Rauenstein

„Selten sieht man anderwärts ein ähnliches Gebäude alter Zeit“ – so beschreibt Schumann in seinem bekannten Postlexikon das Schloß Rauenstein – „eine so seltsame Architektur ohne allen Sinn für Schönheit und Ebenmaß, für Ordnung und Regel; hier eine massive Felsenmauer, dort hölzernes Fachwerk; hier hoch, dort niedrig, kantig und eckig, recht- und schiefwinklig, gleich als wäre jedes einzelne Stück nach blinder Wahl auf- und durcheinander gestellt.“ Trotzdem ist der Eindruck der alten Burg, die hoch über dem Flöhatale auf dem Vorsprunge eines reich mit Wald bedeckten Felsenabhanges – dem „rauhen Steine“ – sich erhebt, ein ungemein malerischer. Von dem dichten Buchen- und Nadelholz verdeckt, bietet sie dem Wanderer vom Flußtale aus nur den Anblick einiger Giebel und des viereckigen Mittelturmes. Im übrigen ist der Name der alten Grenzfeste, die vermutlich im 13. Jahrhunderte entstanden ist, gut deutsch und hat nichts mit dem Slavischen zu tun. Da die Bauteile vielfach verändert wurden, so läßt sich bei dem Mangel von Einheitlichkeit derselben nicht viel über die ursprüngliche Anlage der Burg sagen, die den Flöhaübergang deckte, den die Verbindungsstraße zwischen der Lautersteiner und Saydaer Straße passierte. Doch darf man mit großer Gewißheit den eben erwähnten mächtigen Turm, der nach der Federzeichnung von Dilich in früheren Tagen bedeutend höher sich erhob42), um in Wahrheit als „Luginsland“ dienen zu können, sowie weiterhin den starken Rundturm als die ältesten Baulichkeiten unserer Burg bezeichnen. An sie schlossen sich die Befestigungen und Wohnräume an. So stehen mit dem quadratischen Berchfrit zwei kurze Seitenflügel in Verbindung, die zusammen mit dem Hauptgebäude einen kleinen Innenhof einschließen. Die erste Burg ist also sehr klein, aber ziemlich fest gewesen: denn die Mauern und Gebäude sind unmittelbar auf dem Felsen errichtet, und die Wehrgänge waren z. B. auf der Südseite in denselben hineingehauen. Im Norden der Burg öffnete sich das Tor, aus dem ein Weg ins Tal zu dem Brückensteig über die Flöha führte. Jedenfalls müssen wir hier und im Osten, nach dem Städtlein Lengefeld zu, tiefere Wallgräben annehmen. Im Süden schließt sich der Vorhof an, in seinem oberen Teile zum Garten verwandelt, im unteren zu Wirtschaftszwecken dienend. Nach Osten zu begrenzt ihn ein älteres Gebäude; man sieht, an den Kern der ältesten Feste ist hier ein Anbau, wohl zuerst in Fachwerk errichtet, angegliedert worden, der zur Not als Bollwerk, in der Hauptsache aber wohl im Wirtschaftsbetriebe seine Verwendung fand. Fachwerk, z. T. im Jahre 1630 entstanden, krönte übrigens verschiedene Baulichkeiten Rauensteins, und die Bedachung bestand durchaus in Schindeln. Wie in den übrigen Burgen, so befindet sich auch hier eine getäfelte Burgkapelle, die ehedem von Lengefeld aus bedient ward.

Schloss
Schloß Rauenstein.

