, die damals mit Markgraf Konrad, dem Sohne Dedos des Feisten, ausging, übernommen haben. Denn daß Zschopau ebenso wie Lichtenwalde ein Zubehör der Grafschaft Rochlitz gebildet haben muß, dafür spricht meines Erachtens ziemlich deutlich die kirchliche Zugehörigkeit zu dem bischöflich meißnischen Archidiakonate (Kirchenprovinz) zu Zschillen, d. i. Wechselburg. Dem Propste des dort von ihm begründeten Chorherrnstiftes hatte nämlich Markgraf Dedo von den Bischöfen zu Meißen und Merseburg die kirchliche Jurisdiktion übertragen lassen, soweit sich die ihm zustehende Grafschaft Rochlitz in beiden Diözesen erstreckte. Somit gehörte Zschopau in frühester Zeit, sofern sie uns bekannt ist, den Wettinern. Vermutlich haben sie auch das Schloß erbauen lassen. Was die zur Burg gehörigen Dörfer betrifft, so werden diese in den ersten Anfängen mit den heutigen Beidörfern der Parochie identisch gewesen sein, also: Witzschdorf, Gornau und Porschendorf (das Rittergut Schlößchen bildete ein Vorwerk daselbst). Später trat auch die nördliche Hälfte von Gelenau hinzu. Zur Burg selbst gehörten verschiedene Schloßlehen: so besaß noch 1601 der Adlige Rudolf Stange zu Zschopau ein Haus mit einem Garten und 2 Stücken Acker, und im Jahre 1299 erscheinen als Zeugen einer Urkunde der Herren v. Erdmannsdorf für das Kloster Buch die Burglehner von Zschopau (militares in Schapa), nämlich: Günther v. Einsiedel, Werner v. Erdmannsdorf, Hans v. Rechenberg und Rudolf Stange. Der letztere Name belehrt uns übrigens, daß diese Familie 300 Jahre lang Zschopauer Burglehn innegehabt hat. Wie aber kam Zschopau unter die Lehnshoheit des Klosters Hersfeld? Entweder lag es innerhalb des alten Gebietes der Burgwarde Döbeln und Hwoznie (bei Frankenberg), die Kloster Memleben 981 von Kaiser Otto II. geschenkt erhielt und 1016 bei seiner Einverleibung an Hersfeld brachte, oder es gehörte samt Lichtenwalde, Roßwein, Freiberg und Dresden zu Lehnstücken, welche die Wettiner dem Hersfelder Kloster aufgetragen haben. Jedenfalls aber darf man ihnen mit größter Wahrscheinlichkeit die Errichtung der für die Deckung und Beherrschung einer überaus wichtigen Handelsstraße so bedeutenden Burg zuschreiben.

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 29. Jahrgang. Nr. 4 v. April 1909. S. 51 – 52.