[Neu-] Lauterstein

Eine kurze Vorbemerkung sei hier gestattet. In der Einleitung hatte ich bei Aufzählung der erzgebirgischen Burgen nach Herings Vorgang das Schloß Lauterstein, dessen Ruine wir unterhalb der „Kniebreche“ antreffen, als Niederlauterstein, hingegen das „Raubschloß“ gegenüber dem Katzensteine Oberlauterstein bezeichnet. Da dies zu Irrtümern Anlaß gibt, weil nämlich Nieder- und Oberlauterstein Bezeichnungen der beiden Burgenteile jenes bei Rittersberg gelegenen Schlosses Lauterstein sind, so möchte ich es lieber als Neulauterstein bezeichnen und eventuell dann das Raubschloß als Altlauterstein im folgenden anführen. Der Einfachheit aber wegen werde ich von Neulauterstein, worüber wir die meisten Nachrichten besitzen, als von Lauterstein schlechtweg sprechen.

Burg
Burg Lauterstein 1629.

Das Schloß stand bis zum 14. März 1639, wo es drei schwedische Reiter in Brand steckten, nachdem der Lautersteiner Amtsschösser sich mit seinen Leuten nach Marienberg geflüchtet hatte, auf einem Felsenvorsprunge links der Pockau, von wo aus die Mündungen verschiedener Täler beherrscht werden konnten. Der Raum, auf dem jetzt die Trümmer der Burg stehen, erscheint sehr beschränkt, war es doch nicht immer, sondern ist durch einen Steinbruch sehr wesentlich eingeengt worden, den man nach dem Verfalle der verödeten Baulichkeiten angelegt hatte. Im übrigen hat man auch die brauchbaren Überbleibsel der alten Feste zu anderweitigen Bauzwecken weggefahren. Die Zeichnung von Dilich, die aus dem Jahre 1629 stammt, gibt uns eine Ansicht der Burg von Süden her, so wie sie 10 Jahre vor ihrer Zerstörung durch die Schweden sich den Blicken des Beschauers darbot. In dieser Gestalt war sie wiederaufgebaut worden, nachdem sie 1430 die Hussiten niedergelegt hatten. Der Hauptrest ihrer jetzigen Trümmer besteht in dem einstigen Mittelpunkte der Burg, dem gewaltigen Rundturm, der 1629, mit einer Haube bedeckt, sich nur um ein Stockwerk höher als die ihn umgebenden Wohngebäude erhob. Das kann indes kaum seine anfängliche Höhe gewesen sein; vor 1430 mag er vielleicht noch einmal so hoch als 1629 dagestanden haben. Die Dicke seiner Mauern beträgt gut 3 m; der Eingang zu ihm befindet sich 5 m über seiner Sohle, und unter ihm befand sich ein schreckliches, von den Lautersteiner Amtsuntertanen überaus gefürchtetes Verließ, das 5 Ellen breit und 24 Ellen tief in den Felsen gehauen, stockfinster und von häßlichem Gewürm bewohnt war. Dieser große Berchfrit steht jetzt ganz nahe am Abhange des durch die Steinbrucharbeiten abgebrochenen Felsens. Was weggebrochen wurde, war einst der Burghof, den zwei Flügel, an den Turm sich anlehnend, beide in Gestalt von Klammern, vollständig umgaben. Als 1497 vom Turme aus eine Schiedsmauer durch diesen Hof der eigentlichen Burg gezogen ward, zerfiel sie in zwei Burgteile, den Ober- und Niederlauterstein. Jede Kemnate besaß ein eigenes Tor. Jene beiden Flügel, die sich an den Luginsland anschlossen, waren überaus geräumig; sie waren 4 Stockwerk hoch, von denen man drei massiv und das vierte in Fachwerk aufgeführt hatte, und sämtlich mit Schindeln gedeckt. Neben einer Kapelle umfaßten sie viele Gemächer und Räume sowie ausgedehnte Kellerungen und boten so zwei Familien einen bequemen Aufenthalt. Der eine Flügel, nach Südwesten, nach Lauterbach zu gerichtet, die „obere“ Kemnate, war ein breites und starkes Gebäude, von dem aber keine Spur mehr vorhanden ist, der andere gegenüberliegende, nach Osten mit der Hauptfront ins Tal herabschauend, zu dessen Füßen ein Vorwerk mit einigen Wirtschaftsgebäuden lag45), war nur etwas schmäler, sonst aber in der Ausführung ganz ähnlich; von dieser „niederen“ Kemnate sind bloß noch geringe Reste verblieben.

