Die Herrlichkeit des Annaberger Tempels

Übernahme des Originaltextes (Orthographie leicht angepaßt)

Da man eben beschäftigt ist, die Schönheiten dieses Tempels vor der drohenden Zerstörung nach Möglichkeit zu schützen und sie für die Mit- und Nachwelt zu restaurieren, und da während dieser Restauration den dieses Heiligtum Besuchenden noch nie gekannte Kunstschätze etc. teilweise zur Betrachtung sich darbieten, so wollen wir in folgendem eine Anleitung für künftige Beschauung der (wenigstens nicht so kenntlichen) Gegenstände für die geehrten Leser des Blattes zu geben versuchen und damit auch noch eine Absicht zu verbinden bemüht sein.

Die Emporkirchen

Es stehet dieses Meisterstück der Baukunst auf 10 Schwibbögen, welche auf 12 Säulen ruhen, und ist dasselbe im Jahre 1522 angefangen und auch vollendet worden. Die Steinmetze Jacob Hellwig, Franciscus Magdeburgensis und Theophilus Ehrenfried sollen die Taufsteine, welche 1520 von Chemnitz gebracht worden sind, bearbeitet und ausgehauen haben; wie wir denn den letzteren auf der einen Tafel oder in einem Felde, welches vermutlich noch übrig war, in Lebensgröße finden.

Ferner fällt uns die Abbildung des menschlichen Alters nach seinen zehn Hauptveränderungen in die Augen, wie sie von dem männlichen Geschlechte mit einem vierfüßigen Tiere, von dem weiblichen aber mit einem Vogel bezeichnet wird und über den beiden Sakristeien zu sehen ist. Die Sinnbilder von dem männlichen Alter finden wir über der neuen Sakristei folgender Gestalt vorgestellet:

In dem ersten Felde ist ein Knabe von 10 Jahren in Stein gehauen, welcher in der Hand eine Puppe und auf dem Schilde ein Kalb führet, um dadurch seine simple jugendliche Beschäftigung, als auch seinen Mutwillen anzuzeigen.

In dem zweiten Felde erblicken wir einen Jüngling von 20 Jahren, welcher in der Hand einen Vogel und auf dem Schilde einen Bock hat, teils das Leichte und Flüchtige, teils das Geile und Streitbare in diesen Jahren zu bemerken.

In dem dritten Felde findet sich ein Mann von 30 Jahren, welcher in der Hand ein Contrefait (eigenes Bildnis) und auf seinem Schilde einen Stier zeiget, weil in diesen Jahren entweder die Bildung an Leib und Seele mit einem unermüdeten Fleiße, oder das Unleidige und Widersetzliche bei falscher Einbildung zu erkennen gegeben wird.

In dem vierten Felde stellet sich ein Mann von 40 Jahren mit einer Hellebarde in der Hand und mit einem Löwen auf seinem Schilde vor unsere Augen, um uns dadurch die Stärke, Tapferkeit und Großmut dieser Jahre, oder die schnelle Beleidigung und geschwinde Rache zu schildern.

In dem fünften Felde zeigt sich ein Mann von 50 Jahren, in dessen Hand ein aufgehobener Stab und in dessen Schilde ein Fuchs gefunden wird, weil sich in diesen Jahren sowohl Stand und Amt mit einer gewissen Würde, als auch List, Vorsichtigkeit und Klugheit miteinander verbinden.

In dem sechsten Felde tritt ein Mann von 60 Jahren auf, welcher in seiner Hand einen Geldbeutel und auf dem Schilde einen Wolf hat, um dadurch entweder die Belohnung seines Fleißes und seiner Arbeit, oder seinen Geiz und seine Habsucht in diesem Zeitalter zu bezeichnen.

In dem siebenten Felde finden wir einen Mann von 70 Jahren, welcher in der Hand ein Pater Noster und einen Hund auf dem Schilde führt, wodurch wahrscheinlich Gottesfurcht und Beten, mit Treue und Wachsamkeit, das diesem Alter anständig, oder Mißtrauen, Neid und Scheinheiligkeit, so diesem Zeitpunkte anhängig, zu erkennen gegeben wird.

