Nidperg oder Wernhers Schloß

Am 23. Juli 1292 stellte der Abt Heinrich von Hersfeld in Hessen dem Markgrafen Friedrich dem Freidigen einen Lehnbrief aus über die Landstücke, die er vom Kloster wie seine Vorgänger empfangen hatte. Der eigentliche Besitz des Hersfelder Stiftes in der Mark Meißen bestand nämlich in den beiden Burgwarden Döbeln und Hwoznie (Sachsenburg), und seine Grenzen beschreibt uns nun der Abt in jenem Dokumente. Uns interessiert daraus nur folgende Stelle: „… und auf fener Straße (d. h. der alten böhmischen, nämlich von Zschopau aus nach Südosten) bis zur Pockau, dann die Pockau aufwärts bis nach Nidperg, welches Wernher erbaut hatte, und von dem Gewässer, das vor Nidperg vorüberfließt, bis zum Striegisbache.“ (et per semitam illam [sc. antiquam Bohemorum] usque Pachowe, Pachowe sursum usque Nidperc, quod Wernherus edificaverat, et ab amne, qui preterfluit ante Nidperk, usque in amnem Striguz). Jene alte böhmische Straße führte über Lauterbach und Niederlauterstein nach Zöblitz. Auf ihr lief die Grenze bis zur Pockau und dann in derselben stromauf bis nach Nidperg. Es ist natürlich nicht mit Märcker, dem der Codex diplomaticus Saxoniae regiae (I, 1) folgt, im Südwesten von Königstein (!) zu suchen, sondern in der Nähe der Pockau bei Zöblitz, und zwar auf dem rechten Ufer derselben, da das Gewässer, das vor der Burg vorbeifließt, nach dem ganzen Grenzverlaufe im Osten zu suchen ist. Man hat dasselbe verschiedentlich identifiziert: mit der Roten Pockau, mit dem Rongstockbache, mit der Natzschkau (Natzschung), aber alles trifft nicht zu. Am vorzüglichsten eignet sich dazu der Knösebach, und so wird man nidperg, d. h. „am Fuße des Berges“ nicht in Neideck bei Rittersberg, sondern bei Ansprung annehmen müssen, also unfern der ältesten Siedlung des Tales, des Städtleins Zöblitz. Von hier ab bewegte sich dann die Grenze weiterhin über Sorgau, Wernsdorf, Forchheim, Nieder- und Mittelsaida, Großwaltersdorf und Gränitz bis zur Quelle der Großen Striegis. Wer aber war jener Werner, der zwischen Ansprung und der Pockau seine Burg erbaute? Die einen sagen, was aber abzulehnen ist: Markgraf Wirinhar von der Nordmark († 1014), die andern, was wohl am meisten Beifall finden dürfte, Abt Werner von Hersfeld (1240 – 1261). Das würde ja mit der Zeit trefflich passen, aber wir wissen sonst nichts über Bautätigkeit hersfeldischer Äbte in dem weitentlegenen Territorium ihrer Kirche. Allein ich glaube, daß wir die Erbauung der Burg kaum einem Abte, sondern einem ritterlichen Manne zuschreiben müssen, der diese Gegend, welche die Meißner Markgrafen bestimmt seit Heinrich dem Erlauchten von Hersfeld zu Lehn trugen, von ihnen als Vasall seinerseits empfangen und zur Sicherung seines Besitz- und Herrschaftsrechtes die Burg Neipperg, wenn wir sie neuhochdeutsch benennen wollen, errichtet und wahrscheinlich sich auch nach ihr als Wernherus de Nidperc bezeichnete. Leider erfahren wir über ihn nichts weiter. Zum Schlusse überschauen wir noch einmal zeitlich und räumlich die drei Schloßstätten im Pockautale: 1. Die jüngste links der Pockau = der neue Lauterstein (Anfang des 14. Jahrhunderts); 2. die mittelste rechts der Pockau gegenüber dem Katzensteine = der alte Lauterstein; 3. die älteste rechts der Pockau und links des Knösebaches = Neipperg. Die letztere wird nach 1292 durch den alten Lauterstein ersetzt worden sein, vermutlich auf Veranlassung Heinrichs v. Schellenberg oder seines Vaters. Wann sie aber erbaut ward, bleibt unbestimmt; es wird aber das erste Viertel oder die Mitte des 13. Jahrhunderts sein, wo wir die Gründung der ersten Pockauburg ansetzen dürfen.

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 29. Jahrgang. 1909. S. 166.

Nachtrag Die Burg Neidberg (Nidberc 1292), die im Volksmunde der alte oder obere „Latterstein“ genannt wird, liegt beim Zöblitzer Bahnhofe. An ihren Namen erinnert noch derjenige des gegenüberliegenden Vorwerks Neudeck (Nideke); vielleicht darf man hier fragen, ob damit die im 13. Jahrhundert urkundlich auftauchenden milites de Nidecke irgendwie im Zusammenhange stehen.

(Fortsetzung folgt.)