Scharfenstein

Das alte Schloß spielte noch im dreißigjährigen Kriege eine gewisse Rolle. Am 21. August erhielt es kaiserliche Besatzung, 50 Kroaten. Diese wurden später von 80 Dragonern, meist Italienern, abgelöst. Als Herzog Bernhard von Weimar vor Chemnitz lag, befahl er, das Schloß zu belagern, und das Landvolk der Ämter Augustusburg, Wolkenstein und Lauterstein schlossen die Kaiserlichen ein. Eines Abends drang man mit Hilfe eines Zimmermannes, der im Schloß gut Bescheid wußte, durch eine verblendete Türe ins Innere, und so ward die Besatzung überwältigt, 60 davon niedergehauen, der halbtote Kommandant, ein Oberstleutnant, samt seiner Tochter gefangen und nach Zschopau geführt, wo er starb und begraben ward. Seine erschlagenen Leute, die man „fingernackend“ ausgezogen hatte, fanden erst nach 3 Monaten in einer Grube ein gemeinsames Grab. Als die Kaiserlichen 1634 zum dritten Male ins Meißner Land einfielen, diente ihnen Scharfenstein nochmals als militärischer Stützpunkt. Der damalige Besitzer hatte sich während der stürmischen Zeiten nach Wittenberg geflüchtet. Er gehörte der Familie v. Einsiedel an, die noch heute das Schloß mit seinem Zubehör besitzt. Sie erwarb es im Jahre 1492; denn am 31. Januar dieses Jahres ward Heinrich v. Einsiedel mit dem Schlosse Scharfenstein beliehen, wozu das Vorwerk Grünau, die Fischerei in der Zschopau und die Dörfer Großolbersdorf, Grünau, Grießbach, Hopfgarten, Hohndorf und Königswalde halb, d. i. rechts des Pöhlbaches, die sogenannte Ratsseite, gehörten. Das letztere veräußerten dann seine Söhne an den Annaberger Bürger und Fundgrübner Paul Thumshirn, und dieser überließ es an den Rat seiner Stadt, der am 9. September 1513 darüber die Belehnung von Herzog Georg dem Bärtigen empfing.34) Die Vorbesitzer derer v. Einsiedel waren: Heinrich v. Starschedel (seit 1482), Friedrich Blanke (um 1475) und Heinrich v. Schönberg (seit 1472). Vorher war Scharfenstein ein fürstliches Amt gewesen, das auch noch die Bergstädte Thum, Ehrenfriedersdorf und Geyer umfaßte. Am 10. Mai 1439 hatte nämlich der Edle Heinrich v. Waldenburg, Herr zu Wolkenstein, samt seinem Sohne Anarch, dem Letzten des Geschlechtes († 1479), an den reichen Münzmeister zu Freiberg, Liborius Senftleben, dessen Bruder – Konrad und dessen Geschäftskompagnon Stephan Glasberg das Schloß Scharfenstein mit seinem obigen Zubehör (also jenen sechstehalb Dörfern) und die damaligen Dörfer Ehrenfriedersdorf, Thum und Geyer für 9240 rheinische Gulden unter dem Vorbehalte des Wiederkaufes binnen 6 Jahren abgetreten. Kurfürst Friedrich V. der Sanftmütige bestätigte dieses Abkommen unter der Bedingung, daß, falls jene 6 Jahre verstrichen, ohne daß der Wiederkauf einträte, er an Stelle der Käufer die ganze Herrschaft übernehmen könne: so entstand 1445 das Amt Scharfenstein; Anarch von Waldenburg ward 1456 noch mit 233 Schock abgefunden. Jene drei Bergstädte bildeten seit 1472 ein Gebiet für sich, während Scharfenstein mit seinen Dörfern in die Hände adliger Schloßgesessenen überging, wie wir oben sahen.