In dem achten Felde erblicken wir einen Mann von 80 Jahren, an einem Stecken, welchem eine Katze auf seinem Schilde zugeeignet ist, weil sich in diesem Alter das Gebrechliche als auch Hinfällige, oder auch etwas Schlaues und Falsches, nebst einer Begierde nach seiner Freiheit aus der Welt, findet.

In dem neunten Felde zeigt sich ein Greis von 90 Jahren, mit einem Ruhebette in der Hand und mit dem Bilde eines Esels, weil in diesen Jahren ein Verlangen nach der Ruhe, nebst einer Verdrossenheit zur Arbeit und Mangel der Leibes- und Seelenstärke, bei anderen aber eine widerrechtliche Verachtung gefunden wird.

In dem zehenten Felde stehet ein abgelebter Greis von 100 Jahren, mit einer Totenbahre vor unseren Augen, welcher auf seinem Schilde den Tod zeiget, als das allgemeine Schicksal der Sterblichen.

Die Sinnbilder des weiblichen Alters finden wir in den Feldern über der alten Sakristei in folgenden Gegenständen:

In dem ersten Felde zeiget sich ein Mädchen von 10 Jahren, welches eine Puppe in der Hand und auf seinem Schilde eine Wachtel führet, um dadurch entweder die Neigung zum Spielwerk, oder das Leichte und Hurtige, so diesem Alter eigen ist, zu erkennen zu geben.

In dem zweitem Felde stehet eine Jungfrau von 20 Jahren, welche in der Hand einen Kranz und auf dem Schilde eine Turteltaube zur Gesellschaft hat, um dadurch das Keusche und Unbefleckte dieses Alters, zugleich aber auch die gesellschaftliche Liebe und Holdseligkeit zu bemerken.

In dem dritten Felde entdecken wir eine Frau von 30 Jahren, mit einem Spiegel in der Hand und mit einer Elster im Schilde, wodurch entweder die Eitelkeit, Schwatzhaftigkeit und Unbeständigkeit, oder die Fähigkeit und emsige Bemühung, Haus- und Wirtschaftsregeln zu lernen, angezeiget wird.

In dem vierten Felde stellet sich eine Frau von 40 Jahren vor unsere Augen, die in der Hand einen Bund Schlüssel und auf dem Schilde einen Pfau hat, weil dieses die Lebensperiode ist, wo entweder genaue Aufsicht über das Hauswesen, oder ein starker Hang zu Pracht und zum Stolze entdecket wird.

In dem fünften Felde bemerken wird eine Frau von 50 Jahren, welche mit einem Pater Noster in der Hand und mit einer Henne geschildert ist; sie zeiget dadurch sowohl einen Trieb zur Gottseligkeit und Andacht, als auch eine beständige Sorge für Wohlfahrt, Kinder und Gesinde.

In dem sechsten Felde sehen wir eine Frau von 60 Jahren, welche in der Hand eine Schüssel und Kanne, auf dem Schilde aber eine Gans hat, weil dadurch eine Aufmerksamkeit auf alles Nützliche im Hause, nebst Sammlung allerlei köstlichen Hausrates, oder eine schwatzhaftige und ungezäumte Zunge bemerkt werden soll.

In dem siebenten Felde zeiget sich eine Matrone von 70 Jahren, welche einen Spinnrocken in der Hand und einen Geier im Schilde führet, wodurch entweder eine einsame, doch nützliche Beschäftigung im Hause, oder ein gieriges Wesen nach zeitlichen Gütern, nebst einer unerlaubten Scharfsinnigkeit in und außer dem Hause, angezeiget wird.

In dem achten Felde stehet eine Matrone von 80 Jahren, mit einem Stocke in der Hand; auf ihrem Schilde ist eine Nachteule zu finden, weil sich in diesem Zeitalter mancherlei Gebrechlichkeiten entdecken, welche sie zur Einsamkeit nötigen und manche schlaflose Nächte verursachen.

In dem neunten Felde werden wir eine alte Matrone von 90 Jahren gewahr, welche mit einem Ruhebette in der Hand, auf dem Schilde eine Fledermaus hat, weil sie nicht allein selbst zur Ruhe geneigt ist, und einen Abscheu empfindet, sich unter menschliche Gesellschaft zu wagen, sondern auch gemeiniglich einer unbilligen Verabscheuung vor der Welt ausgesetzet ist.

