Nicht Balberg sondern nur Belberg

Inwieweit eine in der Volksphantasie und Rockenstubenüberlieferung durch kritiklose Bücher, Predigt und einen ihnen folgenden Schulunterricht übergangener gelehrter Verirrung die Beibehaltung des Lese- oder Schreibfehlers Anton Wecks an zwei, weit von einander arbeitende Heimatforscher in bezug auf zwei verschiedene Urkunden stützte und etwa gar eine stillschweigende Verbesserung von Schreibfehlern der 2 Urkunden sein sollte, bliebe noch zu untersuchen und könnte rückwärts von Albert Schiffners Ausführungen im Handbuche der Geographie, Statistik und Topographie des Königreiches Sachsen 1839 I. S. 272, erfolgen. Dort heißt es „Der Name Balberg ist, obwohl nicht unmittelbar für ihn, sondern für die Burg und Herrschaft, die darnach benannt werden, der urkundliche (??!) und spricht der Volkssage das Wort, es sei ein Götze Biel oder Baal (denn eine solche Verwechselung darf uns aus dem Munde des Volkes nicht wundern (??!) auf demselben verehrt worden, wie bei Frohnau der Götze Prono (??!) und bei Crotendorf der Crodo (??!). Andere wollen den Namen nicht erst mittels des Bilovogs, sondern unmittelbar von biely (weiß) herleiten, weil nämlich der Basalt an der Luft graulich weiß wird und daher den (1839 noch) nackten (unbewaldeten) Biel-, Scheiben- und Bärensteiner Bergen eine auffallend helle Farbe verleiht. Noch andere erinnern an die am östlichen Fuße fließende Pöhl, die zwar ebenfalls von biely (hell) benannt ist. Wir lassen Jedem seine Meinung, behaupten nur aber die Benennung Bielberg als die etymologisch richtige.“

Doch kommt Schiffner in seiner weiteren Erörterung noch einmal auf die einst modische gelehrte slavische oder deutsche Götter- und Götzenphantasie, die auch in die schöne Literatur eindrang, und die Burg Balberg zurück in den immerhin für den Heimatforscher nicht uninteressanten Sätze, von denen die hochverdienten Sagenforscher Johann August Ernst Köhler und Alfred Meiche keinen Gebrauch machten: „Ein tiefes Loch auf der Gipfelfläche (Plateaufläche des Pöhlberges), welches selten wasserleer und zugleich schwer gefunden wird, gilt beim Volke für eine Quelle, bei welcher, wie auf dem Brocken, die Hexen tanzten und darf nicht mit dem am Fuße des Berges quellenden Jungfernbrunnen verwechselt werden, von welchem schauerliche Sagen umgehen. Man wird geneigt, jenen Punkt des Hexentanzes für denjenigen zu nehmen, wo der heidnische Götzendienst (ob des Bilobog oder des harzischen Götzen Biel, bleibe ungefragt) stattgefunden. Hier kann man vielleicht einen im 17. Jahrhundert entstandenen lokalen Aberglauben bis zu seiner Wiege verfolgen. Leider bringt Schiffner keine Quellenangabe. Paul Jenisius und Georg Arnold schweigen. Hier könnte sich die dichtende Annaberger Volksüberlieferung an eine etymologische Spielerei Christian Lehmanns in seinem Historischen Schauplatz (von seinen Erben 1699 herausgegeben) angeschlossen haben. Er geht S. 39 von einer Wortableitung von Paul Jenisius Blatt 4,1 der Annabergae Misniae urbis Historia (1605): „Jenisius nennt ihn (den Pilberg) einen Tumulum á tumore (= Bühl).“ Christian Lehmann spinnt dann den Faden weiter: „von aufbielen, davon die Hexen Bielweisen genannt werden, aliis quasi Bulweisen, ab ostensis in chrystallo Amasiis dictae, weil sie auf gewissen Bergen jährlich ihren Reichstag hielten.“

