Schellenberg

Die alte Burg Schellenberg und das neue Schloß Augustusburg, dem Namen und dem Standorte37) nach verschieden, sind von einander zeitlich durch zwei Jahrzehnte getrennt. Denn während der Grundstein der Augustusburg, mit der wir uns weiter nicht zu beschäftigen haben, am 30. März 1568 gelegt ward, sank die Burg Schellenberg, am Abend des 27. April 1547, drei Tage nach der Schlacht bei Mühlberg, durch Blitzschlag eingeäschert, in Trümmer, und ihre Ruinen blieben bis zum Bau des neuen Schlosses, das den Namen seines kurfürstlichen Bauherrn empfing, öde und leer liegen. Es läßt sich darum auch nichts über die Anlage der früheren Feste sagen. Aber man darf sagen, daß ihr die Lage des Berges38) und seine bedeutende Erhebung, die freie Umsicht nach allen Richtungen und die Leichtigkeit, feindliche Angriffe und Überfälle abzuwehren, eine besondere Stärke verliehen. Zwischen der Zschopau und der Flöha gelegen, beherrschte sie zudem die beiden Flußtäler sowie auch die Straßenkreuzung bei Oederan, wo die Böhmische Straße, die nach Sayda i. E. führte, die Freiberg-Chemnitzer durchschnitt.

Den Namen der Burg teilten mit ihr das „Dorf Schellenberg“, noch 1495 in der Meißner Bistumsmatrikel als Altschellenberg (Schellenberg antiqua) bezeichnet, und die somit später entstandene Stadt, die 1899 ihren alten Namen abgelegt und den des neuen Schlosses angenommen hat. Burg Schellenberg war seit dem Jahre 1324 der Sitz und Mittelpunkt eines markgräflich meißnischen Amtes, das im Laufe der Zeit sich vergrößerte. Zu dem ursprünglichen Zubehör derselben darf man zählen: das gleichnamige Städtlein und Dorf,39) ferner Metzdorf,40) Grünberg, Plaue, Flöha,41) Braunsdorf (bei Lichtenwalde), Altenhain, Gückelsberg, Falkenau, Hetzdorf, Thiemendorf, Breitenau, Oederan, Börnichen (bei Oederan), Schönerstadt, Hartha (1378: Hartdorf), Wingendorf, Frankenstein, Memmendorf, Görbersdorf, Gahlenz, Eppendorf (mit Ebersbach), Großwaltersdorf, Borstendorf, Grünhainichen, Börnichen (bei Grünhainichen), Waldkirchen, Hennersdorf, Marbach und Leubsdorf. Hierzu kamen noch als weitere Erwerbungen: Kirchbach, Kleinhartmannsdorf, Gränitz und Kunnersdorf (bei Erdmannsdorf), die Markgraf Wilhelm I. von Meißen dem Chemnitzer Bergkloster für 190 Schock Freiberger Groschen am 21. März 1376 „vor ein recht eygen zcu dem huse gein Schellenberg“ abkaufte, außerdem im Laufe des 15. Jahrhunderts: Erdmannsdorf, Bernsdorf, Witzschdorf, Gornau, Schlößchen-Porschendorf, Zschopau, die Südhälfte von Gelenau, Krumhermersdorf, zeitweilig auch (seit 1411) die fünftehalb Dörfer am Pöhlberge (Geyersdorf, Kleinrückerswalde, Frohnau, Dörfel und Tannenberg rechts der Zschopau). Von dem Zuwachse des Augustusburger Amtes haben wir hier ja nicht zu reden.

An die Wettiner war Burg Schellenberg gekommen, seitdem am 5. April 1324 Kaiser Ludwig der Baier den Vasallen und Leuten des Schlosses befohlen hatte, seinem Eidam, Markgrafen Friedrich dem Ernsthaften, zu huldigen. Der letztere hatte dann am 1. März 1332 dem Ritter Heinrich v. Honsberg das Schloß verliehen, um dann am 10. März 1336 dem Vogt Heinrich IV. dem Älteren von Gera für seine Kriegsdienste gegen Erfurt „Schellenberch daz huz mit Oderin und Eppendorf u. a. m. mit munczen, czollen und geleiten, mit gerichten, dorfern (wust und besaczte), kirchlen, wiltpanen, wazeren, vischereien, wissen, weiden und gemeinlich mit allen rechten und nuczen“ zu verpfänden. Bei der sogenannten Oerterung von Chemnitz (13. November 1382) fiel dem jüngsten Sohne Friedrichs des Ernsthaften, Markgrafen Wilhelm I., der den Umfang des Amtes bereits durch Ankäufe erweitert hatte, der Schellenberg zu; nach seinem kinderlosen Tode (1407) bekam ihn laut des Teilungsvertrages von Naumburg (1410) Friedrich der Streitbare, Wilhelms Neffe, und 1485 erhielten ihn die Albertiner. Herzog Georg der Bärtige benutzte die gesund liegende Burg als Zufluchtsstätte vor der Pest und bewohnte sie 1504 – 1506. Unter seiner Regierung brannte 1528 ein Teil der alten Feste nieder.