In dem zehenten Felde bemerken wir eine abgelebte Matrone von 100 Jahren, mit der Totenbahre, welche von dem Tode begleitet wird, als dem allgemeinen Schicksale aller Menschen.

Eine spezielle Beschreibung der noch übrigen 80 Felder unterlassen wir teils aus Mangel an Raum, teils auch, weil sie größtenteils Ereignisse darstellen, welche hoffentlich jedem mit der christlichen und demnach heiligen Geschichte nicht ganz Unbekannten sowohl bekannt, als auch erklärbar für den Beschauer sein dürften, und in allen daher nur auf das Bild des Steinmetzen, Theophilus Ehrenfried, welcher bis zu Ende dieses kostbaren Baues fürnämlich mit Hand angeleget hat, und in Lebensgröße die Aufschrift hält:
1499 ist gelegt das Fundament,
1525 ist das Werk vollendt
die Aufmerksamkeit des Beobachters zu leiten suchen.

Von den Kirchengewölben

Wenden wir uns nun den prüfend beschauenden Blick in die höhere Region dieses Heiligtumes, so sehen wir ein Meisterstück der Baukunst in den von 12 Säulen getragenen 3 Reihen prächtig und künstlich geschlossener Bogen, aber auch eine gleiche Anzahl Säulen in der Mauer, mit den niedlich angebrachten Gesimsen angebracht.

Gewiß, wir – die späteren Nachkommen – müssen des Verfertigers derselben, nämlich des berühmten Jacob von Schweinfurt, noch in dem Grabe höchst rühmlichst gedenken, denn er war es, welcher diesen kostbaren Bau im Jahre 1517 angefangen und 1520 glücklich geendet hat.

Die an der Decke befindlichen vorzüglich schön gearbeiteten Schilder und Brustbilder gehören größtenteils in das Gebiet fürst- oder bischöfl. Wappen, sowie sich auch unter denselben mehrere Porträts von Herzögen oder Bischöfen befinden. Nur von einem, nämlich von demjenigen Schilde, welches sich in dem sechsten Bogen befindet, bemerkt man nicht, was solches darstellt: Einen Fuhrmann mit einem bespannten und beladenen Wagen voll Getreide, neben welchem einige Bergleute zu sehen sind, mit dem beigesetzten Symbole der Stadt Annaberg: „Super et Subter“, wodurch der göttliche Segen über und unter der Erden in dieser anjetzt so fruchtbaren Gegend angezeigt werden soll. Die dabei gesetzte Jahrzahl: den 26. August Anno 1689, läßt uns bemerken, wenn dieser Schild aufgesetzt worden ist. Die 4 Ecken stellen uns 4 Vorsteher in Juda nach der Babylonischen Gefangenschaft in Brustbildern vor, nämlich: Azor, Sadock, Achim und Eleazar.

Von der Bibliothek

Wer der eigentliche stifter dieser Sammlung von Büchern gewesen, ist nicht mit Gewißheit zu erforschen gewesen; doch mag wohl den Grund zu derselben Lud. Götze, Beichtvater des Herzogs Georg, gelegt haben, wie dessen in vielen Büchern derselben befindliche Hand und Unterschrift beweisen. Zu dieser kamen alsdann die Bücher, welche Johann Pfennig bis 1501 gesammelt und zurückgelassen hatte, und welche einstweilen in dem damaligen Barfüßerkloster aufbewahrt worden waren. Die diese Bibliothek bildenden Werke standen anfangs in der Kirche, höchstwahrscheinlich in einer von beiden Sakristeien, bis sie 1558 von Dr. Matthäus Klingeisen, med. pract. und Bürgermeister allhier, in einige Ordnung gebracht und in die Schule verlegt wurden. Dort befanden sie sich 69 Jahre, bis sie endlich ihre Stelle auf dem noch jetzt dazu bestimmten Platze im Jahre 1627 angewiesen erhielten.

Die Aufsicht über diese sich durch Ankäufe und gütige Schenkungen vermehrte Büchersammlung ist observanzgemäß denen amtierenden Rektoren des Lycei aufgetragen. An Manuskripten ist aber – nach Mag. Meyers Versicherung – diese Bibliothek sehr arm; doch hat sie einige Bände von sauber geschriebenen und merkwürdigen, auch raren Autographis aufzuweisen, woraus man die Hand und Schreibart mancher großen Fürsten, Bischöfe und berühmten Gelehrten der älteren Zeiten, besonders zur Zeit der Reformation Lutheri, erkennen und wahrnehmen kann.

