Quedlinburg

Eine gleiche Beziehung findet sich in dem alten Namen, den Elterlein einst geführt hat: Quedlinburg. Mag. Christian Lehmann, der bekannteste Chronist unseres Erzgebirges, der ja seine früheste Jugend (1612 – 1622) in dieser Stadt verlebte und in ihr 1633 – 1638 als Hilfsgeistlicher wirkte, bemerkt in einem lateinischen Gedichte, welches die Geschichte und Beschreibung der Stadt Schwarzenberg enthält: Eltérlinúm quod prisca vocáverat ólim || lingua Quédlinbúrgum. (Elterlein, das einstens benannten die Alten Quedlinburg). Ebenso schreibt Peter Weiße aus Schneeberg (Albinus) in seiner Meißnischen Bergchronika: „Das Elterlein, so zuvor Schönburgisch gewesen, soll nach dem gemeinen bericht der alten Leut … vor etlich hundert Jahren Quedlenburg geheisen haben. Was den Namen Quedlenburg belanget, kan es wol sein, das ein Schloß daselbst gestanden, so von den Hartz-Sachsen in den Wendischen Kriegen (?) gebaut und genennet worden, wie andre Namen des orts mehr von gemelten Hartz- und anderen Sächsischen Graff- und Herrschafften sein als Stolburg, Schwartzenburg, Waldenburg, Hoenstein etc.“ Nun erinnert heute noch an eine solche Burg die zu Elterlein gehörige kleine Häusergruppe oberhalb des Städtleins Zwönitz, die ja den Namen „Burgstädtel“ führt: hier also, wo die Straße nach Überschreitung des Zwönitzflusses emporsteigt, lag einst eine sie beherrschende Befestigung. Denn Burgstädtel bedeutet ja nichts anderes als den „Stadel“, d. h. den Standort einer Burg. Ihren Namen hielt früher die ihr benachbarte Ansiedelung fest, bis deren jüngere Bezeichnung „das oder zum Elterlein“ durchdrang. Allein auch sie gemahnt noch den Kundigen an das Vorhandensein der ehemaligen Feste, wenn man sie etymologisch richtig auffaßt. Elterlein (auch Elterlin, Elterlen und Elterle) ist nicht ein slavischer Name, der, wie v. Süßmilch-Hörnig will, ursprünglich helderlen gelautet habe und von hel = Malachit und derlém = zermalmen abzuleiten wurde. Nein, er ist gut deutsch, soll aber keineswegs soviel heißen als „das ältere Lehn” mit Rücksicht auf Schlettau und hängt auch nicht mit der Errichtung eines „Altärleins” durch fromme Reisende zusammen. Dieses Altärlein befindet sich zwar im Rats- und Kirchensiegel, und Mag. Christian Lehmann deutet a. a. O.: Oppidulúmque vetús subtér, cui nómen ab ára (und das alte Städtlein darunter [d. i. unter dem Fürstenberge], deß Name vom Altare herkommt). Allein diese Deutung ist falsch; elterlin ist die Verkleinerungsform des mittelhochdeutschen Wortes alter, wie sich dasselbe in dem Ortsnamen Malter (bei Dippoldiswalde), d. i. zum Alter, vorfindet. „Das Alter” weist nämlich hin auf eine alte, d. i. verlassene, weil wüste oder verwüstete Gegend. Wir begegnen übrigens dem Namen Elterlein noch einmal in früherer Zeit im Erzgebirge, nämlich im Jahre 1533 bei Gelegenheit der zweiten Visitation im Kurfürstentume Sachsen. Hierbei wird erwähnt der pfarrer in der obern und niedern Schlemm, zum Closterlein (bei Aue) und Elterlein. Gegenüber von Niederschlema liegt nun das Waldstück „Die Mehltheuer” und ihr gegenüber die Ruine der Isenburg. Das Waldstück und jene Niederlassung – noch heute kircht ein Haus von Alberoda nach Niederschlema – empfingen wohl ihren Namen davon, daß sie nahe bei einem „Alter“, einer Ruine, lagen. Ebenso verhält es sich mit der Stadt Elterlein: sie befand sich bei der Nähe der kleinen Ruine (zum elterlin) der alten Feste Quedlinburg, die wir etwa beim Schatzenstein an der „Böhmischen“ Straße, die über Schlettau nach Preßnitz führte, suchen müssen. Hierzu kommt noch eins: der Pfarrer zum Elterlein erhielt 1540 u. a. aus der Kirchkasse einen Bezug (1 – 2 Gulden) „vom Restauer“. Da in Elterlein keine Nebenaltäre existierten, rührt diese Entschädigung (restaurum) nur von einer Auspfarrung her. Nun gehören aber noch heute in den Elterleiner Kirchsprengel: das Erbgut Förstel, die Schänke zu Langenberg und die Mühle von Schwarzbach. Schwarzbach (bis 1837), Langenberg und Raschau (bis vor 1525) waren aber Bestandteile der Kirchfahrt Markersbach oder, wie sie früher hieß, Mittweida (vulgo: Miepe); alle fünf Ortschaften, wozu noch Scheibe kam, standen ganz oder zum größten Teile dem Kloster Grünhain zu, das sie um 1234 etwa von Burggraf Meinher II. von Meißen, seinem Stifter, geschenkt erhielt und sie von Elterlein auspfarrte, dafür aber der dortigen Kirche eine Entschädigung gewährte. Vielleicht lagen die erwähnten Orte im Tale der Mittweida einst im Bezirke der alten Gebirgsfeste Quedlinburg, unter der jenes Städtlein entstand, das zwar nicht mehr ihren Namen beibehalten hat, jedoch samt seinem Ortsteile Burgstädtel in den beiderseitigen Namen wie einen Hauch die Erinnerung an sie bis in unsere Tage verbirgt. Wie einen Hauch! Denn der Name ist verschollen, und „ihre Stätte kennet man nicht mehr.“

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 28. Jahrgang. Nr. 12 v. Dezember 1908. S. 181 – 182.

Korrektur Daß Elterlein vor alters diesen Namen führte, ist lokale Tradition; aber der Name der zu seiner Flur gehörigen kleinen Häusergruppe „Burgstädtel“ weist nicht auf eine Burg, sondern auf eine Straßenbefestigung hin. Es war ein Wachtposten, der hier seinen Standort gehabt haben wird: eine solche Station, von der auch Feuersignale gegeben werden konnten, finden wir an derselben Straße, an der Burgstädtel liegt, bei den Brünlasgütern (Finkenburg, d. i. Funkenburg) und an dem Übergange über den Pöhlbach bei Kühberg (Schlösses, Schloßstein).

Ich möchte hier bemerken, daß es auch westlich der Burg Lauterstein beim benachbarten Dorfe Lauterbach eine Örtlichkeit namens Burgstädtel gibt: wir stoßen also wiederum auf eine Straßenbefestigung an der wichtigen Straße, die bei Lauterstein die Pockau überschritt und an Lauterbach vorüber nach Zschopau sich zog.

(Fortsetzung folgt.)