Schlettau

Am nördlichen Ende der Stadt lag das alte Schloß Slatina, wie es ursprünglich und noch bis zu Beginn des 16. Jahrhunderts bei den Böhmen hieß. Von der Stadt, die einst etwa um 1200 – 1250 bei der alten Grenzburg von Deutschen angelegt ward und von ihr auch den Namen civitas Sletin empfing, war die Feste, ringsum von Teichen und Sümpfen umgeben –, daher der tschechische Namen Slatina = Moorgrund27) –, durch einen Graben geschieden. Überhaupt muß sie stark befestigt gewesen sein, und ihr kompaktes Äußeres verrät uns noch die Dilich’sche Federzeichnung, die im nördlichen Teile des Gebäudes einen runden Turm zeigt, der im Jahre 1819 verändert wurde. Auch weist der älteste Teil des Gebäudes, der sich eben bei dem Turme befindet, reiche und mit Vorhangsbögen ausgestattete Fensterumrahmungen aus dem letzten Drittel des 15. Jahrhunderts auf. Spätere Umbauten haben natürlich die ganze Anlage verwischt, zumal seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts das Schloß in Privathände überging. Bis dahin war es kurfürstliches Eigentum gewesen, seitdem das Kloster Grünhain, seine ehemalige Herrschaft, 1536 säkularisiert worden war. Als Schlettau noch ein selbständiges Amt war, hatte sein Schloß als Sitz des landesherrlichen Schössers gedient, und nachdem jenes Amt mit Grünhain vereinigt worden war, hatte man das Schloß und sein Vorwerk verpachtet.28) Noch im dreißigjährigen Kriege muß es beträchtlich stark gewesen sein; denn General Holck legte eine Besatzung hinein, die durch die Unvorsichtigkeit der Schloßfrau die in den Kellern vergrabenen Habseligkeiten der Umgegend erbeutete, wie uns das Magister Christian Lehmann so drastisch in seiner „Kriegschronik“ erzählt. Übrigens nahm Holck selbst bei seinem zweiten Einfalle Quartier auf dem Schlosse und griff eigenhändig gegen Ausschreitungen der wilden Soldateska ein.

Ursprünglich stand das Schloß Schlettau unter böhmischer Landeshoheit. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts ging auf kriegerischem Wege ein Wechsel vor sich, und Sachsen trat an die Stelle. Eine Meißner Chronik berichtet 1452, daß Herzog Friedrich von Sachsen – gemeint ist Kurfürst Friedrich der Sanftmütige – mit Gewalt Kirche und Schloß Schlettau einnahm und 200 Böhmen gefangen nahm. Er selbst bezeugt 1464, daß er „die Slethen seinen fiehanden (Feinden) uß der Crohnen zu Beheim mit dem swerte furstlichen angewonnen“ habe. Schlettau war fortan Meißner Lehn, und bei ihm ist von einer böhmischen Oberhoheit wie etwa bei Schwarzenberg oder Stollberg (1459 im Vertrage zu Eger) nie mehr die Rede. Dieser Wechsel der Landeshoheit erfolgte, währenddem Schlettau im Besitze der Grünhainer Abtei sich befand, die es am 20. Januar 1413 erworben hatte und bis zu ihrer Einziehung behielt. Allerdings nicht dauernd – denn infolge großer Verluste, die sie im Hussitenkriege erlitt, verpfändete sie Schloß, Stadt und Amt an den sächsischen Kurfürsten in der Zeit zwischen 1436 und 1449 und löste es vor 1464 wieder ein. So saß also ein sächsischer Amtmann eine Zeitlang auf dem Schlosse: als solchem begegnen wir Paul v. Weißbach, Jobst v. Posseck und Siegmund v. Miltitz. Sie haben auch an dem Schlosse bauen lassen. Im Jahre 1452 überfiel nun der Söldnerhauptmann des Nikolaus v. Lobkowitz, Herrn auf Hassenstein, namens Niklas Dachs, Schloß und Städtlein, um seinem Brotherrn beide als Pfand zu sichern für eine Summe von 600 Schock, die derselbe laut Dienstvertrags (datiert 30. November 1449) vom sächsischen Kurfürsten zu fordern hatte. Ein sächsisches Heer erschien unter Anführung des Veit v. Schönburg, Antonius v. Schönberg und Kaspar v. Rechenberg, berannte das Schloß und zwang die böhmische Besatzung unter den Hauptleuten Nickel Dachs, Janko Pryßner und Siegmund Schönfels zur Kapitulation. Bis zum Jahre 1457 zog sich übrigens die Erledigung aller „Gebrechen um die Slete“ hin.