Ehe jene Verpfändung eintrat, besaßen die Edlen von Waldenburg das Schloß Scharfenstein; sie sind die frühesten uns bekannten Besitzer desselben. Schon im Lehnbuche Markgraf Friedrichs des Ernsthaften erscheint Johann der Ältere von Waldenburg u. a. mit Scharfenstein als wettinscher Vasall, und die Markgrafen von Meißen erhalten 1372 die Burg als meißnisches Lehn von Karl IV. garantiert. Der jüngere Sohn jenes Johann des Älteren, namens Anarch, beleibdingte im Jahre 1386 seine Gemahlin Mathilde mit dem Schlosse Scharfenstein. Damals zählten zu seinem Zubehör die Dörfer: Grießbach, Hopfgarten, Großolbersdorf, Grünau, Drebach, Herold, Schönbrunn, Falkenbach, Neundorf, Mildenau (und sein Oberdorf) Reichenau, Goswinsdorf (Jöhstadt), Grumbach und Königswalde (siehe oben). Überhaupt besaß im 15. Jahrhundert bald der eine, bald der andere Zweig des Hauses Waldenburg das Schloß, und in der Zeit von 1423 – 1428 tritt jener Anarch wiederholt urkundlich als „Herr zu Scharfenstein“ auf. Wenn es heißt, im Jahre 1409 sei die Burg im Besitze der Berken von der Duba gewesen, so liegt hier nur eine Verwechslung mit der gleichnamigen Feste im Böhmerlande vor. Von der Mitte des 14. bis zu der des 15. Jahrhunderts haben die Waldenburger Dynasten Scharfenstein ohne Unterbrechung innegehabt und wohl schon früher, wenngleich sich dies urkundlich nicht belegen läßt, ihr eigen genannt; ja man darf vielleicht soweit gehen, daß man die Erbauung der stattlichen Burg ihnen zuschreibt. Wenn es heißt, Scharfenstein sei bereits 1312 in dem Kriege zwischen den Markgrafen Friedrich dem Freidigen von Meißen und Waldemar von Brandenburg von dem ersteren eingenommen und zerstört worden, so muß auch hier eine Verwechslung mit einer anderen Burg gleichen oder ähnlichen Namens vorliegen. Denn dieser Krieg hatte ja einen ganz anderen Schauplatz, als daß unser erzgebirgisches Scharfenstein irgendwie in Betracht käme. Wohl aber wissen wir, daß 1429 die Hussiten der festen Burg nicht viel anhaben konnten. Ihr ältester Teil ist ja auch völlig auf Felsen gegründet, und der Bergvorsprung, auf dem sie steht, und der die Zschopau zu einer großen Schleife herumzwingt, erreicht eine Höhe von 35 m. Zu den wenigen Ruinen, an die sich ein Neubau aus dem 15. und 16. Jahrhundert anschließt, gehören die zwei Rundtürme. Der größere von ihnen erhebt sich im Hofe auf einem einzelnen Kegel des großen Felsgrates: er ist über 17 m hoch – doch ist dies kaum die ursprüngliche Höhe –, und sein unterer Durchmesser weist etwa 8½ m auf, während die Stärke der unteren Mauer die beträchtliche Breite von über 3 m enthält. Seinen Abschluß nach oben durch Mauerwerk, Zinnen und Bedachung in kegelförmiger Gestalt bekam der Turm erst im Jahre 1850. In den Hof des Schlosses führt über einen tiefen Graben hinweg eine lange steinerne Brücke. Westlich vor der Burg steht der kleinere Rundturm auf einem Bergvorsprunge und bildete, für sich völlig selbständig, samt den zum Teil noch bestehenden Bollwerken im Südwesten das Vorschloß. Die Umfassungen der Burg, die sich im Kreise um den Bergfried, den größeren Turm, gruppieren, sind durchaus der Form des Bodens angepaßt. Die zwei Hauptgebäude, welche ziemlich rechtwinklig aneinanderstoßen, bilden zwei Seiten des Hofes, an der dritten desselben zieht sich ein niedriger Flügel hin, der den Krümmungen der Berglehne folgt. Jene zuletzt genannten Gebäude gehen in der Hauptsache auf Heinrich v. Einsiedel zurück, der im Jahre 1533 das alte Schloß erneuern ließ. Daß Scharfenstein in der allerfrühesten Zeit der Sitz kaiserlicher Vögte gewesen sei, ist nichts als eine leere Behauptung. Wohl saßen hier einst Hauptleute der Herren von Waldenburg und Amtleute des Kurfürsten zu Sachsen (1445 bis 1472). Wenn wir fragen, was die Entstehung des Schlosses veranlaßte, so gehen wir wohl nicht fehl, wenn wir annehmen, daß Glieder des Hauses Waldenburg, die, in der Wolkensteiner Pflege begütert, aber nicht im Besitze des Wolkensteiner Schlosses, durch die Erbauung von Scharfenstein sich einen festen Stützpunkt zur Wahrung ihrer Herrschaftsrechte und einen herrschaftlichen Sitz zum Aufenthalte in dieser Gegend schufen. Dann dürften wir den Bau der Burg etwa ins letzte Viertel des 13. Jahrhunderts verlegen und die Mittel für den Bau dem damals reichlicheren Ertrage der Wolkensteiner Bergwerke, von dem ja seit 1293 Kloster Nimbschen bei Grimma den Zehnten bezog, zu gute schreiben.

34) Die Stadt erwarb auf diese Weise auch den sogenannten „Ratswald“, der also ein gutsherrschaftliches Pertinenzstück des Dorfes bildete. Sie hat ihn nicht der Gemeinde Königswalde in schweren Zeiten, wie man immer wieder hört, zu billigem Preise abgedrungen.

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 29. Jahrgang. Nr. 3 v. März 1909. S. 35 – 37.