Wie schon bemerkt, verdankten die Wettiner die Überweisung des Schlosses Schellenberg in ihren Besitz dem Kaiser Ludwig. Heinrich v. Schellenberg, ein Edelfreier, der als Dynast das Schloß seiner Väter besaß, war nämlich auf dem Landgerichte zu Altenburg wegen gewisser „Exzesse“ – es handelte sich um Raubfehden wider das Kloster Altzelle – geächtet worden und somit seiner Burg verlustig ergangen. Von diesen Edlen v. Schellenberg zu unterscheiden sind übrigens die Ritter v. Schellenberg, deren Stammgut das Vorwerk zu Dorfschellenberg war, und die wir Ende des 13. und Anfangs des 14. Jahrhunderts als Burglehner zu Colditz antreffen, (z. B. 1299: dominus Heinricus de Schellenberch, in Koldyzc residens, miles). Jene Edlen, deren einer, Heinrich, vielleicht derselbe, der geächtet ward, um 1304 als capitaneus et iudex provincialis in terra Plisnensi a srenissimo domino Alberto, rege Romanorum et semper Augusto, constitutus, d. i. „Hauptmann und Landrichter im Pleißnerlande, von seiner Majestät dem Durchlauchtigsten König der Römer, Albrecht (I.) dazu bestallt“, und begegnet, scheinen unruhig und fehdelustig gewesen zu sein. Denn am 11. Januar 1286 gedenkt eine Urkunde einer obsidio castri Schellenberg (Belagerung des Schlosses Schellenberg) und ebenso ist in einer Urkunde der Burggrafen von Altenburg für das Kloster Buch vom 1. September 1292 ante castrum Schellenberch (vor der Burg Schellenberg) davon die Rede, wie dieselbe von Markgraf Friedrich dem Freidigen eingeschlossen ward. (castrum Schellenberch … tunc ab illustri principe, marchione Misnensi Frederico, vallatum fuit). Ein Heinrich v. Schellenberg verkehrt 1254 am Hofe Heinrichs des Erlauchten, und ein Wolfram v. Schellenberg stößt uns allein 1220, zusammen mit seinem Bruder Peter 1206 (31. März) in Urkunden Dietrichs des Erlauchten auf. Jenes Auftauchen im Jahre 1206 ist das erste, das uns bezeugt wird.

Wir dürfen aber annehmen, daß die Burg am Ende des 12. Jahrhunderts von den nach ihr sich nennenden Edlen im Süden der Mark Meißen erbaut ward. Die neuerdings behauptete Identität Schellenbergs mit der alten Feste Hwoznie ist hinfällig, da wir letztere bei Sachsenburg suchen müssen. Übrigens stand dieser Strich unter der Lehnshoheit der hessischen Abtei Hersfeld, von der die Wettiner ihn zu Lehn trugen. Hieraus geht hervor, daß die Herren v. Schellenberg zwar im Besitze der Burg sich befanden, aber Vasallen der Markgrafen von Meißen waren. Daß die Burg schon zur Zeit Heinrichs I. oder Ottos I. gestanden habe, ist eine müssige Fabelei. Woher und wann jene Dynasten v. Schellenberg kamen, wissen wir nicht. Vermutlich brachten sie die Ansiedler aus ihrer (hessischen?) Heimat mit sich. Beachtenswert sind in diesem Burgbezirke das Auftauchen slavischer Ortsnamen, so Oederan (Herberge), Ailitz [Wüstung bei Frankenstein] (Lettenfeld), Kühren [desgl.] (mageres Land), Kemnitz [Bach bei Frankenstein] (Steinbach), Gahlenz (Lichtung), Lößnitz (Waldung), Plaue (Floßplatz) und Mörbitz [Waldung bei Augustusburg] (Wiesental). Alle diese Bezeichnungen befinden sich in der Nähe des uralten Straßenzuges, der aus Franken nach dem Elbtal bei Dresden führte, und zu dessen Beherrschung die Burg angelegt ward. Sie zeugen von einer wenig dichten slavischen Bevölkerung an der Zschopau und Flöha. Die um das Schloß herum angelegten Dorfschaften sind alle deutsch. Auffällig ist schließlich noch die nahe Nachbarschaft mit der Burg zu Erdmannsdorf, die wir in diesem Abschnitte besprachen, und die Verschiedenheit des Umfangs beider Burgbezirke: so klein der Erdmannsdorfer ist, so groß ist der Schellenberger.

37) Jene lag niedriger als dieses, folglich auch dem Städtlein oder Markte Schellenberg, der sich unter ihrem Schutze gebildet hatte, näher.

38) Sein Name bedeutet „Hengstenberg“. Der Hengst aber wirkt bei der Roßzucht als „Bescheler“ (schele).

39) Seine alte Flurgrenze reichte übrigens bis hinan an das Schloß, auch lag hier ein zu letzterem gehöriges Vorwerk.

40) Hohenfichte ist erst später entstanden.

41) Seine Kirche war bis zur Reformation die Mater für Stadt Schellenberg.

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 29. Jahrgang. Nr. 5 v. Mai 1909. S. 66 – 68.