Greifenstein

Man hat das Dasein einer Feste dieses Namens bezweifeln wollen, allein mit Unrecht. Das Lehnbuch Markgraf Friedrichs des Strengen verzeichnet um 1350 den Edlen Johannes den Älteren von Waldenburg als beliehen mit Wolkenstein, Greifenstein, Zschopau und Scharfenstein samt den dazu gehörigen Vasallen, Rechten, Einkünften und Zubehörungen. Zu den letzteren zählten auch der Silberabbau und der Zinnschurf, und grade diese Rechte werden als „Bergwerk“ und „Zinnwerk“ hinter Grifenstein aufgeführt. Es handelt sich hierbei hauptsächlich um das an Silber und Zinn so ertragreiche Bergwerk von Ehrenfriedersdorf, um des willen die Markgrafen von Meißen mit den Herren von Waldenburg in den Jahren 1377 und 1407 wichtige Verträge schlossen. Das damalige Dorf, wie noch sein heutiger Name ja bezeugt, welches 1377 Marktgerechtigkeit besaß, lag ebenso wie die Orte Geyer (1437 noch Dorf), Schönfeld, Tannenberg (links der Zschopau), Jahnsbach, das Oberdorf und das Niederdorf zum „Thumb“, d. i. beim Dome, im Bezirke des Schlosses Greifenstein.32) Für dessen Existenz spricht nun noch jener Garantievertrag, den Kaiser Karl IV. samt seinem Sohne Wenzel, dem Könige von Böhmen, mit den meißnischen Markgrafenbrüdern Friedrich, Balthasar und Wilhelm am 25. November 1372 abschloß. Ihnen gelobt er darin, sie nicht zu schädigen noch zu hindern, „an den slozsen Luterstein (bei Zöblitz), Ruwenstein (bei Lengefeld), Scharfenstein, Gryfenstein, Wolkenstein.“ Hieraus geht schlagend hervor, daß ein Schloß Greifenstein in der Zeit von 1350 – 1372 sicher bestanden und in der Nähe von Wolkenstein und Scharfenstein gelegen hat. Im Jahre 1437 muß es verschwunden gewesen sein, da hier die Dörfer Thum, Geyer und Ehrenfriedersdorf33) als Zubehör des an den Freiberger Münzmeister Liborius Senftleben verkauften Schlosses Scharfenstein auftreten.

Schloss
Wachtturm in Geyer.

Es wäre nun möglich, daß die Burg wie die zu Tannenberg den hussitischen Kriegsstürmen zum Opfer gefallen sein könnte, allein es ist doch merkwürdig, daß so gar nichts in der sagenhaften Erinnerung des Volkes sich erhalten hat, was auf den Standort der alten Feste hinweisen würde. Es fehlt hier so an jeglicher, auch der leisesten Spur, daß man eben, wie oben bemerkt, überhaupt ihr Dasein verneinte. Ich rechne jedoch noch mit einer anderen Möglichkeit. Den alten ehrwürdigen Bergfrit des Schlosses Greifenstein erblicke ich in dem Wachtturm der Stadt Geyer östlich derselben an der Höhe des Geyersberges, der anscheinend durch Hieronymus Lotter im oberen Teile so ausgebaut ward, wie er jetzt dasteht. Sein Unterbau ist quadratisch, und aus ihm entwickelt sich achteckig der schmucklose Turm, der in seinem Innern 4 Glocken birgt. Allein nicht nur der Turm zeugt für das Vorhandensein einer früheren Feste. Wir müssen wissen, daß die frühere, im Jahre 1491 durchs Feuer zerstörte Pfarrkirche der Stadt, dem heiligen Nikolaus geweiht, nach Ehrenfriedersdorf zu lag. Die jetzige aber, die im Umbau begriffen ist, besteht baulich aus zwei Teilen. Der ältere von ihnen, der in Schiff und Vorhalle zerfällt, stammt aus der Mitte des 15. Jahrhunderts und ist wohl identisch mit einer 1476 urkundlich aufgeführten Kapelle, die den heiligen Lorenz zum Schutzheiligen hatte, während der jüngere, vordem von einem schlanken Dachreiter gekrönt, nach einer Inschrift 1506 vollendet ward. An jenen älteren Teil schließt sich der Turm, der seit 1491 die sogenannte Prinzenglocke trägt, wahrscheinlich auch ein Rest der alten Burg, der dann kirchliche Verwendung fand. Beachtenswert vor allem aber ist das Mauerviereck, das ziemlich regelmäßig am Geyersberge angelegt war, das in seinen Grundlagen noch ziemlich erkennbar ist, und dessen Eingang eben der große Wachtturm schützte, während kleinere, längst verschwundene Türme an den Ecken der Ummauerung sich erhoben. Einen Teil des von dieser Befestigung umschlossenen Raumes bildet der Kirchhof zu St. Lorenz, den andern, südlich an den Friedhof grenzend, das Rittergut Geyersberg. Vielleicht war Geyer (gyher) der Name des Luginlandes der Feste Greifenstein: er würde bedeuten der „Anzeiger“ (mittelhochdeutsch: jehen = sagen, bekennen, angeben: ich gihe, er giht), und von ihm hätte dann das Dorf „zum Geyer“ seinen Namen erhalten, das 1407 Marktgerechtigkeit hatte und später zwischen 1437 und 1456 zur Stadt erhoben ward. Man spricht jetzt, trotzdem nur ein Berg vorhanden ist, von den „Greifensteinen“; es läßt sich fragen, ob nicht der Geyersberg und der Schlegelsberg vordem diese ihre Namen noch nicht trugen, sondern ebenfalls Greifenstein hießen, etwa so, daß der heutige Greifenstein (716 m) den „großen“, der Schlegelsberg (697 m) den „mittleren“ und der Geyersberg (634 m) den „kleinen“ Greifenstein repräsentieren würden. Dann allerdings würde der Name der Feste am heutigen Geyersberg, der seine jetzige Bezeichnung erst von der Stadt durch die Anlage eines Freihofs erhielt, noch verständlicher werden. Allein zur Zeit muß diese Frage in der Schwebe bleiben, und wir begnügen uns damit, die Existenz der Feste Greifenstein im 14. Jahrhunderte urkundlich erhärtet zu haben.

