Erdmannsdorf

Noch im Jahre 1829 stand hier nahe dem Platze, wo jetzt das stattliche Schloß sich erhebt, dessen Bau Mitte April 1830 begann, das „Steinhaus“, d. h. die alte Burg der Edlen v. Erdmannsdorf nebst ihren Nebengebäuden. Bei den Aufräumungsarbeiten, die im Herbste 1829, als man sie abbrach, ihren Anfang nahmen, fand man Pfeilspitzen und Fußangeln, ein Zeichen, daß kriegerische Stürme über sie hinweggebraust sind. Wall, Graben und Zugbrücke waren schon früher verschwunden. Damit fällt auch die Möglichkeit hin, von der alten Anlage der einstigen Burg reden zu können. Der Erbauer des neuen Schlosses war der damalige sächsische Gesandte in Paris, der Geheimrat Hans Heinrich v. Könneritz, der 1821 das Rittergut Erdmannsdorf mit der alten Burg dem früheren Besitzer Hans Heinrich v. Elterlein um 80.000 Thaler abkaufte. Seine Familie besitzt noch heute Erdmannsdorf. Der Verkäufer hatte es von seinem Vater geerbt, der es seinerseits 1801 von einem v. Jagemann erworben hatte. Vor diesem hatte es seit 1484 die Familie v. Schütz mit einer gewissen Unterbrechung36) ihr eigen genannt: ihr Ahnherr und der erste Besitzer von Erdmannsdorf aus ihren Reihen war der Chemnitzer Bürgermeister Ulrich Schütze, von dem es sein Sohn Georg erbte. Vorher tauchen im Vorbesitze auf: seit 1468 die v. Rüdigsdorf, die einem Heinrich v. Schönberg folgten, 1445 Kaspar v. Rechenberg. Bis in den Anfang des 15. Jahrhunderts hinein, jedenfalls noch 1399 hausten die v. Erdmannsdorf, dazumal vertreten durch den Ritter Hans (Jenchinus), auf der Stammburg ihrer Väter.

Auch das edelfreie Geschlecht der Herren v. Erdmannsdorf also dürfen wir für unser Erzgebirge in Anspruch nehmen. Daß sie nobiles et barones des Pleißnerlandes waren, dafür beweist eine Urkunde des Edlen Dietrich von Leisnig, datiert von Altenburg 2. Mai 1291, die als Zeugen vor verschiedenen milites simplices (einfachen Landsassen) unter den viri nobiles neben den Vögten von Plauen, den Burggrafen von Altenburg und Leisnig, den Edlen von Waldenburg und Colditz auch den dominus Johannes de Erthmarsdorf angeführt. Zum ersten Male in einer meißnischen Urkunde tritt 1206 zu Dresden als Zeuge auf ein Werner v. Erdmannsdorf. Der Träger desselben Namens, wohl dieselbe Person, kommt schon 1191 in einer Urkunde für das Kloster Eisenberg vor. Fragen wir nach den Dörfern der Burg, so werden wir nicht fehl gehen, wenn wir den Umfang der Parochie Erdmannsdorf bis zum Jahre 1853 berücksichtigen: außer dem Burgorte selber Bernsdorf, Cunnersdorf und Dittmannsdorf. Letzteres stand 1322 denen v. Rechenberg, Verwandten derer v. Erdmannsdorf: wir begegneten schon Gliedern der Familie, dem einen als Besitznachfolger (1445), dem andern als Mitburglehner zu Zschopau (1299). Auch Ober- und Niederhermersdorf war ein Besitztum der Erdmannsdorfer (1290), das damals in die Hände des Chemnitzer Bergklosters überging. Wann die Burg Erdmannsdorf, der Stammsitz des Geschlechtes, das später in der Freiberger Pflege, im Osterlande und in Böhmen ansässig war, erstand, wissen wir nicht. Wahrscheinlich erfolgte der Bau in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts. Über 200 Jahre hat sich das edle Geschlecht im Erzgebirge gehalten, das einen schmalen Streifen an dem linken Ufer der Zschopau besiedelte und festhielt, solange es eben dies vermochte, zumal ja sein Besitz nie umfänglich war.

36) Diese trat zwischen 1621 und 1652 ein: 1621 kommen Hans Heinrich v. Schönberg, 1624 Georg Rudolf v. Allnpeck, dann die v. Klinger und Rudolf v. Schmerzing († 1646) als Inhaber des Rittergutes vor.

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 29. Jahrgang. Nr. 5 v. Mai 1909. S. 65 – 66.