Altäre

Es bedarf wohl gar keiner ferneren Erinnerung, daß auch unser prachtvoller Tempel dieser besonderen Auszeichnung garnicht ermangelt, sondern derselben viele gehabt und jetzt noch einige von ausgezeichneter Schönheit in sich faßt und von welchen wir in folgendem Erwähnung tun wollen.

Den Ursprung des mittelsten und zugleich auch kostbarsten Altars wollen einige alte Nachrichten (obwohl unter gehöriger Nachweisung) von einem Meuchelmorde herleiten, welcher an einem gewissen angesehenen Bürger allhier, Johann Mengemeyer, freitags vor Pfingsten im Jahre 1514 durch Wilwald Dyrmann und Hensel Ungar bei allhiesigem Kloster ausgeübt worden ist. Man versichert dabei, daß entweder eine gewisse ansehnliche Republik in Italien, oder einige vornehme Ratsherren in Nürnberg, Anstifter dieses Meuchelmordes gewesen wären und daß ihnen alsdann durch ein allgemeines Urteil der Reichsversammlung zur Straße aufgelegt worden sei, einen marmornen Altar in hiesige Kirche zu liefern. – Dagegen läßt sich aber mit weit mehr Wahrscheinlichkeit behaupten, daß dieses köstliche Stück auf die Kosten der Stadt verfertigt worden ist.

Sichere Nachrichten geben uns an, daß derselbe 3.291 Gülden (das Fuhrlohn, für einen Zentner 1 Goldgulden, mit dazu gerechnet) gekostet habe, wozu Herzog Georg 1.000 Gülden verehrte, das übrige aber die damals bereits aus den Bergwerken reich gewordenen Bürger willig zusammenlegten. Es ist derselbe zu Augsburg von einem Bürger, Mstr. Adolph, verfertigt, auf Wagen stückweise hierher geführet und in dieser Kirche 1522 von dem Verfertiger selbst künstlich zusammen und ganz im Freien aufgesetzt worden. Es soll dieser Altar – nach sicheren Nachrichten – mit allen Figuren 370 Zentner gewogen haben und man widmete ihn, sowie die ganze Kirche, der heiligen Anna.

Es ist übrigens dieses herrliche Stück ganz von Marmor verfertiget, wie derselbe in der Gegend von Augsburg bricht, und man unterscheidet daran fürnämlich zehnerlei Arten ohne Mühe.

Der zweite, der sogenannte Münzer- oder Schmelzeraltar, ist zur rechten Hand von dem eben beschriebenen Altar befindlich und im Jahre 1522 von den Münzern gestiftet worden. Er ist zwar nur von Holz und der Tisch steinern, doch glänzet er noch mit seinem echt ungarischen Golde, zu Folge dessen er 600 Gülden gekostet haben soll. Die beiden hölzernen Flügel des Altars machen uns in verschiedenen Feldern mehrere biblische Historien bekannt und zwar, teils die Verkündigung der Geburt Christi, wie selbige der Maria durch den Engel Gabriel geschah, teils die freundschaftliche Zusammenkunft der Maria und der Elisabeth, teils die Ankunft der Hirten in dem Stalle zu Bethlehem gleich nach der Geburt Christi, daneben auch die Erscheinung der drei Weisen aus dem Morgenlande. Alle diese wichtigen Ereignisse sind zierlich und künstlich in Holz geschnitten und – wie oben bemerkt – mit dem schönsten Golde verziert.

