Einsiedel

Ehe wir über die mutmaßliche Lage der alten Stammburg des noch heute in unserem Vaterlande blühenden und in der Geschichte desselben eine bedeutsame Rolle spielenden Geschlechts derer v. Einsiedel sprechen, bedarf es einiger kurzen Worte über die Familie selbst. Man liest zuweilen, so noch in der „Neuen Sächsischen Kirchengalerie“ (Ephorie Borna), daß dieselbe um 1370 aus Böhmen ins Meißner Land eingewandert sei und als erstes Besitztum Prießnitz bei Borna erworben habe. Daß Prießnitz ihr erster Erwerb in der Bornschen Pflege war, mag als richtig dahingestellt bleiben; aber daß die v. Einsiedel aus Böhmen stammen sollen, ist unrichtig. Umgekehrt ging von Meißen ein Zweig aus, der in Böhmen Wurzel faßte. Denn der Pirnasche Mönch, Johann Lindner, Luthers Zeitgenosse, berichtet, daß die v. Einsiedel iren ankunft vom Einsidel czwischen Kempnicz und dem Thum hätten, do ein reicher einsidel gesessen soll haben. Die älteste urkundliche Erwähnung betrifft 1299 den soeben erwähnten Zschopauer Burglehner Guntherns de Einseidelen. Der Komplex der ältesten Einsiedelschen Besitzungen aber begreift in sich die Dörfer: Einsiedel, Erfenschlag, Dittersdorf, Reichenhain und Kemtau oder, wie es in alterstümlicher Form heißt, Kempnat. Bis auf den letzteren Ort bildeten die ersten vier Dörfer auch eine kirchliche Gemeinschaft: in Einsiedel stand die Pfarrkirche, in Reichenhain (das späterhin sich auspfarrte), durch einen „Pfaffensteg) verbunden, und in Dittersdorf, für die Nordhälfte bestimmt, je eine Kapelle.35) Kemtau pfarrt nach Burkhardtsdorf, aber der ehemalige Einsiedelsche Patrimonialbesitz und sein Name selbst geben zu denken. Kempnat oder, wie es wohl auch heißt, Kemnot erinnert uns an das mittelhochdeutsche kemenate (lateinisch caminata). Der Ort hat also von einem ritterlichen Hause seine Bezeichnung empfangen: zu der Kemenaten. Das kann auf nichts anderes gehen als eine feste Wohnung derer v. Einsiedel, die in der Nähe des jetzigen Ortes gestanden hat, wenn nicht alles trügt, auf dem sogenannten Burgsteine im Zwönitztale.

Ob das freilich die erste Burg derer von Einsiedel war, steht noch dahin. Man wird dieselbe in der Flur des Ortes Einsiedel selbst zu suchen haben. Der Name stammt aus einer Zeit, wo die Gegend noch ziemlich unangebaut dalag. Er hat nichts zu tun mit einem frommen Einsiedler, der hier hauste, und dessen Bild noch heute im Einsiedelschen Wappen sich findet. Einsiedel bedeutet „einsame Niederlassung“; damals war alles bewaldet, wie noch der Name des Nachbarortes Erfenschlag, d. i. Waldhau des Erfo, klar bezeugt. Da nun in Einsiedel selbst nie ein Rittergut bestand, wohl aber in Dittersdorf, das, durch Ankauf von Bauerngütern vergrößert, erst für sich bestand und dann mit Weißbach kombiniert ward, so möchte ich das nördliche Dittersdorf als ursprünglich in der Flur von Einsiedel gelegen, wofür auch das kirchliche Verhältnis spricht, und als von dem Gebiete des herrschaftlichen Allodialbesitzes abgebaut betrachten. Dabei wäre es sogar nicht unmöglich, daß der Name Dittersdorf erst von der jüngeren Südhälfte auf die ältere Nordhälfte des Ortes überging. Wir nehmen also an, daß das ursprüngliche Rittergut Dittersdorf sich mit dem allodium Einsiedel deckt, und so rückt es in die Nähe der „Kemenate“ Einsiedel. Dieselbe verlor ihren Namen durch die Entstehung von Dittersdorf und ward nun die Kemenate, später von ihren Bewohnern verlassen, die auf dem Gutshofe zu Dittersdorf saßen, allwo auch ihre Haukapelle stand; die Erinnerung an die alte Burg erhielt nur das in ihrer nächsten Nähe entstandene und nach ihr benamste Kemtau. Jedenfalls sind die v. Einsiedel ein echt erzgebirgisches Geschlecht, das seinen Stammsitz im Zwönitztale hat, und mit größter Wahrscheinlichkeit suchen wir das Schloß ihrer Väter auf dem Burgsteine bei Kemtau. Von seinen Mauern und Gebäuden ist freilich kein Stein auf dem andern geblieben. Ob die v. Einsiedel Edelfreie oder Ministerialen des Reiches waren, wissen wir nicht. Jedenfalls traten sie im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts mit Chemnitz und Umgebung unter die Landeshoheit der Wettiner. Sie haben ihren ursprünglichen Besitz aufgegeben, nur in Scharfenstein haust ein Zweig der erzgebirgischen Adelsfamilie in der alten Heimat fort. Die übrigen sitzen im Wyhratale auf Gnandstein, Sahlis (früher Kohren), Wolftitz und Benndorf, zu Prießnitz und zu Wolkenburg.

35) Die Südhälfte des Dorfes hielt sich anfangs kirchlich zu Weißbach, Filial von Gelenau, wohl ein Zeichen, daß sie später als die Nordhälfte entstand, verband sich dann 1579 mit derselben, Filial von Einsiedel, und ging dann zusammen mit ihr 1680 ein Filialverhältnis zu der Pfarrkirche zu Weißbach, die dazu 1673 erhoben ward, ein und löste es schließlich 1885 auf.

(Fortsetzung folgt.)

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 29. Jahrgang. Nr. 4 v. April 1909. S. 52 – 53.