Neukirchen

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Nach v. Süßmilch-Hörnig ist die einzige Talburg, die überhaupt im Erzgebirge gestanden hat, das in der fast einen Kilometer breiten Aue des Würschnitzbaches mitten inne gelegene Schloß zu Neukirchen (SSW von Chemnitz). Dasselbe erhebt sich auf dem rechten Ufer des Baches, der sich in seinem Laufe um es herum krümmt, sodaß es auf allen Seiten von Wassergräben umgeben war, und befindet sich in der Nähe des niederen Endes von Klaffenbach sowie des oberen Endes von Harthau. Letzterer Umstand will beachtet sein. Das Dorf nämlich, nach dem das Schloß und sein Rittergut heißen, das übrigens vom linken Ufer aus nordwestwärts sich erstreckt, tritt zum ersten Male um 1200 unter dem Namen Nova ecclesia in einem Zinsregister des von Kaiser Lothar im Jahre 1136 begründeten Bergklosters zu Chemnitz auf.17) Dieser Name der Ortschaft gibt uns zu denken: er führt uns in die Zeiten der frühesten deutschen Besiedelung des Würschnitztales; als das Dorf angelegt ward, muß es noch nicht viel Gotteshäuser in seiner Umgebung gegeben haben, da diese „neue Kirche“ als ein Merkmal besonderer Art der ganzen Niederlassung den ihr eigentümlichen Namen verleihen konnte. Letzterer läßt nun darauf schließen, daß sie für die Leute eines dazu gehörigen Herrensitzes erbaut worden sei. Derselbe scheint dann aber älter zu sein und in diesem Falle seinen besonderen Namen besessen zu haben, mit anderen Worten: existierte überhaupt eine Burg Neukirchen, dann hat sie vordem einen anderen Namen geführt. Läßt sich nun jene Voraussetzung wahrscheinlich machen?

Soviel steht jedenfalls fest, daß das eben erwähnte Bergkloster niemals die Burg sein eigen genannt hat. Sie kommt weder in dem Inventarverzeichnis von 1541 noch sonst in irgend einer Urkunde des Klosters vor. Wohl aber will beachtet sein, daß nach einem Dokumente, das bis 1597 im Originale sich im Chemnitzer Schloßarchiv befand, die Gebrüder Heinrich, Klaus und Friedrich v. Winckell im Jahre 138218) den Wald bei Neukirchen, den sogenannten „Winckler Forst“, an das Kloster19) für 50 alte Schock veräußern. Man hat nun gemeint, das weiter nicht bekannte Geschlecht v. Winckell nenne sich wohl nach einer Wüstung in der Gegend von Neukirchen. Das wird aber nicht zutreffen: es ist keine solche Wüstung vorhanden, und der Sitz der Brüder ist 1382 die Burg (bei) Neukirchen gewesen, die sie aller Wahrscheinlichkeit nach von den Herrn von Waldenburg zu Lehn genommen haben, als sie sich in der Gegend, wir wissen nicht, ob im 13. oder 14. Jahrhundert niederließen. Denn jene Dynasten besaßen die Orte Leukersdorf, Seifersdorf, Jahnsdorf und Meinersdorf, die im Westen der Kirchfahrt Neukirchen liegen, und die Dörfer Harthau, Berbisdorf und Eibenberg, welche wir im Osten derselben antreffen. Ihre eingepfarrten Beidörfer selbst als Stelzendorf, Adorf, Klaffenbach und Markersdorf bildeten mit Ausnahme des letzten genau wie der Pfarrort mit einem größeren oder kleineren Teile der zu ihnen gehörigen Fluren Bestandteile des ältesten Güterkomplexes, der dem Chemnitzer Bergkloster zugehörte. Seine Umklammerung durch herrschaftlich Waldenburgische Besitzungen von zwei Seiten her darf jedenfalls nicht außer acht gelassen werden: die Burg (bei) Neukirchen würde den Mittelpunkt dieser Besitzungen und des ältesten Klostergebietes innerhalb der Neukirchner Pfarrei darstellen, das früher auch in den Händen der Dynasten von Waldenburg sich befunden haben müßte. Nun kommt andererseits hinzu, daß gemäß der Pfarrmatrikel des benachbarten Kirchdorfes Harthau von wüsten Gütern Bauern aus Altchemnitz, Klaffenbach, Markersdorf und Helbersdorf Geld- und Getreidezinsen dem Geistlichen zu entrichten hatten. Hier handelt es sich um die sogenannte Wüstung „Alte Harth“; so heißt sie nach jenem Kirchdorfe, das seinerseits vom „Harttwaldt“ seinen Namen empfing. Wie lautete aber der ursprüngliche Name des wüsten Dorfes?