32) Thumb = Dom, denn das Rittergut Thum war früher ein geistliches Gestift, ein sogenannter „halber Thum“, d. h. ein kleines Kollegialkapitel. Das Oberdorf fordert (vgl. Stollberg) notwendig ein Niederdorf. An seiner Stelle entstand die Stadt, nach ihrem Gotteshause, das zwischen Ober- und Niederdorf lag, genannt. Noch 1437 galt Thum als Dorf, genoß aber 1407 die Marktgerechtigkeit wie auch Geyer. Bei den Ortsnamen Ober- und Niederdorf ergänze man: „zum Greifenstein“.

33) Die Stadt erhält in diesem Jahre als Zierde ihres Marktplatzes das Denkmal Friedrichs des Streitbaren, in dem man den Verleiher des Stadtrechtes erblicken will. Jedermann wird sich an dem prächtigen Schmucke freuen. Allein geschichtlich berechtigt ist man nicht, den Markgrafen als Gründer der Stadt anzusehen. Dagegen spricht schon ihr Wappen: der Ring mit dem Saphir; es ist dasjenige der Wolkensteiner Linie der Herren von Waldenburg, die bis 1456 ihre Grundherren waren.

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 29. Jahrgang. Nr. 2 v. Februar 1909. S. 24 – 25.

Nachtrag Hier möchte ich aus Lehmanns „Historischen Schauplatze“ seines Sohnes, des Annaberger Superintendenten Johann Christian, „Beschreibung des Greifensteins, wie er Anno 1693 den 7. Augusti befunden worden“, heranziehen. Darin heißt es u. a.: „Unter einem grossen Felß, allwo der Vermuthung nach das alte Schloß gestanden, ist ein offenes Loch zu sehen“ usw., ferner: „Es hat das Ansehen, daß vor alten Zeiten der Platz zwischen 2 hohen Felsen sey mit Mauren eingeschlossen gewesen, wie man denn die rudera (Ruinen) des alten Gemäuers sehen kann, auch bißweilen dicke Schirbel von Töpfen, Nägel, Eisenwerck, Pfitzschpfeile, Todtengebeine, Schweinszähne, alte unbekandte Schlüssel, Gräten von Stockfischen findet. Vor 8 Jahren (1685) ist ein klein silbern Ringlein mit Creutzlein und Buchstaben des Namens Maria gefunden worden. Man findet auch Kalck, der auch an alten Mauersteinen klebt etc., wovon ich etliches selbst gesehen. Und ist die Vermuthung, es wäre ein Raub-Schloß da gestanden, von welchem die Räuber denen andern auf dem Schellenberg, wo itzo Augustburg stehet, hätten Zeichen geben können“. Die Vermutung erweitert sich auf Grund von Urkunden zur Tatsache; ob aber das slozs Gryfenstein (1372: Hauptstaatsarchiv Dresden, Orig. Nr. 4036) grade ein Raubschloß war, darf billig bezweifelt werden.

Läßt sich der Standort der ehemaligen Burg auf dem Greifensteine sicher stellen, dann ist der Wachtturm zu Geyer, den wir früher als ihren Donjon ansahen, samt den Kirchhofsmauern und den verschwundenen Ecktürmen ein Beweis dafür, daß der Geiersberg (mons Geieris, d. h. Berg [= Burg] des Gerhardt) ein fester Platz (nicht grade ein castrum, wohl aber eine munitio) war. Es war die Zitadelle der neuerstehenden Bergstadt, die ja laut Siegel anfangs ebenfalls mons Geieris hieß. Man denke übrigens an die Geiersburg bei Graupen östlich vom Mückentürmchen.

(Fortsetzung folgt.)