Fragen wir nach den obersten Lehnsherren der Burg, so sind das immer die Markgrafen von Meißen und späterhin die Herzöge und Kurfürsten von Sachsen gewesen. Rauenstein war nie ein böhmisches Lehen; die dafür angezogene Urkunde vom 25. November 1372 besagt grade im Gegenteil, daß Kaiser Karl IV. den Markgrafenbrüdern von Meißen, Friedrich III., Balthasar und Wilhelm I., u. a. Rauenstein als ihr Lehen ausdrücklich und namentlich garantiert. Seit dem 25. Oktober 1567 waren dann die Wettiner eine Zeitlang direkte Besitzer des Schlosses und der zu ihm gehörigen kleinen Herrschaft, die aus Lengefeld und Wünschendorf sowie drei Vorwerken, mehreren Brett- und Mahlmühlen nebst verschiedenen Waldstücken bestand. Kurfürst August hatte den drei Gebrüdern Hans, Heinrich und Albrecht v. Günterode die ganze Besitzung für nahezu 55.000 Gulden abgekauft: er sorgte für die bauliche Wiederherstellung der Burg und erhob das also wieder ausgebaute Schloß zum Verwaltungsmittelpunkte eines kleinen Amtes Rauenstein, welches sein Enkel, Christian II., 1596 zu dem Amte Wolkenstein schlug. Die Güter zu Ober- und Unterrauenstein sowie zu Wünschendorf wurden verpachtet, bis dann 1651 am 1. März Jobst Christoph von Römer vom Kurfürsten Johann Georg I. die beiden eben zuerst genannten Güter mit Stadt und Dorf Lengefeld, auch mit dem Orte Reifland, jedoch ohne die Waldungen und andere Regalien für 24.000 Gulden erwarb. Später hat dann Rauenstein öfters seine Herren durch Kauf gewechselt: die v. Römer besaßen es bis ins dritte Geschlecht, d. h. bis zum Jahre 1743. Die Witwe des letzten von ihnen brachte es ihrem zweiten Gemahl, einem v. Spor, zu, von dem es durch Erbschaft an die Familie Baudis (– 1784) überging. Wiederum hinterließ dann die Witwe des letzten Baudis Rauenstein ihrem Sohne erster Ehe, einem v. Carlowitz, der es 1810 veräußerte. Weiterhin treffen wir als Besitzer an: Hänel aus Schneeberg (– 1843), dessen Neffen, Freiherrn v. Herder, dem 1856 die Familie v. Herder folgte, die noch heute sich des romantisch gelegenen Schlosses erfreut. Wünschendorf, das ja 1567 mit Rauenstein vereinigt war, kam 1606 in die Hände derer v. Bölau, die es bis ca. 1726 hielten, und ist 1880 an die heut auf Rauenstein seßhafte Familie v. Herder wieder zurückgekommen.

Wie wir sahen, hatten bis 1567 die v. Günterode die Herrschaft Rauenstein ihr eigen genannt. Im Jahre 1480 hatte Herzog Albrechts des Beherzten Rentmeister und Kammerschreiber, Hans von43) Günterode, der 1476 aus Thüringen eingewandert war, das Schloß Rauenstein mit den Dörfern Lengefeld, dem Freihof zu Wolkenstein und einigen Gütern im Orte Langenau an sich gebracht. Was der Großvater erworben, dessen entäußerten sich seine Enkel, auf die Kurfürst August wohl einen Druck ausgeübt haben wird. Das Jahr vor der Erwerbung durch die Günteroder (1479) war die Lehnsherrschaft von Rauenstein, die Edlen von Waldenburg, erblos verstorben, und damit war ein Mittelglied im Lehnskonnex in Wegfall gekommen, das vordem sich zwischen die Wettiner und den auf der Burg beschloßten Erbarmann noch eingeschoben hatte. In dem Jahre 1323 war nämlich dem Edlen Heinrich v. Waldenburg das früher dem Heinrich v. Schellenberg zuständige castrum Ruwenstein – es ist seine älteste urkundliche Erwähnung – gleichsam als ein Faustpfand überantwortet worden. Der Schellenberger hatte nämlich dem Kloster Altzelle durch Fehdegang mancherlei Schäden zugefügt; ihm war also Rauenstein abgepfändet worden, und der Waldenburger, zur Zeit Pleißner Landvogt, hatte es erhalten und sich verpflichtet, die Burg ihrem Eigentümer und dessen Erben nicht eher zu übergeben, als bis er dem geschädigten Kloster zum Ersatz 50 Schock Prager Groschen ausgezahlt haben würde. Das Jahr darauf (1324) war Heinrich v. Schellenberg vom Pleißner Landgericht geächtet und ihm seine Reichslehen aberkannt worden. Zu demselben gehörte Schellenberg, das Kaiser Ludwig seinem Eidam, Markgraf Friedrich dem Ernsthaften weiter verliehen hat, und aller Wahrscheinlichkeit nach auch unser Rauenstein. Dies nahm dann von dem Wettiner der bisherige Pfandinhaber, Heinrich v. Waldenburg, zu Lehn. Er vererbte die Burg auf seinen einzigen Sohn Johann. Denn 1369 verständigten dessen Vasallen, Peter v. Forchheim und Hans Krähe, die drei oben genannten Markgrafenbrüder, daß er und seine beiden Söhne Rauenstein mit mehreren Dörfern und Waldungen von den Wettinern zu Lehn trügen; an letzter Stelle machen sie Krumhermersdorf bei Zschopau namhaft, das früher Landgraf Wilhelm I. und vor ihm dem Rate zu Rochlitz zuständig gewesen war.44) Die Waldenburger hatten auf Rauenstein ihren Vogt sitzen; so erscheint z. B. 1387 Dietrich v. d. Ölsnitz als Amtmann der gedachten Dynasten daselbst. Sie müssen aber auch ihre Burg Rauenstein verpfändet haben; sonst würde nicht Markgraf Wilhelm I. 1398 dem böhmischen Edlen Borso v. Riesenburg für 600 Schock böhmische Groschen sie samt dem Städtchen Lengefeld abgekauft haben. Allein die von Waldenburg haben sie eingelöst: denn 1406 werden Anarch, Johanns jüngerer Sohn, und Heinrich, dessen Enkel, u. a. mit „Ruwinstein“ beliehen, und 1434 wird den Töchtern des letzteren u. a. die Hälfte dieses Schlosses und seines Zubehörs für ihr Leibgedinge verschrieben. Nach dieser Zeit haben die Herren von Waldenburg die Burg weiterverliehen und nur die Lehnsherrlichkeit, die „Mannschaft“, bis zum Jahre ihres Erlöschens (1479) beibehalten. Unter den adligen Inhabern von Rauenstein, die als Waldenburger Vasallen auftreten, erscheinen die v. Polenz – die Witwe eines von ihnen wird nach dem Vornamen als die „Frizoldinne“ bezeichnet – und vor allem die Krähen (Kra), so nach ihrem Wappen wie die v. Raab (die Raben) benannt, eigentlich solche v. Döben (bei Grimma). Die Krähen befinden sich etwa seit 1450 im Besitze von Rauenstein: es war ein Erbarmannengeschlecht, dem wir bereits um die Mitte des 14. Jahrhunderts unter den Waldenburgschen Mannen begegnen. Ein Menschenalter lang verblieb ihm die Herrschaft, ein Jahr lang noch direkt unter wettinscher Lehnshoheit, bis sie Hans von Günterode auskaufte.