Als jene Teilung der Burg sowohl in Bezug auf ihre Räumlichkeiten als auch auf ihre Zubehörungen an Land und Leuten 1497 vorgenommen ward, befand sie sich in den Händen der Familie v. Berbisdorf. Ihr Ahnherr war bäuerlicher Abstammung gewesen, und seine Nachkommen waren im 14. Jahrhundert nach Freiberg eingewandert, durch den Bergbau reich geworden und in den Rat der angesehenen Bergstadt gekommen. So war denn 1434 Kaspar v. Berbisdorf, auch nach seiner Besitzung in Mittelsaida, dem heutigen Rittergute, Caspar de Zaida genannt, Freiberger Bürgermeister und erwarb in demselben Jahre für sein Geschlecht die Herrschaft Lauterstein, in deren Besitze sich dasselbe 125 Jahre erhalten hat. Damals umfaßte der Schloßbezirk folgende Dörfer: Ansprung (aschbergk), Blumenau, Olbernhau, Wernsdorf, Haselbach, Ober-, Mittel- und Niedersaida, Lippersdorf (luppsdorf), Reifland (ryffland), Forchheim, Görsdorf (gerstorff), Pockau (pagke), Lauterbach und Lauta (die lute) nebst dem Städtchen Zöblitz (Tzebeliz) und mehreren Vorwerken. Verbunden damit waren die Nutzungen aus dem Bergbau, der die Entstehung des Ortes Pobershau veranlaßte, aus der Glashütte und aus den Geleitszöllen der nach Böhmen führenden Landstraße sowie die hohe Jagd in den überaus ausgedehnten Waldungen. Die letzteren waren es denn auch, die dem umsichtigen Volkswirt, Kurfürst August, in die Augen stachen und ihn dazu veranlaßten, auf die Familie v. Berbisdorf eine Pression auszuüben, damit sie ihm die Herrschaft käuflich überließe. Sehr ungern ließ sich dieselbe denn auch bereit finden, dem Landesfürsten Lauterstein mit allem Zubehör, ausgenommen die Rittergüter Forchheim (seit 1576 in zwei Höfen, den oberen neuen und den niederen alten zerfallend) und Mittelsaida (das älteste Besitztum der Familie vor dem Erwerbe des Lautersteins), für über 107.000 Gulden abzutreten. Dieser Kauf vollzog sich unterm 29. September 1559; seitdem war das Schloß der Verwaltungssitz eines kurfürstlichen Amtes, bis es dann 80 Jahre später, wie wir hörten, im Dreißigjährigen Kriege der Zerstörung anheimfiel.

Ruine
Ruine Lauterstein.