Der dritte, der Bergknappschaftsaltar genannt, welchen die Bergleute gestiftet, ist zur linken Hand befindlich und im Jahre 1521 gesetzet worden. Er ist zwar nur aus Holz und der Tisch steinern, dem ungeachtet aber das reinste Gold daran nicht geschonet worden, wie er denn 800 Gulden gekostet haben soll. Als besonders zu erwähnen ist, daß wir an diesem Altare die Geburt Christi im Stalle zu Bethlehem vorgestellet finden, bei welcher die Maria und Joseph, nebst Hirten, in Lebensgröße erscheinen, welche das Christkind vor sich liegen haben, und an verschiedenen Orten mit Engeln und Engelsköpfen umgeben sind. Auch an diesem Altare – gleich dem des Münzeraltars – sind zwei doppelte Flügel künstlich angebracht, welche einfach und doppelt aufgemacht werden können. Die verschiedenen inneren Felder derselben zeigen teils die merkwürdigsten Begebenheiten bei der Geburt Christi, teils die rührendsten Auftritte bei dem Leiden und der Kreuzigung Christi an. – Übrigens findet man verschiedene Arten von Bergleuten in ihren damaligen Trachten angebracht, auch über dem Altarblatte, zwischen dem Gestänge auf beiden Seiten, die Wahrzeichen der Bergleute und Münzer. –

Dieses sind nun diejenigen Altäre, welche noch jetzt eine Zierde dieses schönen Gotteshauses ausmachen. Unter jenen, die noch von den früher vorhandenen jetzt sich den Blicken des Beobachters darbieten, ist es der Beckenaltar. Er ist ganz von Holz, mit vortrefflich schimmerndem Golde überzogen, und stellet die Salbung und das Begräbnis des gekreuzigten Christus in ungemein schön ausgeschnittenen Bildern vor. Man hat die Betrübnis und das Mitleiden der Maria und anderer dabei anwesenden Personen in ihren Gesichtern auf das Lebhafteste auszudrücken gesuchet.

Die Sakristeien

Deren sind zwei, nämlich die sogenannte alte und neue. An der Ersteren im Türbogen sind zwei Gegenstände bemerkenswert, nämlich: erstens der Engel, welcher ein Spiel Kegel vor sich hat und zugleich eine Kugel in der Hand hält, und zweitens ein einen Widder bei den Hörnern haltender Widder. Man vermutet, in diesen Symbolen ein eigenes Wahrzeichen der Stadt (doch nicht mit hoher Wahrscheinlichkeit) zu finden. Beide Sakristeien sind aus dem außerhalb des Hauptgebäudes befindlichen Gewölben gebildet und enthalten eine Menge Kostbarkeiten, welche einzeln aufzuführen, außer dem Bereiche gegenwärtigen Aufsatzes liegt und wißbegierigen Fremden oder auch Einheimischen durch die Gefälligkeit des Herrn Kirchners zur näheren Ansicht auf Verlangen gebracht werden.

Von den Orgeln

Wie uns die frühesten Nachrichten vermuten lassen, so hat dieses Gotteshaus nach seiner Entstehung nur eine mit dessen Größe etc. in gar keinem Verhältnisse stehende Orgel gehabt, die in ihrer geringen Qualität über der Emporkirche, welche über der alten Sakristei ist, befunden hat, und von welcher die Erbauer die Gebrüder Habrete gewesen sein sollen. Dieses kleine Werk hatte das eigene Schicksal, im Jahre 1550 durch einen Donnerschlag fast gänzlich zerrüttet und endlich im Brande von 1604 ganz vernichtet zu werden, indem durch eine oben im Kirchengewölbe zufälligerweise gewordene Öffnung einige Brände auf dieselbe gefallen waren.

Nachdem man sich noch einige Zeit mit kleineren Orgelwerken beholfen hatte, so erhielt endlich dieser Tempel durch den Bürgermeister und Orgelbauer, Jacob Schedlich aus Joachimsthal, ein weit größeres Werk um 1.350 Taler -, welches nun bis jetzt noch, zwar unter mehrfachen und bedeutenden Reparaturen, dennoch als eine besondere Zierde unseres Gotteshauses zu betrachten ist.

Von den Kirchenständen

Da solchen jetzt auch eine teilweise Veränderung bevorsteht und sie überdies mit zur Zierde des Heiligtums gehören, so wollen wir uns nur einige Andeutungen in Bezug auf dieselben erlauben. Zuförderst müssen wir von diesem prächtigen Tempel mit Recht sagen, daß keine Stühle vorhanden sind, wo uns nicht die Kanzel und der Hauptaltar vor Augen stehen. Wir finden in der Mitte zwei Reihen wohlgeordneter Frauenstühle, welche in dem Jahre 1598 erbauet und 1715 durch etliche Plätze in der Breite vermehrt worden sind.