Christian Lehmanns phantasievolle Leser spannen das gelehrte Garn zum Aberglauben vom Hexentanzplatz auf dem Pöhlberge. Ja, will man überhaupt eine Burg Balbergk auf dem Berge annehmen, so würde man wohl hier suchen müssen (wo sie auch Leo Bönhoff, der aber aus guten Gründen seine Meinung zurückzog, 1907 suchte, die Burg Belberg auf der gewaltigen Bergbau- und Töpferbasalttongräbereihalde bei den Kleinen Butterfässern); doch stand diese viel wahrscheinlicher auf der Wüstung Witzdorf oder Burgwalde unterm Nordwest-Abhange des Berges an der Stätte des Gütchens Riesenburg, wo man Spuren eines uralten Baues gefunden hat (S. 258). Die Lage der Wüstung Witzdorf oder Burgwalde ist aber kaum durch die zur Flur Wiesa gehörigen Riesenburg, wohl auch nicht ohne weiteres durch die Geyersdorfer Flur zu Tage getretenen Funde bei den 1884/85 und 1896 erfolgten Ausschachtungen des Rebentisch’schen Badeteiches sondern eher von den Göbelfeldern aus festzulegen, wo man in der Nähe des Oberen Bahnhofes bei dem auch die Bodenkultur fördernden Graben nach den bergfrischen, also Steinschlag vorzüglich geeigneten Basaltrollsteinen wiederholt auf verschüttete Reste und Kennzeichen ehemaliger Kulturstätten gestoßen sein soll nach Emil Fincks leider nicht näher ausgeführten Angaben in den Mitteilungen des Vereins für Geschichte von Annaberg und Umgegend V, 1896, S. 4 Anm. 1. Der Freund wissenschaftlicher Hypothesen und Spekulationen könnte prüfen, ob nicht die Burg Belberg auf dem Boden der Gastwirtschaft „Felsenkeller“ zu suchen ist und sich mit dem Siedelungsrätsel der „Siebenhäusergasse“, das zunächst nichts mit dem Stadtbrande vom Jahr 1604 zu tun hat, beschäftigen.

Doch zurück zur Benennung Balberg für Belberg. Selbst der ausgezeichnete, kritische sächsische Geschichtsschreiber Traugott Märcker gebraucht im Texte seines grundlegenden Werkes: Das Burggraftum Meißen (Leipzig, Brockhaus, 1842) stets Balberg, während er in dem dazugehörigen Urkundenbuche immer die richtige Namensform Belberg bringt (S. 531 und 538). Ihm folgt Emil Finck 1896 und diesem wieder 1924 Paul Heilmann in sonst recht verdienten Arbeiten. Bereits 1904 hat Oberstudienrat Dr. phil. Reinhold Franz demgegenüber darauf hingewiesen, daß der Grenzbach oder die Pöhla als die Bele zuerst in der Grenzbeschreibung der Herrschaft Wolkenstein vom Jahre 1430, der Berg aber bereits von 1411 an in zahlreichen Urkunden des 15. Jahrhunderts immer Belberg oder Beelberg geschrieben wird. Die Schreibung Peelberg tritt zum 1. Male 1585 urkundlich auf. Ihr folgt Albinus in seiner Chronik 1590 mit Pelberg. Die lateinischen Chroniken und Dichtungen spielen dann mit Pila mons, Pelorus, mons Pelius oder Peliacus. Johann Schreiter schreibt in seinem Decimae Metallicae oder Zehen Bergpredigten (Leipzig, Jacob Apel) 1615: S. 6 Behlberg, S. 233 Bühlberg; Georg Arnold im Chronicon Annaebergense Continuatum 1658 (veröffentlicht 1812) S. 6: Böhlbergk

Zwischen Pilberg und Pölberg schwankt Christian Lehmann (+ 1688). Franz weist auf die Möglichkeit hin, daß Balbergk durch Verzerrung aus Belberg entstanden sein könnte. Ob mundartliche Färbung der Aussprache der i, e oder ö bei Anton Weck, dem Annaberger Kinde im 17. Jahrhundert, zur Schreibung Balberg führte und nicht gelehrte Namendeutungen mit Hilfe von slavischen oder deutschen Götzennamen, bleibe Phonetikern unserer erzgebirgischen Mundart überlassen. Leo Bönhoff pflichtet mit Recht den bezüglichen Ausführungen von Reinhold Franz in der viel zu wenig beachteten ausgezeichneten Arbeit über: „Die Amtshauptmannschaft Annaberg“ im Jahresberichte des Staatsrealgymnasiums bei.

August Schumann und Albert Schiffner sind aber nicht, wie wir gesehen haben, die Urheber der irrtümlichen, den Urkunden unbekannten Namensform Balberg. Belastet erscheint ein hervorragender geschichtlicher Forscher, das Annaberger Stadtkind Anton Weck, der zwei verschiedene Urkunden aus den Jahren 1428 und 1411, in denen die Herrschaft Belberg erwähnt wird, für zwei verschiedene Heimatforscher, die weit von einander wohnten, zu verschiedenen Zeiten abschrieb, die beide mit Recht oder infolge der undeutlichen Buchstaben Anton Wecks irrtümlich Balberg lasen: Peter Beckler und Christian Lehmann, bez. Daniel Richter. Die starre Beibehaltung von Balberg von 1684 bis 1924 bildet einen Beitrag zur Geschichte des menschlichen Irrtums auf Grund des zähesten Autoritätsglaubens, selbst an die Richtigkeit eines falsch gelesenen oder erdeuteten Buchstabens

Dr. phil. Max Wünschmann

Quelle: Tageblatt Annaberger Wochenblatt (T.A.W.) Nr. 291 v. 13.12.1924