Von wem aber erwarb seiner Zeit Kaspar Berbisdörfer, jener Freiberger Patrizier das slozz zu lutersteyn? Es waren die Burggrafen von Leisnig aus der Rochsburg-Peniger Linie, die wir bereits in unserm Erzgebirge als Herren zu Schwarzenberg vorfanden. Burggraf Albrecht „der Wirt“ hatte 1433 wegen hohen Alters seinen beiden Söhnen die Herrschaften zu Penig und Lauterstein übergeben. Die letztere verpfändeten sie noch im gleichen Jahre an einen Juden namens Abraham und das Jahr darauf, am 1. Mai 1434, an den Berbisdörfer, und zwar unter der Bedingung, daß sie nach drei Jahren die Feste wieder einlösen könnten für denselben Preis, den jener gezahlt hatte, nämlich 4000 Meißner Gulden, wo nicht, daß dann dem Kaspar die Herrschaft erblich zufallen solle. Dieser Fall trat denn auch ein, und so ward der Berbisdörfer damit in aller Form Rechtens belehnt. Diese Lehen empfingen die Berbisdörfer vom sächsischen Kurfürsten. Die früheren Inhaber der Herrschaft behielten nur die Lehnsherrlichkeit über das Rittergut Forchheim mit verschiedenen Pertinenzstücken zu Görsdorf und Lippersdorf. Freilich versuchte der Sohn und Neffe jener beiden Verpfänder, Burggraf Georg I., Herr zu Penig, den Berbisdörfern 1465 unter Hinweis auf die nichtadlige Abkunft derselben ihren schönen Besitz von 16 Ortschaften, welche einem Kranze gleich das stattliche Schloß umgaben, strittig zu machen, drang aber mit seinem Einspruche vor dem kurfürstlichen Hofgerichte nicht durch. Die Berbisdörfer waren richtig beliehen, und übrigens hatte Kaiser Ludwig den Bürgern Erwerb von Rittergütern reichsgesetzlich gestattet. Der Stammvater der Peniger Linie der Leisniger Burggrafen, Otto I., ein sehr reicher Herr, hatte einst vor 111 Jahren, seitdem seine Urenkel den Lauterstein versetzt hatten, also am 5. Oktober 1323 mit seinem Schwiegervater, dem letzten Burggrafen von Altenburg, Albrecht IV., für Einkünfte in Leipzig, Freiberg und Großenhain den Lauterstein und das Städtchen Zöblitz mit dem Zolle, mit der Mannschaft, allen Dörfern und Waldungen, mit Fischerei und Jagd, Gericht und sonstigen Nutzungen, wie sie vordem der uns bereits bekannte Heinrich v. Schellenberg besessen hatte, von Friedrich dem Freidigen in Lehn empfangen. Dazu hatte er auch noch das Dorf Wüstenschletta (Sletyn)46) nebst anderen Wüstungen, die ebenfalls dem Schellenberger und früher dem böhmischen Ritter Bohuslaw v. Wira zugestanden hatten, vom Markgrafen erhalten.

Wir haben bis jetzt noch nicht von der Zeit gesprochen, in der unser Neulauterstein erbaut ward. Ein „erfindungsreicher“ Anonymus wollte mit apokryphen Inschriften dartun, es sei von den Burggrafen von Leisnig errichtet worden, allein damals besaßen dieselben ja noch gar nicht diese Gegend. Die früheste Nachricht über Lauterstein, die ich habe ausfindig machen können, stammt erst aus dem Jahre 1319. Im August oder September dieses Jahres bedankt sich nämlich der Edle Thimo von Colditz bei Friedrich dem Freidigen für Warnungen, die dieser ihm des Bautzner Landes halber hatte zukommen lassen „Wisset, herre“, so schreibt er dem Fürsten, „von mir Tymen von Koldicz um die strasse czu dem Luterstein, daz euch mein herre (der König von Böhmen) dorum ein entwort empoten hat. Do hab ich das beste czu getan“. Das ist sehr beachtlich: Lauterstein gilt hier als Straßendeckung, und aus dieser Äußerung des Colditzers läßt sich schließen, daß die Straße verlegt worden zu sein scheint, mit anderen Worten, daß der Lauterstein von Friedrich dem Freidigen an anderer Stelle aufgebaut wurde. Vermutlich hatte er dem fehdelustigen Schellenberger das alte Lautersteiner Schloß niedergebrannt und die Herrschaft eingenommen, um sie dann weiter an den Leisniger zu vergeben. Die oben gedachten Wüstungen sprechen dafür, daß der Beginn des 14. Jahrhunderts für die Lautersteiner Umgebung mit schweren Heimsuchungen und Fehden verknüpft war. Jedenfalls befand sich die Herrschaft Lauterstein mit ihrer alten zerstörten und ihrer neuen, auf dem heutigen Ruinenplatze entstehenden Burg einige Zeit lang direkt in den Händen der Wettiner.

45) Aus ihm entwickelte sich zu Anfang des 18. Jahrhunderts das Dörflein Niederlauterstein, als die Grundstücke des Vorwerks in Erbpacht ausgetan wurden.

46) Da es späterhin in Waldenburgschem Besitze als Zubehör der Herrschaft Wolkenstein auftritt, scheint es gegen die ehemals Rauensteinschen Dörfer Reifland und Pockau eingetauscht worden zu sein.

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 29. Jahrgang. 1909. S. 156 – 158.