Als das Kloster die Herrschaft Schlettau 1413 übernahm, bestand sie aus dem Schlosse, der Stadt Schlettau und den Dörfern Waltersdorf, Sehma, Cranzahl, Cunnersdorf und Königswalde (d. i. der Amtsseite, diese bildete ein Dorf für sich, während die Ratsseite, auch eine selbständige Gemeinde, früher [1291] Lichtenhain hieß). Im Gebiete der Herrschaft lag auch die Allodialbesitzung (später Mannlehngut) „yene halbin (jenseits = rechts) des wassirs bei dem wyprechte (Weipert) under dem bernstein (Bärenstein)“ und der Standort der späteren Stadt Buchholz, den die Bürger von Schlettau bis 1501 als ihre Viehtrift benutzten, und für dessen Abtretung ihnen der Abt den Burgwald, das sogenannte „Stockholz“, überließ. Das Kloster bezahlte für das erworbene Gebiet 840 Schock böhmischer Groschen und trat Zinsen in den drei um Komotau gelegenen Ortschaften Retschitz, Sosau und Natschau ab. Die Verkäufer waren Fritz von Schönburg, Herr zum Hassenstein, und seine Gemahlin Elisabeth (Ilse), die sich damals in Geldverlegenheit befanden. Fünf Jahre später ward dieser Fritz des Hassensteins beraubt. Er und seine Nachkommen saßen dann zu Hoyerswerda, wo dieser Zweig des Schönburgschen Hauses 1585 völlig erlosch. Er hatte seinen Besitz in Schlettau durch einen Vogt verwalten lassen; als solchem begegnen wir im Jahre 1405 einem Konrad v. Kowitz.

