Einleitung

Schon seit längerer Zeit beschäftigte mich der Gedanke, den Burgen unserer erzgebirgischen Heimat eine zusammenfassende Beschreibung zu widmen. Neue Nahrung empfing dieser Gedanke durch das Erscheinen eines Burgenbuches für die sächsische Schweiz, welches Dr. Meiche im vergangenen Jahre im Auftrage des „Gebirgsvereins für die Sächsische Schweiz” herausgegeben hat. Was freilich dort geboten wird, kann nicht mit einem Male für das Erzgebirge geschaffen werden; dazu bedarf es längerer wissenschaftlicher Vorarbeit, die nicht der einzelne Forscher allein leisten kann, sondern zu der es des einträchtigen Zusammenwirkens aller Geschichtsfreunde unserer Erzgebirgsvereine bedarf. So will denn auch die vorliegende Arbeit nichts anderes als eine Anregung sein und gleichsam die Richtlinien für ein künftiges Burgenbuch des Erzgebirges für Sachsen darbieten.

Wohl fehlt es nicht an einzelnen Vorarbeiten. Vor allem ist hier hinzuweisen auf den Aufsatz „Burgen im Erzgebirge“, den von Süßmilch gen. Hörnig in den „Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft zur Erforschung vaterländischer Sprache und Altertümer in Leipzig“ (VIII, 1890. 3. S. 38-67) veröffentlicht hat. Die dort gemachten Angaben verwertet der Verfasser in seinem bekannten Werke „Das Erzgebirge in Vorzeit, Vergangenheit und Gegenwart.“ Allein gar manche dieser Angaben, so z. B. die Bauzeit der einzelnen Burgen, ist kritisch zu beanstanden. Noch mehr bedarf das Buch „Die interessantesten alten Schlösser, Burgen und Ruinen Sachsens“, das v. Metzsch verfaßt hat und worin er kurz auch die Burgen des Erzgebirges behandelt, der Sichtung. Auch die zahlreichen Einzelartikel, auf die ich nicht näher eingehe, verlangen eine solche, zumal sie oft alte historische Irrtümer beinhalten.

Ein gut Stück Heimatgeschichte ist mit den Burgen verbunden. Hier waren die Sitze der Dynasten- und ritterlichen Geschlechter, die von Einfluß auf die Geschicke und Kultur des Erzgebirges waren. Manche von ihnen sind erloschen, und nur die alten Schlösser, zum Teil in Ruinen zerfallen, bewahren für den Kundigen die Erinnerung an sie auf. Wie stehen ferner diese Burgen als Mittelpunkte mit der Besiedlung und dem Anbau der betreffenden Landstriche in Zusammenhang! Wie so manche Burg hat die Gründung eines Städtleins hervorgerufen; das Städtlein ist geblieben, hat sich zuweilen schön entwickelt, während die Burg in Trümmer gesunken ist. An die Burgen knüpft mit Recht das Interesse der Ortsgeschichte, die Forschung der Lokalhistoriker an, wenn es sich um die Beantwortung der Frage handelt: Wie schaute es vor so und so viel Jahrhunderten in unserer Gegend aus? Es ist wohl eine Frage, die sich dem denkenden Reisenden aufdrängt, wenn er durch die Natur ausgezeichnete Punkte und Gegenden besucht, die Frage: Welche Menschen haben hier in früherer Zeit gehaust und gelebt, gelitten und gestritten, sind gekommen und nun längst wieder gegangen und vergangen?

Bei dieser Gelegenheit sei auf eines aufmerksam gemacht! Oft schwinden die Reste alter Zeiten schnell dahin und lassen sich in ihrem Verfalle nicht aufhalten. Aber soweit sie noch erkennbar ist, möge die alte Anlage einer Burg, wie sie in den Substruktionen neuer auf ihrem Grunde errichteter Gebäude uns entgegentritt, in einem Plane festgehalten werden! Hierzu möchte auch diese Arbeit in den einzelnen Zweigvereinen den oder jenen, der für diese Bestrebungen eine Vorliebe besitzt, an ihrem Teile anregen. Nicht minder gilt es, was ja für den Ortseingesessenen leicht zu bewerkstelligen ist, Obacht zu geben, wenn an der Stätte von Ruinen Nachgrabungen vorgenommen werden, weil sich dabei wertvolle Fingerzeige für die Burgenkunde ergeben.

Wir umschreiben nun das Gebiet, dem unsere Darstellung gewidmet ist. Am einfachsten liegt die Sache im Süden: hier kommt die jetzige böhmisch-sächsische Landesgrenze in Betracht. Westlich stoßen wir auf das Vogtland, östlich auf die sächsische Schweiz. Hier nehmen wir die Begrenzung Dr. Meiches an, der die Sächsische Schweiz bis an die Müglitz ausdehnt. Nur beanspruchen wir dann Bärenstein und Lauenstein für das Erzgebirge, während wir Kuckuckstein bei Liebstadt auslassen. Diese drei Schlösser sollen nämlich in einer Neuauflage des Burgenbuches der Sächs. Schweiz berücksichtigt werden. Dem Vogtlande fallen zweifelsohne die Burgen zu Schönfels, zu Mylau, zu Auerbach, zu Falkenstein und zu Schöneck zu. So bleibt nur der Norden übrig. Als Richtlinien nehmen wir dabei an: den Lungwitzbach bis zu seiner Quelle, den Kappelbach bis zu seiner Mündung, die Luftlinie Chemnitz-Flöha-Bräunsdorf-Halsbrücke-Tharandt, den Unterlauf der Roten Weißeritz und den Oberlauf der Müglitz.

Innerhalb dieser Ausdehnung suchen wir die Gegenstände unserer Darstellung. ... Das Verzeichnis lautet nun also:

Wir beginnen nun in der eben angegebenen Reihenfolge die Beschreibung der einzelnen Burgen.

Quelle: Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins. 28. Jahrgang. Nr. 3 v. März 1908. S. 33 – 35.