Das Geschlecht, das wir zuerst in der alten Burg antrafen, war das der schellenbergschen Dynasten. Für diese bedeutete sie ein wertvolles Bindeglied zwischen den Burgen Schellenberg und Lauterstein. Die zu diesen drei Schlössern gehörigen Gebiete bildeten einen durchaus zusammenhängenden Besitzkomplex. Mit diesen drei Burgen beherrschten jene Edlen das ganze Flöha- und Pockautal. Fragen wir nach dem Gebiete, das die Burg umgab, so sahen wir, daß zu dessen eisernem Bestande Lengefeld, das Dorf, von dessen Flur nach dem Schlosse zu das gleichnamige Städtlein abgebaut ward, und Wünschendorf, wozu auch Stolzenhain gehörte, gerechnet werden müssen. Ein Dörfchen Rauenstein gab es ja früher nicht, sondern es entstand nach und nach auf Rittergutsflur. Man könnte fragen, ob ursprünglich auch die Dörfer Reifland und Pockau, von denen jenes noch heute nach Lengefeld kircht, dieses aber bis 1886 dahin pfarrte, in den Bezirk des Schlosses Rauenstein einzubeziehen sind. Wir finden sie ja 1434 innerhalb des Lautersteiner Burgbereiches, aber die Möglichkeit, daß sie erst zu letzterem geschlagen worden sind, ist nicht von vornherein abzuweisen. Ist sie auch urkundlich nicht zu erhärten, so leistet ihr doch die Parochialangehörigkeit einen Vorschub. Vorübergehend ist auch Krumhermersdorf ein Bestandteil der Rauensteiner Herrschaft gewesen, um späterhin ans Amt Schellenberg zu kommen.

42) Diese Wahrnehmung konnten wir schon bei verschiedenen anderen Schlössern machen, z. B. Wiesenburg oder Zschopau.

43) Dieses „von“ ist ursprünglich als Heimatsbezeichnung und nicht als Adelsprädikat aufzufassen, bedeutet also soviel als „aus – gebürtig.“

44) Diese besondere Bemerkung bezieht sich nicht auf Schloß Rauenstein mit seinen sämtlichen Pertinenzen, sondern nur auf jenes Dorf (Hermannsdorf) allein.

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 29. Jahrgang. Nr. 8 v. August 1909. S. 117 – 120.