Wolkenstein

Südlich der Stadt, in herrlicher und romantischer Lage, ehemals von ihr durch einen tiefen Wallgraben getrennt, liegt das alte Schloß Wolkenstein, noch in seinen Ruinen von verschwundener Pracht zeugend. Die Burg erhob sich auf der Bergnase; der Felsen, auf dem sie einst stand, fällt jäh und schroff nach Westen zu in das liebliche Zschopautal ab und machte sie von dieser Seite her für die damaligen Belagerungswaffen völlig unangreifbar. Auch von Norden und Süden her war sie fast unersteigbar; zudem schützte hier die starke, zum Teil mehrfache Mauer, die in Resten noch bis heute sich erhalten hat. Das jetzige Gebäude gestattet keinen Rückschluß auf die ehemalige Anlage der alten Burg, jedoch ist ihr nordöstlicher Teil älter, weil sich hier noch Laufgänge erkennen lassen. Auf den alten Fundamenten ist eben ein Schloßbau aufgeführt worden, der die alte Burganlage völlig verwischt hat; nur unbedeutende Reste weisen auf sie hin: der in den Felsen gesprengte Burggraben, die vor ihm liegende Zisterne und eine teilweise noch vorhandene, dem 15. Jahrhunderte angehörige Fensterrose der jetzt verschwundenen Burgkapelle zum heiligen Christophorus. Wolkenstein, wo Herzog Albrecht 1498 vorübergehend sich aufgehalten hatte, war ja seit 1502 neben Freiberg der Wohnsitz Herzog Heinrichs des Frommen, bis er 1539 seinem Bruder Georg dem Bärtigen in der Regierung folgte, und auch seinem jüngeren Sohne August diente das dortige Schloß, solange er Herzog war, als Residenz. Aber auch als Kurfürst pflegte er gern das von ihm baulich 1550/51 erneuerte Schloß zu beziehen, auf dem eine seiner Töchter das Licht der Welt erblickte. Noch manche von seinen Nachfolgern nahmen darin Wohnung, wenn sie zur Jagd im Erzgebirge weilten oder das Warmbad zur Erholung besuchten. Später erlosch das Interesse an dem alten Bau, den auch Feuersbrünste verheerten, und er diente administrativen Zwecken: er beherbergte das ehemalige, seit 1480 existierende Amt wie heute noch das Kgl. Amtsgericht.

Schloss
Schloß Wolkenstein.

Bis zum Jahre 1479 hatte nämlich das edle Geschlecht der Herren von Waldenburg Schloß und Herrschaft Wolkenstein besessen. In jenem Jahre erlosch es mit Anarch (d. h. ohne Arg), und das ganze Gebiet fiel als ein erledigtes Lehn an das Haus Wettin, welches es als ein fürstliches Amt einrichtete. Damals gehörten zu dem Schloßbezirke das Städtchen Wolkenstein, Hilmersdorf, Geringswalde, Großrückerswalde, die Flur von Marienberg, Kühnhaide, Reitzenhain, Satzung, Steinbach, Grumbach, Jöhstadt (Gößdorf), damals eine Wüstung, Mildenau, Streckewalde, Arnsfeld, Mauersberg, Boden, zwei (Ober- und Nieder-) Schmiedeberg, Wiesa, Neundorf, Falkenbach, Schönbrunn, Drebach und Herold. Manchmal gehörten auch einige dieser Dorfschaften zum Schlosse Scharfenstein, auf dem die Herren von Waldenburg ebenfalls residierten, je nachdem die Erb- und Kaufregulierungen ausfielen. Der Urgroßvater jenes Anarch, Hans der Ältere, der 1349 Wolkenstein vom Meißner Markgrafen zu Lehn trug, der um 1373 sein Stammschloß Waldenburg an die Herren von Schönburg, 1375 sein Schloß Rabenstein an das Bergkloster Chemnitz, verschiedene Dörfer im Würschnitztale an das letztere und die Kirchen von Chemnitz und Ehrenfriedersdorf zu veräußern sich gezwungen sah, nannte sich fortab Herr zu Wolkenstein. Daneben hielten seine Nachkommen, sein jüngerer Sohn Anarch und sein Enkel Heinrich, der Vater des Letzten der Familie, die Schlösser Zschopau, Scharfenstein und Rauenstein fest, solange sie es vermochten. Allein ungünstige Vermögensverhältnisse zwangen sie, sich schließlich auf den letzten Rest ihrer soweit ausgedehnten Besitzungen im Gebirge zurückzuziehen, und wer weiß, ob der Letzte des Stammes Wolkenstein hätte halten können, wenn er noch länger am Leben verblieben wäre! Zum ersten Male begegnen wir seinem Ahnherrn Hugo II., dem Enkel des ersten uns bekannten Pleißner Landrichters Hugo v. Wartha (1172 siehe unter Neukirchen) im Jahre 1241 in dieser Gegend. Damals bekundet nämlich Heinrich der Erlauchte, daß dieser Ritter Hugo, sein Vasall, dem Zisterzienserkloster Buch bei Leisnig das Dorf Streckewalde geschenkt habe. Diese Freigebigkeit bekundeten auch dessen Nachkommen; denn 1270 sehen wir Mildenau und Reichenau, das jetzige Oberdorf, und 1290 Mauersberg und Lichtenhain (= Königswalde-Ratsseite, d. i. rechts des Pöhlbaches) in den Händen von Buch; das sind aber lauter Wolkensteiner Burgdörfer, die späterhin gegen Ende des 14. Jahrhunderts solche durch Rückkauf seitens der Waldenburger wieder geworden waren.

Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir die Gründung der Burg etwa in den Anfang des 13. Jahrhunderts, wo diese Gegend dem Anbau erschlossen ward, verlegen. Ihr Name ist übrigens nicht slavisch, sondern gut deutsch: es ist genau wie Wolkenburg (richtiger: Wolkenberg) an der Mulde der sich zu den Wolken erhebende Stein bez. Berg. Die Höhe des Schloßfelsens über der Zschopau mißt ja auch 77 m. Ob freilich die Herren von Waldenburg auf der hochaufsteigenden Klippe die Burg anlegten, bleibt zweifelhaft. Das ursprüngliche Familienwappen jener Edlen, welches auch dasjenige der Herrschaft Waldenburg darstellt, ist bekanntlich ein schwarzer Adlerflug im goldenen Felde. Das Wolkensteiner Herrschaftswappen hingegen, das die Waldenburger früher zuweilen und dann überhaupt allein führen, ist ein goldener Fingerring mit einem Saphirsteine in rot-weißem Felde. Vermutlich ist es das Wappen desjenigen Geschlechtes, das Wolkensteins Burg erbaute und durch Heirat im Waldenburger Geschlechte aufging. Wie sein Name lautete, wissen wir nicht; ob es ein edles Geschlecht gab, das sich nach Wolkenstein nannte, liegt ja nicht im Bereiche der Unmöglichkeit. Bis jetzt aber ist uns nur bekannt, daß ein Geschlecht des niederen Adels, das zu Wolkenstein auf Burglehn, nämlich auf dem vor Wolkenstein liegenden herrschaftlichen Vorwerke saß und sich v. Wolkenstein nannte. Solche Burglehn befanden sich zu Groß- oder Fernrückerswalde, zu Geringswalde und zu Wiesa. Die alte Burg deckte wie auch Stollberg den Straßenzug, der die zwei Hauptstraßen Chemnitz-Zschopau-Reitzenhain und Zwickau-Lößnitz-Preßnitz miteinander verband.

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 29. Jahrgang. Nr. 3 v. März 1909. S. 33 – 35.

Nachtrag Zu Anfang mag hier ein Geschlecht gesessen haben, das sich von der Burg benannte und einen goldenen Saphirring im Schilde führte, ein Wappen, das hernach ihre Nachbesitzer, die Herren v. Waldenburg, aufnahmen und schließlich allein führten. Diese Tatsache spricht auch dafür, daß sie durch Heirat das alte Schloß und seine Pflege erwarben. Nicht zu jenem früheren Geschlechte gehört jener dominus Otto de Wolckenstein miles, der 1311 in einer Dresdner Urkunde Markgraf Friedrich Clemmes erscheint. So hat der alte Archivar Weck 1680 gelesen, während der Zeuge in Wirklichkeit Otto de Wildenstein (Cod. dipl. Sax. reg. II, 5, S. 23) hieß.

(Fortsetzung folgt.)