Die der Kanzel gegenüber stehenden, von dem geschickten Baumeister Matthäus Eckstein erbauten 4 Reihen Mannsstände werden vorzüglich die Knappschaftsstühle genennet, weil sie vermutlich anfangs von der damaligen ansehnlichen Knapp- und Gewerkschaft, zu ihrer Bequemlichkeit erbauet worden, daher denn auch noch bis jetzt die Herren Bergbeamten und Offizianten 7 Freistellen in denselben besitzen.

Im Jahre 1724 beschloß E. E. Rat, einen ganzen Bogen verglasen zu lassen, und somit wurde das jetzige schöne Ratschor hergestellt.

Die Kirchtüren

Von den vorhandenen 4 Kirchentüren wollen wir, da die übrigen eben nichts Ausgezeichnetes in ihrer Art enthalten, nur bei dem sogenannten schönen Tore verweilen und zugleich dessen Beschreibung als den Schluß dieses Aufsatzes betrachten.

Dieses schön genannte Tor befand sich seiner Entstehung nach in dem hiesigen Franziskanerkloster, bis solches im Jahre 1576 abgebrochen und 1577 an die gegenwärtige Stelle versetzt wurde. Es bestehet aus einem Portal, mit gewundenen Säulen und gebrochenen Bogen, alles in Stein gehauen, und stellet uns die Kreuzigung Christi auf die lebhafteste Weise vor Augen. Gleich über der Türe, in der Mitte, zeiget sich Gott der Vater auf einem Throne in einer ehrwürdigen Gestalt; in dessen Schoße, zwischen seinen Knien, stehet Christus, ans Kreuz genagelt, und auf dem einen Arme des Kreuzes befindet sich der heil. Geist in Gestalt einer Taube. Um diese Schilderung herum zeigen sich auf der einen seite 5 und auf der anderen 4 Engel, welche auf ihren Knien, mit aufgehobenen Händen und unverwandtem Angesichte, den gekreuzigten Sohn Gottes ehrerbietig anschauen. Unten liegen auf ihren Knien auf der einen seite die Maria, auf der anderen die Lieblingsjünger Jesu, Johannes, mit andächtigen und wehmutsvollen Gebärden. Über dieser schönen Darstellung liegen 4 Engel auf beiden Seiten, davon der eine die Säule der Geißelung nebst den Geißelstricken, der andere die Werkzeuge der Kreuzigung auf seinem Rücken trägt. Ganz oben ist dieses ausgezeichnet schöne Portal mit einer Verdachung versehen, auf welcher in der Mitte ein Pelikan befindlich, der sich die Brust öffnet und seine Jungen mit seinem Blute tränket. Neben demselben liegen die Stammeltern des menschlichen Geschlechtes, Adam und Eva, zu beiden Seiten mit aufgerichtetem Angesichte, und die äußersten Enden zeigen uns auf der linken Seite Mose mit dem Gesetzbuche und dem Stabe der ehernen Schlange, auf der rechten Seite Johannes den Täufer mit dem Lamme Gottes auf den Armen etc.

Die äußerst kunstmäßige Ausarbeitung dieses herrlichen Tores muß wohl jedem Beobachter sich sogleich präsentieren. Die Unkosten für die Verneuerung dieses herrlichen Gegenstandes bestritt damals der Kaufmann Christian Beyer und die Arbeit daran verrichtete ein Künstler mit Namen Warnitz.

Wir sind es wohl unseren würdigen längst in dem Herrn Entschlafenen schuldig, daß wir schließlich noch erörtern, daß es ihre aufahre Religiösität gegründete Mildtätigkeit war, welche dieses Gotteshaus mit so mannigfachen Schätzen bereicherte und zugleich uns, den Nachkommen, die teure Verbindlichkeit auflegt, in ihrem Sinne und Geiste diese Zierden und Schätze vor dem Zahne der Zerstörung nach Möglichkeit zu schützen und, damit solches bei dem bekannten pekuniären Unvermögen unseres herrlichen Tempels wohl erzielet werden möge, des Wohltuns Quelle, gleich den rühmlichen Vorgängern und Vorgängerinnen, fließen zu lassen.

Annaberger Wochenblatt Nr. 35 – 38/1833.