Fritz hatte Schlettau von seinem Vater Bernhard († 1393) geerbt. Derselbe hatte mit seinem Vetter Friedrich am 24. März 1351 zu Prag von Karl IV. als König von Böhmen Schloß Hassenstein, Schlettau (die Sletin) und Preßnitz als erbliches Kronlehn empfangen. Darum verwilligte auch der König am 2. Juni 1367 für die Angehörigen der Herrschaft Schlettau (der gleichnamigen Stadt und der 5 oben angeführten Orte) Abgaben- und Zollfreiheit. Denn sie lägen ja innerhalb der Grenzen Böhmens. Hierbei erscheint übrigens Bernhard als der alleinige Besitzer von Hassenstein und Schlettau. Karl IV. versprach ihm auch zum Dank dafür, daß er und sein älterer Bruder Hermann das Reichslehn Stollberg der Krone Böhmen so bereitwillig veräußert hatten, ihn gegen die Ansprüche der Söhne seines 1351 mitbelehnten und um 1360 verstorbenen Vetters Friedrich schützen zu wollen. Daß der ganze Bezirk der Herrschaft böhmisch war, dafür sprechen außer der kirchlichen Zugehörigkeit Schlettaus, das mit den 5 Dörfern der Burg einen einzigen Pfarrsprengel bildete, zur Diözese Prag die tschechischen Orts- und Flurnamen innerhalb des Schloßbezirkes. (Slatina, Sehma, [3 mal], Lauseberg, Lausewald und Zschapelwald). Aber ebenso zeugen die deutschen Dorfnamen (Cranzahl = Krähenschwanz, also Flurbezeichnung) für den Anbau durch deutsche Bauern. Der Name Königswalde verrät uns zudem noch erstens die waldige Beschaffenheit der Gegend bei ihrer damaligen Besiedlung und ferner den Grundherrn des Gebietes: den König von Böhmen. Wie nahe hier die böhmische Grenze ging, erhellt auch daraus, daß König Wenzel II. von Böhmen mit dem deutschen Könige Adolf von Nassau eine Zusammenkunft 1296 in Grünhain hatte. Die Rote Pfütze schied hier Böhmen von der Grafschaft Hartenstein, die damals Reichsland war. Schlettau war zu jener Zeit wohl noch unmittelbar königlich, und auf der Burg schaltete und waltete ein Burgvogt, der die Aufgabe hatte, die Verbindung zwischen den königlichen Festen Preßnitz und Schwarzenberg (1213 böhmisch) aufrecht zu erhalten. Zugleich deckte die Burg den alten Straßenzug, der von Zwönitz an Burgstädtel (Quedlinburg!), an den „Kutten“ (Grenze?) bei Elterlein vorüber, durch Brünlas (Brünnlein) zur Roten Pfütze führte, wo eine Funkenburg (Gasthof zur Finkenburg) als Fanalstation diente. Dann gings über den Lauseberg nach Schlettau, wo Rote Pfütze und Zschopau, in dieser Gegend der „Schletterbach“ genannt, passiert wurden. Hier erhob sich inmitten sumpfiger Niederungen die alte Grenzfeste Slatina und ihr gegenüber auf festem Boden (žeme) die slavische Niederlassung Kleinsehma. Von da führte die Heerstraße den Zschapelwald hinauf ins Tal, wo sie auf Sehma und Rothensehma stieß, nahm einen Seitenweg auf, der von Schwarzenberg aus dem Mittweidatal über Cranzahl einherkam und in Kühberg endigte. Daselbst lief die Hauptstraße weiter über den Pöhlbach, wo eine Befestigung am Schloßsteine Deckung bot, bis nach Preßnitz. Noch heute heißt in Schlettau die Albertstraße die „Böhmische Straße“. Schlettau und Preßnitz waren also zwei Paßfestungen, die einen wichtigen Ein- und Ausgang Böhmens schlossen. Seit wann das Schloß der Crimmitschauer Linie des Hauses Schönburg anvertraut ward, welche an der Verlängerung der Schlettau-Preßnitzer Straße die Burg Hassenstein erbaute, läßt sich leider aus Mangel an Urkunden nicht mehr sagen, doch dürfte es in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts in ihren Besitz übergegangen sein, sodaß also schon der Vater jenes Bernhard, Fritzko von Schönburg, Herr zu Crimmitschau und Stollberg († 1350), Schlettau zu Lehn von der Böhmischen Krone genommen haben wird. Jedenfalls aber reicht die Existenz einer Wasserburg daselbst ins 12. Jahrhundert und vielleicht noch weiter höher hinauf. Denn die Schlettauer Straße war alt; sie strich am Westsaume des Miriquidiwaldes, der die ganze Amtshauptmannschaft Annaberg und zum Teil die Marienberger bedeckte, hin. Bis nach Schlettau reichte der tschechische Einfluß: in Zwickau erhob man 1118 den böhmischen Zoll, der sich jährlich auf 15 Pfund Silber belief.

27) Diese Deutung paßte vorzüglich auf die einstige Beschaffenheit des Ortes. Der Name bedeutet weder „Schlößchen“ (so Oesfeld), noch „Gold“ (so Richter), noch „Schiefer“ (so v. Süßmilch-Hörnig und Hey.)

28) 1536 – 1578 existierte das Amt Schlettau, 1559 durch verschiedene Orte der oberwäldischen Grafschaft Hartenstein vermehrt und 1568 – 1572 mit dem Amte Stollberg vereinigt. Kurfürst August verschrieb dem bekannten Kriegsobersten Wolf Tiefstädter († 1. Oktober 1572 zu Schlettau) „den Gebrauch unnd nuzung des hauses (Schlosses) zu Schlettau mit dem Forberge daselbst sampt den Ackerbau, Wiesewachs, Pferde- und Handdiensten, Fischwassern, teichlein Samptt andern stucken … uff 55 gute schock Jerlich angeschlagen, Samptt der Rehe-, Fuchs-, Hasen-Jagtt und den Niederweidwerg. Inn dem Amptt Schletten auch frei Feuerholz mit den zugehörenden Dienstenn Inn das hauß und forwergk Schletten.“

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 29. Jahrgang. Nr. 1 v. Januar 1909. S. 8 – 10.