In den Jahren 1382 und 1387 taucht die Namensform Wartta auf. Man identifizierte sie mit Harthau und sagt wohl, es sei ein Schreibversehen; allein das zweimalige Auftreten sollte doch stutzig machen. Es handelt sich vielmehr um eine Ortschaft namens Wartha, die sich von Harthau ab bachaufwärts nach dem Neukirchner Schlosse zog und ihren Namen von diesem, der „Warte“, erhalten hatte. So hieß der alte Herrensitz, neben dem sich die „neue Kirche“ erhob. Damit trifft nun aufs allerbeste zusammen, daß die Herren von Waldenburg, die sich urkundlich erst 1200 nach dem in der Zeit von 1165 – 1172 erbauten Muldenschlosse nannten, früher sich nach einem älteren Sitze als „die von der Warte“ (de Wart[h]a, Warte, Warda, Warde) bezeichneten. Der Erbauer von Waldenburg, der häufig in Urkunden von 1168 – 1188 auftritt und der erste und bekannte kaiserliche Landrichter des Pleißenlandes ist, hieß ja Huch (Hugo) von Warthe, und noch im Jahre 1188 erscheint ein Laie Hugo der Jüngere v. Warde, in den Jahren 1218 und 1223 unter den Naumburger Domherren ein Hugo v. Warda. Die alte Burg Wartha, die sonst nicht zu identifizieren wäre, lag demnach im Würschnitztale und deckt sich mit dem heutigen Schlosse zu Neukirchen. Der ganze Bau ist im Grundrisse nahezu quadratisch, und nur ein paar rechteckige Vorsprünge deuten auf einen vor Zeiten vorhandenen größeren und kleineren Turm. Sonst aber ist die ursprüngliche Lage nicht mehr sicher erkennbar. Der innere kleine Hof war vermutlich auf zwei Seiten durch Mauern mit Wehrgängen geschlossen, während Gebäude die andern beiden Seiten bildeten. Breite Wassergräben verstärkten, wie gesagt, nach allen Seiten hin die Verteidigungsfähigkeit der alten Feste.

Ihre Geschichte liegt, wie wir sahen, im Dunkeln. Nur zwei Lichtblicke boten sich dar: die Beziehungen der Herren von Waldenburg zu ihr, wodurch wir auch ihren alten Namen kennen lernten, und der Gebrüder von Winckell. Mehr erfahren wir erst seit der Reformation über sie: im Jahre 1543 saß zu Neukirchen der reiche Annaberger Bürger Wolf Hühnerkopf, der die früher zu dem Chemnitzer Bergkloster gehörigen Dörfer Neukirchen, Klaffenbach und Burkhardtsdorf für 7000 Gulden kaufte. Seiner Familie folgte, nachdem das Rittergut zeitweilig im Besitze eines Herrn v. Gröbel und des sächsischen Kurfürsten selber gewesen war, die Familie v. Taube, die im Jahre 1615 den Besitz antrat und ihn 2 Jahrhunderte hindurch (bis 1819) behauptete. Heutzutage hat die Familie Clauß seit mehreren Jahrzehnten Schloß und Rittergut Neukirchen inne; zwischen sie und die Familie v. Taube, an die noch das große, kunstreich gearbeitete Wappen mit der Jahreszahl 1616, welches, von Engelsfiguren gehalten, samt dem v. Schönbergschen das Portal schmückt, und eine geschmackvolle Wetterfahne auf einem kleinen Nebengebäude mit der gleichen Jahreszahl erinnern, schiebt sich als früherer Besitzer noch der Kaufmann Hänel aus Schneeberg ein. Fragen wir am Ende noch nach der Entstehungszeit der Burg Wartha-Neukirchen, so sehen wir uns nur auf eine Vermutung angewiesen: wir kommen auf Grund obiger Wahrnehmungen in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts, genauer wohl in die Zeit zwischen 1136 – 1168, d. i. zwischen die Gründung des Klosters Chemnitz und das erste urkundliche Auftreten des Edelfreien (nobilis) Huch de Warta.

16) Auf Wunsch und der Vollständigkeit wegen werden wir zur Ergänzung dieses Abschnittes anhangsweise (D) auch die Burgen im nördlichen Vorgelände des mittleren Erzgebirges behandeln, nämlich: 46. Lichtenwalde; 47. Frankenberg; 48. Sachsenburg; 49. Blankenau und 50. Rabenstein

17) Codex diplomaticus Saxoniae regiae II, 6, 303. S. 265, Z. 7: In nova ecclesia V sol (idi), d. i. ¼ Mark Silber. (1 marca [Pfund] = 20 solidi [Schilling], jeder zu 12 denarii [Pfennig] – früher waren Zähl- und Gewichtspfund identisch, und eine Mark oder ein Talent Silber besaß etwa nach dem heutigen Münzfuße den Wert von 33½ Reichsmark.) Im Vergleich zu den übrigen in dem betreffenden Register aufgeführten Dörfern war der Besitz des Klosters damals noch nicht sehr umfänglich. Er ist aber nach und nach gewachsen und erstreckte sich bei Einführung der Reformation (1539 – 1541) über das ganze Dorf, das 55 Bauern und 29 Hausgenossen zählte und über 27 Schock Groschen an Zinsen entrichtete.

18) Cod. dipl. Sax. reg. II, 6, 377. S. 336

19) 1541: „Der Neukirchner waldt hat jerlichen gegebenn biß in XL, auch biß in L fl. (Gulden), gybt auch jerlich LX klaffter buchenholtz, ßo etzliche dorffer machen und ins closter fhuren musßen. Gybt auch jerlich biß in XX ß. (Schock) brett etc.“

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 28. Jahrgang. Nr. 11 v. November 1908. S. 162 – 163.